»Wie lange dauert es noch, bis es losgeht, Abby?«, fragte David.
Abra sah keinen der beiden an. Stattdessen blickte sie starr auf den Fluss, aber Lucy wusste, dass sie den eigentlich auch nicht sah. Sie war weit weg, an einem Ort, wo keiner von ihnen ihr helfen konnte. »Nicht mehr lang. Ihr solltet mir jetzt beide einen Kuss geben und dann reingehen.«
»Aber …«, fing Lucy an, sah jedoch, wie David den Kopf schüttelte. Nur einmal, aber sehr deutlich. Sie seufzte, nahm eine von Abras Händen (wie kalt die war!) und gab ihrer Tochter einen Kuss auf die linke Wange. David nahm die rechte.
»Denk immer dran, was Dan gesagt hat«, sagte Lucy. »Wenn etwas schiefläuft …«
»Ihr solltet jetzt wirklich reingehen. Sobald es losgeht, nehme ich Hoppy und setze ihn mir auf den Schoß. Wenn ihr das seht, dürft ihr mich nicht mehr stören. Auf gar keinen Fall. Sonst muss Onkel Dan vielleicht sterben und Billy vielleicht auch. Kann sein, dass ich umkippe, als ob ich in Ohnmacht falle, aber das tue ich dann in Wirklichkeit gar nicht, deshalb fasst mich nicht an und lasst auch nicht zu, dass Dr. John mich anfasst. Lasst mich einfach in Ruhe, bis es vorüber ist. Ich glaube, Dan kennt einen Ort, wo wir zusammentreffen können.«
»Ich kapiere überhaupt nicht, wie das klappen soll«, sagte ihr Vater. »Diese Frau – Rose – wird doch sehen, dass da kein Mädchen kommt, sondern …«
»Ihr müsst jetzt reingehen«, sagte Abra.
Sie gehorchten. In der Küche angekommen, warf Lucy John einen flehenden Blick zu, aber der konnte nur die Achseln zucken und den Kopf schütteln. Dann standen sie zu dritt am Fenster, die Arme umeinandergelegt, und blickten hinaus auf das Mädchen, das mit um die Knie geschlungenen Armen auf der Treppe saß. Es war nichts Gefährliches zu sehen, alles war friedlich. Als Lucy sah, wie Abra – ihre kleine Tochter – nach Hoppy griff und den alten Stoffhasen auf ihren Schoß setzte, stöhnte sie auf. John drückte sie an der Schulter. David zog sie enger an sich, und sie griff panisch nach seiner Hand.
Bitte mach, dass meiner Tochter nichts passiert. Wenn etwas passieren muss … etwas Schlimmes … dann soll es diesem Halbbruder passieren, den ich nie gekannt habe. Nicht ihr.
»Es wird schon klappen«, sagte Dave.
Lucy nickte. »Natürlich wird es das tun. Natürlich wird es klappen.«
Sie beobachteten das Mädchen auf der Treppe. Lucy begriff, dass Abra keine Antwort geben würde, wenn man sie rief. Abra war verschwunden.
2
Um zwanzig vor vier Ortszeit erreichten Billy und Dan die Abzweigung zum Stützpunkt des Wahren Knotens in Colorado, womit sie dem Zeitplan ein gutes Stück voraus waren. Über der unasphaltierten Zufahrt war ein gebogenes Holzschild im Ranch-Stil angebracht. In eingebrannten Lettern stand darauf: WILLKOMMEN AUF DEM BLUEBELL CAMPGROUND! BLEIB EINE WEILE DA, PARTNER! Das Schild am offen stehenden Tor war weniger gastfreundlich: BIS AUF WEITERES GESCHLOSSEN.
