Doctor Sleep - Страница 21


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»Sollte man ihr nicht etwas zu essen geben?«, fragte Lucy den Arzt, als er wiederkam, um nach dem Rechten zu sehen. Der Ausdruck Ringerlösung kam ihr in den Sinn. Den kannte sie aus einer der Arztserien, die sie regelmäßig sah, seit sie als Teenager für George Clooney geschwärmt hatte. Aber eigentlich hatte sie keine Ahnung, was das war, und womöglich wurde Ringerlösung für rissige Füße, zur Gerinnungshemmung oder gegen Magengeschwüre eingesetzt. »Sie nimmt weder die Brust noch die Flasche.«

»Wenn sie genug Hunger bekommt, wird sich das ändern«, sagte der Arzt, was jedoch weder Lucy noch David besonders tröstete. Zum einen sah der Arzt jünger aus, als sie es waren. Zum anderen (was wesentlich schlimmer war) hörte er sich so an, als wäre er sich nicht völlig sicher. »Haben Sie schon Ihren Kinderarzt angerufen?« Er blickte in die Akte. »Dr. Dalton?«

»Wir haben eine Nachricht hinterlassen«, sagte David. »Wahrscheinlich ruft er erst am gegen Mittag zurück, und bis dahin wird das hier vorüber sein.«

Auf die eine oder andere Weise, dachte er, und sein Hirn – durch zu wenig Schlaf und zu viel Angst unbeherrschbar geworden – lieferte ihm ein ebenso klares wie erschreckendes Bild: eine Trauergemeinde, die rund um ein kleines Grab stand. Und um einen noch kleineren Sarg.

9

Um halb acht stürmte Chetta Reynolds in das Untersuchungszimmer, in das man die Stones und deren unablässig schreiendes Töchterchen abgeschoben hatte. Die Lyrikerin, die Gerüchten nach auf der Vorschlagsliste für die Freiheitsmedaille des Präsidenten stand, trug Röhrenjeans und ein Sweatshirt der Boston University mit einem Loch am Ellbogen. Das Outfit ließ erkennen, wie dürr sie in den vergangenen drei, vier Jahren geworden war. Nicht weil ich Krebs hätte, falls du das denken solltest, sagte sie, wenn jemand etwas zu ihrer Modelfigur bemerkte, die sie normalerweise mit einem weiten Kleid oder einem Kaftan kaschierte. Ich trainiere bloß für die letzte Runde ums Stadion.

Ihr Haar, sonst zu einem Zopf geflochten oder gekonnt strähnenweise hochgesteckt, um ihre Sammlung aus erlesenen Haarclips zur Geltung zu bringen, stand nun ungekämmt im Einstein-Stil von ihrem Kopf ab. Sie trug kein Make-up, und trotz ihrer Verzweiflung war Lucy geschockt, wie alt ihre Großmutter aussah. Klar, sie war ja auch alt, fünfundachtzig war sehr alt, aber bis zu diesem Morgen hatte sie wie eine Frau Ende sechzig ausgesehen – höchstens. »Ich wäre schon eine Stunde früher da gewesen, wenn ich jemand gefunden hätte, der sich um Betty kümmert«, sagte Chetta. Betty war ihre alte, kranke Boxerhündin.

Chetta fing Davids vorwurfsvollen Blick auf.

»Betty liegt im Sterben, David. Und nach allem, was ihr mir am Telefon gesagt habt, habe ich mir um Abra keine besonderen Sorgen gemacht.«

»Machst du dir jetzt vielleicht welche?«, fragte David.

