Doctor Sleep - Страница 25


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Neugierig zog sie das Möbel ein Stück weit von der Wand weg. Abra flitzte sofort in den entstandenen Spalt. Lucy, die befürchtete, es könnte dort ziemlich staubig sein, von Insekten und Mäusen ganz zu schweigen, grabschte nach Abras T-Shirt, erwischte es jedoch nicht. Als sie die Kommode weit genug hervorgezogen hatte, dass sie selbst hätte dahinterschlüpfen können, hielt Abra einen Zwanzigdollarschein in der Hand, der offenbar durch den Spalt zwischen Spiegel und Platte gerutscht war. »Da!«, sagte sie vergnügt. »Gell! Mein Gell!«

»Von wegen«, sagte Lucy und zupfte ihr den Schein aus dem Fäustchen. »Kleine Kinder kriegen kein Geld, weil sie nämlich keins brauchen. Aber du hast dir gerade ein Eis verdient.«

»Aaais!«, rief Abra. »Mein Aaais!«

»Die Sache mit Mrs. Judkins kannst ja du erzählen«, sagte David zu seiner Schwiegeroma. »Die hast du schließlich selbst mitbekommen.«

»Allerdings«, sagte Concetta. »Das war ein Wochenende!«

Im Sommer 2003 hatte Abra begonnen, in – mehr oder weniger – vollständigen Sätzen zu sprechen. Concetta war gekommen, um das Feiertagswochenende nach dem vierten Juli bei den Stones zu verbringen. Am Sonntag, der auf den sechsten Juli fiel, war Dave zum Supermarkt gefahren, um eine neue Flasche Propangas für den Gartengrill zu besorgen. Abra spielte im Wohnzimmer mit ihren Bauklötzen. Lucy und Chetta waren in der Küche, wobei eine der beiden gelegentlich nach der Kleinen sah, um zu verhindern, dass diese den Stecker des Fernsehers aus der Dose zog und daran lutschte oder den Sofa-Berg erklomm. An solchen Unternehmungen zeigte Abra jedoch kein Interesse; sie war damit beschäftigt, aus ihren Plastikklötzen eine Art Stonehenge zu bauen.

Lucy und Chetta räumten gerade die Geschirrspülmaschine aus, als Abra losbrüllte.

»Es hat sich angehört, als würde sie sterben«, erzählte Chetta. »Sie wissen doch, wie erschreckend so was ist, oder?«

John nickte. Das wusste er.

»In meinem Alter kommt man nicht mehr so ohne Weiteres ins Rennen, aber an dem Tag bin ich gerannt wie Wilma Rudolph. Hab es ein gutes Stück vor Lucy ins Wohnzimmer geschafft. Zuerst hab ich tatsächlich Blut gesehen, so sehr war ich davon überzeugt, dass die Kleine sich wehgetan hatte. Aber es war ihr nichts passiert. Körperlich jedenfalls. Sie ist auf mich zugelaufen und hat die Arme um meine Beine geschlungen. Ich hab sie aufgehoben. Inzwischen war Lucy bei mir, und gemeinsam haben wir es geschafft, Abra ein wenig zu beruhigen. ›Wannie!‹, hat sie gesagt. ›Hilf Wannie, Momo! Wannie hindefallen!‹ Ich wusste nicht, wer Wannie war, aber Lucy schon – Wanda Judkins, die Nachbarin gegenüber.«

»Das ist Abras Lieblingsnachbarin«, warf David ein. »Wenn sie Kekse backt, bringt sie nämlich meist einen für Abra rüber. Da steht dann deren Name drauf, manchmal in Rosinen, manchmal in Zuckerguss. Sie ist Witwe. Lebt allein.«

»Also sind wir rübergegangen«, erzählte Chetta weiter. »Ich voraus, Lucy mit Abra auf dem Arm dahinter. Niemand hat aufgemacht. ›Wannie im Essenzimmer!‹, hat Abra gesagt. ›Hilf Wannie, Momo! Hilf Wannie, Mama! Wannie hat wehdemacht, Blut kommt raus!‹

