Doctor Sleep - Страница 9


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Er erhob sich und blickte in den Spiegel. Der Schaden war nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Die Nase war geschwollen, aber nicht gebrochen – zumindest hatte er den Eindruck. Getrocknete Blutkrusten über seiner geschwollenen Oberlippe. An seinem rechten Wangenknochen war ein blauer Fleck (der Cowboy war Linkshänder gewesen), in dessen Mitte sich der blutige Eindruck eines Rings befand. Ein weiterer Bluterguss, ein großer, breitete sich oberhalb der linken Achselhöhle aus. Der stammte, meinte er sich zu erinnern, von einem Billardstock.

Er warf einen Blick in das Arzneischränkchen. Zwischen Tuben mit Schminke und diversen Gläschen mit rezeptfreien Medikamenten fand er drei verschreibungspflichtige Präparate. Das erste war ein Zeug, das häufig gegen Hefepilzinfektionen verschrieben wurde. Als er es sah, war er froh, dass er beschnitten war. Das zweite war eine Mischung aus Aspirin, Koffein und einem starken Schmerzmittel. Er öffnete es, sah ein halbes Dutzend Kapseln und steckte sich drei zur späteren Verwendung in die Tasche. Das letzte war eine weitere Kombination aus zwei Schmerzmitteln und Koffein, und das Gläschen war – zum Glück – fast voll. Er schluckte drei Kapseln mit kaltem Wasser. Als er sich übers Waschbecken beugte, wurden seine Kopfschmerzen noch schlimmer, aber er rechnete mit baldiger Erleichterung. Das Zeug, das er geschluckt hatte, sollte Migräne und Spannungskopfschmerz beseitigen, war aber auch ein todsicherer Katerkiller. Na gut … ein fast todsicherer.

Er wollte das Schränkchen schon schließen, blickte jedoch noch einmal hinein. Dann kramte er darin herum. Kein Pessar. Vielleicht war so ein Ding in ihrer Handtasche. Das hoffte er jedenfalls, denn er hatte kein Kondom benutzt. Wenn er sie gefickt hatte – woran er sich zwar nicht definitiv erinnerte, aber wahrscheinlich hatte er –, dann war’s kein Safer Sex gewesen.

Er zog seine Unterhose an und trottete zum Schlafzimmer zurück, wo er einen Moment in der Tür stehen blieb und die Frau betrachtete, die ihn nachts mit nach Hause genommen hatte. Ihre Arme und Beine waren ausgebreitet, alles war sichtbar. Nachts hatte sie in ihrem kurzen Lederrock, den Korksandaletten, dem bauchfreien Oberteil und den riesigen Ohrringen wie die Göttin des Westens ausgesehen. Jetzt am Morgen sah er die schlaffe, weiße Haut eines wachsenden Bierbauchs, und das Kinn zeigte erste Anzeichen einer Verdoppelung.

Außerdem sah er etwas Schlimmeres: Sie war gar keine richtig erwachsene Frau. Wahrscheinlich zwar nicht mehr minderjährig (bitte, lieber Gott, nicht minderjährig), aber bestimmt nicht älter als zwanzig, vielleicht sogar erst siebzehn oder achtzehn. An einer Wand hing ein ernüchternd kindisches Poster von KISS, auf dem Gene Simmons Feuer spuckte. An einer anderen sah man ein süßes Kätzchen, das mit erschrockenem Blick an einem Ast hing. DURCHHALTEN, BABY ermunterte das Poster seine Betrachter.

Er musste hier raus.

Die Kleider der beiden lagen durcheinander am Fuß der Matratze. Er trennte sein T-Shirt von ihrem Slip, zerrte es sich über den Kopf und stieg in seine Jeans. Als er den Reißverschluss schon halb zugezogen hatte, erstarrte er, weil ihm klar wurde, dass die linke Vordertasche wesentlich flacher war als nach dem Einlösen des Schecks am vergangenen Nachmittag.

Nein. Das kann nicht sein.