Lucy warf ihm einen warnenden Blick zu, aber Chetta schien bereit zu sein, den unausgesprochenen Tadel zu akzeptieren. »Ja.« Sie streckte die Hände aus. »Gib sie mir, Lucy. Sehen wir mal, ob sie sich bei Momo beruhigt.«

Aber Abra beruhigte sich nicht bei Momo, egal wie lange sie gewiegt wurde. Ebenso wenig Erfolg hatte ein leises und erstaunlich melodisches Wiegenlied (soweit David das beurteilen konnte, war es dasselbe, mit dem sie es auch versucht hatten, nur auf italienisch). Dann versuchten alle es noch einmal mit der Tragekur, indem sie Abra erst durch das kleine Untersuchungszimmer, dann durch den Flur und schließlich wieder ins Untersuchungszimmer transportierten. Das Schreien ging immer weiter. Irgendwann wurde es draußen hektisch – offenbar wurde jemand mit tatsächlich sichtbaren Verletzungen hereingeschoben –, aber davon nahmen die drei in Untersuchungszimmer 4 kaum Notiz.

Um fünf vor neun öffnete sich die Tür, und der Kinderarzt der Stones kam herein. Dr. John Dalton war jemand, den auch Dan Torrance kannte, allerdings nicht mit seinem Familiennamen. Für ihn war er nur Doctor John, der jeden Donnerstagabend beim AA-Meeting in North Conway Kaffee kochte.

»Gott sei Dank!«, sagte Lucy und legte dem Arzt ihr heulendes Kind in die Arme. »Wir waren stundenlang auf uns allein gestellt!«

»Ich war schon unterwegs, als ich die Nachricht erhalten habe.« Dalton hob Abra auf die Schulter. »Muss hier Visite machen und dann drüben in Castle Rock. Sie haben schon gehört, was passiert ist, oder?«

»Was sollen wir gehört haben?«, fragte David. Da die Tür nun offen stand, nahm er den gedämpften Trubel draußen zum ersten Mal bewusst wahr. Mehrere Leute unterhielten sich mit lauter Stimme. Manche weinten. Die Schwester, die sie empfangen hatte, ging mit rot geflecktem Gesicht und nassen Wangen vorbei. Den schreienden Säugling würdigte sie keines Blickes.

»Gerade ist ein Passagierflugzeug ins World Trade Center gerast«, sagte Dalton. »Und niemand denkt, dass das ein Unfall war.«

Die Rede war vom American-Airlines-Flug 11. Siebzehn Minuten später, um 9.03 Uhr, schlug United-Airlines-Flug 175 in den Südturm des World Trade Centers ein. Um 9.03 Uhr hörte Abra Stone unvermittelt auf zu schreien. Um 9.04 Uhr schlief sie tief und fest.

Auf der Rückfahrt nach Anniston hörten David und Lucy Radio, während Abra hinter ihnen friedlich in ihrem Babysitz schlief. Die Nachrichten waren unerträglich, und doch war es undenkbar, sie abzustellen … zumindest nicht, bevor ein Sprecher die Namen der Fluggesellschaften und die Flugnummern der Maschinen bekanntgegeben hatte: zwei in New York, eine in Washington, eine im ländlichen Pennsylvania abgestürzt. Dann streckte David endlich die Hand zum Radio hin und brachte die Flut aus Katastrophen zum Schweigen.

»Lucy, ich muss dir etwas erzählen. Ich hab geträumt …«

»Ich weiß.« Sie sagte das so ausdruckslos wie jemand, der gerade einen Schock erlitten hatte. »Das hab ich auch.«

Als sie die Grenze zu New Hampshire überquerten, hatte David allmählich den Eindruck, dass womöglich doch etwas an der Sache mit der Glückshaube dran war.

