Doctor Sleep - Страница 93


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»Ich kann mit meiner Geschichte anfangen, während wir zur Wohnung deiner Großmutter fahren«, sagte Dan und erhob sich. Es kostete ihn einige Mühe. »Gehen wir.«

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Er hatte genug Zeit, Lucy zu erzählen, wie er ganz verloren in einem Bus aus Massachusetts gesessen hatte, um dann – kurz nach der Grenze von New Hampshire – seine letzte Flasche Schnaps in einen Mülleimer mit der Aufschrift WENN SIE’S NICHT MEHR BRAUCHEN, LASSEN SIE’S HIER zu werfen. Er erzählte, wie sein Kindheitsfreund Tony zum ersten Mal seit Jahren zu ihm gesprochen hatte, als der Bus in Frazier angekommen war. Das ist der Ort, hatte Tony gesagt.

Von da aus machte er einen Sprung zurück zu der Zeit, als er noch Danny statt Dan gewesen war (und manchmal Doc wie in Is’ was, Doc?). Damals war sein unsichtbarer Freund Tony absolut notwendig für ihn gewesen, denn sein Shining war nur eine der Bürden, die Tony ihm tragen half, und nicht die größte. Die größte war sein Alkoholikervater, ein seelisch gestörter und letztlich gefährlicher Mann, den Danny und dessen Mutter sehr geliebt hatten – vielleicht ebenso wegen wie trotz seinen Schwächen.

»Er war schrecklich jähzornig, und man brauchte keine telepathischen Fähigkeiten, um zu wissen, wann es ihn wieder übermannte. Normalerweise war er dann betrunken. Auf jeden Fall war er das an dem Abend, als er mich in seinem Arbeitszimmer dabei erwischt hat, wie ich sein Manuskript auf dem Boden verteilte. Da hat er mir den Arm gebrochen.«

»Wie alt warst du da?«, fragte Dave. Er saß neben seiner Frau auf dem Rücksitz.

»Vier, glaube ich. Vielleicht sogar noch jünger. Wenn er auf dem Kriegspfad war, hatte er die Angewohnheit, sich den Mund zu reiben.« Er führte es vor. »Kennt ihr vielleicht jemand, der das auch tut, wenn er durcheinander ist?«

»Abra«, sagte Lucy. »Ich dachte, das hat sie von mir.« Sie hob die rechte Hand zum Mund, fing sie dann mit der linken ein und legte sie wieder in den Schoß. Als Dan und Abra auf der Bank vor der Stadtbücherei von Anniston zum ersten Mal zusammengekommen waren, hatte Abra genau dasselbe getan. »Und ich dachte, sie hat ihr Temperament von mir. Manchmal bin ich nämlich ganz schön … schroff.«

»Als ich das erste Mal gesehen hab, wie Abra sich den Mund rieb, hab ich an meinen Vater gedacht«, sagte Dan. »Aber ich hatte andere Dinge im Kopf, deshalb hab ich es vergessen.« Dabei fiel ihm Watson ein, der reguläre Hausmeister des Overlooks, der seinem Vater den wenig vertrauenswürdigen Heizkessel des Hotels gezeigt hatte. Passen Sie gut auf das Ding auf, hatte Watson gesagt. Der Druck kriecht langsam höher. Aber am Ende hatte Jack Torrance das vergessen. Das war der Grund, weshalb Dan noch am Leben war.

