Sie wehrte sich. »Lasst mich los! Ich muss ihr helfen!«
»Das kannst du nicht«, sagte John. »Jetzt kann nur Dan ihr helfen. Das heißt, die beiden müssen sich gegenseitig helfen.«
Sie starrte ihn mit panisch aufgerissenen Augen an. »Atmet sie überhaupt noch? Kannst du das sehen?«
»Sie atmet«, sagte Dave, was sich jedoch selbst in seinen Ohren unsicher anhörte.
7
Als Abra zu ihm stieß, ließen die Schmerzen zum ersten Mal seit Boston nach. Was Dan nicht besonders tröstete, denn nun litt Abra ebenfalls. Das sah er an ihrem Gesicht, aber er sah auch die Verwunderung in ihren Augen, als sie sich in dem Raum, in dem sie sich nun befand, umblickte. Er besaß mit Fichte getäfelte Wände und enthielt ein Etagenbett. Auf dem mit Kakteen und anderen Wüstenpflanzen bestickten Teppich und auf dem unteren Bett lag allerhand billiges Spielzeug. Auf einem kleinen Tisch in der Ecke lagen Bücher und ein Puzzle mit großen Einzelteilen. In der hinteren Ecke des Zimmers klopfte und zischte ein Heizkörper.
Abra ging zum Schreibtisch und nahm eines der Bücher in die Hand. Auf dem Einband jagte ein Hündchen hinter einem kleinen, auf einem Dreirad sitzenden Mädchen her. Der Titel lautete Lesespaß mit Dick und Jane.
Dan trat mit einem nachdenklichen Lächeln auf den Lippen zu ihr. »Das kleine Mädchen auf dem Einband heißt Sally. Dick und Jane sind ihre Geschwister. Und der kleine Hund heißt Jip. Eine Weile waren die vier meine besten Freunde. Meine einzigen Freunde, genauer gesagt. Mit Ausnahme von Tony natürlich.«
Sie legte das Buch weg und wandte sich ihm zu. »Was ist dieser Ort, Dan?«
»Eine Erinnerung. Früher stand hier ein Hotel, und das hier war mein Zimmer. Jetzt ist es ein Ort, an dem wir zusammen sein können. Du kennst ja das Rad, das sich dreht, wenn man in jemand andres hineinschlüpft.«
»Mhm …«
»Dies ist seine Mitte. Die Nabe.«
»Am liebsten würde ich hierbleiben. Es fühlt sich … sicher an. Von dem da einmal abgesehen.« Abra zeigte auf eine Doppeltür mit langen Glasscheiben. »Die fühlt sich nicht so an wie alles andere.« Ihr Blick war fast anklagend. »Die war früher nicht da. Stimmt doch, oder? Damals, als du ein Kind warst, meine ich.«
»Nein. Mein Zimmer hatte keine Fenster, und die einzige Tür führte in die Hausmeisterwohnung, zu der es gehörte. Das habe ich verändert. Ich musste es tun. Weißt du, warum?«
Sie betrachtete ihn mit ernstem Blick. »Weil das damals war, und dies ist jetzt. Weil die Vergangenheit vorüber ist, auch wenn sie die Gegenwart bestimmt.«
Er lächelte zufrieden. »Das hätte ich auch nicht besser sagen können.«
»Du musstest es nicht sagen. Du hast es gedacht.«
Er zog sie zu der Glastür, die nie existiert hatte. Durch die Scheiben sahen sie den Rasen, die Tennisplätze, die Overlook Lodge und das Dach der Welt.
»Ich sehe sie«, flüsterte Abra. »Sie ist da oben, und sie sieht nicht hierher, oder?«
»Hoffentlich nicht«, sagte Dan. »Tut es sehr weh, Kleines?«
»Ja, sehr«, antwortete sie. »Aber das ist mir egal. Weil …«
Sie musste den Satz nicht vollenden. Er wusste, was sie meinte, und sie lächelte. Dieses spezielle beiderseitige Zusammengehörigkeitsgefühl war einzigartig, und trotz den damit verbundenen Schmerzen – Schmerzen jeder Art – war es gut. Es war sogar sehr gut.
»Dan?«
»Ja, Kleines.«
»Da draußen sind Geisterleute. Ich kann sie zwar nicht sehen, aber ich spüre sie. Du auch?«
»Ja.« Er spürte sie schon jahrelang. Weil die Vergangenheit die Gegenwart bestimmte. Er legte Abra den Arm um die Schultern, und ihr Arm schob sich langsam um seine Taille.
»Was tun wir jetzt?«
»Auf Billy warten. Ich hoffe, er kommt rechtzeitig. Und dann wird alles sehr schnell gehen.«
»Onkel Dan?«
»Was, Abra?«
»Was ist da in dir? Das ist kein Geist. Es ist wie …« Er spürte, wie sie schauderte. »Es ist wie ein Monster.«
Er sagte nichts.
Sie richtete sich auf und trat von ihm weg. »Sieh mal! Da drüben!«
Ein alter Ford-Pick-up rollte auf den Besucherparkplatz.
8
Rose stand da, die Hände auf das hüfthohe Geländer der Aussichtsplattform gestützt, und beobachtete den Pick-up, der auf den Parkplatz fuhr. Der Steam hatte ihren Blick geschärft, aber sie wünschte sich trotzdem, ein Fernglas dabeizuhaben. Bestimmt waren welche im Lager, für Gäste, die auf Vogelbeobachtung gehen wollten. Wieso also hatte sie keines mitgenommen?