Billy fuhr vorbei, ohne den Fuß vom Gas zu nehmen, blickte sich jedoch eifrig um. »Ich sehe niemand. Nicht mal auf dem Rasen. Allerdings haben sie wahrscheinlich jemand in der Empfangshütte da drüben versteckt. Du lieber Himmel, Danny, du siehst einfach furchtbar aus.«
»Ein Glück, dass ich vorläufig an keinem Schönheitswettbewerb teilnehme«, sagte Dan. »Jetzt ist es noch eine Meile, vielleicht auch ein bisschen weniger. Auf dem Schild steht Panorama und Picknickplatz.«
»Was, wenn sie da jemand postiert haben?«
»Haben sie nicht.«
»Wie kannst du dir da so sicher sein?«
»Weil weder Abra noch ihr Onkel Billy was von dem Rastplatz wissen können; schließlich sind sie noch nie hier gewesen. Und von mir wissen die Wahren nichts.«
»Das steht zu hoffen.«
»Abra sagt, alle sind da, wo sie sein sollen. Sie hat es überprüft. Jetzt sei mal eine Minute still, Billy. Ich muss nachdenken.«
Genauer gesagt wollte er an Hallorann denken. Nach dem grausigen Winter im Overlook hatten Danny Torrance und Dick Hallorann sich über mehrere Jahre hinweg oft unterhalten. Manchmal von Angesicht zu Angesicht, öfter nur mental. Sosehr Danny seine Mutter liebte, es gab Dinge, die sie nicht verstand, weil sie sie nicht verstehen konnte. Zum Beispiel das mit den Schließfächern, in die man die gefährlichen Erscheinungen, die von Dannys Shining manchmal angezogen wurden, einsperren konnte. Nicht dass das mit den Schließfächern immer klappte. Er hatte mehrfach versucht, eines für das Trinken zu schaffen, aber dieser Versuch war immer kläglich gescheitert (vielleicht weil er das so gewollt hatte). Aber bei Mrs. Massey … und bei Horace Derwent …
Inzwischen war noch ein drittes Schließfach vorhanden, das allerdings nicht so stabil wie die beiden war, die er als Kind geschaffen hatte. Vielleicht weil er nicht mehr so stark war? Oder weil es etwas anderes einschloss als die ruhelosen Geister von Toten, die so unklug gewesen waren, ihn aufzusuchen? Oder beides? Das wusste er nicht. Er wusste nur, dass es undicht war. Wenn er es öffnete, konnte das, was darin war, ihn umbringen. Aber …
»Was meinst du damit?«, fragte Billy.
»Hä?« Dan sah sich um. Er hatte eine Hand auf den Bauch gepresst, der nun sehr wehtat.
»Du hast gerade gesagt: ›Es bleibt keine andere Wahl.‹ Was hast du damit gemeint?«
»Nicht so wichtig.« Sie hatten den Rastplatz erreicht, und Billy bog darin ein. Auf der Lichtung vor ihnen standen Picknicktische und gemauerte Grills. Diese Stelle erinnerte Dan an den Platz am Wolkentor, nur ohne den Fluss. »Allerdings … wenn es schiefläuft, steig in deinen Wagen, und fahr wie der Teufel.«
»Meinst du, das würde was helfen?«
Dan gab keine Antwort darauf. Seine Eingeweide brannten wie verrückt.
3
Kurz bevor es an jenem Montagnachmittag Ende September vier Uhr wurde, ging Rose auf die Treppe zu, die zum Dach der Welt hinaufführte. Begleitet wurde sie von Silent Sarey.
Rose trug eng anliegende Jeans, die ihre langen, wohlgeformten Beine betonten. Obwohl es kühl war, trug Silent Sarey nur ein unauffälliges, hellblaues Schürzenkleid, das ihr um die stämmigen, in Stützstrümpfen steckenden Beine flatterte. Rose blieb stehen, um ein Schild an einem Granitpfosten zu betrachten, der am Anfang der etwa drei Dutzend zur Aussichtsplattform führenden Stufen aufgestellt war. Es informierte darüber, dass hier früher das historische Hotel Overlook gestanden hatte, das vor etwa fünfunddreißig Jahren niedergebrannt war.
