»Momo, ich hab furchtbare Angst«, sagte sie. Aber nachdem sie zweimal tief durchgeatmet hatte, um sich zu beruhigen, griff sie nach ihrem iPhone und wählte die Nummer der Overlook Lodge auf dem Bluebell Campground. Ein Mann meldete sich, und als Abra sagte, dass sie mit Rose sprechen wolle, fragte er sie nach ihrem Namen.
»Sie wissen doch, wer ich bin«, sagte sie. Und fügte mit einer hoffentlich provokant wirkenden Neugier hinzu: »Sind Sie eigentlich schon krank, Mister?«
Darauf gab der Mann am anderen Ende (es war Toady Slim) keine Antwort, aber sie hörte, wie er jemand etwas zumurmelte. Einen Moment später war Rose am Telefon, inzwischen wieder deutlich gefasster.
»Hallo, meine Liebe. Wo bist du?«
»Auf dem Weg«, sagte Abra.
»Tatsächlich? Das ist fein, meine Liebe. Also würde ich nicht feststellen, dass der Anruf aus New Hampshire kommt, wenn ich das nachher überprüfen würde?«
»Oje, doch das würdest du«, sagte Abra. »Ich rufe nämlich mit meinem Handy an. Wir leben inzwischen im 21. Jahrhundert, du Intelligenzbestie.«
»Was willst du?« Nun klang die Stimme barsch.
»Dafür sorgen, dass du die Regeln kennst«, sagte Abra. »Ich werde morgen um fünf Uhr nachmittags da sein. Ich komme in einem alten, roten Pick-up.«
»Wer fährt den?«
»Mein Onkel Billy«, sagte Abra.
»Ist das einer von denen, die meinen Leuten eine Falle gestellt haben?«
»Nein, er war bei mir und deinem Crow. Hör auf, mir Fragen zu stellen. Halt einfach die Klappe, und hör zu.«
»Wie unhöflich«, sagte Rose betrübt.
»Er stellt seinen Wagen am Parkplatzende vor dem Schild ab, auf dem steht, dass alle Kinder umsonst was zu essen bekommen, wenn eine Mannschaft aus Colorado gewonnen hat.«
»Ich sehe, du hast dir unsere Website angeschaut. Das ist aber nett. Oder war es vielleicht dein Onkel? Übrigens ist es sehr tapfer von ihm, sich als Chauffeur zur Verfügung zu stellen. Ist er der Bruder von deinem Vaters oder von deiner Mutter? Tölpelfamilien sind nämlich ein Hobby von mir. Ich zeichne liebend gern Stammbäume.«
Sie wird versuchen herumzuschnüffeln, hatte Dan gesagt und damit vollkommen recht gehabt.
»Hab ich dir nicht gesagt, du sollst die Klappe halten und zuhören? Ist das so schwer zu kapieren? Willst du nun, dass ich komme, oder nicht?«
Keine Antwort, nur erwartungsvolles Schweigen. Unheimliches erwartungsvolles Schweigen.
»Vom Parkplatz aus werden wir alles sehen können: den Campingplatz, die Lodge und das Dach der Welt ganz oben auf dem Hang. Wäre besser, wenn mein Onkel und ich dich da oben stehen sehen und nirgendwo diese Typen von deinem Wahren Knoten. Die werden schön in der Lodge bleiben, während wir aufeinandertreffen. In dem großen Raum dort, ist das klar? Onkel Billy wird zwar nicht wissen, ob die nicht da sind, wo sie sein sollen, aber ich schon. Wenn ich merke, dass auch nur ein Einziger von denen irgendwo anders ist, sind wir sofort wieder weg.«
»Dein Onkel wird wohl in seinem Wagen bleiben?«
»Nein. Ich bleibe im Wagen, bis er sich gründlich umgesehen hat. Dann steigt er wieder ein, und ich komme zu dir. Ich will nämlich nicht, dass er in deine Nähe kommt.«
»In Ordnung, meine Liebe. Es wird genau so sein, wie du gesagt hast.«
Nein, wird es nicht. Du lügst.