10

In einer am Westufer des Hudsons gelegenen Stadt in New Jersey gab es einen Park, der nach dem berühmtesten Sohn der Stadt benannt war. An klaren Tagen bot sich von dort ein herrlicher Blick auf die Südspitze von Manhattan. Der Wahre Knoten kam am achten September in Hoboken an und stellte seine Wohnmobile auf einem privaten Campingplatz auf, den man für zehn Tage exklusiv gemietet hatte. Das hatte Crow Daddy eingefädelt. Dem Augenschein nach etwa vierzig Jahre alt, war er gut aussehend und gesellig, und auf seinem Lieblings-T-Shirt stand MIT MIR IST GUT KIRSCHEN ESSEN. Nicht dass er je ein T-Shirt getragen hätte, wenn er Verhandlungen für den Wahren Knoten führte; dann trug er immer Anzug und Krawatte. Das erwarteten die Tölpel eben. Sein bürgerlicher Name lautete Henry Rothman. Er war Anwalt, hatte in Stanford Jura studiert (Abschluss 1938) und hatte in der Tasche immer Bargeld stecken. Auf verschiedenen, über die ganze Welt verteilten Depots hatten die Wahren über eine Milliarde Dollar gebunkert – teils in Gold, teils in Diamanten, teil in Form von seltenen Büchern, Briefmarken und Gemälden –, aber sie zahlten nie mit Scheck oder Kreditkarte. Alle, selbst Pea und Pod, die wie Kinder aussahen, trugen ein Bündel Zehner und Zwanziger mit sich herum.

»Nur Bares ist Wahres«, hatte Jimmy Numbers einmal gesagt. »Da machen die Tölpel gern Männchen.« Jimmy war der Buchhalter des Wahren Knotens. In seinen Tagen als Tölpel war er mit einer Truppe herumgezogen, die lange nach dem Krieg, in dem sie gekämpft hatte, als Quantrill’s Raiders bekannt geworden war. Damals war er ein wilder Typ samt Büffelfelljacke und Sharps-Gewehr gewesen, doch in den seither vergangenen Jahren war er zahm geworden. Inzwischen stand ein gerahmtes, handsigniertes Bild von Ronald Reagan in seinem Wohnmobil.

Am Morgen des elften Septembers beobachteten die Wahren die Angriffe auf die Twin Towers vom Parkplatz aus, wobei vier Ferngläser von Hand zu Hand gingen. Im Sinatra-Park hätten sie einen besseren Blick gehabt, aber Rose musste ihnen nicht erst sagen, dass es Argwohn geweckt hätte, sich frühzeitig dort zu versammeln … und in den folgenden Monaten und Jahren sollten die Vereinigten Staaten zu einer sehr argwöhnischen Nation werden: Wann immer du was siehst, zeig es an!

Gegen zehn Uhr, als sich am Flussufer überall Scharen von Menschen versammelt hatten, zogen sie schließlich zum Park. Pea und Pod, die Little-Zwillinge, schoben den Rollstuhl von Grampa Flick. Grampa trug seine Mütze, die ihn als Veteranen kennzeichnete. Sein langes, babyfeines, weißes Haar wallte unter den Rändern der Mütze hervor wie Seidenfäden. Früher hatte er sich als Veteran des Spanisch-Amerikanischen Krieges ausgegeben. Später des Ersten Weltkrieges. Inzwischen war es der Zweite Weltkrieg. In weiteren zwanzig Jahren musste er seine Story wohl nach Vietnam verlegen. Plausibel hatte Grampa immer geklungen, denn in Militärgeschichte kannte er sich blendend aus.

Der Sinatra-Park war überfüllt. Die meisten Menschen schwiegen, manche weinten. Was das anging, waren Apron Annie und Black-Eyed Susie sehr nützlich, weil beide auf Befehl weinen konnten. Die anderen setzten einen passenden Ausdruck aus Kummer, Ernst und Verblüffung auf.

Alles in allem fügte der Wahre Knoten sich perfekt ein. Das war seine Masche.

Die Schaulustigen kamen und gingen, aber die Wahren blieben fast den ganzen Tag, der wolkenlos und wunderschön war (freilich mit Ausnahme der dichten, schmutzigen Rauchwolken, die im Süden von Manhattan aufstiegen). Sie standen am Eisengeländer, ohne sich miteinander zu unterhalten. Sie sahen bloß zu und taten dabei langsame, tiefe Atemzüge wie Touristen aus dem Mittleren Westen, die zum ersten Mal in Maine am Pemaquid Point oder am Leuchtturm von Quoddy Head standen und tief die frische Meeresluft einsogen. Als Ausdruck ihres Respekts nahm Rose ihren Zylinder ab und hielt ihn an der Seite.

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