»Abra hat telepathisch Kontakt zu Rose aufgenommen. Sie hat ihr gesagt, dass sie zu ihr kommt.«
»Was hat sie getan?«
»Das ist ihr Temperament«, sagte Dave ruhig. »Ich hab ihr schon tausendmal gesagt, es wird sie noch in Schwierigkeiten bringen.«
»Sie wird bestimmt nicht in die Nähe dieser Frau und ihrer Mörderbande kommen«, sagte Lucy.
Dan dachte: Ja … und nein. Er nahm Lucys Hand. Die wollte sie ihm erst entziehen, tat es dann aber doch nicht.
»Du musst etwas ganz Einfaches verstehen«, sagte er. »Freiwillig werden diese Leute nie aufgeben.«
»Aber …«
»Kein Aber, Lucy. Unter anderen Umständen hätte diese Frau wahrscheinlich beschlossen, es dabei bewenden zu lassen – schließlich ist sie eine gewiefte Anführerin –, aber da ist noch ein weiterer Faktor.«
»Und der wäre?«
»Sie sind krank«, sagte John. »Abra meint, es sind die Masern. Möglicherweise haben sie sich bei diesem Jungen aus Iowa angesteckt. Weiß nicht, ob man das als Rache Gottes oder bloß als Ironie des Schicksals bezeichnen soll.«
»Die Masern?«
»Das hört sich vielleicht nicht so gefährlich an, aber glaub mir, da irrst du dich. Wenn früher ein Kind Masern bekam, haben sich alle seine Geschwister angesteckt. Falls das bei diesen Leuten passiert, werden sie dadurch womöglich ausgelöscht.«
»Großartig!«, rief Lucy. Das zornige Lächeln auf ihrem Gesicht kannte Dan nur zu gut.
»Nicht, wenn sie meinen, dass Abras außergewöhnlich starker Steam sie heilen wird«, sagte Dave. »Darum geht es ja gerade, Schatz. Das ist nicht bloß ein kleines Gerangel; diese Frau und ihre Leute kämpfen ums Überleben.« Er hatte sichtlich mit sich zu ringen, bevor er den Rest herausbrachte. Weil es gesagt werden musste. »Wenn diese Frau die Chance bekommt, wird sie unsere Tochter bei lebendigem Leib auffressen.«
13
»Wo sind die eigentlich?«, fragte Lucy. »Dieser Wahre Knoten, wo hält er sich auf?«
»In Colorado«, sagte Dan. »Auf einem Campingplatz in der Nähe der Stadt Sidewinder.« Dass sich dieser Campingplatz genau an dem Ort befand, an dem er fast durch die Hand seines Vaters gestorben wäre, wollte er nicht erwähnen, weil es zu weiteren Fragen und Zufall-oder-nicht-Spekulationen geführt hätte. Und er war sich ohnehin sicher, dass so etwas wie Zufall nicht existierte.
»In dieser Stadt muss es doch eine Polizeistation geben«, sagte Lucy. »Da rufen wir einfach an und sagen, was los ist.«
»Und was genau sagen wir da?« John klang dabei sanft und aufgeschlossen.