Das tat Abra jedoch auch, weshalb sie eigentlich quitt waren.
»Ich habe noch eine wirklich wichtige Frage, meine Liebe«, sagte Rose freundlich.
Fast hätte Abra sich erkundigt, wie diese Frage lautete, aber dann erinnerte sie sich an den Rat ihres Onkels. Ihres echten Onkels. Eine Frage, klar. Die zu einer weiteren führen würde … und zu noch einer … und noch einer.
»Erstick dran«, sagte sie und legte auf. Ihre Hände begannen zu zittern. Dann ihre Beine, Arme und Schultern.
»Abra?« Mama. Die stand unten an der Treppe. Sie spürt es. Bloß ein wenig, aber sie spürt es tatsächlich. Ist das so ein Mütterding, oder hat sie auch ein kleines bisschen Shining? »Ist alles in Ordnung, Schatz?«
»Klar, Mama! Ich mache mich gerade bettfertig!«
»Zehn Minuten, dann kommen wir hoch, um dir gute Nacht zu sagen. Bis dahin bist du im Schlafanzug.«
»Bin ich!«
Wenn die wüssten, mit wem ich gerade gesprochen habe, dachte Abra. Aber das wussten sie nicht. Sie bildeten sich nur ein zu wissen, was abging. Weil Abra in ihrem Zimmer war und weil alle Türen und Fenster im Haus abgeschlossen waren, dachten sie, Abra wäre in Sicherheit. Selbst ihr Vater dachte das, obwohl er den Wahren Knoten in Aktion gesehen hatte.
Aber Dan wusste Bescheid. Sie schloss die Augen und dachte an ihn.
9
Dan und Billy standen wieder unter dem Vordach eines Motels. Immer noch keine Nachricht von Abra. Das war schlecht.
»Komm schon, Junge«, sagte Billy. »Gehen wir rein. Du brauchst jetzt endlich …«
Da war sie. Gott sei Dank.
»Sei mal einen Moment still«, sagte Dan und lauschte. Zwei Minuten später drehte er sich zu Billy um und strahlte ihn an. Als Billy das sah, hatte er das Gefühl, endlich wieder den echten Dan Torrance vor sich zu haben.
»War sie das?«, fragte Billy.
»Ja.«
»Wie ist es gelaufen?«
»Laut Abra ausgezeichnet. Wir sind im Geschäft.«
»Keine Fragen über meine Wenigkeit?«
»Bloß danach, von welcher Seite der Familie du stammst. Hör mal, Billy, die Idee mit dem Onkel war ein kleiner Fehler. Schließlich bist du viel zu alt, um der Bruder von Lucy oder David zu sein. Wenn wir morgen anhalten, um unseren Einkauf zu machen, musst du dir eine Sonnenbrille kaufen. Eine große. Und zieh deine Mütze bis zu den Ohren runter, damit man deine Haare nicht sieht.«
»Vielleicht sollte ich mir auch gleich eine Tube Haartönung besorgen, wenn ich schon dabei bin.«
»Werd bloß nicht frech, du alter Sack!«
Darüber musste Billy grinsen. »Lass uns an die Rezeption gehen, und dann bestellen wir uns was zu essen. Du siehst schon ein bisschen besser aus als vorhin. Als könntest du tatsächlich was vertragen.«
»Suppe«, sagte Dan. »Hat keinen Sinn, mein Glück überzustrapazieren.«
»Gut, dann eben Suppe.«
Er aß seinen Teller leer. Langsam. Und da er sich währenddessen daran erinnerte, dass es in vierundzwanzig Stunden vorüber sein würde – auf die eine oder andere Weise –, schaffte er es, sich nicht zu übergeben. Sie aßen in Billys Zimmer, und als Dan endlich fertig war, streckte er sich auf dem Teppichboden aus. Die Schmerzen in seinem Bauch ließen sich dadurch etwas besänftigen.