Sein Kopf, der sich ein winziges bisschen besser angefühlt hatte, begann wieder zu pochen, während sein Herzschlag sich beschleunigte, und als er die Hand in die Hosentasche schob, kam nichts zum Vorschein als ein Zehndollarschein und zwei Zahnstocher, von dem sich einer in das empfindliche Fleisch unter dem Nagel seines Zeigefingers gebohrt hatte. Was er allerdings kaum spürte.

Wir haben doch keine fünfhundert Dollar versoffen. Unmöglich. Wenn wir so viel gesoffen hätten, wären wir tot.

Sein Portemonnaie steckte noch in der Gesäßtasche. Ohne echte Hoffnung zog er es heraus, aber es bot keine freudige Überraschung. Offenbar hatte er den Zehner, der da normalerweise drin war, irgendwann in die Vordertasche gesteckt. Dort konnte das Ding in der Kneipe nicht so leicht geklaut werden, was ihm jetzt wie ein Witz vorkam.

Er betrachtete die schnarchende, ausgestreckt auf der Matratze liegende Mädchenfrau und wollte sich schon auf sie stürzen, um sie wach zu rütteln und zu fragen, was zum Teufel sie mit seinem Geld gemacht habe. Aber wenn sie es ihm geklaut hatte, wieso hatte sie ihn dann mit nach Hause genommen? Und war da nicht noch was gewesen? Irgendein weiteres Abenteuer, nachdem sie die Kneipe verlassen hatten? Da sein Kopf allmählich klarer wurde, kam ihm eine Erinnerung – verschwommen, aber wahrscheinlich korrekt –, dass sie mit dem Taxi zum Bahnhof gefahren waren.

Ich kenne einen Typ, der da abhängt, Süßer.

Hatte sie das wirklich gesagt, oder fantasierte er nur?

Sie hat es gesagt, ganz klar. Ich bin in Wilmington, der Präsident heißt Bill Clinton, und wir sind zum Bahnhof gefahren. Wo tatsächlich ein Typ war. Die Sorte, die ihre Geschäfte am liebsten auf der Männertoilette abwickelt, besonders wenn der Kunde ein etwas lädiertes Gesicht hat. Als er wissen wollte, wer mir eins übergezogen hat, hab ich ihm gesagt …

»Ich hab ihm gesagt, er soll sich um seinen eigenen Scheißdreck kümmern«, murmelte Dan.

Als sie die Toilette betreten hatten, hatte Dan ein Gramm kaufen wollen, damit die Kleine zufrieden war, nicht mehr als ein Gramm, und das auch nur, wenn das Zeug nicht zur Hälfte mit Mannitol gestreckt war. Deenie stand offenbar auf Koks, er jedoch nicht. Er hatte mal gehört, wie jemand dieses Zeug als Aspirin des reichen Mannes bezeichnet hatte, und er selbst war ganz und gar nicht reich. Dann jedoch war jemand aus einer der Kabinen gekommen. Ein Geschäftsmann mit einer Aktentasche, die ihm ans Knie schlug. Und als Mr. Geschäftsmann zu einem Waschbecken gegangen war, um sich die Hände zu waschen, hatte Dan Fliegen über sein Gesicht krabbeln sehen.

Todesfliegen. Mr. Geschäftsmann war ein lebender Toter und wusste es nicht.

Und danach hatte er offenbar richtig zugegriffen, anstatt sich wie geplant zu beschränken. Vielleicht hatte er es sich auch im letzten Augenblick anders überlegt. Möglich war das; er konnte sich nur an so wenig erinnern.

An die Fliegen erinnere ich mich allerdings.

Ja. An die erinnerte er sich. Der Alkohol hatte sein Shining gedämpft, es bewusstlos geschlagen, aber er war sich nicht sicher, ob die Fliegen überhaupt mit seinem Shining zu tun hatten. Sie kamen, wann immer sie wollten, egal ob er besoffen oder nüchtern war.

Wieder dachte er: Ich muss hier raus.

Wieder dachte er: Ich wünschte, ich wäre tot.

