BESUCHEN SIE TEENYTOWN
FRAZIERS »KLEINES WUNDER«
UND MACHEN SIE EINE FAHRT
MIT DER TEENYTOWN RAILWAY!
Man musste kein Genie sein, um zu sehen, dass Teenytown eine Miniaturausführung der Cranmore Avenue war. Zu sehen war die Methodistenkirche, an der Dan gerade vorbeigekommen war, mit einem gut zwei Meter in die Lüfte ragenden Turm, da waren das Music Box Theater, Spondulicks Ice Cream, Mountain Books, Shirts & Stuff, die Frazier Gallery und der Laden für Kunstdrucke. Auch eine perfekte, hüfthohe Miniausführung des Hospizes mit seinem Turm war vorhanden; die beiden Backsteinbauten links und rechts hatte man allerdings weggelassen. Vielleicht, dachte Dan, weil sie potthässlich waren, vor allem verglichen mit dem Mittelbau.
Auf der anderen Seite von Teenytown stand eine Miniatureisenbahn mit Wagen, auf die der Schriftzug TEENYTOWN RAILWAY gepinselt war. Sie waren so winzig, dass höchstens Kleinkinder hineinpassten. Aus dem Schornstein einer leuchtend roten Lokomotive, die etwa so groß wie eine Honda Gold Wing war, quoll stoßweise Rauch. Dan hörte das Tuckern eines Dieselmotors. Auf der Seite der Lok stand in altmodischen Goldbuchstaben: THE HELEN RIVINGTON. Das war wohl die große Gönnerin der Stadt gewesen. Wahrscheinlich war irgendwo in Frazier auch eine Straße nach ihr benannt.
Er blieb eine Weile an Ort und Stelle stehen, obwohl die Sonne wieder verschwunden und es so kalt geworden war, dass er seinen Atem sehen konnte. Als Kind hatte er sich immer eine elektrische Eisenbahn gewünscht, jedoch nie eine bekommen. Da drüben in Teenytown war eine Jumboausführung, die Kinder jedes Alters begeistern konnte.
Er schwang sich den Matchsack auf die andere Schulter und überquerte die Straße. Tony wieder zu hören – und ihn zu sehen – war beunruhigend, aber momentan war er froh, hier ausgestiegen zu sein. Vielleicht war dies wirklich der Ort, den er gesucht hatte, der Ort, wo er endlich eine Möglichkeit fand, sein gefährlich in Schieflage geratenes Leben wieder aufzurichten.
Man nimmt sich immer selber mit, wo man auch hinkommt.
Er schob diesen Gedanken in einen mentalen Schrank. Darin hatte er Übung. In diesem Schrank war schon jede Menge Kram verstaut.
4
Die Lokomotive war auf beiden Seiten von einer Schutzwand umgeben, aber Dan sah unter dem niedrigen Dach des Teenytown-Bahnhofs einen Hocker stehen, holte ihn herbei und stellte sich darauf. Der Führerstand der Lok war mit schafsfellbezogenen Schalensitzen ausgestattet, die offenbar aus einem alten amerikanischen Sportwagen stammten. Die Armaturen waren wohl ebenfalls modifizierte Autoteile, mit Ausnahme eines altmodischen, z-förmigen Schalthebels, der aus dem Boden ragte. Ein Schaltschema war nicht zu sehen; den ursprünglich vorhandenen Knauf hatte man durch einen grinsenden Totenschädel ersetzt. Um den war ein Halstuch gebunden, dessen rote Farbe durch die jahrelange Benutzung zu Rosa verblasst war. Die obere Hälfte des Lenkrads war abgeschnitten, wodurch der Rest wie das Steuerhorn eines Kleinflugzeugs aussah. In verblassenden, aber noch lesbaren schwarzen Buchstaben stand auf dem Armaturenbrett: HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT 40 NICHT ÜBERSCHREITEN.
»Na, gefällt sie Ihnen?«, sagte auf einmal jemand direkt hinter ihm.
