In der Hand hielt sie den Hammer aus ihrem kleinen Witwenwerkzeugkasten. Als sie den Knauf drehte und die Badezimmertür aufdrückte, hob sie ihre Waffe. Das Bad war natürlich leer, wenngleich die Klobrille heruntergeklappt war. Wendy ließ sie nie unten, bevor sie zu Bett ging, weil sie wusste, dass Danny irgendwann hereingetappt käme. Nicht mal halb wach, würde er wahrscheinlich vergessen, das Ding hochzuklappen, und es beim Pinkeln vollspritzen. Außerdem roch sie etwas. Etwas Übles. Als wäre zwischen den Wänden eine Ratte krepiert.
Sie tat einen Schritt hinein, dann noch einen. Sie sah eine Bewegung und fuhr herum, den Hammer erhoben, bereit zum Schlag, wer immer
(was immer)
sich hinter der Tür versteckt haben mochte. Aber es war nur ihr Schatten. Was, du hast Angst vor dem eigenen Schatten, fragten manche Leute spöttisch, aber wer hatte mehr Recht dazu als Wendy Torrance? Nach allem, was sie gesehen und durchgemacht hatte, wusste sie, dass Schatten gefährlich sein konnten. Sie konnten Zähne haben.
Im Bad war zwar niemand, aber auf der Klobrille war ein Fleck zu sehen und auf dem Duschvorhang noch einer. Scheißeflecken, dachte sie zuerst, aber die waren nicht gelblich violett. Sie sah genauer hin und erkannte kleine Stücke Fleisch und verweste Haut. Auf der Badematte war mehr von dem Zeug, in Form von Fußabdrücken. Die waren zu klein – zu zierlich –, als dass sie von einem Mann stammten.
»O Gott«, flüsterte sie.
Zu guter Letzt entschied sie sich doch für die Spüle.
5
Gegen Mittag trieb Wendy ihren Sohn aus dem Bett. Es gelang ihr, ihm etwas Suppe und ein halbes Erdnussbuttersandwich aufzudrängen, aber dann ging er wieder ins Bett. Er sprach immer noch nicht. Kurz nach fünf Uhr nachmittags traf Hallorann ein, in seinem inzwischen uralten (aber perfekt gepflegten und auf Hochglanz polierten) roten Cadillac. Wendy hatte am Fenster gestanden und Ausschau gehalten, so wie sie früher auf ihren Mann gewartet hatte, in der Hoffnung, dass Jack in guter Laune nach Hause kam. Und nüchtern.
Sie hastete die Treppe hinab und öffnete die Tür, gerade als Dick auf die Klingel mit der Aufschrift TORRANCE 2A drücken wollte. Er streckte die Arme aus, und sie warf sich sofort hinein. Am liebsten wäre sie mindestens eine Stunde in dieser Umarmung geblieben. Vielleicht sogar zwei.
Er ließ sie los und hielt sie auf Armeslänge an den Schultern. »Gut siehst du aus, Wendy. Wie geht’s dem Kleinen? Sagt er wieder was?«
»Nein, aber mit dir wird er reden. Und wenn er es am Anfang nicht laut tut, kannst du …« Statt den Satz zu vollenden, formte sie mit der Hand eine Pistole und richtete sie auf seine Stirn.
»Nicht nötig«, sagte Dick. Bei seinem Grinsen wurde ein neues Paar falsche Zähne sichtbar. In der Nacht, als der Kessel explodiert war, hatte das Overlook ihm den Großteil seiner ersten Garnitur geraubt. Zwar hatte Jack Torrance den Schläger geschwungen, der Dicks Zähne ruiniert und dafür gesorgt hatte, dass Wendy nur noch leicht hinkend gehen konnte, aber sie wussten beide, dass es in Wirklichkeit das Overlook gewesen war. »Er hat viel Kraft, Wendy. Wenn er mich abblocken will, tut er es. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Außerdem wäre es besser, wenn wir uns mit dem Mund unterhalten. Besser für ihn. Jetzt erzähl mal, was passiert ist. Von Anfang an.«
Nachdem Wendy das getan hatte, führte sie ihn ins Bad. Wie eine Polizistin, die den Tatort eines Verbrechens für die Spurensicherung bewahrte, hatte sie die Flecke gelassen, damit er sie sehen konnte. Schließlich hatte tatsächlich ein Verbrechen stattgefunden. Eines gegen ihren Sohn.
Dick betrachtete alles lange, ohne etwas anzufassen, dann nickte er. »Sehen wir mal nach, ob Danny sich erhoben hat.«
Das war zwar nicht der Fall, aber Wendy wurde trotzdem leichter ums Herz, denn als Danny sah, wer neben ihm auf der Bettkante saß und ihn an der Schulter rüttelte, trat ein freudiger Ausdruck auf sein Gesicht.
(he Danny ich hab dir was mitgebracht)
(aber ich hab doch gar nicht Geburtstag)
Wendy beobachtete die beiden und wusste, dass sie miteinander sprachen, aber nicht, worüber.
»Jetzt steh mal auf, Kleiner«, sagte Dick. »Wir gehen runter zum Strand.«
(Dick sie ist zurückgekommen Mrs. Massey aus Zimmer 217 ist zurückgekommen)
Dick rüttelte ihn noch einmal an der Schulter. »Sag’s laut, Dan. Du machst deiner Mutter Angst.«
»Was hast du denn mitgebracht?«, fragte Danny.
Dick strahlte. »Besser so. Ich will dich nämlich hören, und Wendy will das auch.«
»Ja.« Mehr wagte sie nicht zu sagen. Sonst hätten die beiden das Zittern in ihrer Stimme gehört und sich Sorgen gemacht. Das wollte sie nicht.