2

Deenie gab ein leises Schnarchen von sich und drehte sich von dem erbarmungslosen Morgenlicht weg. Mit Ausnahme der Matratze auf dem Boden war das Zimmer völlig unmöbliert; es enthielt nicht mal eine Second-Hand-Kommode. Der begehbare Kleiderschrank stand offen, und Dan sah, dass der größere Teil von Deenies spärlicher Garderobe in zwei Wäschekörben aus Plastik lagerte. Die wenigen Sachen auf Kleiderbügeln sahen aus wie Klamotten, in denen man durch die Kneipen zog. Er sah ein rotes T-Shirt, auf dem in Pailletten SEXY GIRL stand, und einen Jeansrock mit modisch ausgefranstem Saum. Unten standen zwei Paar Sneakers, zwei Paar flache Treter und ein Paar aufreizende, hochhackige Riemchensandaletten. Ohne Korksohle allerdings. Und keine Spur von seinen ramponierten Reeboks.

Dan konnte sich nicht daran erinnern, ob sie die Schuhe abgestreift hatten, als sie hereingekommen waren, aber wenn, dann waren die Dinger im Wohnzimmer, an das er sich tatsächlich erinnern konnte – vage. Vielleicht lag da auch ihre Handtasche. Womöglich hatte er ihr den Rest seines Bargelds gegeben, damit sie es sicher verwahrte. Das war zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Er steuerte seinen pochenden Kopf durch den kurzen Flur in das wohl einzige andere Zimmer der Wohnung. Die Küchenzeile an der gegenüberliegenden Wand war mit einer Kochplatte und einem Minikühlschrank unter der Arbeitsfläche ausgestattet. Im Wohnbereich stand ein Sofa mit hervorquellender Polsterung. An einer Seite war es mit mehreren Ziegelsteinen abgestützt. Der große Fernseher davor hatte einen in der Mitte der Röhre herablaufenden Sprung, ursprünglich geflickt mit einem Streifen Packband, der inzwischen nur noch an einer Ecke baumelte. Auf dem Band klebten ein paar Fliegen, von denen eine noch schwach zappelte. Dan betrachtete sie mit morbider Faszination und dachte (nicht zum ersten Mal) darüber nach, dass der verkaterte Blick die merkwürdige Eigenschaft besaß, in jeder beliebigen Umgebung das Hässlichste zu entdecken.

Vor dem Sofa stand ein Couchtisch. Darauf befanden sich ein mit Kippen gefüllter Aschenbecher, ein mit weißem Pulver gefüllter Plastikbeutel und eine Ausgabe von People, auf der weiteres Pulver verstreut war. Vervollständigt wurde das Bild von einem noch halb zusammengerollten Dollarschein. Er wusste nicht, wie viel sie geschnupft hatten, aber angesichts der Menge, die noch übrig war, konnte er seine fünfhundert Dollar in den Wind schreiben.

Scheiße. Dabei mag ich Koks nicht mal. Wie hab ich es überhaupt geschnupft? Ich kann ja kaum atmen.

Er hatte es gar nicht geschnupft. Das hatte sie getan. Er hatte es sich aufs Zahnfleisch gerieben. Langsam fiel ihm alles wieder ein. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn es weggeblieben wäre, aber zu spät.

Die Todesfliegen auf der Toilette, die den Mund von Mr. Geschäftsmann als Ein- und Ausgang benutzt hatten und über die feuchte Oberfläche seiner Augen gekrochen waren. Der Dealer, der Dan gefragt hatte, was er da anstarre. Dan, der ihm sagte, ach, nichts Besonderes, nicht weiter wichtig, sehen wir mal, was du da hast. Es stellte sich heraus, dass der Kerl eine Menge hatte. Das war meistens so. Als Nächstes kam die Fahrt mit einem anderen Taxi zu Deenies Wohnung, bei der sie schon von ihrem Handrücken geschnupft hatte, zu gierig – oder zu bedürftig –, abwarten zu können. Dabei hatten sie beide versucht, »Mr. Roboto« zu singen.

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