Doctor Sleep - Страница 23


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Doctor John war allerdings ein richtig guter Kerl. Und er litt.

DJ stellte die Kaffeekanne umgekehrt in den Geschirrablauf, nahm das am Backofengriff hängende Handtuch, um sich die Hände abzutrocknen, und drehte sich dann zu Dan um. Er schenkte ihm ein Lächeln, das so echt aussah wie der Kaffeeweißer, den Dan neben die Kekse und die Zuckerdose gestellt hatte. »Tja, dann mache ich mich mal auf die Socken. Bis nächste Woche wahrscheinlich.«

Letztlich fiel die Entscheidung von selbst; Dan konnte den armen Kerl einfach nicht so ziehen lassen. Er streckte die Arme aus. »Komm schon!«

Die berühmte AA-Männerumarmung. Dan hatte sie schon oft gesehen, aber selbst noch nie jemand eine angeboten. John blickte eine Moment zweifelnd drein, dann trat er auf ihn zu. Als Dan ihn an sich zog, dachte er: Wahrscheinlich passiert gar nichts.

Aber es passierte etwas. Es kam so unversehens wie in seiner Kindheit, wenn er seinen Eltern manchmal geholfen hatte, verloren gegangene Gegenstände wiederzufinden.

»Hör mal, Doc«, sagte er, als er John losließ. »Du machst dir Sorgen um das Kind mit Gotscheh, stimmt’s?«

John wich einen Schritt zurück. »Was sagst du da?«

»Ich weiß schon, dass ich es nicht richtig ausspreche. Gotscheh? Glotscheh? Es hat irgendwas mit den Knochen zu tun.«

John starrte ihn mit offenem Mund an. »Sprichst du etwa von Norman Lloyd?«

»Das musst du mir sagen.«

»Normie leidet an Morbus Gaucher. Das ist eine Störung des Fettstoffwechsels. Erblich und sehr selten. Führt zu einer vergrößerten Milz, neurologischen Störungen und normalerweise zu einem frühen, unangenehmen Tod. Der arme Junge hat praktisch Glasknochen und wird wahrscheinlich sterben, bevor er zehn ist. Aber woher weißt du überhaupt davon? Von seinen Eltern? Die Lloyds wohnen doch unten in Nashua, und das ist verdammt weit weg!«

»Du hattest Angst davor, mit ihm zu sprechen – wer unheilbar krank ist, bringt dich total durcheinander. Deshalb bist du in die Tigger-Toilette gegangen, um dir die Hände zu waschen, obwohl das gar nicht nötig war. Dabei hast du deine Armbanduhr abgenommen und sie auf das Regal gelegt, auf dem man Plastikflaschen mit diesem roten Desinfektionszeug aufbewahrt. Ich weiß nicht, wie es heißt.«

John D. starrte ihn an, als wäre er wahnsinnig geworden.

»In welchem Krankenhaus liegt dieser Junge?«, fragte Dan.

»Im Elliot. Von der Zeit her stimmt das in etwa, und ich bin tatsächlich auf die Toilette in der Nähe vom Stationszimmer gegangen, um mir die Hände zu waschen.« Er schwieg und runzelte die Stirn. »Stimmt, dort kleben die Disney-Figuren aus Winnie Puuh an der Wand. Aber wenn ich meine Uhr abgenommen hätte, dann würde ich mich doch daran erinn…« Er verstummte.

»Du erinnerst dich tatsächlich daran«, sagte Dan und lächelte. »Jetzt tust du’s jedenfalls. Oder etwa nicht?«

»Ich hab dort im Fundbüro nachgefragt. In Bridgton und Concord übrigens auch. Nichts.«

»Okay, dann ist vielleicht jemand nach dir reingekommen, hat die Uhr gesehen und sie geklaut. Wenn das so ist, hast du Pech gehabt … aber du kannst deiner Frau wenigstens sagen, was passiert ist. Und wieso es passiert ist. Du hast an diesen Jungen gedacht, hast dir Sorgen um ihn gemacht, und da hast du vergessen, deine Uhr wieder anzulegen, bevor du das Klo verlassen hast. So einfach ist das. Aber, hör mal, vielleicht ist sie sogar noch da. Schließlich ist das Regal ziemlich hoch, und das Zeug in diesen Plastikflaschen wird kaum verwendet, weil direkt neben dem Waschbecken ein Seifenspender ist.«

»Das Zeug auf dem Regal heißt Betadine«, sagte John. »Und das Regal ist so hoch, damit die Kinder nicht drankommen. Ist mir bisher nie richtig aufgefallen. Aber … Dan, warst du denn schon mal im Elliot?«

Das war keine Frage, die Dan beantworten wollte. »Sieh einfach mal auf dem Regal nach, Doc. Vielleicht hast du Glück.«

3

Am folgenden Donnerstag traf Dan früher als sonst beim Nüchternheitsmeeting ein. Sollte Doctor John beschlossen haben, wegen einer verloren gegangenen Armbanduhr seine Ehe und womöglich sogar seinen Beruf wegzuschmeißen (Alkoholiker taten das oft aus wesentlich geringfügigeren Gründen), dann musste jemand andres Kaffee kochen. Aber John war da. Die Uhr ebenfalls.

Diesmal war es John, von dem die Umarmung ausging. Eine ausgesprochen herzliche. Dan erwartete schon, nach französischer Sitte links und rechts auf die Wange geküsst zu werden, bevor DJ ihn losließ.

»Sie war genau da, wo du gesagt hast. Immer noch. Nach zehn Tagen. Es ist fast ein Wunder.«

»Na ja«, sagte Dan. »Die meisten Leute sehen nie nach oben. Das ist wissenschaftlich erwiesen.«

»Wie konntest du das nur wissen?«

Dan schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht erklären. Manchmal weiß ich so was einfach.«

»Wie kann ich dir danken?«

Das war eine Frage, die Dan erwartet und erhofft hatte. »Indem du dich an den zwölften Schritt hältst, Dummkopf.«

John D. hob die Augenbrauen.

