Doctor Sleep - Страница 27


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Abra eingerechnet, waren es neun Kinder, und da von jedem mindestens ein Elternteil mitgekommen war, gab es genügend Aufpasser. Auf der Veranda hatte man Gartenstühle aufgestellt, und als die Party so richtig in Gang gekommen war, ließ John sich dort neben Concetta nieder, die sich in Designerjeans und ihr Sweatshirt mit der Aufschrift BESTE UROMA DER WELT geworfen hatte. Sie arbeitete sich durch ein Riesenstück Geburtstagskuchen. John, der den Winter über ein paar Kilo zugelegt hatte, begnügte sich mit einer einzigen Kugel Erdbeereis.

»Ich weiß gar nicht, wo Sie das hinstecken«, sagte er und deutete mit dem Kinn auf das zusehends kleiner werdende Kuchenstück auf Chettas Pappteller. »Sie haben überhaupt nichts am Leib. Dünn wie eine Bohnenstange.«

»Mag sein, mein Lieber, aber ich hab einen hohlen Zahn.« Sie ließ den Blick über die lärmende Kinderschar schweifen und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ich wünschte, meine Tochter hätte das noch erlebt. Es gibt nicht viel in meinem Leben, was ich bedaure, aber das gehört dazu.«

John beschloss, sich nicht auf dieses Gesprächsthema einzulassen. Lucys Mutter Sandra war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als Lucy jünger gewesen war als Abra jetzt. Das wusste er aus dem Blatt mit der Familiengeschichte, das die Stones gemeinsam ausgefüllt hatten.

Ohnehin wechselte Chetta das Thema selbst. »Wissen Sie, was ich an Kindern dieses Alters mag?«

»Nein.« John mochte Kinder jedes Alters … zumindest bis sie vierzehn wurden. Dann spielten ihre Hormone nämlich verrückt, und die meisten fühlten sich verpflichtet, ihrer Umgebung in den folgenden fünf Jahren gewaltig auf die Nerven zu gehen.

»Schauen Sie sich die Szene doch mal an, Johnny. Es ist die Kinderversion dieses Gemäldes von Edward Hicks, Das Königreich des Friedens. Sechs von ihnen sind weiß – klar, schließlich sind wir in New Hampshire –, aber da sind auch zwei schwarze und ein wunderhübsches koreanisch-amerikanisches Mädchen, das wie aus einem Katalog für Kindermode entsprungen aussieht. Sie kennen doch das Lied, das man oft in der Sonntagsschule singt – ›Rot und gelb, schwarz und weiß, Gott liebt alle Menschen gleich‹? Genau das sehen wir hier. Zwei Stunden läuft die Party schon, und keines der Kinder hat die Faust geballt oder ein anderes aus Zorn geschubst.«

John – dem schon viele Kleinkinder untergekommen waren, die getreten, geschubst, geboxt und gebissen hatten – setzte ein Lächeln auf, in dem sich Zynismus und Wehmut die Waage hielten. »Was anderes ist ja nicht zu erwarten, schließlich gehen sie alle in die schickste Tagesstätte weit und breit. Dort verlangt man entsprechende Gebühren. Das bedeutet, dass die Eltern alle mindestens zur oberen Mittelschicht gehören, einen Universitätsabschluss haben und daran glauben, dass man miteinander auskommen muss. Deshalb hat man diesen Kindern ein perfektes Sozialverhalten antrainiert.«

John ließ es dabei bewenden, weil Chetta ihn böse anfunkelte, aber er hätte noch weitergehen können. Er hätte sagen können, dass die meisten Kinder bis zum Alter von etwa sieben Jahren, dem sogenannten Alter der Vernunft, wie emotionale Echokammern reagierten. Wenn sie bei Menschen aufwuchsen, die miteinander auskamen und sich nicht anschnauzten, dann verhielten sie sich ebenso. Wurden sie hingegen von Leuten aufgezogen, die kratzten und brüllten, dann … nun ja …

Er behandelte Kinder nun schon zwanzig Jahre lang, ganz zu schweigen von der Erziehung zweier eigener Kinder, die inzwischen in guten, einem perfekten Sozialverhalten zuträglichen Internaten untergebracht waren. In dieser Zeit waren die romantischen Vorstellungen, die ihn bei der Entscheidung, Pädiater zu werden, beeinflusst hatten, zwar nicht völlig zunichtegemacht, aber doch modifiziert worden. Vielleicht kamen Kinder wirklich auf Wolken aus Herrlichkeit auf die Welt, wie Wordsworth so vertrauensvoll verkündet hatte, aber sie kackten auch in die Hose, bis sie gelernt hatten, dass man das lieber nicht tun sollte.

11

Silberhelle Glöckchen – wie die eines Eiswagens – erklangen in der Nachmittagsluft. Die Kinder drehten sich danach um, neugierig, was da wohl ankam.

Von der Garageneinfahrt der Stones her rollte eine liebenswerte Erscheinung auf den Rasen: ein junger Mann auf einem extrem überdimensionierten roten Dreirad. Er trug weiße Handschuhe und einen Anzug mit stark wattierten Schultern. Im Knopfloch hatte er eine Blume von der Größe einer Treibhausorchidee stecken. Seine ebenfalls übergroßen Hosen waren bis zu den Knien hochgezogen, damit er gefahrlos in die Pedale treten konnte. Am Lenker hingen diverse Glöckchen, die er mit den Fingen läutete, während sein Dreirad ständig von einer Seite auf die andere schwankte, ohne ganz umzufallen. Auf dem Kopf des jungen Mannes saß eine wirre, blaue Perücke, bedeckt von einer riesigen, braunen Melone. Hinter ihm kam David Stone, in einer Hand einen großen Koffer, in der anderen einen Klapptisch. Er sah nachdenklich drein.

