Dan dachte an die Fingerspuren, die der Pfleger auf dem Arm des armen, alten Charlie Hayes hinterlassen hatte. Schade, hatte er gesagt, als Dan ihm mitgeteilt hatte, dass der alte Mann tot war. Und sich dabei auf seinem Lieblingsstuhl gefläzt und Schokodragees gefuttert. Aber dafür sind die ja hier, nicht wahr?
Und jetzt lag Fred in demselben Zimmer, in dem Charlie gestorben war. Das Leben war ein Rad, und es drehte sich immer wieder zu seiner Ursprungsposition zurück.
4
Die Tür der Shepard Suite stand halb offen, aber aus Höflichkeit klopfte Dan trotzdem. Schon im Flur hörte er das raue Pfeifen und Gurgeln von Fred Carlings Atmung. Azzie, der sich am Fußende des Bettes zusammengerollt hatte, schien sich nicht daran zu stören. Carling lag auf einer Gummiunterlage und trug nichts als mit Blut befleckte Boxershorts und massenhaft Bandagen, durch die an vielen Stellen Blut sickerte. Sein Gesicht war entstellt, sein Körper in mindestens drei unterschiedliche Richtungen verdreht.
»Fred? Ich bin’s, Dan Torrance. Kannst du mich hören?«
Das eine verbliebene Auge öffnete sich. Die Atmung stockte. Man hörte ein kurzes Krächzen, bei dem es sich um ein Ja gehandelt haben konnte.
Dan ging ins Bad, tränkte ein Tuch mit warmem Wasser und wrang es aus. Das hatte er schon oft getan. Als er wieder an Carlings Bett trat, erhob sich Azzie, dehnte genüsslich den gewölbten Rücken, wie Katzen es gern taten, und sprang auf den Boden. Im nächsten Moment war er verschwunden, um seine abendliche Patrouille wieder aufzunehmen. Inzwischen hinkte er ein wenig. Er war mittlerweile ein sehr alter Kater.
Dan setzte sich auf die Bettkante und rieb mit dem Tuch sanft über den Teil von Fred Carlings Gesicht, der relativ unbeschädigt geblieben war.
»Tut es sehr weh?«
Wieder dieses Krächzen. Carlings linke Hand war ein verdrehtes Durcheinander aus gebrochenen Fingern, weshalb Dan die rechte ergriff. »Du musst nicht sprechen, sag’s mir einfach so.«
(jetzt nicht mehr so sehr)
Dan nickte. »Gut. Das ist gut.«
(aber ich hab Angst)
»Es gibt nichts, wovor du Angst haben müsstest.«
Er sah Fred im Alter von sechs Jahren mit seinem Bruder im Saco schwimmen. Fred griff sich immer hinten an die Badehose, um sie nicht zu verlieren, weil sie zu groß war; er hatte sie gebraucht bekommen wie fast alles, was er besaß. Dann sah Dan ihn mit fünfzehn, wie er im Autokino von Bridgton ein Mädchen küsste und Parfüm roch, während er ihre Brüste berührte und sich wünschte, diese Nacht würde niemals enden. Er sah ihn mit fünfundzwanzig im Pulk der Road Saints zum Hampton Beach fahren, auf einer Harley FXB, dem Modell »Sturgis«. Fred fühlt sich toll, er ist aufgeputscht mit Benzos und Rotwein, und der Tag ist ein echter Hammer, alle glotzen, während die Saints in einer langen, glitzernden Karawane vorbeidonnern; das Leben ist wie ein Feuerwerk. Und er sah die Wohnung, in der Carling mit seinem kleinen Hund namens Brownie lebte oder vielmehr gelebt hatte. Brownie war nichts Besonderes, bloß ein ganz normaler Köter, aber er war klug. Manchmal sprang er seinem Herrchen auf den Schoß, und dann sahen sie zusammen fern. Jetzt war Fred bekümmert wegen Brownie, weil der darauf wartete, dass Fred nach Hause kam, mit ihm ein wenig spazieren ging und ihm dann den Futternapf füllte.
»Mach dir keine Sorgen um Brownie«, sagte Dan. »Ich kenne ein Mädchen, das sich gern um ihn kümmern wird. Es ist meine Nichte, und sie hat heute Geburtstag.«
Carling blickte mit seinem funktionierenden Auge zu ihm hoch. Sein Atem rasselte nun sehr laut; es hörte sich an wie eine Maschine, in die Staub geraten war.
(kannst du mir helfen bitte Doc kannst du mir helfen)
Ja. Er konnte helfen. Das war seine Aufgabe, dafür war er geschaffen worden. Es war jetzt still im Rivington House, ganz still. Irgendwo in der Nähe schwang eine Tür auf. Sie waren an die Grenze gekommen. Fred Carling blickte zu ihm hoch und fragte: Was? Er fragte: Wie? Aber es war so einfach.
»Du brauchst nur einzuschlafen.«
(lass mich nicht allein)
»Bestimmt nicht«, sagte Dan. »Ich bin da. Ich bleibe hier, bis du schläfst.«
Nun nahm er Carlings Hand in beide Hände. Und lächelte.
»Bis du schläfst«, sagte er.
1. Mai 2011 bis 17. Juli 2012
Mein erstes Buch bei Scribner war der 1998 erschienene Roman Sara. Darum bemüht, meinem neuen Verlag einen Gefallen zu tun, ging ich auf Lesereise. Bei einer Signierstunde fragte irgendjemand: »Sagen Sie mal, haben Sie vielleicht eine Ahnung, was aus dem Jungen in Shining geworden ist?«
Das war eine Frage zu diesem alten Buch, die ich mir schon selber oft gestellt hatte, zusammen mit einer anderen: Was wäre wohl aus Dannys krankem Vater geworden, wenn er die Anonymen Alkoholiker entdeckt hätte, statt auf eigene Faust zu versuchen, trocken zu bleiben?