»Anonymität. Simpel ausgedrückt – halt bloß die Klappe!«

Auf Johns Gesicht machte sich Verständnis breit. Er grinste. »Das schaff ich.«

»Gut. Dann mach jetzt Kaffee. Ich lege die Bücher raus.«

4

In den meisten AA-Gruppen Neuenglands wurden Jahrestage als Geburtstage bezeichnet und nach dem Meeting mit einer Party samt Kuchen gefeiert. Kurz bevor Dan sein drittes trockenes Jahr auf diese Weise begehen wollte, fuhren David Stone und Abras Urgroßmutter bei John Dalton – in manchen Kreisen als Doctor John oder DJ bekannt – vorbei, um ihn zur Feier eines anderen dritten Geburtstags einzuladen. Diese wurde von den Stones zu Ehren Abras veranstaltet.

»Das ist aber nett von Ihnen«, sagte John. »Und ich werde gern vorbeikommen, wenn es geht. Aber warum habe ich das Gefühl, dass das noch nicht alles ist?«

»Weil es tatsächlich nicht alles ist«, sagte Chetta. »Und dieser Trotzkopf da hat beschlossen, dass es endlich Zeit ist, darüber zu reden.«

»Ist mit Abra etwas nicht in Ordnung? Dann sagen Sie es mir, bitte. Laut ihrer letzten Untersuchung geht es ihr ausgezeichnet. Sie ist furchtbar intelligent. Hat eine ausgezeichnete soziale Kompetenz. Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit ist fantastisch. Lesen kann sie scheinbar auch schon. Als sie das letzte Mal hier war, hat sie mir Wo die wilden Kerle wohnen vorgelesen. Das war zwar wahrscheinlich auswendig gelernt, aber für ein Kind, das noch keine drei Jahre alt ist, trotzdem bemerkenswert. Weiß Lucy eigentlich, dass Sie hier sind?«

»Natürlich«, sagte David. »Lucy und Chetta haben mich schließlich unter Druck gesetzt hierherzukommen. Lucy ist mit Abra zu Hause und backt Kuchen für die Party. Als ich gegangen bin, hat die Küche wie ein Schlachtfeld ausgesehen.«

»Also, worum geht es? Soll ich als Beobachter zu Abras Party kommen?«

»Genau«, sagte Concetta. »Niemand von uns weiß, ob etwas passieren wird, aber wenn sie aufgeregt ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, und was ihre Party angeht, ist sie sehr aufgeregt. Alle ihre kleinen Freunde aus der Tagesstätte kommen, außerdem haben wir einen Clown bestellt, der Zaubertricks vorführen wird.«

John zog eine Schreibtischschublade auf und holte einen Notizblock heraus. »Was erwarten Sie eigentlich genau?«

David zögerte. »Das ist … schwer zu sagen.«

Chetta sah ihn an. »Nun mach schon, David. Für einen Rückzieher ist es jetzt zu spät.« Ihr Ton war leicht, fast fröhlich, aber John Dalton fand dennoch, dass sie besorgt aussah. Eigentlich sahen beide besorgt aus. »Fang mit der Nacht an, in der sie losgebrüllt hat und nicht aufhören wollte.«

5

David Stone unterrichtete am College seit zehn Jahren Grundkurse in amerikanischer Geschichte und moderner europäischer Geschichte und wusste, wie man eine Erzählung so aufbaut, dass ihre innere Logik Wirkung zeigt. Er begann mit dem Hinweis, dass das Marathongezeter seiner Tochter fast augenblicklich geendet hatte, nachdem die zweite Passagiermaschine in das World Trade Center gerast war. Es folgte eine Rückblende auf die Träume, in denen seine Frau die Nummer des American-Airlines-Flugs auf Abras Brust gesehen hatte und er die des United-Flugs.

»In Lucys Traum war Abra auf einer Flugzeugtoilette. In meinem war sie in einem brennenden Einkaufszentrum. Daraus können Sie Ihre eigenen Schlüsse ziehen. Oder auch nicht. Aus meiner Sicht sind die Flugnummern jedenfalls ein ziemlich eindeutiger Beweis. Wofür, weiß ich allerdings nicht.« Er lachte wenig überzeugend, hob die Hände und ließ sie wieder sinken. »Vielleicht habe ich auch Angst, es zu wissen.«

John Dalton erinnerte sich sehr gut an den Morgen des elften Septembers und an Abras Nonstop-Geschrei. »Nur damit ich’s richtig verstehe: Sie meinen, dass Ihre Tochter – die damals erst fünf Monate alt war – eine Vorahnung der Anschläge hatte und Sie davon auf telepathische Weise unterrichtet hat.«

»Genau«, sagte Chetta. »Sehr prägnant ausgedrückt. Bravo.«

»Ich weiß, wie sich das anhört«, sagte David. »Deshalb haben Lucy und ich es ja auch für uns behalten. Chetta ist die einzige Ausnahme. Lucy hat es ihr schon in jener Nacht erzählt. Sie erzählt ihrer Momo alles.« Er seufzte. Concetta warf ihm einen kühlen Blick zu.

»Sie selber haben aber keinen solchen Traum gehabt?«, fragte John sie.

Concetta schüttelte den Kopf. »Ich war in Boston. Außerhalb ihrer … wie soll ich sagen … Sendereichweite?«

»Seit Nine-Eleven sind fast drei Jahre vergangen«, sagte John. »Ich nehme mal an, dass inzwischen noch andere Dinge geschehen sind.«

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