»Hallo, Kinder!«, rief der Mann auf dem Dreirad. »Hallo, Kinder! Herbei, herbei, denn jetzt beginnt sie gleich, die Show!« Das musste er nicht zweimal sagen, denn die Kleinen liefen schon lachend und kreischend auf sein Dreirad zu.

Lucy gesellte sich zu John und Chetta, setzte sich, schob clownesk die Unterlippe vor und blies sich eine Haarsträhne aus den Augen. Am Kinn hatte sie einen Fleck aus Schokoglasur. »Da ist er, der Zauberer. Im Sommer tritt er als Straßenkünstler in Frazier und North Conway auf. Dave hat in einem von diesen Wochenblättchen eine Anzeige von ihm entdeckt, sich seine Show mal angesehen und ihn angeheuert. Eigentlich heißt er Reggie Pelletier, aber er nennt sich Der große Mysterio. Sehen wir mal, wie lange er die Kleinen bei der Stange halten kann, sobald sie sich sein schickes Dreirad angeschaut haben. Ich glaube, drei Minuten – höchstens.«

John fand, dass sie da unrecht haben könnte. Der Auftritt des jungen Mannes war perfekt darauf kalkuliert, die kindliche Fantasie anzuregen, und seine Perücke war lustig, statt den Kleinen Angst einzujagen. Auf seinem fröhlichen Gesicht war keine Spur Schminke, was ebenfalls eine gute Idee war. Die Wirkung von Clowns wurde nach Johns Meinung völlig falsch eingeschätzt. Kindern unter sechs Jahren jagten sie eine Heidenangst ein, ältere Kinder fanden sie hingegen einfach langweilig.

Meine Güte, hab ich heute eine miese Laune.

Das lag vielleicht daran, dass er irgendein krasses Ereignis erwartet hatte, und nichts war geschehen. Aus seiner Sicht war Abra ein völlig normales kleines Kind. Womöglich fröhlicher als die meisten ihrer Altersgenossen, aber die gute Laune schien in der Familie zu liegen. Außer wenn Chetta und Dave sich gegenseitig angifteten, natürlich.

»Man darf die Aufmerksamkeitsspanne kleiner Kinder nicht unterschätzen.« Er beugte sich an Chetta vorbei zu Lucy, um ihr mit seiner Papierserviette die Schokolade vom Kinn zu wischen. »Wenn er was vorbereitet hat, wird er sie mindestens fünfzehn Minuten bei der Stange halten. Vielleicht sogar zwanzig.«

»Ja, wenn er was vorbereitet hat.«

Es stellte sich heraus, dass Reggie Pelletier alias Der große Mysterio tatsächlich etwas vorbereitet hatte, und zwar etwas Gutes. Während sein treuer Assistent, der nicht-so-große Dave, den Tisch aufstellte und den Koffer öffnete, forderte Mysterio das Geburtstagskind und dessen Gäste auf, die Blume im Knopfloch zu bewundern. Als die Kinder näher kamen, spritzte ihnen daraus Wasser ins Gesicht, zuerst rot, dann grün, dann blau. Vom reichlich genossenen Süßkram aufgeputscht, kreischten die Kleinen vor Lachen.

»Und nun, liebe Kinder … Uh! Ah! Ih! Das kitzelt!«

Er nahm die Melone ab und zog ein weißes Kaninchen daraus hervor. Den Kindern verschlug es den Atem. Mysterio reichte das Kaninchen Abra, die es streichelte und weitergab, ohne dass man sie dazu auffordern musste. Dem Tier schien die Aufmerksamkeit nichts auszumachen. Vielleicht hatte es vor der Vorstellung ein paar mit Valium getränkte Pellets geknabbert, dachte John. Das letzte Kind gab es Mysterio zurück, der es wieder in den Hut steckte, mit der Hand darüberfuhr und dann die Innenseite des Huts vorzeigte. Bis auf das Futter in den Farben der amerikanischen Fahne war es leer.

»Wo ist das Häschen hin?«, fragte die kleine Susie Soong-Bartlett.

»In deine Träume, junge Dame«, sagte Mysterio. »Da wird es heute Nacht herumhüpfen. Na, wer will jetzt einen Zauberschal?«

Jungen wie Mädchen riefen »Ich, ich!«, worauf Mysterio Schals aus seinen Fäusten zog und verteilte. Es folgten weitere Tricks in rascher Abfolge. Laut John Daltons Armbanduhr standen die Kinder mindestens fünfundzwanzig Minuten im Halbkreis um den Zauberer und machten Stielaugen. Gerade als im Publikum erste Anzeichen von Unruhe erkennbar wurden, kam Mysterio zum Ende. Er zog fünf Teller aus seinem Koffer (der, als er ihn vorgezeigt hatte, scheinbar so leer gewesen war wie sein Hut), jonglierte damit und sang dabei »Happy Birthday«. Alle Kinder stimmten ein, und Abra schien vor Freude fast in der Luft zu schweben.

Die Teller kamen wieder in den Koffer. Mysterio zeigte dessen Inneres noch einmal vor, damit die Kinder sehen konnten, dass er leer war, dann zog er ein halbes Dutzend Löffel heraus. Die hängte er sich ins Gesicht, den letzten an die Nasenspitze. Davon war das Geburtstagskind besonders begeistert; es ließ sich lachend ins Gras plumpsen und umklammerte sich vor Freude mit den Armen.

»Abba kann das auch!«, verkündete Abra, die in letzter Zeit gern in der dritten Person von sich sprach, was David als ihre Cäsarenphase bezeichnete. »Abba kann Löffeln machen!«

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