Doctor Sleep - Страница 14


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»Sag einfach Billy zu mir.«

»Euer Zug sieht nicht so aus, als könnte man damit jemand befördern, Billy. Wo sitzen die Leute eigentlich?«

Billy grinste. »Bleib mal hier stehen. Vielleicht findest du das genauso lustig wie ich. Bin immer noch begeistert.«

Er ging zur Lokomotive und beugte sich hinein. Der Motor, der im Leerlauf vor sich hin getuckert hatte, jaulte auf und stieß rhythmisch dunklen Rauch aus. An der gesamten Helen Rivington entlang hörte man ein hydraulisches Pfeifen. Plötzlich setzten sich die Dächer der Personenwagen und des gelben Dienstwagens am Ende – insgesamt waren es neun Waggons – in Bewegung. Es sah aus, als würden sich gleichzeitig die Verdecke von neun identischen Cabrios heben. Dan bückte sich, um durch die Fenster zu spähen, und sah, dass in jedem Wagen hintereinander Sitze aus Hartplastik montiert waren. Sechs in den Personenwagen und zwei im Dienstwagen. Alles in allem fünfzig.

Als Billy zurückkam, grinste Dan. »Wenn der Zug voll besetzt ist, sieht das bestimmt ziemlich komisch aus.«

»Allerdings. Die Leute lachen sich kaputt und knipsen wie die Verrückten. Moment, ich führ es dir mal vor.«

Am Ende jedes Personenwagens war als Stufe eine Stahlplatte angebracht. Billy stieg in einen Wagen und setzte sich. Eine merkwürdige optische Täuschung stellte sich ein, die ihn überlebensgroß aussehen ließ. Er winkte Dan leutselig zu. Der konnte sich gut vorstellen, wie fünfzig Riesenkerle stolz in den kleinen Wagen hockten, während der Zug den Bahnhof verließ.

Als Billy Freeman sich erhob und wieder herauskletterte, applaudierte Dan. »Im Sommer läuft der Postkartenverkauf hier sicher blendend.«

»Und ob.« Billy kramte in seiner Jackentasche, zog eine verbeulte Packung Duke heraus – eine billige Marke, die Dan gut kannte, weil sie in ganz Amerika in Busstationen und Supermärkten verkauft wurde – und streckte sie Dan hin. Der nahm eine Zigarette. Billy zückte sein Feuerzeug.

»Das genieße ich, solange ich’s noch kann«, sagte Billy und betrachtete seine Zigarette. »Noch ein paar Jahre, dann ist das Rauchen hier verboten. Im Frauenverein reden sie schon darüber. Ein Haufen alter Schachteln, wenn du mich fragst, aber du weißt ja, wie es ist – wenn sie mal Kinder in die Welt gesetzt haben, halten sie sich für was Besonderes.« Er blies den Rauch durch die Nasenlöcher aus. »Nicht dass von den Weibern da eine in letzter Zeit ein Kind gekriegt hätte. Oder auch nur ’nen Tampon gebraucht.«

»Sicher nicht die schlechteste Idee«, sagte Dan. »Kinder ahmen eben nach, was sie an ihren Eltern sehen.« Er dachte an seinen Vater. Das Einzige, was Jack Torrance mehr geschätzt hatte als ein Glas Schnaps, war ein Dutzend Gläser gewesen. So hatte sich jedenfalls Dans Mutter nicht lange vor ihrem Tod ausgedrückt. Die wiederum hatte auf Zigaretten gestanden, und die hatten sie umgebracht. Früher hatte Dan sich einmal geschworen, sich auch das nie anzugewöhnen. Inzwischen hatte er den Eindruck gewonnen, dass das Leben aus einer Reihe absurder Fallen bestand.

