Doctor Sleep - Страница 15


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»Das ist mir schnuppe.« Kingsley betrachtete ihn neugierig. »Der Umgang mit Sterbenden macht Ihnen also nichts aus?«

Deine Mutter ist da drin gestorben, dachte Danny. Offenbar war sein Shining doch nicht verschwunden, es versteckte sich noch nicht einmal richtig. Du hast ihr dabei die Hand gehalten. Ihr Name war Ellen.

»Nein«, sagte er. Dann fügte er ohne rechten Grund hinzu: »Wir sterben ja alle. Die Welt ist nur ein Hospiz mit frischer Luft.«

»Auch noch ein Philosoph! Tja, Mr. Torrance, ich glaube, ich werde Sie einstellen. Ich vertraue auf Billys Urteil – wenn es um Menschen geht, macht der nur selten einen Fehler. Aber kommen Sie nicht zu spät zur Arbeit, kommen Sie nicht betrunken, und kommen Sie nicht mit roten Augen und einer Dope-Fahne hier an. Falls Sie sich nicht daran halten, müssen Sie leider wieder abreisen, denn dann wird auch unser Hospiz nichts mit Ihnen zu tun haben wollen – dafür werde ich sorgen. Ist das klar?«

Dan spürte einen Anflug von Ärger

(du Angeber kannst mich mal)

den er jedoch unterdrückte. Dies war Kingsleys Spielfeld und Kingsleys Ball. »Kristallklar.«

»Sie können morgen anfangen, wenn Ihnen das recht ist. Hier in der Stadt gibt’s eine Menge preiswerte Privatzimmer. Ich erkundige mich mal, wenn Sie wollen. Schaffen Sie es, neunzig pro Woche zu zahlen, bis Sie Ihren ersten Scheck bekommen?«

»Ja. Danke, Mr. Kingsley.«

Kingsley wedelte mit der Hand. »Vorläufig würde ich das Red Roof Inn empfehlen. Das wird von meinem früheren Schwager geführt, der macht Ihnen einen guten Preis. Einverstanden?«

»Auf jeden Fall.« Alles war in bemerkenswertem Tempo geschehen, so als hätten sich die letzten Teile in ein kompliziertes Tausender-Puzzle eingefügt. Dan schärfte sich ein, diesem Gefühl nicht zu vertrauen.

Kingsley erhob sich. Aufgrund seiner Masse dauerte das eine Weile. Auch Dan stand auf, und als Kingsley seine Pranke über den unaufgeräumten Schreibtisch streckte, schüttelte Dan sie. Von oben kam inzwischen der Sound von KC and the Sunshine Band, die der Welt mitteilten, auf welche Art und Weise es ihnen gefiel, a-ha, a-ha.

»Ich hasse diese Disco-Scheiße«, sagte Kingsley.

Nein, dachte Danny, das tust du nicht. Sie erinnert dich an deine Tochter, die dich nicht mehr oft besucht. Weil sie dir immer noch nicht verziehen hat.

»Alles in Ordnung?«, fragte Kingsley. »Sie sehen ein bisschen bleich aus.«

»Bin bloß müde. Es war eine lange Busfahrt.«

Sein Shining war wieder da, und es war stark. Die Frage lautete: Weshalb gerade jetzt?

7

Drei Arbeitstage später, die Dan damit verbrachte, den Musikpavillon anzustreichen und die Reste des trockenen Herbstlaubs vom Rasen zu blasen, kam Kingsley über die Cranmore Avenue gewatschelt und sagte ihm, er könne ein Zimmer in der Eliot Street beziehen, wenn er wolle. Samt eigenem Badezimmer mit Wanne und Dusche. Fünfundachtzig pro Woche. Dan wollte.