»Willst du etwa sagen, du bist durch diese kleine Angewohnheit darauf gekommen, dass wir verwandt sind? Eine ganz schöne Leistung, vor allem weil ja wir zwei uns ähnlich sehen, nicht du und Abra – die schlägt bekanntlich mehr nach ihrem Vater.« Lucy hielt nachdenklich inne. »Aber natürlich habt ihr beide eine andere Eigenschaft, die offenbar in der Familie liegt – Dave sagt, du nennst es Shining oder Hellsichtigkeit. Dadurch hast du es erkannt, stimmt’s?«

Dan schüttelte den Kopf. »In dem Jahr, als mein Vater starb, habe ich einen Freund gewonnen. Er hieß Dick Hallorann und war der Koch im Hotel Overlook. Er hatte dieselbe Gabe wie ich, und er hat mir gesagt, viele Menschen besäßen ein wenig davon. Damit hatte er recht. In meinen Leben bin ich auf allerhand Leute gestoßen, die mehr oder weniger hellsichtig waren. Zum Beispiel gehört Billy Freeman dazu, und das ist auch der Grund, weshalb er jetzt bei Abra ist.«

John lenkte den Suburban auf den kleinen Parkplatz hinter Concettas Wohnanlage, aber vorläufig stieg niemand aus. Obwohl sie sich Sorgen um ihre Tochter machte, war Lucy von der Geschichte fasziniert. Dan musste sie gar nicht ansehen, um das zu erkennen.

»Aber wenn es nicht euer Shining war, was dann?«

»Als wir mit der Riv zum Wolkentor gefahren sind, hat Dave erwähnt, dass du im Keller von Concettas Haus einen gewissen Koffer gefunden hast.«

»Ja. Der stammt von meiner Mutter. Ich hatte keine Ahnung, dass Momo etwas von ihr aufbewahrt hat.«

»Dave hat John und mir erzählt, deine Mutter hätte sich gern auf Partys herumgetrieben.« In Wirklichkeit hatte Dave das nicht Dan erzählt, sondern seiner Tochter, die telepathisch mit Dan verbunden gewesen war, aber solche Details brauchte Dans frisch entdeckte Halbschwester nicht zu wissen, zumindest vorläufig nicht.

Lucy warf Dave jenen vorwurfsvollen Blick zu, den aus der Schule plaudernde Ehemänner bestens kannten, schwieg jedoch.

»Außerdem hat er erzählt, nach ihrem Studium in Albany hätte deine Mutter in Vermont oder Massachusetts ein Praktikum an einer Privatschule gemacht. Mein Vater hat in Vermont Englisch unterrichtet, bis man ihn rauswarf, weil er einen Schüler geschlagen hat. An einer Privatschule in Stovington. Und laut meiner Mutter ist er damals ebenfalls gern auf Partys gegangen. Sobald ich wusste, das Abra und Billy in Sicherheit sind, hab ich mir alles zusammengereimt. Aber ich dachte, wenn jemand es genau weiß, dann Alessandras Mutter. Deine Momo.«

»Und hat sie es gewusst?«, fragte Lucy. Sie hatte sich vorgebeugt und die Hände auf die Ablage zwischen den Vordersitzen gestützt.

»Nicht vollständig, und wir hatten nicht viel Zeit, aber sie wusste genug. In welcher Stadt deine Mutter ihr Praktikum gemacht hat, wusste sie nicht, aber dass es in Vermont war. Und dass sie eine kurze Affäre mit ihrem Betreuungslehrer hatte. Der, wie sie sagte, nebenbei Schriftsteller war.« Dan machte eine Pause. »Mein Vater war Schriftsteller. Er hatte zwar erst ein paar Kurzgeschichten veröffentlicht, aber teilweise in sehr bekannten Zeitschriften wie dem Atlantic Monthly. Nach seinem Namen hat Concetta nie gefragt, und Alessandra hat ihn auch nie von sich aus erwähnt, aber falls ihre Unterlagen in diesem Koffer im Keller sind, wird darin wahrscheinlich stehen, dass sie von John Edward Torrance betreut wurde.« Er gähnte und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Mehr kann ich jetzt beim besten Willen nicht erzählen. Gehen wir rauf. Drei Stunden Schlaf für uns alle, und dann auf nach Upstate New York. Die Straßen werden leer sein, also sollten wir gut vorankommen.«

»Schwörst du mir, dass sie in Sicherheit ist?«, fragte Lucy.

Dan nickte.

