Doctor Sleep - Страница 108


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3

Es war gar nicht die Wohnung in Wilmington. Es war sein schon lange verschwundenes Zimmer im Hotel Overlook – die Nabe des Rades. Es war gar nicht Deenie, die Frau, neben der er in jener Wohnung aufgewacht war, und es war nicht Rose.

Es war Abra. Er hatte die Hände um ihren Hals gelegt, und ihre Augen traten aus den Höhlen.

Einen Moment lang begann sie sich wieder zu verändern, weil Rose versuchte, sich in ihn zurückzuschleichen, um ihm ihren Zorn einzuflößen und seinen eigenen zu verstärken. Dann geschah etwas, und sie war wieder fort. Aber sie würde zurückkommen.

Abra starrte ihn hustend an. Er hätte erwartet, dass sie geschockt gewesen wäre, aber für ein Mädchen, das um ein Haar erwürgt worden war, sah sie merkwürdig gefasst aus.

(tja … wir wussten es wird nicht leicht werden)

»Ich bin nicht mein Vater!«, rief Dan ihr zu. »Ich bin nicht mein Vater!«

»Das ist wahrscheinlich gut so«, sagte Abra. Sie lächelte sogar. »Du bist ganz schön jähzornig, Onkel Dan. Offenbar sind wir tatsächlich verwandt.«

»Ich hab dich fast umgebracht«, sagte Dan. »Das reicht. Zeit, dass du von hier verschwindest. Geh sofort nach New Hampshire zurück.«

Sie schüttelte den Kopf. »Das muss ich zwar gleich tun – für eine Weile, nicht lange –, aber jetzt im Moment brauchst du mich.«

»Abra, das ist ein Befehl!«

Sie kreuzte die Arme und blieb an Ort und Stelle auf dem Kaktusteppich stehen.

»Oje.« Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare. »Du bist ein ganz schön harter Brocken.«

Sie ergriff seine Hand. »Wir werden es gemeinsam zu Ende bringen. Komm jetzt. Wir wollen raus aus diesem Zimmer. Hier gefällt es mir nämlich doch nicht so besonders.«

Die Finger der beiden flochten sich ineinander, und das Zimmer, in dem er eine Weile als Kind gewohnt hatte, löste sich auf.

4

Dan hatte Zeit zu registrieren, dass die vordere Stoßstange von Billys Pick-up sich um einen der dicken Pfosten gewickelt hatte, die das Dach der Welt trugen. Aus der Kühlerhaube stieg Dampf auf. Er sah die Schaufensterpuppenversion von Abra aus dem Beifahrerfenster hängen, einen Kunststoffarm keck in die Luft gereckt. Er sah, wie Billy versuchte, die lädierte Fahrertür zu öffnen. An einer Seite seines Gesichts lief Blut herab.

Etwas packte Dan am Kopf. Kräftige Hände, die den Kopf drehten und versuchten, ihm das Genick zu brechen. Dann waren Abras Hände da und rissen die von Rose weg. Abra blickte nach oben. »Da musst du dich schon mehr anstrengen, du feige alte Hexe!«

Rose stand am Geländer und blickte herab. Sie hatte ihren hässlichen Hut aufgehoben und rückte ihn auf dem Kopf wieder zurecht. »Na, war das fein, die Hände deines Onkels an der Gurgel zu spüren? Was denkst du jetzt von ihm?«

»Das warst du, nicht er.«

Rose grinste. Ihr blutiges Maul klaffte auf. »Keineswegs, meine Liebe. Ich hab nur das verwendet, was in ihm ist. Das solltest du eigentlich wissen, bist du doch genau wie er.«

Sie versucht, uns abzulenken, dachte Dan. Aber wovon? Von dem da?

Es war ein kleiner, grüner Bau – vielleicht eine Außentoilette, vielleicht auch ein Schuppen, in dem irgendetwas aufbewahrt wurde.

(kannst du)

Er musste den Gedanken nicht vollenden. Abra wandte sich dem Schuppen zu und richtete den Blick darauf. Das Vorhängeschloss ächzte, schnappte auf und fiel ins Gras. Die Tür schwang auf. Bis auf ein paar Werkzeuge und einen alten Rasenmäher war der Schuppen leer. Dan glaubte zwar, etwas darin zu spüren, aber das lag wohl nur an seinen überreizten Nerven. Als die beiden wieder nach oben blickten, war Rose nicht mehr zu sehen. Sie hatte sich vom Geländer zurückgezogen.

Billy schaffte es endlich, die Tür seines Wagens aufzudrücken. Er stieg aus, taumelte, blieb jedoch stehen. »Danny? Alles in Ordnung?« Und dann: »Ist das Abra? Menschenskind, die ist ja kaum vorhanden!«

»Hör zu, Billy. Schaffst du es, bis zu dem Blockhaus da zu gehen?«

»Glaub schon. Was ist mit den Leuten da drin?«

»Die gibt’s nicht mehr. Ich glaube, es wäre eine gute Idee, wenn du dich jetzt sofort auf den Weg machst.«

Billy widersprach nicht. Wie ein Betrunkener schwankend, stapfte er den Abhang hinauf. Dan deutete auf die Plattformtreppe und hob fragend die Augenbrauen. Abra schüttelte den Kopf

(genau das will sie)

und führte Dan rund um die Stützpfosten bis an eine Stelle, wo sie den oberen Rand von Rose’ Zylinder sehen konnten. Dadurch lag der kleine Geräteschuppen nun in ihrem Rücken, was Dan jedoch nicht störte. Schließlich hatte er gesehen, dass niemand darin lauerte.