»Gehen Sie in der Mittagspause mal vorbei«, sagte Kingsley. »Und fragen Sie nach Mrs. Robertson.« Mit einem Finger, an dem erste arthritische Knoten erkennbar waren, zeigte er die Richtung an. »Und bauen Sie da bloß keinen Mist, junger Mann, die ist nämlich eine alte Freundin von mir. Denken Sie dran, dass ich für Sie gebürgt hab, und zwar auf der Basis von nichts anderem als ein paar ziemlich dünnen Unterlagen und der Intuition von Billy Freeman.«

Dan versprach, ganz sicher keinen Mist zu bauen, aber die besondere Aufrichtigkeit, die er seiner Stimme zu verleihen versuchte, klang in seinen Ohren gekünstelt. Wieder dachte er an seinen Vater, der gezwungen gewesen war, einen wohlhabenden alten Freund um einen Job anzubetteln, nachdem er seine Stelle als Lehrer in Vermont verloren hatte. Es war merkwürdig, Mitgefühl für einen Menschen zu empfinden, der ihn fast umgebracht hatte, aber das Mitgefühl war da. Ob irgendjemand es wohl für notwendig gehalten hatte, seinem Vater zu sagen, er solle keinen Mist bauen? Wahrscheinlich. Natürlich hatte Jack Torrance trotzdem Mist gebaut. Spektakulären Mist. Erste Klasse. Zweifellos hatte der Alkohol etwas damit zu tun gehabt, aber wenn man am Boden lag, spürten manche Typen einfach den Drang, einem in den Rücken zu fallen und den Fuß auf den Nacken zu setzen, statt einem aufzuhelfen. Das war zwar erbärmlich, aber das galt für viele Aspekte der menschlichen Natur. Und wenn man mit dem minderwertigen Teil der Meute durch die Gegend zog, sah man eben hauptsächlich Pfoten, Klauen und Arschlöcher.

»Und fragen Sie Billy, ob er Stiefel findet, die Ihnen passen. Im Werkzeugschuppen hat er etwa ein Dutzend Paare gehortet. Als ich das letzte Mal reingeschaut hab, haben allerdings nur die Hälfte von denen zusammengepasst.«

Der Tag war sonnig, die Luft mild. Dan, der in Jeans und einem T-Shirt mit dem Logo der Utica Blue Sox arbeitete, blickte in den fast wolkenlosen Himmel und dann wieder auf Casey Kingsley.

»Ja, ich weiß, wonach es aussieht, aber wir sind hier in den Bergen, junger Mann. Der Wetterbericht behauptet, es kommt bald Nordostwind und bringt womöglich dreißig Zentimeter Schnee. Lang wird der zwar nicht liegen bleiben – hier in New Hampshire nennt man den Aprilschnee den Dünger des armen Mannes –, aber außerdem wird es ganz schön stürmisch. Sagt jedenfalls der Wetterbericht. Ich hoffe, Sie können mit einer Schneefräse genauso gut umgehen wie mit einem Laubbläser.« Er hielt kurz inne. »Außerdem hoffe ich, dass Sie keine Rückenprobleme haben. Morgen werden Sie und Billy nämlich massenhaft abgebrochene Äste einsammeln. Vielleicht müssen Sie auch ein paar umgestürzte Bäume zersägen. Kennen Sie sich mit Kettensägen aus?«

»Ja, Sir«, sagte Dan.

»Gut.«

8

Dan und Mrs. Robertson verstanden sich gut. Sie bot ihm in der Gemeinschaftsküche sogar ein Sandwich mit Eiersalat und eine Tasse Kaffee an. Er nahm dankend an und machte sich auf die üblichen Fragen gefasst, was ihn nach Frazier geführt habe und wo er vorher gewesen sei. Erfreulicherweise kamen keine. Stattdessen fragte Mrs. Robertson ihn, ob er Zeit habe, ihr beim Schließen der Fensterläden im Erdgeschoss zu helfen, damit die Fenster geschützt seien, falls die Stadt wirklich eine Mütze Wind abbekomme, wie sie es nannte. Dan war gern dazu bereit. Es gab zwar nur wenige Devisen, nach denen er lebte, aber eine davon lautete, dass es immer nützlich war, sich mit der Hauseigentümerin gut zu stellen. Schließlich wusste man nie, wann man sie um eine Stundung der Miete bitten musste.