Wie bei Die Arena und Der Anschlag war das eine Idee, die mir nie vollständig aus dem Kopf ging. Ab und zu – beim Duschen, beim Fernsehen oder bei langen Autofahrten – stellte ich fest, dass ich gerade das Alter von Danny Torrance berechnete und überlegte, wo er jetzt wohl war. Und dann war da auch seine Mutter, genau wie er eine von Grund auf gute Person, die den Vernichtungswahn von Jack Torrance überlebt hatte. Wendy und Danny waren, wie man heute sagt, Co-Abhängige, Menschen, die durch Liebe und Verantwortungsgefühl an ein süchtiges Familienmitglied gefesselt waren. Irgendwann im Jahr 2009 hörte ich von einem meiner AA-Freunde den Spruch: »Wenn ein Co-Abhängiger ertrinkt, zieht vor seinen Augen das Leben eines anderen vorbei.« Das kam mir zu wahr vor, als dass es lustig gewesen wäre, und ich glaube, an diesem Punkt wurde Doctor Sleep unabdingbar. Ich musste es erfahren.
Ob ich mich diesem Buch mit Bangigkeit genähert habe? Das kann man mir ruhig glauben. Shining ist einer jener Romane, die meine Leserinnen und Leser immer erwähnen (neben Brennen muss Salem, Friedhof der Kuscheltiere und Es), wenn sie darüber sprechen, welche meiner Bücher ihnen tatsächlich eine Heidenangst eingejagt haben. Außerdem war da der Film von Stanley Kubrick, an den sich viele – aus mir nie recht begreiflichen Gründen – als einen der gruseligsten Filme erinnern, die sie je gesehen haben. (Falls ihr den Film gesehen, den Roman jedoch nicht gelesen habt, denkt bitte daran, dass Doctor Sleep auf Letzterem fußt, der meiner Meinung nach die wahre Geschichte der Familie Torrance erzählt.)
Ich denke gern, dass ich immer noch ganz gut schreiben kann, aber nichts kann der Erinnerung an etwas gerecht werden, bei dem wir uns ordentlich gegruselt haben, wirklich nichts, besonders wenn diese Erinnerung aus einer Zeit stammt, in der man jung und leicht zu beeindrucken war. Es gibt mindestens eine brillante Fortsetzung von Alfred Hitchcocks Psycho (Mick Garris’ Psycho IV, bei dem Anthony Perkins seine Rolle als Norman Bates wieder aufgenommen hat), aber Leute, die dieses Sequel – oder eines der anderen – gesehen haben, schütteln nur den Kopf und sagen: Nein, nein, das ist nicht so gut wie das Original. Sie erinnern sich an das erste Mal, als sie Janet Leigh erlebt haben, und kein Remake oder Sequel kann den Moment übertreffen, in dem der Vorhang aufgezogen wird und das Messer beginnt, sein Werk zu verrichten.
Außerdem verändert man sich. Der Mensch, der Doctor Sleep geschrieben hat, ist ein ganz anderer als der wohlmeinende Alkoholiker, der Shining schrieb, aber beide haben dasselbe Ziel: eine tolle Geschichte zu erzählen. Es hat mir Freude gemacht, Danny Torrance wiederzufinden und seinen Abenteuern zu folgen. Ich hoffe, euch ist es genauso gegangen. Wenn das der Fall ist, lieber treuer Leser, haben wir alle was davon gehabt.
Bevor ich euch gehen lasse, will ich den Leuten danken, die Dank verdienen, okay?
Nan Graham hat das Buch redigiert. Rigoros. Danke, Nan.
Chuck Verrill, mein Agent, hat das Buch verkauft. Das ist wichtig, aber er hat auch alle meine Telefonanrufe entgegengenommen und mir löffelweise wohltuenden Sirup eingeflößt. So etwas ist unverzichtbar.
Russ Dorr war für die Recherche verantwortlich, wenngleich etwaige Fehler auf meine Kappe gehen. Er ist ein großartiger Arzthelfer und ein nordisches Ungeheuer voller Inspiration und guter Laune.
Chris Lotts hat Italienisches geliefert, wo Italienisches gebraucht wurde. Danke, Chris.
Rocky Wood war mein Ansprechpartner, wenn es um meinen Roman Shining ging. Er hat mich mit Namen und Daten versorgt, die ich entweder vergessen oder schlichtweg falsch im Kopf hatte. Außerdem hat er mir erschöpfende Einzelheiten über jedes Wohnmobil unter der Sonne verschafft (das coolste war Rose’ EarthCruiser). »The Rock« kennt mein Werk besser, als ich mich selber kenne. Googelt ihn mal gelegentlich. Er hat wirklich was drauf.
Mein Sohn Owen hat das Buch gelesen und nützliche Änderungen vorgeschlagen. Vor allem hat er darauf bestanden, dass wir miterleben, wie Dan das durchmacht, was genesene Alkoholiker als »Tiefpunkt« bezeichnen.
Auch meine Frau hat Doctor Sleep gelesen und dazu beigetragen, das Buch zu verbessern. Ich liebe dich, Tabitha.
Danken will ich auch euch, die ihr meine Sachen lest. Möget ihr lange Tage und angenehme Nächte haben!
Lasst mich mit einer Warnung schließen: Wenn ihr auf den Turnpikes und Freeways Amerikas unterwegs seid, nehmt euch vor diesen Winnebagos und Bounders in Acht.