»Was machst du denn da?«, erkundigte sich Billy. »Ist das irgend so ein Yoga-Mist?«
»Genau. Hab ich mir von Yogi Bär abgeschaut. Und jetzt geh bitte noch mal alles durch.«
»Ich hab’s schon kapiert, Junge, mach dir keine Sorgen. Allmählich hörst du dich an wie Casey Kingsley.«
»Eine erschreckende Vorstellung. Und jetzt geh noch mal alles durch.«
»Abra pingt die Gegend von Denver ab, wie ihr das nennt. Wenn die jemand haben, der Abra empfangen kann, wissen sie, dass sie kommt. Und dass sie nun in der Nähe ist. Wir kommen etwas früher nach Sidewinder – sagen wir um vier statt um fünf – und fahren einfach an der Abzweigung zum Campingplatz vorbei. Sie werden unseren Wagen nicht sehen. Außer sie haben an der Straße einen Wachposten aufgestellt.«
»Ich glaube nicht, dass sie das tun.« Dan dachte an einen weiteren Sinnspruch der Anonymen Alkoholiker: Wir sind machtlos gegenüber Menschen, Orten und Dingen. Wie die meisten AA-Weisheiten war das zu siebzig Prozent wahr und zu dreißig Prozent Schwachsinn. »Abgesehen davon haben wir eben nie alles in der Hand. Sprich weiter.«
»Etwa eine Meile nach der Abzweigung kommt ein Picknickplatz. Den kennst du, weil du mit deiner Mama ein paarmal dort warst, bevor ihr für den Rest des Winters eingeschneit wurdet.« Billy unterbrach sich. »Sag mal, warst du da bloß mit ihr? Nie mit deinem Dad?«
»Der war beschäftigt. Hat an einem Theaterstück gearbeitet. Weiter.«
Billy gehorchte. Dan hörte ihm aufmerksam zu, dann nickte er. »Okay. Du hast verstanden.«
»Hab ich doch gesagt! Kann ich jetzt eine Frage stellen?«
»Klar.«
»Wirst du morgen Nachmittag eigentlich noch in der Lage sein, eine Meile weit zu marschieren?«
»Werde ich.«
Hoffentlich.
10
Dank einem frühen Start – um vier Uhr morgens, lange vor der Dämmerung – sahen Dan Torrance und Billy Freeman kurz nach neun eine Wolke, die sich über den ganzen Horizont spannte. Eine Stunde später, als sich das blaugraue Gebilde in eine Bergkette aufgelöst hatte, hielten sie in einem Kaff namens Martenville, Colorado. Dort, in der kurzen (und weitgehend verlassenen) Hauptstraße, sah Dan zwar nicht, worauf er gehofft hatte, aber dafür etwas noch Besseres: einen Laden für Kinderbekleidung namens Kids’ Stuff. Ein Stück weiter stand ein Drugstore, flankiert von einem verstaubt aussehenden Leihhaus und einer Videothek, an deren Schaufenster ein Hinweis gepinselt war: RÄUMUNGSVERKAUF – ALLES MUSS RAUS! Dan schickte Billy in den Drugstore, damit der sich dort eine Sonnenbrille besorgte, und trat dann durch die Tür von Kids’ Stuff.
Im Laden herrschte eine triste, hoffnungslose Atmosphäre. Er war der einzige Kunde. Hier ging eine gute Idee, die jemand gehabt hatte, unweigerlich baden, wahrscheinlich wegen den großen Kettenfilialen in den Einkaufszentren von Sterling und Fort Morgan. Wieso sollte man im eigenen Wohnort einkaufen, wenn man nur ein paar Meilen fahren musste, wollte man billigere Klamotten für das nächste Schuljahr besorgen? War doch egal, wenn das Zeug in Mexiko oder Costa Rica produziert wurde. Eine matt aussehende Frau mit einer matt aussehenden Frisur kam hinter der Theke hervor und schenkte Dan ein mattes Lächeln. Sie fragte, ob sie ihm helfen könne. Er sagte, das könne sie. Als er ihr erklärte, was er wolle, bekam sie große Augen.