»Na, halt … dass …«
»Wenn wir die Cops tatsächlich dazu bringen sollten, zu diesem Campingplatz zu fahren, dann werden sie dort bloß einen Haufen mittelalter und älterer Amerikaner finden«, sagte Dan. »Harmlose Wohnmobilbesitzer, die Sorte, die einem immer Bilder von ihren Enkeln zeigen will. Die Papiere von denen sind vermutlich in bester Ordnung, von der Hundemarke bis zum Grundbucheintrag. Selbst wenn die Polizei einen Durchsuchungsbefehl bekäme – was nicht der Fall wäre, weil es dafür keinen plausiblen Grund gäbe –, würde sie keinerlei Schusswaffen finden, weil der Wahre Knoten so etwas nicht braucht. Seine Waffen befinden sich hier oben.« Er tippte sich an die Stirn. »Dich, Lucy, würde man für eine ausgeflippte Mutter aus New Hampshire halten, Abra für deine ausgeflippte Tochter, die von zu Hause weggelaufen ist, und uns für deine ausgeflippten Freunde.«
Lucy presste sich die Hände an die Schläfen. »Ich kann einfach nicht glauben, was gerade vor sich geht.«
»Wenn man in den Unterlagen stöbert, würde man wahrscheinlich feststellen, dass der Wahre Knoten – egal unter welchem Namen er offiziell firmiert – sich gegenüber diesem Ort in Colorado sehr großzügig gezeigt hat. Eine Hand wäscht die andere, und wer rechtzeitig vorsorgt, hat eine Menge Freunde, wenn es hart auf hart kommt.«
»Diese Typen treiben schon sehr lange ihr Unwesen, nicht wahr?«, sagte John. »Denn das Wichtigste, was sie durch diesen Steam bekommen, ist offenbar eine verlängerte Lebensdauer.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass deine Einschätzung zutrifft«, sagte Dan. »Und als gute Amerikaner haben sie sich die ganze Zeit über bestimmt fleißig damit beschäftigt, Geld zu machen. Genug, Räder zu schmieren, die wesentlich größer sind als die in Sidewinder. Auf Staats- und Bundesebene.«
»Und diese Rose … die wird nicht aufgeben.«
»Nein.« Dan dachte an die Vision, die er von ihr gehabt hatte. An den schief sitzenden Zylinder. Den aufgesperrten Mund. Den einzelnen Zahn. »Ihr Herz hängt an der Jagd auf eure Tochter.«
»Eine Frau, die sich am Leben hält, indem sie Kinder tötet, hat kein Herz«, sagte Dave.
»O doch, sie hat eines«, sagte Dan. »Aber es ist schwarz.«
Lucy erhob sich. »Genug geredet. Ich will jetzt sofort zu Abra. Alle Mann vorher auf die Toilette, sobald wir im Auto sitzen, halten wir nämlich nicht an, bevor wir an diesem Motel angekommen sind.«
»Gibt’s hier in der Wohnung einen Computer?«, fragte Dan. »Falls ja, muss ich mir vor der Abfahrt kurz was anschauen.«
Lucy seufzte. »Der steht im Arbeitszimmer, und das Passwort wirst du wohl erraten. Aber wenn du mehr als fünf Minuten brauchst, starten wir ohne dich.«
14
Rose lag stocksteif im Bett, zitternd vor Steam und wilder Wut.
Als um Viertel nach zwei ein Motor ansprang, hörte sie es. Steamhead Steve und Baba the Red. Um zwanzig vor vier hörte sie das nächste Motorengeräusch. Diesmal waren es Pea und Pod, die Little-Zwillinge. Begleitet wurden sie von Sweet Terri Pickford, die zweifellos nervös durchs Rückfenster spähte, ob Rose irgendwo zu sehen war. Big Mo hatte gefragt, ob sie mitkommen könne – sie hatte regelrecht darum gefleht –, war jedoch abgewiesen worden, weil sie die Krankheit im Leib hatte.
Rose hätte diese Typen aufhalten können, aber wozu? Die sollten ruhig herausfinden, wie das Leben in Amerika war, wenn sie auf sich selbst gestellt waren, ohne den Wahren Knoten, der sie im Lager beschützte und ihnen unterwegs den Rücken freihielt. Vor allem wenn ich Toady sage, er soll ihre Kreditkarten kündigen und ihre dicken Bankkonten leeren, dachte sie.
