Doctor Sleep - Страница 106


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Dan schloss die Augen und begab sich in den Lagerraum ganz hinten in seinem Kopf. Echte Schließfachkassetten wären nach all den Jahren mit Staub bedeckt gewesen, aber die beiden, die er als Kind dort untergebracht hatte, sahen aus wie neu. Was nicht weiter erstaunlich war, bestanden sie doch aus reiner Imagination. Die dritte – die neue – war von einem feinen, rosafarbenen Dunst umgeben, und er dachte: Kein Wunder, dass ich krank bin.

Egal. Das Ding musste vorläufig dort bleiben, wo es war. Auf alles vorbereitet, öffnete er die ältere der anderen beiden Kassetten, aber er fand … nichts. Beziehungsweise fast nichts. In dem Schließfach, wo zweiunddreißig Jahre lang Mrs. Massey eingesperrt gewesen war, lag ein Häufchen dunkelgrauer Asche. Aber in dem anderen …

Schlagartig wurde ihm klar, wie töricht es gewesen war, Abra zu sagen, sie solle keine Angst haben.

Abra schrie auf.

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Auf der Gartentreppe ihres Elternhauses in Anniston begann Abra zu zucken. Ihre Beine verkrampften sich, die Füße trommelten auf die Stufen, eine der Hände, die wie ein am Flussufer sterbender Fisch zappelte, wischte den armen, unschuldigen Hoppy beiseite.

»Was geschieht da mit ihr?«, schrie Lucy und wollte zur Tür rennen.

Vom Anblick seiner zuckenden Tochter gelähmt, stand David reglos da, aber John schaffte es, Lucy mit beiden Armen von hinten zu packen und festzuhalten. Sie sträubte sich mit aller Kraft. »Lass mich los! Ich muss zu Abra!«

»Nein!«, brüllte John. »Nein, Lucy, das darfst du nicht!«

Sie hätte sich losgerissen, doch nun hielt David sie ebenfalls fest.

Lucy gab auf. Zuerst sah sie John an. »Wenn sie da draußen stirbt, sorge ich dafür, dass du ins Gefängnis kommst.« Dann richtete ihr Blick sich stumpf und feindselig auf ihren Mann. »Und dir werde ich niemals vergeben.«

»Sie wird schon wieder ruhiger«, sagte John.

Draußen auf der Treppe ließ Abras Zucken nach und hörte schließlich ganz auf. Ihre Wangen waren jedoch nass, und zwischen ihren geschlossenen Lidern quollen Tränen hervor. Im schwindenden Tageslicht hingen sie an ihren Wimpern wie winzige Diamanten.

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In dem Zimmer, wo Danny Torrance als Kind gewohnt hatte und das nun nur noch aus Erinnerungen bestand, klammerte sich Abra an Dan, das Gesicht fest an seine Brust gepresst. »Das Ungeheuer – ist es fort?«, fragte sie mit gedämpfter Stimme.

»Ja«, sagte Dan.

»Schwörst du das bei allem, was dir lieb ist?«

»Das tue ich.«

Sie hob den Kopf und warf zuerst einen Blick auf Dans Gesicht, um sich zu vergewissern, dass er die Wahrheit sagte. Dann wagte sie es, sich im Zimmer umzublicken. »Dieses Grinsen.« Sie schauderte.

»Ja«, sagte Dan. »Ich glaube … er ist froh, wieder zu Hause zu sein. Abra, bist du bereit? Weil wir es nämlich jetzt sofort tun müssen. Es ist so weit.«

»Ich bin bereit. Aber was ist, wenn … es … wiederkommt?«

Dan dachte an das Schließfach. Nun stand es zwar offen, aber es konnte problemlos wieder geschlossen werden. Vor allem, da Abra ihm nun dabei helfen konnte. »Ich glaube nicht, dass er … dass es irgendwas mit uns zu tun haben will, Kleines. Komm. Und denk dran: Wenn ich dir sage, du sollst nach New Hampshire zurück, dann gehst du

Wieder antwortete sie nicht darauf, und es war keine Zeit für Diskussionen. Es war so weit. Er trat durch die Glastür. Sie führte zum Ende des Wegs. Abra ging neben ihm, aber ihr Körper verlor die Stabilität, die er in dem Raum aus Dans Erinnerung gehabt hatte, und begann zu flackern.

Hier draußen ist sie fast selber ein Geist, dachte Dan. Dabei wurde ihm klar, in welche Gefahr sie sich begeben hatte. Er wollte jetzt lieber nicht darüber nachdenken, wie unsicher ihre Kontrolle über den eigenen Körper jetzt wohl war.

Mit raschen Schritten – aber ohne loszulaufen; damit hätten sie Rose auf sich aufmerksam gemacht, und sie mussten mindestens sechzig Meter zurücklegen, bevor sie hinter der Overlook Lodge verschwinden konnten – überquerten Dan und seine geisterhafte Gefährtin den Rasen und den mit Steinplatten belegten Weg zwischen den Tennisplätzen.

Als sie die Rückseite der Küche erreicht hatten, waren sie von der Plattform aus endlich nicht mehr sichtbar. Ein Ventilator ratterte; aus den Mülltonnen stieg der Gestank von verdorbenem Fleisch auf. Dan drehte am Knauf der Hintertür und stellte fest, dass sie nicht abgeschlossen war, hielt jedoch einen Moment lang inne, bevor er sie aufzog.