Billy Freeman sah ihn an, wobei er ein Auge halb zukniff. »Manchmal hab ich so ein Gefühl, was Leute angeht, und bei dir hab ich das auch.« Er sprach mit einem starken Neuenglandakzent. »Das hatte ich sogar schon, bevor du dich umgedreht hast und ich dein Gesicht sehen konnte. Ich glaube, du bist genau der Richtige für den Frühjahrsputz, den ich bis Ende Mai machen muss. Das ist mein Gefühl, und meinen Gefühlen vertraue ich. Ganz schön verrückt wahrscheinlich.«

Dan fand das überhaupt nicht verrückt, und nun begriff er auch, wieso er Billy Freemans Gedanken so deutlich gehört hatte, ohne das überhaupt zu wollen. Er erinnerte sich an etwas, was Dick Hallorann ihm einmal gesagt hatte – Dick, der sein erster erwachsener Freund gewesen war. Viele Leute haben ein wenig von dem, was ich hellsichtig nenne, aber meistens ist es bloß ein Funkeln – so eine Ahnung, welche Platte der DJ im Radio als Nächstes auflegt oder dass bald das Telefon läuten wird.

Billy Freeman besaß kein Shining, aber ebendieses Funkeln. Diesen kleinen Glanz.

»Dann muss ich wohl mal mit diesem Cary Kingsley sprechen, was?«

»Casey, nicht Cary. Ja, der ist zuständig. Und zwar ist er schon seit fünfundzwanzig Jahren für die städtischen Dienste zuständig.«

»Wann ist ein guter Zeitpunkt?«

»Gleich jetzt, denke ich.« Billy zeigte auf die andere Straßenseite. »Der Backsteinklotz da drüben ist das Rathaus. Mr. Kingsley sitzt im Untergeschoss, ganz am Ende des Flurs. Du wirst merken, dass du richtig bist, sobald du von oben Discomusik hörst. Dienstags und donnerstags ist in der Turnhalle drüber nämlich immer ein Aerobic-Kurs.«

»Na gut«, sagte Dan. »Dann werde ich mal rübergehen.«

»Hast du deine Zeugnisse denn dabei?«

»Ja.« Dan klopfte auf seinen Matchsack, den er an den Bahnhof von Teenytown gelehnt hatte.

»Und die hast du nicht zufällig selber geschrieben, oder?«

Dan grinste. »Nein, die sind völlig in Ordnung.«

»Dann ran an den Speck, Junge.«

»Okay.«

»Noch was«, sagte Billy, als Dan schon gehen wollte. »Alkohol hasst er wie die Pest. Wenn du gern mal einen kippst und er dich danach fragt, kann ich dir nur raten … lüg ihn an.«

Dan nickte und hob die Hand, um zu zeigen, dass er begriffen hatte. Das war eine Lüge, die ihm geläufig war.

6

Seiner mit geplatzten Venen überzogenen Nase nach zu urteilen, hatte Casey Kingsley den Alkohol nicht immer wie die Pest gehasst. Er war ein massiger Mann, der sein kleines, überfülltes Büro weniger benutzte, als dass er es am Leib trug. Momentan hatte er sich auf seinem Schreibtischstuhl zurückgelehnt und studierte Dans Zeugnisse, die dieser säuberlich in einer blauen Kunststoffhülle aufbewahrte. Sein Hinterkopf berührte fast den Längsbalken des einfachen Holzkreuzes, das neben einem gerahmten Foto seiner Familie an der Wand hing. Auf dem Bild posierte ein jüngerer, schlankerer Kingsley mit seiner Frau und drei Kindern in Badekleidung an irgendeinem Strand. Durch die Decke drangen, nur leicht gedämpft, die Stimmen der Village People mit »YMCA«. Begleitet wurden sie vom begeisterten Stampfen vieler Füße. Dan kam ein gigantischer Tausendfüßler in den Sinn. Einer, der kürzlich beim Friseur gewesen war und einen neun Meter langen, hellroten Gymnastikanzug trug.

