»Das bist du von Natur aus.« Er erinnerte sich daran, wie Abra auf Rose the Hat geblickt hatte, als diese gekreist hatte. Na, tut es weh, hatte Abra die sterbende Kreatur gefragt, die wie eine Frau ausgesehen hatte (von dem einen grässlichen Zahn einmal abgesehen). Das hoffe ich jedenfalls. Ich hoffe, es tut anständig weh.
»Willst du mir etwa eine Predigt halten?« Und mit einer Spur Verachtung: »Ich weiß jedenfalls, dass sie das will.«
»Predigten fallen mir keine ein, aber ich könnte dir eine Geschichte erzählen, die meine Mutter mir mal erzählt hat. Sie handelt von deinem Urgroßvater auf meiner Seite der Familie. Der Seite meines Vaters Jack. Willst du sie hören?«
Abra zuckte die Achseln. Sollte heißen: Bringen wir es hinter uns.
»Er hieß Don Torrance und hatte fast dieselbe Arbeit wie ich. Allerdings war er ein richtiger Krankenpfleger. Am Ende seines Lebens ging er am Stock, weil eines seiner Beine bei einem Autounfall lädiert worden war. Und eines Abends hat er am Esstisch den Stock genommen und damit auf seine Frau eingeschlagen. Grundlos, er fing einfach an zu prügeln. Er hat ihr die Nase gebrochen, außerdem ist ihre Kopfhaut aufgeplatzt. Als sie von ihrem Stuhl auf den Boden gesunken ist, stand er auf und hat sich richtig über sie hergemacht. Nach dem, was mein Vater meiner Mama erzählt hat, hätte er sie totgeschlagen, wenn Brett und Mike – das waren meine Onkel – ihn nicht von ihr weggezogen hätten. Als der Arzt kam, kniete dein Urgroßvater mit seinem Erste-Hilfe-Koffer vor ihr und tat, was er konnte. Er hat behauptet, sie wäre die Treppe hinuntergefallen. Deine Urgroßmutter – die Momo, die du nie kennengelernt hast, Abra – hat ihn gedeckt. Die zwei Jungen ebenfalls.«
»Weshalb?«, hauchte Abra.
»Weil sie Angst hatten. Später – als Don schon lange tot war – hat dein Großvater mir den Arm gebrochen. Und dann, im Overlook – das an dem Ort stand, wo heute das Dach der Welt steht –, hat dein Großvater meine Mutter fast totgeprügelt. Statt eines Gehstocks hat er zwar einen Roque-Schläger zum Prügeln benutzt, aber im Grunde war es dasselbe.«
»Ich hab kapiert.«
»Jahre später, in einer Kneipe in St. Petersburg …«
»Hör auf! Ich hab gesagt, ich hab’s kapiert!« Sie zitterte.
»… hab ich einen Mann mit einem Billardstock bewusstlos geschlagen, weil er über eine Ungeschicklichkeit von mir gelacht hat. Anschließend musste der Sohn von Jack und der Enkel von Don neunzig Tage lang einen orangefarbenen Overall tragen und am Rand vom Highway 41 Müll aufsammeln.«
Sie wandte sich ab und brach in Tränen aus. »Danke, Onkel Dan. Vielen Dank, dass du mir meinen Geburtstag verdorben …«
Ein Bild machte sich in seinem Kopf breit und schob sich einen Moment lang vor den Fluss: ein verkohlter, qualmender Geburtstagskuchen. Unter anderen Umständen wäre dieses Bild lustig gewesen. Jetzt war es das nicht.
Er nahm sie sanft bei den Schultern und drehte sie wieder zu sich. »Es gibt nichts zu kapieren. Es gibt keine Lehre. Das ist nichts als eine Familiengeschichte. Es ist dein Leben, wie es so schön heißt, also nimm es in die eigenen Hände.«
»Was willst du damit sagen?«
»Vielleicht schreibst du eines Tages Gedichte wie Concetta. Oder du schiebst mit deinen Gedanken noch mal jemand von einer Plattform.«
»Das würde ich nie tun … aber Rose hatte es verdient.« Abra wandte ihm ihr nasses Gesicht zu.
»Das will ich nicht bestreiten.«
»Wieso träume ich dann davon? Wieso wünsche ich mir, ich könnte es ungeschehen machen? Sie hätte uns doch umgebracht, wieso wünsche ich mir dann so was?«
»Was möchtest du ungeschehen machen – dass du sie umgebracht hast oder nur die Freude, die es dir bereitet hat?«
Abra ließ den Kopf hängen. Dan hätte sie am liebsten in die Arme genommen, verkniff sich das aber.
»Keine Predigt und keine Moral. Es geht nur darum, was dir durch unsere Familie im Blut liegt. Um den dummen Drang, den auch wachsame Menschen verspüren. Und du hast jetzt in deinem Leben einen Zeitpunkt erreicht, an dem du vollständig wach bist. Es ist schwer für dich. Das weiß ich. Es ist für alle schwer, aber den meisten Teenagern fehlen deine Fähigkeiten. Deine Waffen.«
»Was soll ich nur tun? Was kann ich überhaupt tun? Manchmal werde ich so zornig … nicht nur auf sie, sondern auch auf irgendwelche Lehrer … oder auf bestimmte Tussen in der Schule, die sich für was ganz Besonderes halten … die einen auslachen, wenn man nicht gut in Sport ist oder die falschen Klamotten trägt und so …«
Dan dachte an einen Rat, den Casey Kingsley ihm einmal gegeben hatte. »Geh auf die Müllkippe.«
»Hä?« Sie sah ihn mit großen Augen an.