Die Tür war nicht abgeschlossen. Wir sind rein. Sofort hab ich den Geruch von verbrannten Keksen gerochen. Mrs. Judkins lag im Esszimmer neben einer Trittleiter auf dem Boden. Das Tuch, mit dem sie den Sims abgestaubt hatte, war noch in ihrer Hand, und da war tatsächlich Blut – eine ganze Lache rund um den Kopf wie ein Heiligenschein. Ich dachte, sie ist tot, weil man nicht sah, ob sie atmete, aber Lucy hat einen Puls gefunden. Bei dem Sturz hatte sie sich den Schädel gebrochen, und sie hatte eine kleine Gehirnblutung, ist aber schon am nächsten Tag aufgewacht. Übrigens kommt sie zu Abras Geburtstagsparty. Wenn Sie auch kommen, können Sie sie kennenlernen.« Chetta sah John Dalton direkt in die Augen. »Der Arzt in der Notaufnahme hat gesagt, wenn sie länger da gelegen hätte, wäre sie entweder gestorben oder in ein Wachkoma gefallen … was meiner bescheidenen Meinung nach wesentlich schlimmer ist als der Tod. Jedenfalls hat die Kleine ihr das Leben gerettet.«

John warf seinen Kugelschreiber auf den Notizblock. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Das ist noch nicht alles«, sagte David. »Aber die anderen Sachen sind schwer zu beurteilen. Vielleicht nur weil Lucy und ich uns daran gewöhnt haben. So wie man sich wahrscheinlich daran gewöhnt, ein Kind zu haben, das blind geboren ist. Bloß ist es das genaue Gegenteil davon. Ich glaube, das wussten wir schon vor der Sache mit dem World Trade Center. Schon als wir mit ihr aus der Klinik nach Hause gekommen sind, wussten wir wohl, dass irgendetwas mit ihr ist. Es ist, als ob …«

Er stieß die Luft aus und blickte an die Decke, als würde er nach Worten suchen. Concetta drückte ihm den Arm. »Sprich weiter. Immerhin hat er noch nicht die Männer mit den Schmetterlingsnetzen gerufen.«

»Na gut, es ist, als würde immer ein Wind durchs Haus wehen, bloß dass man nicht genau spüren oder sehen kann, was der bewirkt. Ich denke ständig, die Vorhänge müssten sich bauschen und die Bilder müssten von den Wänden fallen, aber so was passiert nie. Andere Sachen schon. Zwei- oder dreimal pro Woche – manchmal sogar zwei- oder dreimal täglich – fliegen die Sicherungen raus. Wir hatten schon zwei verschiedene Elektriker da, bei vier verschiedenen Gelegenheiten. Die haben die Sicherungen überprüft und uns gesagt, es wäre alles bestens. Manchmal kommen wir morgens nach unten, und die Kissen von den Stühlen und dem Sofa liegen auf dem Boden. Wir sagen Abra, sie soll vor dem Schlafengehen ihre Spielsachen aufräumen, und wenn sie nicht übermüdet und quengelig ist, tut sie das auch. Aber manchmal steht die Spielzeugkiste am nächsten Tag offen, und manche der Sachen liegen wieder auf dem Boden. Meistens die Bauklötze. Die mag sie am liebsten.«

Er schwieg einen Moment und blickte auf das Sehtestplakat an der gegenüberliegenden Wand. John dachte, Concetta würde ihn wieder antreiben, aber sie verhielt sich ruhig, bis er von selbst weitersprach.