»Sehr starke Gefühle hier, Sarey.«
Sarey nickte.
»Du weißt doch, dass es heiße Quellen gibt, an denen direkt aus dem Boden Dampf aufsteigt, oder?«
»Lawoll.«
»So ähnlich ist das hier mit dem Steam.« Rose bückte sich, um an dem Gras und den Feldblumen zu schnuppern. Hinter deren Aroma lag der Eisengeruch uralten Blutes. »Starke Emotionen – Hass, Furcht, Vorurteile, Wollust. Das Echo von Morden. Keine Nahrung mehr – zu alt –, aber dennoch erfrischend. Eine berauschende Duftmischung.«
Sarey sagte nichts, beobachtete Rose jedoch genau.
»Und das da!« Rose deutete mit der Hand auf die steile Holztreppe, die zur Plattform führte. »Sieht wie ein Richtplatz aus, oder nicht? Man bräuchte bloß noch eine Falltür.«
Kein Wort von Sarey. Kein lautes jedenfalls. Ihr Gedanke
(kein Galgen und kein Strick)
war deutlich genug.
»Das stimmt, meine Liebe, aber trotzdem wird eine von uns dort hängen. Entweder ich oder dieses kleine Aas, das die Nase in unsere Angelegenheiten gesteckt hat. Siehst du das da?« Rose zeigte auf den kleinen, etwa sechs Meter entfernten Schuppen.
Sarey nickte.
Rose trug einen Reißverschlussbeutel am Gürtel. Sie öffnete ihn, kramte darin herum und zog dann einen Schlüssel heraus, den sie Sarey reichte. Der pfiff das Gras um die dicke, fleischfarbene Strumpfhose, während sie zum Schuppen ging. Der Schlüssel passte in das Vorhängeschloss an der Tür. Als Sarey die Tür aufzog, fiel das Licht der tief stehenden Sonne in eine Kammer, die nicht viel größer als ein Abort war. Sie enthielt einen Rasenmäher und einen Plastikeimer mit einer Sichel und einer Harke. An der Rückwand lehnten ein Spaten und eine Spitzhacke. Sonst war da nichts – und schon gar nichts, hinter dem man sich verstecken konnte.
»Rein mit dir«, sagte Rose. »Mal schauen, was du zustande bringst.« Und mit dem ganzen Steam, den du intus hast, solltest du mich eigentlich in Erstaunen versetzen.
Wie die anderen Mitglieder des Wahren Knotens besaß Silent Sarey ihr eigenes kleines Talent.
Sie trat in den kleinen Schuppen, schnupperte und sagte: »Staubig.«
»Kümmere dich nicht darum. Zeig mal, was du kannst. Beziehungsweise – zeig dich nicht.«
Das war nämlich Sareys Talent. Sie war zwar nicht fähig, sich unsichtbar zu machen (das brachte keiner von ihnen zuwege), aber sie konnte eine Art Düsterkeit erzeugen, die gut zu ihrer unauffälligen Gestalt passte. Sie drehte sich zu Rose um, bevor sie auf ihren Schatten hinabblickte. Dann bewegte sie sich – nicht viel, nur einen halben Schritt –, und ihr Schatten verschmolz mit dem, den der Bügel des Rasenmähers warf. Dann regte sie sich überhaupt nicht mehr, und der Schuppen war leer.
Rose kniff die Augen zu, um sie dann weit aufzureißen, und da stand Sarey neben dem Rasenmäher, die Hände sittsam vor dem Bauch gefaltet wie ein schüchternes Mädchen, das hoffte, zum Tanz aufgefordert zu werden. Rose wandte den Blick ab und richtete ihn auf die Berge, und als sie wieder zum Schuppen blickte, war dieser leer – nichts als ein winziger Lagerraum, in dem man sich nirgendwo verstecken konnte. Im hellen Sonnenlicht war nicht einmal ein Schatten sichtbar. Bis auf jenen, den der Bügel des Rasenmähers warf, natürlich. Nur …