»Mhm«, sagte Kingsley. »Mhm, mhm … jawoll … genau, genau, genau …«

In der Ecke des Schreibtischs stand ein Glas mit Bonbons. Ohne von dem dünnen Zeugnisstapel aufzublicken, nahm Kingsley den Deckel ab, fischte ein Bonbon heraus und steckte es sich in den Mund. »Greifen Sie zu«, sagte er, ohne Dan anzusehen.

»Nein danke«, sagte Dan.

Ein merkwürdiger Gedanke kam ihm in den Sinn. Eines Tages hatte sein Vater wahrscheinlich in einem ähnlichen Zimmer gesessen, um sich als Hausmeister beim Hotel Overlook zu bewerben. Was ihm da wohl durch den Kopf gegangen war? Dass er unbedingt einen Job brauchte? Dass dies seine letzte Chance war? Vielleicht. Wahrscheinlich. Aber natürlich hatte Jack Torrance eine Familie zu versorgen gehabt. Das traf auf Dan nicht zu. Er konnte sich einfach weitertreiben lassen, wenn es hier nicht klappte. Oder sein Glück beim Hospiz versuchen. Aber … der Stadtpark gefiel ihm. Er mochte die Eisenbahn, in der ganz gewöhnliche Erwachsene wie Riesen aussahen. Er mochte Teenytown, diese absurde, verspielte Kleinstadtattraktion, die angeberisch, dadurch aber auch irgendwie tapfer wirkte. Und er mochte Billy Freeman, der ein klein wenig hellsichtig war und das wahrscheinlich nicht einmal wusste.

Über ihm wurde »YMCA« nun durch »I Will Survive« ersetzt. Als hätte er nur auf ein neues Musikstück gewartet, steckte Kingsley die Zeugnisse wieder in ihre Hülle, die er Dan anschließend über den Tisch hinweg zuschob.

Er wird mir eine Abfuhr erteilen.

Doch nach einem Tag voller treffsicherer Intuitionen ging diese daneben. »Die Unterlagen sehen gut aus, aber ich hab den Eindruck, Sie wären besser im staatlichen Krankenhaus von New Hampshire aufgehoben oder im Hospiz hier in der Stadt. Vielleicht wären Sie sogar für einen dieser Pflegedienste geeignet – wie ich sehe, haben Sie ein paar Qualifikationen im medizinischen Bereich und in Erster Hilfe. Da steht, Sie können einen Defibrillator bedienen. Haben Sie schon mal an einen Pflegedienst gedacht?«

»Ja. An das Hospiz ebenfalls. Aber dann hab ich den Stadtpark, Teenytown und die Eisenbahn gesehen.«

Kingsley grunzte. »Wahrscheinlich hätten Sie nichts dagegen, sich mal in die Lok zu setzen, was?«

Dan log, ohne zu zögern. »Nein, Sir, ich glaube nicht, dass mich das interessiert.« Hätte er zugegeben, dass er sich gern auf den ramponierten Autositz gehockt und das abgesägte Lenkrad in die Hände genommen hätte, so hätte das fast unweigerlich zur Frage nach seinem Führerschein geführt, dann zu einem Gespräch darüber, wie er den verloren hatte, und schließlich zu einer Aufforderung, das Büro von Mr. Casey Kingsley unverzüglich zu verlassen. »Ich bin eher der Typ für Rechen und Rasenmäher.«

»Und eher der Typ für Kurzzeitjobs, wenn man sich so die Unterlagen anschaut.«

»Ach, ich werde mich bald irgendwo niederlassen. Was meine Wanderlust angeht, hab ich mich allmählich genügend ausgetobt, glaube ich.« Er fragte sich, ob das in Kingsleys Ohren genauso abgedroschen klang wie in seinen.

»Mehr als ’nen Kurzzeitjob kann ich Ihnen allerdings gar nicht anbieten«, sagte Kingsley. »Sobald die Sommerferien anfangen …«

»Billy hat mich schon informiert. Wenn ich im Sommer noch hier bin, versuche ich es beim Hospiz. Vielleicht bewerbe ich mich da sogar schon vorab, außer Sie haben was dagegen.«

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