Er sandte ihr ein Bild: Abra, die ihr außergewöhnliches Shining – das, so unglaublich es war, immer noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hatte – dazu benutzte, ausrangierte Kühlschränke umzukippen, erloschene Fernseher explodieren zu lassen und Waschmaschinen durch die Gegend zu schleudern, dass ein Schwarm Möwen erschrocken aufflog.
Jetzt kicherte sie. »Meinst du, das hilft?«
»Besser die Müllkippe als die Teller deiner Mutter.«
Sie legte den Kopf schräg und sah ihn mit fröhlichem Blick an. Jetzt waren sie wieder Freunde, und das war schön. »Aber diese Teller waren echt hässlich.«
»Wirst du’s versuchen?«
»Klar.« Man sah ihr an der Nasenspitze an, dass sie es kaum erwarten konnte.
»Noch etwas.«
Sie wurde wieder ernst.
»Du musst dir von niemand was bieten lassen.«
»Das ist doch gut, oder?«
»Ja. Denk bloß immer daran, wie gefährlich dein Zorn sein kann. Halt ihn …«
Sein Handy läutete.
»Du solltest drangehen.«
Er hob die Augenbrauen. »Weißt du etwa, wer das ist?«
»Nein, aber ich glaube, es ist wichtig.«
Er zog das Telefon aus der Tasche und blickte aufs Display. RIVINGTON HOUSE.
»Hallo?«
»Ich bin’s. Claudette Albertson. Danny, kannst du sofort herkommen?«
Er ging im Geiste die Hospizgäste durch, deren Namen momentan auf seiner Tafel standen. »Amanda Ricker? Jeff Kellogg?«
Es stellte sich heraus, dass es keiner von den beiden war.
»Wenn du kommen kannst, solltest du es wirklich gleich tun«, sagte Claudette. »Solange er noch bei Bewusstsein ist.« Sie zögerte. »Er fragt nach dir.«
»Ich komme.« Falls es allerdings so schlimm ist, wie du sagst, ist er wahrscheinlich längst tot, wenn ich da bin. Dan legte auf. »Ich muss los, Kleines.«
»Obwohl er nicht dein Freund ist. Obwohl du ihn nicht einmal magst.« Abra blickte gedankenvoll drein.
»Trotzdem.«
»Wie heißt er? Das hab ich nämlich nicht verstanden.«
(Fred Carling)
Er schickte ihr den Namen, dann umarmte er sie ganz, ganz fest. Abra erwiderte die Umarmung.
»Ich versuch’s«, sagte sie. »Ich versuch’s mit aller Kraft.«
»Das weiß ich«, sagte er. »Ganz bestimmt. Hör mal, Abra, ich hab dich ganz arg lieb.«
»Da bin ich froh«, sagte sie.
3
Claudette saß im Schwesternzimmer, als er eine Dreiviertelstunde später eintraf. Er stellte die Frage, die er schon so oft gestellt hatte: »Ist er noch bei uns?« Als befänden sie sich auf einer Busfahrt.
»Mehr oder weniger.«
»Bei Bewusstsein?«
Sie wedelte mit der Hand. »Immer mal wieder.«
»Und Azzie?«
»Der war eine Weile bei ihm im Zimmer und ist nur rausgeflitzt, als Dr. Emerson gekommen ist. Jetzt ist der weg, er kümmert sich um Roberta Jackson. Sobald er gegangen war, ist Azzie wieder rein.«
»Wird er ins Krankenhaus verlegt?«
»Das geht nicht. Noch nicht. Bei Castle Rock sind auf der Route 119 vier Wagen ineinandergekracht. Viele Verletzte. Dahin sind vier Rettungswagen unterwegs, der Hubschrauber ebenfalls. Die Leute dort ins Krankenhaus zu bringen wird wahrscheinlich manchen von ihnen etwas nützen. Aber was Fred angeht …« Sie zuckte die Achseln.
»Was ist eigentlich passiert?«
»Du kennst ja unseren Fred – Junkfood ist sein Ein und Alles und McDonald’s sein zweites Zuhause. Wenn er über die Cranmore Avenue rennt, dann schaut er manchmal links und rechts, und manchmal tut er’s nicht. Erwartet einfach, dass die Leute wegen ihm anhalten.« Sie rümpfte die Nase und streckte die Zunge heraus wie ein kleines Kind, das gerade etwas Unappetitliches in den Mund genommen hatte. Rosenkohl zum Beispiel. »Was für eine Einstellung!«
Dan kannte Freds Tagesablauf, und seine Einstellung kannte er ebenfalls.
»Wie jeden Abend wollte er sich einen Cheeseburger holen«, fuhr Claudette fort. »Die Cops haben die Frau, die ihn überfahren hat, ins Gefängnis gesteckt – soweit ich gehört hab, war sie so besoffen, dass sie kaum noch stehen konnte. Fred haben sie hierhergebracht. Sein Gesicht ist verwüstet, Brust und Becken sind zertrümmert, ein Bein ist fast abgetrennt. Wenn Emerson nicht zufällig gerade hier gewesen wäre, um Visite zu machen, wäre Fred sofort gestorben. Wir haben getan, was wir konnten, auch die Blutungen gestoppt, aber selbst wenn er in bester Verfassung gewesen wäre … was der gute, alte Freddy definitiv nicht war …« Wieder zuckte sie die Achseln. »Dr. Edwards sagt, sie werden einen Rettungswagen schicken, sobald sie in Castle Rock fertig sind, aber bis dahin ist Fred wahrscheinlich hinüber. Edwards war sich da nicht ganz sicher, aber ich vertraue Azreel. Du solltest jetzt gleich zu ihm gehen, falls du das tatsächlich willst. Ich weiß, du hast ihn nie besonders leiden können …«