(sind sie alle)

(ja alle aber Rose … sie … beeil dich Dan beeil dich weil)

Abras Augen, die wie ein alter Schwarz-Weiß-Film flackerten, waren weit geöffnet. Bestürzung lag in ihnen. »Sie weiß, dass etwas nicht stimmt.«

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Rose richtete ihre Aufmerksamkeit auf das kleine Aas, das immer noch auf dem Beifahrersitz des Pick-ups saß, mit geneigtem Kopf und völlig reglos. Die Kleine beobachtete weder ihren Onkel – falls er überhaupt ihr Onkel war –, noch machte sie irgendwelche Anstalten auszusteigen. Die Alarmanzeige in Rose’ Kopf wechselte von Gelb auf Rot.

»He!« Die Stimme schwebte durch die dünne Luft zu ihr empor. »He, du alte Schachtel! Schau mal her!«

Ihr Blick zuckte zu dem Mann zurück, der auf dem Parkplatz stand. Nahezu verdattert starrte sie zu ihm hinunter, während er die Hände über den Kopf hob und dann ein großes, ungelenkes Rad schlug. Sie dachte schon, er würde auf dem Hintern landen, aber das Einzige, was auf den Asphalt fiel, war seine Mütze. Darunter kam die dünne, weiße Haartracht eines Mannes in den Siebzigern zum Vorschein. Vielleicht sogar in den Achtzigern.

Rose richtete den Blick wieder auf die Gestalt im Wagen, die weiterhin reglos mit geneigtem Kopf dasaß. Das Mädchen hatte keinerlei Interesse an den Kunststücken seines Onkels. Plötzlich machte es klick, und Rose begriff, was sie sofort gesehen hätte, wenn der Trick nicht so hanebüchen gewesen wäre: Das war eine Schaufensterpuppe.

Aber das Mädchen ist hier! Token Charlie spürt es, alle in der Lodge spüren es, sie sind alle zusammen, und sie wissen …

Alle waren zusammen in der Lodge. Alle an einem Ort. War das eigentlich ihre Idee gewesen? Nein. Diese Idee stammte von dem …

Rose rannte auf die Treppe zu.

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Die verbliebenen Mitglieder des Wahren Knotens hatten sich an den beiden Fenstern versammelt, durch die man hinunter auf den Parkplatz blicken konnte. Sie sahen, wie Billy Freeman zum ersten Mal seit über vierzig Jahren ein Rad schlug (und beim letzten Mal war er besoffen gewesen). Petty the Chink lachte sogar. »Was um Himmels willen …«

Da sie der Tür zur Küche den Rücken zuwandten, sahen sie weder Dan, der in den Raum trat, noch die flackernde Gestalt des Mädchens an seiner Seite. Dan hatte Zeit, zwei Kleiderbündel auf dem Boden zu bemerken und daraus zu schließen, dass Bradley Trevors Masern immer noch fleißig am Werk waren. Im nächsten Augenblick kehrte er in sich selbst zurück, drang ganz tief ein und fand das dritte Schließfach – das undichte. Er riss es auf.

(Dan was tust du da)

Er stützte die Hände auf die Oberschenkel und beugte sich vor. Sein Magen brannte wie glühendes Metall, als er den letzten Hauch der alten Dichterin ausatmete, den sie ihm bereitwillig mit einem sterbenden Kuss geschenkt hatte. Aus seinem Mund kam eine lange Wolke aus rosafarbenem Dunst, der sich in der Luft zusehends rot färbte. Als die giftigen Überreste von Concetta Reynolds ihn verließen, nahm er zunächst nichts anderes mehr wahr als die wunderbare Erleichterung in seiner Körpermitte.

»Momo!«, kreischte Abra.

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Oben auf der Plattform riss Rose die Augen auf. Das kleine Aas war in der Lodge.

Und jemand war bei ihr.

Sie sprang in diesen neuen Gedankenstrom, ohne darüber nachzudenken. Sie suchte. Ignorierte die Signale, die auf starken Steam hinwiesen, versuchte nur, diesen Jemand aufzuhalten, bevor er tun konnte, was immer er vorhatte. Ignorierte die furchtbare Möglichkeit, dass es bereits zu spät war.

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Als die Wahren Abras Aufschrei hörten, drehten sie sich zu ihr um. Jemand – es war Long Paul – sagte: »Was zum Teufel ist das denn?«

Der rote Dunst verdichtete sich zu einer weiblichen Gestalt. Für einen Moment – sicher nicht länger – blickte Dan in Concettas wirbelnde Augen und sah, dass diese jung waren. Noch schwach und ganz vom Anblick dieses Phantoms eingenommen, nahm er nicht wahr, wie jemand in seine Gedanken eindrang.

»Momo!«, rief Abra wieder. Sie streckte die Arme aus.

Womöglich sah die Frau in der Dunstwolke sie an. Womöglich lächelte sie sogar. Dann war die Gestalt von Concetta Reynolds verschwunden, und der Dunst wallte auf die zusammengedrängten Mitglieder des Wahren Knotens zu. Viele klammerten sich fassungslos und verängstigt aneinander. Die rote Substanz breitete sich aus wie Blut in Wasser.

»Das ist Steam«, sagte Dan. »Ihr habt davon gelebt; nun saugt ihn ein, und verreckt daran!«

Seit ihm der Plan in den Sinn gekommen war, hatte er gewusst, dass es schnell gehen musste, wenn er den Erfolg noch erleben wollte. Er hätte sich jedoch nie vorgestellt, dass es so schnell gehen würde. Vielleicht lag es daran, dass die Wahren teilweise schon von den Masern geschwächt waren, denn einige hielten ein bisschen länger stand als die anderen. Dennoch war es in wenigen Sekunden vorbei.

Sie heulten in seinem Kopf wie sterbende Gespenster. Für Dan war das ein entsetzliches Geräusch, für seine Gefährtin jedoch nicht.

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