Als Dan in den Park zurückkam, erwartete Billy ihn mit einer ganzen Arbeitsliste. Tags zuvor hatten sie gemeinsam von allen Kinderkarussells die Abdeckplanen entfernt. Nun brachten sie diese wieder an und schlossen die Läden sämtlicher Buden und Stände. Die letzte Aufgabe des Tages bestand darin, die Riv rückwärts in ihren Schuppen zu fahren. Dann stellten sie neben dem Bahnhof von Teenytown Klappstühle auf und ließen sich nieder, um eine zu rauchen.

»Ich will dir mal was sagen, Danno«, sagte Billy. »Ich bin hundemüde.«

»Da bist du nicht der Einzige.« Dennoch fühlte Dan sich gut; seine Muskeln waren locker und kribbelten. Er hatte vergessen, wie gut es tat, im Freien zu arbeiten, wenn man dabei keinen Kater loswerden musste.

Der Himmel hatte sich zugezogen. Billy hob den Blick und seufzte. »Hoffentlich stürmt und schneit es nicht so stark, wie sie im Radio sagen. Aber wahrscheinlich tut’s das doch. Übrigens hab ich Stiefel für dich gefunden. Toll sehen sie nicht aus, aber wenigstens haben beide die gleiche Größe.«

Dan nahm die Stiefel mit, als er durch die Stadt zu seiner neuen Bleibe ging. Inzwischen hatte der Wind aufgefrischt, und es wurde dunkel. Am Morgen hatte es sich angefühlt, als sollte es in Frazier bald Sommer werden. Nun, am Abend, schnitt die Feuchtigkeit des heranziehenden Schnees in die Haut. Die Nebenstraßen waren verlassen, die Fensterläden geschlossen.

Dan bog aus der Morehead Street in die Eliot ein und blieb stehen. Begleitet vom knochigen Rasseln trockener Herbstblätter rollte ein alter, ramponierter Zylinder den Gehweg entlang, ein Ding, wie Zauberer es trugen. Oder Schauspieler in einem alten Musical, dachte er. Bei diesem Anblick spürte er Kälte in seine Knochen kriechen, denn der Zylinder war gar nicht vorhanden. Nicht tatsächlich jedenfalls.

Er schloss die Augen und zählte langsam bis fünf, während der anschwellende Wind seine Hose um die Schienbeine flattern ließ, dann machte er die Augen wieder auf. Die Blätter waren noch da, aber der Zylinder war verschwunden. Wieder einmal hatte sein Shining eine dieser lebhaften, beunruhigenden und normalerweise sinnlosen Visionen hervorgerufen. Sobald er eine Weile nüchtern gewesen war, wurde es immer stärker, aber nie so stark wie seit seiner Ankunft in Frazier. Man hätte fast denken können, dass die Luft hier irgendwie anders war. Empfänglicher für diese merkwürdigen Übertragungen vom Planeten Anderswo. Irgendwie besonders.

So, wie das Overlook besonders gewesen war.

»Nein«, sagte er. »Nein, das glaube ich nicht.«

Ein paar Gläser Schnaps, dann verschwindet alles wieder, Danny. Glaubst du das etwa?

Leider tat er das.

9

Das Haus von Mrs. Robertson war ein weitläufiger Bau im Kolonialstil, und von Dans Zimmer im zweiten Stock hatte man einen Blick auf die Berge im Westen. Auf ein solches Panorama hätte er verzichten können. Seine Erinnerungen an das Overlook waren im Lauf der Jahre zu einem dunstigen Grau verblasst, aber während er seine paar Habseligkeiten auspackte, drang etwas an die Oberfläche … fast so konkret, wie ein ekliges organisches Objekt (zum Beispiel der verweste Kadaver eines kleinen Tieres) an die Oberfläche eines tiefen Sees schwebte.

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