Weil ich so viel anderes im Kopf hatte. Die Krankheit … die Ratten, die das Schiff verlassen haben … Crow, den dieses kleine Aas auf dem Gewissen hat …
Ja, das stimmte alles – ja, ja, ja –, aber sie hätte trotzdem daran denken sollen. Einen Moment lang fragte sie sich, was sie wohl sonst noch vergessen hatte, doch dann schob sie den Gedanken beiseite. Sie hatte die Sache völlig im Griff, sie war bis unter die Schädeldecke voller Steam und in absoluter Bestform. Alles lief genau wie geplant. Bald würde das Mädchen zu ihr heraufkommen, weil sie wie jeder Teenager zu viel Selbstvertrauen hatte und zu stolz auf die eigenen Fähigkeiten war.
Ich aber bin im Vorteil, meine Liebe, und zwar in jeder Hinsicht. Falls ich nicht allein mit dir fertigwerde, hole ich mir Unterstützung von den anderen Wahren. Die haben sich alle in der Lodge versammelt, weil du das für eine tolle Idee gehalten hast. Aber dabei hast du etwas nicht bedacht. Wenn wir zusammen sind, dann sind wir miteinander verbunden, wir sind ein Wahrer Knoten, und das macht uns zu einer gewaltigen Batterie. Den ganzen Saft kann ich anzapfen, wenn es nötig ist.
Und falls alles andere scheiterte, war da noch Silent Sarey. Bestimmt hatte die inzwischen schon die Sichel in der Hand. Sie war zwar keine große Leuchte, aber sie war erbarmungslos, mordlüstern und – sobald sie eine Aufgabe begriffen hatte – vollkommen gehorsam. Außerdem hatte sie selber ein spezielles Interesse daran, dass das kleine Aas tot vor der Treppe zur Plattform lag.
(Charlie)
Token Charlie reagierte sofort, und obwohl er normalerweise ein schwacher Sender war, meldete er sich jetzt – gestärkt durch die anderen in der Lodge – laut, klar und fast irre vor Erregung.
(ich empfange sie gleichmäßig und stark das tun wir alle sie muss ganz in der Nähe sein du musst sie auch spüren)
Das tat Rose, obgleich sie sich immer noch gewaltig anstrengte, ihre Gedanken verschlossen zu halten, damit das kleine Aas nicht in sie eindringen und sie durcheinanderbringen konnte.
(schon gut sag den anderen sie sollen bereit sein wenn ich Hilfe brauche)
Viele Stimmen antworteten, alle durcheinander. Sie waren bereit. Selbst jene, die krank waren, wollten helfen, so gut sie konnten. Dafür liebte Rose sie.
Sie spähte zu der blonden Gestalt im Pick-up hinunter. Die hatte den Blick nach unten gerichtet. Las sie etwas? Nahm sie sich zusammen? Betete sie vielleicht zum Gott der Tölpel? Ach, eigentlich war das egal.
Komm zu mir, du kleines Aas. Komm zu Tante Rose.
Aber wer ausstieg, war nicht das Mädchen, es war der Onkel. Genau wie das kleine Aas es angekündigt hatte. Um die Lage zu sondieren. Mit langsamen Schritten ging er um die Kühlerhaube herum, wobei er in alle Richtungen äugte. Er beugte sich ins Beifahrerfenster, sagte etwas zu dem Mädchen und ging dann ein kleines Stück von dem Wagen weg. Zuerst wanderte sein Blick zur Lodge, dann wandte er sich der in den Himmel ragenden Plattform zu … und winkte. Dieses unverschämte Arschloch winkte ihr doch tatsächlich zu.
Rose erwiderte das Winken nicht. Sie runzelte die Stirn. Ein Onkel. Wieso hatten die Eltern des Mädchens eigentlich einen Onkel geschickt, statt sie selber herzubringen? Und wieso hatten sie ihrem verfluchten Balg überhaupt erlaubt hierherzukommen?
Das kleine Aas hat sie davon überzeugt, dass das die einzige Lösung ist. Hat ihnen gesagt, wenn sie nicht zu mir kommt, dann komme ich zu ihr. Das ist der Grund, und der ist völlig einleuchtend.
Das war er auch, dennoch spürte sie ein wachsendes Unbehagen. Sie hatte dem kleinen Aas erlaubt, die Spielregeln festzulegen. Zumindest in dieser Hinsicht hatte sie sich manipulieren lassen. Das hatte sie zugelassen, weil sie sich hier auf vertrautem Terrain befand und weil sie Vorkehrungen getroffen hatte, aber vor allem, weil sie wütend gewesen war. Verflucht wütend.
Sie starrte angestrengt auf den Mann neben dem Wagen. Nun ging er wieder umher, blickte hierhin und dorthin, um sich zu vergewissern, dass Rose allein war. Völlig vernünftig; so hätte sie sich auch verhalten, aber dennoch nagte die Ahnung an ihr, dass er in Wirklichkeit nur Zeit gewinnen wollte. Zu welchem Zweck, war ihr allerdings völlig schleierhaft.
Rose sah noch genauer hin. Nun fiel ihr auf, wie der Mann sich bewegte. Offenbar war er nicht so jung, wie sie anfangs gemeint hatte. Er ging sogar wie jemand, der alles andere als jung war. So als würde er an einer anständigen Arthritis leiden. Und weshalb saß das Mädchen so reglos da?
Sie spürte einen ersten Anflug echter Beunruhigung.
Da stimmte irgendwas nicht.
9
»Sie beobachtet Mr. Freeman«, sagte Abra. »Wir sollten los.«
Er öffnete die Glastür, zögerte jedoch. Da war was in ihrer Stimme. »Was ist los, Abra?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht gar nichts, aber irgendwas gefällt mir nicht. Sie beobachtet ihn einfach zu genau. Wir müssen sofort los.«
»Vorher muss ich noch etwas tun. Versuch, bereit zu sein, und hab keine Angst.«