»Während wir draußen sind, solltest du wohl das Badezimmer putzen«, sagte Dick zu ihr. »Hast du Küchenhandschuhe?«
Sie nickte.
»Gut. Zieh sie an.«
6
Bis zum Strand waren es zwei Meilen. Rund um den Parkplatz standen geschmacklose Buden, in denen Gebäck, Hotdogs und Souvenirs verhökert wurden, doch jetzt zum Ende der Saison war nirgendwo viel los. Die beiden hatten den Strand fast für sich allein. Auf der Herfahrt hatte Danny sein Geschenk – ein längliches Päckchen, ziemlich schwer und in Silberpapier verpackt – auf dem Schoß gehalten.
»Du darfst es aufmachen, nachdem wir uns ein bisschen unterhalten haben«, sagte Dick.
Sie gingen am Rand der Wellen entlang, wo der Sand hart war und glänzte. Danny ging langsam, weil Dick schon ziemlich alt war. Irgendwann würde er sterben. Vielleicht sogar bald.
»Ich werd’s schon noch ein paar Jahre schaffen«, sagte Dick. »Darum brauchst du dir keine Sorgen machen. Und jetzt erzähl mir, was heute Nacht passiert ist. Lass nichts aus.«
Es dauerte nicht lange. Schwer wäre es allerdings gewesen, die richtigen Worte zu finden, um den Schrecken zu erklären, den er jetzt spürte, und das erstickende Gefühl einer Gewissheit, die sich damit verband: Da sie ihn nun gefunden hatte, würde sie nie wieder verschwinden. Aber weil es sich um Dick handelte, brauchte er keine Worte.
»Sie wird wiederkommen«, sagte er am Ende. »Das weiß ich. Sie wird immer, immer wiederkommen, bis sie mich geschnappt hat.«
»Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?«
Der Themawechsel überraschte Danny, aber er nickte. Es war Hallorann gewesen, der ihn und seine Eltern am ersten Tag durch das Overlook geführt hatte. Das schien ewig her zu sein.
»Und weißt du noch, wie ich das erste Mal in deinem Kopf gesprochen habe?«
»Na klar.«
»Was hab ich da gesagt?«
»Du hast mich gefragt, ob ich mit dir nach Florida will.«
»Genau. Wie hat sich das angefühlt? Zu wissen, dass du nicht mehr allein warst? Dass du nicht der Einzige bist?«
»Das war toll«, sagte Danny. »Richtig toll.«
»Und ob«, sagte Hallorann. »Und ob es das war!«
Schweigend gingen sie eine Weile weiter. Kleine Vögel – Dannys Mutter nannte sie Piepmatze – rannten in die Wellen hinein und wieder heraus.
»Kam es dir jemals komisch vor, dass ich gerade dann aufgetaucht bin, als du mich gebraucht hast?« Hallorann blickte auf Danny hinunter und grinste. »Nein. Kam es nicht. Wieso auch. Allerdings warst du noch sehr klein, und jetzt bist du ein wenig älter. In mancher Hinsicht sogar viel älter. Deshalb hör mir gut zu, Danny. Die Welt hat es so an sich, die Dinge im Gleichgewicht zu halten. Daran glaube ich jedenfalls. Es gibt da einen Spruch: Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Lehrer. Ich war dein Lehrer.«
»Du warst viel mehr als das«, sagte Danny. Er griff nach Dicks Hand. »Du warst mein Freund. Du hast uns gerettet.«
Dirk ignorierte das … jedenfalls tat er so. »Meine Oma hatte auch das Shining – weißt du noch, wie ich dir davon erzählt hab?«
»Klar. Du hast gesagt, ihr hättet euch lange unterhalten, ohne den Mund aufzumachen.«
»Genau. Sie hat mir das beigebracht. Und es war ihre Urgroßmutter, die es ihr beigebracht hatte, damals zur Zeit der Sklaverei. Irgendwann, Danny, wirst du mal der Lehrer sein. Es wird ein Schüler kommen.«
»Wenn Mrs. Massey mich nicht vorher erwischt«, sagte Danny missmutig.
Sie kamen zu einer Bank. Dick setzte sich. »Ich gehe lieber nicht weiter, sonst schaffe ich es womöglich nicht zurück. Setzt dich neben mich. Ich will dir eine Geschichte erzählen.«
»Ich will aber keine Geschichten hören«, sagte Danny. »Sie wird wiederkommen, verstehst du das nicht? Sie wird immer und immer und immer wiederkommen.«
»Halt den Mund und sperr die Ohren auf. Lass dir was sagen.« Dick grinste und stellte seine funkelnden neuen Zähne zur Schau. »Ich glaube, du wirst es kapieren. Du bist nämlich alles andere als dämlich, Kleiner.«
7
Seine Großmutter mütterlicherseits – die mit dem Shining – hatte in Clearwater gelebt. Sie war die Weiße Oma. Natürlich nicht weil sie weiße Haut gehabt hätte, sondern weil sie gut war. Sein Großvater väterlicherseits lebte in Dunbrie, Mississippi, einem ländlichen Kaff nicht weit von Oxford. Seine Frau war schon lange vor Dicks Geburt gestorben. Für einen damals in einer solchen Gegend lebenden Schwarzen war er wohlhabend. Er besaß ein Bestattungsinstitut. Dick und seine Eltern besuchten ihn viermal im Jahr, und der junge Dick Hallorann hasste diese Besuche. Er hatte furchtbare Angst vor Andy Hallorann und nannte ihn – nur für sich, denn hätte er es laut ausgesprochen, hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst – den Schwarzen Opa.