»Okay, das ist zwar total irre, aber ich schwöre Ihnen, es ist passiert. Als wir eines Abends den Fernseher angemacht haben, liefen auf jedem Sender die Simpsons. Abra hat gelacht, als wäre das der beste Witz der Welt. Lucy ist fast durchgedreht. ›Abra Rafaella Stone‹, hat sie gesagt. ›Wenn du das bist, hör sofort damit auf!‹ So scharf spricht sie die Kleine fast nie an, und wenn sie es tut, ist Abra ganz aufgelöst. Das war auch an dem Abend so. Ich hab den Fernseher ausgeschaltet, und als ich ihn wieder angeschaltet hab, war alles ganz normal. Es gäbe noch ein halbes Dutzend anderer Geschichten … Vorfälle … Phänomene … aber das meiste war so unauffällig, dass man es kaum bemerkt hat.« Er zuckte die Achseln. »Wie schon gesagt, man gewöhnt sich daran.«

»Ich komme zur Party«, sagte John. »Nach allem, was ich gerade gehört habe, kann ich gar nicht anders.«

»Wahrscheinlich wird gar nichts passieren«, sagte Dave. »Sie kennen doch den alten Witz, wie man einen tropfenden Wasserhahn abstellt, oder? Da muss man nur den Klempner anrufen.«

Concetta schnaubte. »Wenn du das wirklich glaubst, mein Junge, dann wirst du wahrscheinlich eine Überraschung erleben.« An Dalton gewandt, fügte sie hinzu: »Ich hab ihn fast mit Gewalt hierherschleifen müssen.«

»Nun mach mal halblang, Momo.« Daves Wangen hatten sich gerötet.

John seufzte. Die Feindseligkeit, die zwischen den beiden herrschte, war ihm früher schon aufgefallen. Den Grund dafür kannte er nicht – vielleicht eine Art Konkurrenz um Lucy –, und er wollte vermeiden, dass Streit ausbrach. Das bizarre Problem, vor dem sie standen, hatte sie vorübergehend zu Verbündeten gemacht, und dabei sollte es aus seiner Sicht auch bleiben.

»Lassen Sie das bitte.« Das sprach er so scharf aus, dass die beiden den Blick voneinander lösten und ihn verblüfft ansahen. »Ich glaube Ihnen. So etwas habe ich zwar bisher nicht im Entferntesten gehört …«

Oder doch? Er unterbrach sich, weil ihm seine verlorene Uhr eingefallen war.

»Doc?«, sagte David.

»Entschuldigung. Ein Gehirnkrampf.«

Daraufhin lächelten seine beiden Besucher. Sie waren wieder Verbündete. Gut.

»Auf jeden Fall werde ich nicht die Männer in den weißen Kitteln auf Sie hetzen. Ich kenne Sie beide als vernünftige Menschen – und als gebildete Menschen, die nicht zu Hysterie oder Halluzinationen neigen. Wenn nur eine einzelne Person mir von diesen … diesen übersinnlichen Ausbrüchen erzählen würde, würde ich vielleicht eher auf eine merkwürdige Form des Münchhausen-Syndroms tippen. Aber Sie sind ja zu dritt. Womit sich die Frage stellt: Was erwarten Sie eigentlich von mir?«

Dave schien das nicht recht klar zu sein, seine Schwiegeroma wusste jedoch Bescheid. »Sie sollen Abra beobachten, so wie sie es bei einem Kind mit irgendeiner Krankheit tun würden …«

Vorübergehend war die Farbe aus David Stones Wangen gewichen, aber jetzt kehrte sie zurück. Auf einen Schlag. »Abra ist nicht krank!«, blaffte er.

Sie sah ihn an. »Das weiß ich doch! Mamma mia! Lässt du mich bitte ausreden?«

Dave setzte eine leidende Miene auf und hob die Hände. »Verzeihung, Verzeihung, Verzeihung.«

»Hör auf, mich anzuschnauzen, David!«

»Wenn ihr unbedingt weiterstreiten wollt, liebe Kinder, muss ich euch in die Ecke stellen«, sagte John.

Concetta seufzte. »Es ist sehr stressig. Für uns alle. Tut mir leid, Davey, ich hab mich nicht richtig ausgedrückt.«

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