»Na gut, ich werde warten. Aber wirklich nur drei Stunden. Wenn du allerdings meinst, ich könnte einschlafen …« Sie lachte, doch in ihrer Stimme lag keinerlei Humor.

9

Als sie Concettas Wohnung betreten hatten, schritt Lucy direkt zur Mikrowelle in der Küche, stellte den Timer ein und zeigte darauf. Dan nickte, dann gähnte er wieder. »Halb vier, dann geht’s los.«

Sie betrachtete ihn mit ernster Miene. »Weißt du, am liebsten würde ich ohne euch losfahren. Gleich in dieser Minute.«

Er lächelte schwach. »Ich glaube, du solltest lieber erst den Rest der Geschichte hören.«

Sie nickte grimmig. »Das und die Tatsache, dass meine Tochter sich von dieser Droge erholen muss, sind die einzigen Dinge, die mich aufhalten. Und jetzt legt euch hin, bevor ihr mitten im Zimmer umfallt.«

Dan und John nahmen das Gästezimmer. An der Tapete und den Möbeln war zu erkennen, dass es hauptsächlich für den Besuch einer gewissen jungen Dame bereitgestanden hatte, aber gelegentlich hatte Concetta offenbar auch andere Gäste gehabt, denn es gab zwei Betten.

Als sie im Dunkeln lagen, sagte John: »Es ist wohl kein Zufall, dass dieses Hotel, in dem du als Kind warst, auch in Colorado stand, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Dann hält der Wahre Knoten, wie du ihn nennst, sich an demselben Ort auf?«

»Genau.«

»Und in dem Hotel hat’s gespukt, wie du mir erzählt hast.«

Die Geisterleute, dachte Dan. »Ja.«

Daraufhin sagte John etwas, was Dan überraschte und ihn vorübergehend vom Rand des Schlafes zurückholte. Dave hatte recht gehabt – am leichtesten übersah man etwas, was sich direkt vor der eigenen Nase befand. »Eigentlich ist das ganz logisch, denke ich … jedenfalls sobald man die Vorstellung akzeptiert, dass es übernatürliche Wesen unter uns gibt, die sich von uns ernähren. Ein unheilvoller Ort muss unheilvolle Kreaturen anziehen. Die fühlen sich dort ganz zu Hause. Meinst du, diese Leute verfügen anderswo im Land über ähnliche Orte? Orte, die ebenfalls eine … wie soll ich es nennen … kalte Energie ausstrahlen?«

»Bestimmt.« Dan legte den Arm über die Augen. Sein ganzer Körper schmerzte, und ihm dröhnte der Kopf. »John, ich würde gern die ganze Nacht mit dir quatschen wie zwei Jungs bei einer Pyjamaparty, aber ich brauche wirklich mal eine Mütze Schlaf.«

»Klar, aber …« John stützte sich auf einen Ellbogen. »Eigentlich hätten wir gleich vom Krankenhaus aus starten können, wie Lucy es wollte. Weil dir Abra doch genauso am Herzen liegt wie ihr. Du meinst zwar, dass sie in Sicherheit ist, aber da könntest du dich ja täuschen.«

»Tue ich nicht.« Er hoffte, dass dem so war. Das musste er hoffen, denn es war einfach so, dass er jetzt nicht losfahren konnte. Wäre es nur nach New York gegangen, vielleicht. Aber es war weiter, und er musste schlafen. Sein ganzer Körper rief danach.

»Was ist denn los mit dir, Dan? Du siehst nämlich schrecklich aus.«

»Nichts. Bin bloß müde.«

Dann versank er, erst in Dunkelheit und dann in einen wirren Albtraum, in dem er durch endlose Flure rannte, während ihm ein Schatten folgte. Der schwang einen Roque-Schläger von einer Seite zur anderen, sodass die Tapete platzte und Gipswolken in die Luft stoben. Komm her, du kleiner Scheißkerl, brüllte der Schatten. Komm her, du Nichtsnutz, und hol dir, was du verdienst!

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