Dan fuhr herum, wobei er fast von dem Hocker gefallen wäre. Eine große, verwitterte Hand packte ihn am Unterarm und hielt ihn im Gleichgewicht. Sie gehörte einem Mann Ende fünfzig oder Anfang sechzig, der eine gefütterte Jeansjacke und eine rot karierte Jagdmütze mit heruntergeklappten Ohrenschützern trug. In der freien Hand hielt er einen Werkzeugkasten, auf dessen Deckel ein Dymo-Band mit der Aufschrift EIGENTUM DER STADT FRAZIER klebte.
»Entschuldigung«, sagte Dan und stieg vom Hocker. »Ich wollte nicht …«
»Schon in Ordnung. Hier bleibt dauernd jemand stehen. Meistens Modellbahnfans. Für die ist so was ein Traum. Wenn im Sommer richtig was los ist und die Riv etwa jede Stunde losdampft, ist uns das nicht so recht, aber um diese Jahreszeit bin ich allein. Und mir macht es nichts aus.« Er streckte Dan die Hand hin. »Billy Freeman. Ich arbeite bei der Stadt. Die Riv ist mein Baby.«
Dan ergriff die dargebotene Hand. »Dan Torrance.«
Billy Freeman warf einen Blick auf den Matchsack. »Sie sind wohl gerade mit dem Bus gekommen, was? Oder trampen Sie durch die Gegend?«
»Mit dem Bus«, sagte Dan. »Was für einen Motor hat das Ding da?«
»Tja, das ist eine interessante Frage. Vom Chevrolet Veraneio haben Sie wahrscheinlich nie gehört, oder?«
Das hatte er tatsächlich nicht, aber er wusste trotzdem Bescheid. Weil Freeman Bescheid wusste. Soweit Dan sich erinnerte, hatte er seit Jahren nichts mehr so hell gesehen. Ihn überkam der Anflug einer Freude, die bis in seine früheste Kindheit zurückreichte, in eine Zeit, in der er noch nicht entdeckt hatte, wie gefährlich die Gabe zum Shining sein konnte.
»Ein in Brasilien hergestellter Geländewagen, stimmt’s? Turbodiesel.«
Freemans buschige Augenbrauen zuckten in die Höhe, und er grinste. »Verdammt, das stimmt! Casey Kingsley, unser Chef, hat das Ding letztes Jahr bei einer Auktion gekauft. Ein echter Hammer. Zieht wie irre. Das Armaturenbrett ist auch aus einem Geländewagen. Die Sitze hab ich selber eingebaut.«
Die Wahrnehmung von Freemans Gedanken verblasste allmählich, aber etwas bekam Dan noch mit. »Die sind aus einem GTO Judge, oder?«
Freeman strahlte. »Genau! Hab sie auf einem Schrottplatz drüben bei Sunapee gefunden. Der Schalthebel ist aus einem Mack, Jahrgang 1961. Neunganggetriebe. Hübsch, was? Sehen Sie sich eigentlich nach Arbeit um, oder sind Sie bloß neugierig?«
Angesichts des plötzlichen Themenwechsel zuckte Dan zusammen. Ob er sich nach Arbeit umsah? Wahrscheinlich schon. Das Hospiz, an dem er bei seinem Spaziergang über die Cranmore Avenue vorbeigekommen war, stellte den logischen Ausgangspunkt dar, und er hatte so eine Ahnung – ob es das Shining oder nur gewöhnliche Intuition war, konnte er nicht sagen –, dass man dort jemand brauchte, aber er war sich nicht sicher, ob er jetzt schon hingehen wollte. Tony im Turmfenster zu sehen war beunruhigend gewesen.
Außerdem sollte dein letztes Besäufnis ein wenig länger her sein, Danny, bevor du dort auftauchst und um einen Bewerbungsbogen bittest. Selbst wenn die einzige Stelle, die sie frei haben, ein Ersatzmann für die Nachtschicht ist.