Mit Jimmy Numbers war Toady zwar nicht zu vergleichen, aber um so etwas konnte er sich durchaus kümmern, und zwar mit einem einzigen Knopfdruck. Und er würde verfügbar sein. Toady blieb bestimmt bei der Stange. Wie alle, die wirklich was draufhatten … beziehungsweise fast alle. Dirty Phil, Apron Annie und Diesel-Doug befanden sich nämlich nicht mehr auf dem Rückweg. Sie hatten abgestimmt und beschlossen, stattdessen in Richtung Süden zu fahren. Diesel hatte den anderen gesagt, man könne Rose nicht mehr vertrauen, außerdem sei es schon lange an der Zeit, den Knoten zu durchtrennen.
Viel Glück dabei, Süßer, dachte sie, während sie automatisch die Fäuste ballte und wieder öffnete.
Den Wahren Knoten zu spalten war eine furchtbare Vorstellung, aber es war gut, die Herde ein bisschen auszudünnen. Sollten die Schwächlinge doch davonlaufen und die Kranken sterben. Wenn auch dieses verfluchte Mädchen tot war und sie seinen Steam geschluckt hatten (die Illusion, es als Gefangene zu halten, hatte Rose inzwischen aufgegeben), dann würden die etwa fünfundzwanzig verbliebenen Wahren stärker sein denn je. Sie trauerte um Crow, und sie wusste, dass es niemand gab, der wirklich in seine Fußstapfen treten konnte, aber Token Charlie tat bestimmt sein Bestes. Das galt auch für Harpman Sam … Bent Dick … Fat Fannie und Long Paul … und für Greedy G, die zwar keine Leuchte, aber treu und gehorsam war.
Außerdem: Nachdem die anderen weg waren, würde der Steam, den sie noch in Reserve hatten, länger reichen und die Verbliebenen stärker machen. Stark mussten sie nämlich sein.
Komm nur her zu mir, du kleines Aas, dachte Rose. Mal sehen, wie stark du bist, wenn zwei Dutzend von uns gegen dich stehen. Mal sehen, wie es ist, wenn du alleine gegen den Wahren Knoten kämpfst. Wir werden deinen Steam essen und dein Blut auflecken. Aber zuerst trinken wir deine Schreie.
Rose starrte in die Dunkelheit hinauf und hörte die verklingenden Stimmen der Flüchtenden, der Treulosen.
Ein leises, schüchternes Klopfen an der Tür. Rose blieb schweigend noch ein Weilchen liegen und dachte nach, dann schwang sie die Beine vom Bett.
»Komm rein.«
Sie war nackt, machte jedoch keine Anstalten, sich zu verhüllen, als Silent Sarey hereingeschlichen kam, konturenlos in ihrem Nachthemd aus Flanell. Ihr mausgrauer Pony hing ihr bis fast über die Augen in die Stirn. Wie immer schien sie kaum vorhanden zu sein, obwohl sie da war.
»Bin laulig, Lose.«
»Weiß schon. Ich bin auch traurig.«
Das stimmte zwar nicht – sie tobte vor Wut –, aber es klang gut.
»Lose, isch vamisse Andi.«
Andi, ja – Tölpelname Andrea Steiner, deren Vater ihr die Menschlichkeit aus dem Hirn gefickt hatte, lange bevor sie auf den Wahren Knoten gestoßen war. Rose erinnerte sich an den Tag, an dem sie Andi im Kino beobachtet hatte, und daran, wie Andi später mit schierem Mumm und ihrer Willenskraft die Umwandlung überstanden hatte. Snakebite Andi wäre bei der Stange geblieben. Sie wäre durchs Feuer gegangen, wenn Rose sie aufgefordert hätte, es für den Wahren Knoten zu tun.
Sie streckte die Arme aus. Sarey huschte auf sie zu und legte ihr den Kopf an die Brust.
»Ohne Andi will isch stelben.«
»Nein, Liebes, das glaube ich nicht.« Rose zog das kleine Ding zu sich ins Bett und umarmte es fest. Sarey war nichts als ein Knochengerüst, das von etwas Fleisch zusammengehalten wurde. »Sag mir, was du wirklich willst.«