(Dan ich muss jetzt nach Hause bloß eine Minute ich muss mich um)

Ein Bild tauchte in ihm auf: ein Feld voller Sonnenblumen, die alle gleichzeitig aufgingen. Sie musste sich um ihren physischen Körper kümmern, und das war gut. Das war richtig.

(geh nur)

(ich komme zurück sobald)

(geh nur Abra ich schaffe es schon)

Und wenn er Glück hatte, war es vorüber, wenn sie wiederkam.

5

In Anniston sahen John Dalton und die Stones, wie Abra tief Atem holte und die Augen aufschlug.

»Abra!«, rief Lucy. »Ist es vorbei?«

»Bald.«

»Was ist denn das da an deinem Hals? Sind das etwa blaue Flecke?«

»Mama, bleib, wo du bist! Ich muss wieder zurück. Dan braucht mich.«

Sie griff nach Hoppy, aber bevor sie den alten Stoffhasen fassen konnte, klappten ihre Augen zu, und ihr Körper regte sich nicht mehr.

6

Rose, die vorsichtig über das Geländer gespäht hatte, sah Abra verschwinden. Das kleine Aas konnte nur begrenzte Zeit dableiben, dann musste sie zurück, um sich ein wenig zu erholen. Sie war auf dem Campingplatz auf dieselbe Weise anwesend wie damals im Supermarkt, bloß war die jetzige Erscheinung wesentlich kraftvoller. Und weshalb? Weil dieser Mann sie unterstützte. Weil er ihre Kraft verstärkte. Wenn er in dem Moment, in dem das Mädchen zurückkehrte, tot wäre …

Rose blickte zu Dan hinunter. »An deiner Stelle würde ich Reißaus nehmen, solange du die Chance dazu hast, Danny«, rief sie. »Sonst muss ich zu anderen Mitteln greifen!«

7

Silent Sarey war so damit beschäftigt, was sich am Dach der Welt abspielte – sie lauschte nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit jedem Punkt ihres freilich beschränkten Intelligenzquotienten –, dass ihr die Veränderung zuerst nicht aufgefallen war: Sie war nicht mehr allein im Schuppen. Es war der Geruch, der sie schließlich darauf aufmerksam machte, der Geruch von etwas Verdorbenem. Nicht der von Abfall allerdings. Sie wagte es nicht, sich umzudrehen, da die Tür offen stand und der Mann da draußen sie sonst womöglich bemerkt hätte. Deshalb blieb sie mit der Sichel in der Hand reglos stehen.

Sarey hörte, wie Rose dem Mann sagte, er solle Reißaus nehmen, solange er die Chance dazu habe, und in diesem Augenblick schloss sich die Tür wieder, ganz von allein.

»Sonst muss ich zu anderen Mitteln greifen!«, rief Rose. Das war das Stichwort, bei dem Sarey aus ihrem Versteck stürmen und diesem lästigen, bösartigen Mädchen die Sichel in den Hals hacken sollte, aber da das Mädchen nicht mehr da war, musste sie sich mit dem Mann begnügen. Doch bevor sie eine Bewegung machen konnte, schob sich eine schlüpfrige, kalte Hand über das Handgelenk mit der Sichel. Schob sich darüber und schloss sich zu einem Klammergriff.

Sie drehte sich um – das konnte sie jetzt, da die Tür zu war, gefahrlos tun –, und bei dem, was sie in dem trüben Licht sah, das durch die Ritzen zwischen den alten Brettern drang, entfuhr ihrer normalerweise stillen Kehle ein Schrei. Während sie mit dem Geschehen draußen beschäftigt gewesen war, hatte sich eine Leiche zu ihr in den Werkzeugschuppen gesellt. Es war ein Mann, dessen grinsendes, raubtierhaftes Gesicht die feuchte, weißlich grüne Färbung einer verdorbenen Avocado hatte. Die Augen schienen fast aus ihren Höhlen herauszuhängen, und sein Anzug war mit Schimmelflecken übersät … aber das bunte Konfetti auf seinen Schultern war neu.

»Tolle Party, was?«, sagte er, und als er grinste, spalteten sich seine Lippen.

Sarey schrie wieder auf und hackte ihm die Sichel in die linke Schläfe. Das gebogene Blatt fuhr tief hinein und blieb stecken, aber es trat keinerlei Blut aus.

»Gib mir doch mal ’nen Kuss, Süße«, sagte Horace Derwent. Zwischen seinen Lippen kam der wackelnde weiße Überrest einer Zunge hervor. »Es ist schon lange her, dass ich mit einer Frau zusammen war.«

Während seine zerfetzten, vor Verwesung glänzenden Lippen sich auf die von Sarey pressten, schlossen seine Hände sich um ihre Kehle.

8

Rose sah, wie die Tür des Schuppens zuschwang, hörte den Schrei und begriff, dass sie nun wirklich allein war. Bald, wahrscheinlich schon in Sekunden, würde das Mädchen zurückkommen, und dann stand es zwei gegen eine. Das durfte sie nicht zulassen.

Sie blickte auf den Mann hinab und sammelte ihre ganze, vom Steam verstärkte Kraft.

(erwürg dich selber und zwar JETZT)

Seine Hände bewegten sich auf seine Kehle zu, aber zu langsam. Er kämpfte gegen Rose an, mit einem Erfolg, der sie rasend machte. Von dem kleinen Aas hätte sie Widerstand erwartet, aber der Tölpel da unten war ein Erwachsener. Das bisschen übrig gebliebener Steam in ihm hätte sie eigentlich beiseitewischen sollen wie einen Nebelhauch.

Dennoch setzte sie sich durch.

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