Die Stimme von Dick Hallorann. Du lieber Himmel. An Dick hatte Dan lange nicht mehr gedacht. Wahrscheinlich seit Wilmington nicht mehr.
Wenn der Sommer kam – eine Jahreszeit, in der es in Frazier sicher am schönsten war –, dann suchte man bestimmt Leute für die verschiedensten Jobs. Aber wenn er sich zwischen einem Lokal im örtlichen Einkaufszentrum und Teenytown entscheiden musste, war Teenytown eindeutig die erste Wahl. Er öffnete den Mund, um Freemans Frage zu beantworten, aber bevor er dazu kam, meldete sich wieder Hallorann.
Du wirst jetzt bald dreißig, Junge. Da werden womöglich die Chancen knapp.
Währenddessen musterte Billy Freeman ihn mit offener, ungekünstelter Neugier.
»Ja«, sagte er. »Ich suche Arbeit.«
»Ein Job in Teenytown ist nichts für die Ewigkeit, wissen Sie. Sobald es Sommer wird und die Schule zu Ende ist, stellt Mr. Kingsley Leute von hier ein. Achtzehn- bis Zweiundzwanzigjährige hauptsächlich. Das erwartet der Stadtrat von ihm. Außerdem arbeiten die jungen Kerle billig.« Er grinste, wobei mehrere Zahnlücken sichtbar wurden. »Trotzdem, es gibt Schlimmeres, als hier seine Kohle zu verdienen. Im Freien zu arbeiten ist heutzutage zwar nicht mehr so beliebt, aber es wird nicht mehr lange so kalt sein.«
Das stimmte. Viele der Anlagen im Stadtpark waren mit Planen abgedeckt, aber die würden bald herunterkommen und zum Vorschein bringen, was ein kleiner Ferienort im Sommer zu bieten hatte: Hotdog-Stände, Eisbuden, ein ringförmiges Etwas, bei dem es sich offenbar um ein Karussell handelte. Außerdem war da natürlich die Eisenbahn mit ihren winzigen Wagen und dem großen Turbodiesel. Wenn er sich vom Schnaps fernhielt und sich als vertrauenswürdig erwies, ließen Freeman oder der Chef – Kingsley – ihn das Ding womöglich ab und zu führen. Das würde ihm gefallen. Später, wenn die Stadt junge Schulabgänger einstellte, konnte er immer noch beim Hospiz vorstellig werden.
Falls er überhaupt beschloss dazubleiben.
Besser, du bleibst irgendwo, sagte Hallorann – offenbar war dies ein Tag, an dem Dan ausgiebig Stimmen hörte und Visionen hatte. Besser, du bleibst bald irgendwo, sonst wirst du nirgendwo mehr bleiben können.
Er staunte über sich selbst, dass er lachte. »Hört sich gut an, Mr. Freeman. Hört sich echt gut an.«
5
»Haben Sie schon mal was mit Landschaftspflege zu tun gehabt?«, fragte Billy Freeman. Sie gingen langsam an der Eisenbahn entlang. Die Wagen reichten Dan nur bis zur Brust, sodass er sich wie ein Riese vorkam.
»Ich kann Unkraut jäten, Pflanzen einsetzen, anstreichen und lackieren. Ich weiß, wie man einen Laubbläser und eine Kettensäge bedient. Ich kann Maschinen reparieren, wenn es nichts zu Kompliziertes ist. Und ich kann auf ’nem Rasenmäher durch die Gegend fahren, ohne dass irgendwelche kleinen Kinder unter die Räder kommen. Was den Zug angeht, tja … da weiß ich nicht recht.«
»Dafür müsste Ihnen Kingsley die Erlaubnis geben. Wegen der Versicherung und solchem Kram. Hören Sie mal, haben Sie eigentlich Zeugnisse? Sonst stellt Mr. Kingsley Sie nämlich nicht ein.«
»Mehrere. Hab hauptsächlich als Hausmeister und Krankenpfleger gearbeitet. Mr. Freeman …«