Er hatte keinerlei Visionen.
Nachdem sie den Arbeitsschluss gestempelt hatten, lud er Billy in den Chuck Wagon ein und bestellte Steaks. Billy wollte Bier spendieren, aber Dan schüttelte den Kopf. »Ich lasse die Finger vom Alkohol. Sobald ich damit anfange, fällt es mir nämlich manchmal schwer, wieder aufzuhören.«
»Darüber könntest du dich mit Kingsley unterhalten«, sagte Billy. »Der ist deshalb vor etwa fünfzehn Jahren geschieden worden. Inzwischen ist er darüber hinweg, aber seine Tochter redet immer noch nicht mit ihm.«
Zum Essen tranken sie Kaffee. Massenhaft.
Müde, satt vom warmen Essen und froh, nüchtern zu sein, kehrte Dan in seine Höhle in der Eliot Street zurück. In seinem Zimmer stand kein Fernseher, aber er hatte die zweite Hälfte des Krimis vor sich und versank einige Stunden darin. Dabei lauschte er auf den Wind, der jedoch nicht anschwoll. Er hatte den Eindruck, dass der Sturm der vergangenen Nacht das letzte Aufbäumen des Winters gewesen war. Was ihm ganz recht war. Um zehn legte er sich ins Bett und schlief fast augenblicklich ein. An seinen morgendlichen Besuch im Supermarkt erinnerte er sich nur noch verschwommen, so als wäre er im Fieberwahn dorthin gegangen und das Fieber wäre nun vorüber.
18
In den frühen Morgenstunden wachte er auf, nicht weil der Wind wehte, sondern weil er wie ein Elch pissen musste. Er stand auf, schlurfte ins Bad und betätigte den Lichtschalter neben der Tür.
In der Wanne lag der Zylinder, und er war voller Blut.
»Nein«, sagte Dan. »Ich träume.«
Vielleicht träumte er doppelt. Oder dreifach. Womöglich sogar vierfach. Etwas hatte er Emil Kemmer nämlich verschwiegen: Er hatte Angst, sich irgendwie in einem Labyrinth aus gespenstischen Nachtgedanken zu verirren und nie wieder herauszufinden.
Ist, was wir scheinen oder schaun, doch nur ein Traum in einem Traum?
Dies war allerdings real. Der Hut ebenfalls. Außer ihm hätte es niemand gesehen, aber das änderte nichts. Der Hut war real. Es gab ihn irgendwo auf der Welt. Das wusste Dan.
Aus den Augenwinkeln sah er, dass auf dem Spiegel über dem Waschbecken etwas geschrieben stand. Es war mit Lippenstift geschrieben.
Ich darf es nicht ansehen.
Zu spät. Sein Kopf drehte sich unwillkürlich; er hörte die Sehnen in seinem Hals wie alte Türangeln ächzen. Eigentlich war es ohnehin egal. Er wusste, was da stand. Mrs. Massey war verschwunden, Horace Derwent war verschwunden, die waren sicher in den Fächern weit hinten in seinem Geist eingesperrt, aber das Hotel Overlook war immer noch nicht mit ihm fertig. Auf dem Spiegel stand – nicht in Lippenstift, sondern in Blut – ein einziges Wort:
DROM
Darunter lag im Waschbecken ein blutbeflecktes Atlanta-Braves-T-Shirt.
Es wird nie aufhören, dachte Danny. Das Overlook ist abgebrannt, und die schrecklichsten seiner Untoten hab ich in Schließfächer gesteckt, aber mein Shining kann ich nicht wegsperren, weil es nicht nur in mir drin ist – ich bin es selbst. Wenn ich diese Visionen mit Alkohol nicht wenigstens betäube, werden sie weiterhin kommen, bis sie mich in den Wahnsinn treiben.
Im Spiegel sah er sein Gesicht, vor dem das Wort DROM schwebte, als wäre es ihm wie ein Markenzeichen auf die Stirn geprägt. Das war kein Traum. In seinem Waschbecken lag das T-Shirt eines ermordeten Kindes, in seiner Badewanne ein Hut voller Blut. Der Wahnsinn kam. Dan konnte in seinen hervorquellenden Augen sehen, wie er sich näherte.
Dann, wie der Lichtstrahl einer Taschenlampe im Dunkeln, die Stimme von Hallorann: Junge, du siehst zwar Dinge, aber die sind wie Bilder in einem Buch. Du warst als Kind im Overlook nicht hilflos, und das bist du jetzt auch nicht. Ganz im Gegenteil. Mach die Augen zu, und wenn du sie wieder öffnest, wird dieser ganze Mist verschwunden sein.
Er schloss die Augen und wartete. Er versuchte, die Sekunden abzuzählen, schaffte es jedoch nur bis vierzehn, bevor die Zahlen in der dröhnenden Verwirrung seiner Gedanken verloren gingen. Fast erwartete er, dass sich Hände – vielleicht die des Hutbesitzers – um seinen Hals schlossen. Aber er blieb stehen. Schließlich konnte er nirgendwo anders hin.
Nachdem er all seinen Mut zusammengenommen hatte, öffnete Dan die Augen. Die Wanne war leer. Das Waschbecken war leer. Auf dem Spiegel stand nichts geschrieben.
Aber es wird wiederkommen. Das nächste Mal sind es vielleicht ihre Schuhe – diese Korksandaletten. Oder ich sehe sie in der Wanne liegen. Gut möglich. Mrs. Massey habe ich ja auch so gesehen, und die beiden sind auf dieselbe Weise gestorben. Nur dass ich Mrs. Massey nie ihr Geld geklaut und mich dann aus dem Staub gemacht habe.
»Ich habe einen Tag durchgehalten«, erklärte er dem leeren Zimmer. »Immerhin.«
Ja, und obwohl es ein verflucht harter Tag gewesen war, war es auch ein verflucht guter Tag gewesen, das gab er gern zu. Die Tage waren nicht das Problem. Was die Nächte anging …
Die Gedanken waren eine Schultafel. Schnaps war der Schwamm.
19
Bis sechs lag Dan wach im Bett. Dann zog er sich an und marschierte wieder zum Supermarkt. Diesmal zögerte er nicht, bloß statt zwei Flaschen aus dem Kühlregal zu nehmen, nahm er gleich drei. Wie hieß es doch? Geh aufs Ganze oder geh nach Hause. Der Kassierer steckte die Flaschen kommentarlos in eine Tüte; er war an frühe Weinkäufer gewöhnt. Dan schlenderte zum Stadtpark, setzte sich auf eine der Bänke von Teenytown, nahm eine der Flaschen aus der Tüte und blickte darauf hinab wie Hamlet auf Yoricks Schädel. Durch das grüne Glas sah der Inhalt wie Rattengift aus statt wie Wein.
»Das sagst du, als ob’s was Schlechtes wäre«, sagte Dan und schraubte die Kappe ein Stück weit auf.
Diesmal war es seine Mutter, die sich meldete. Wendy Torrance, die bis zum bitteren Ende Zigaretten geraucht hatte. Denn wenn Selbstmord schon die einzige Option war, konnte man doch wenigstens die Waffe wählen.
Soll es so enden, Danny? Soll alles umsonst gewesen sein?
Er drehte die Kappe in die Gegenrichtung und schraubte sie fest. Dann wieder auf. Diesmal nahm er sie ab. Der Geruch des Weins war sauer; es war der Geruch von Jukebox-Musik, miesen Kneipen und sinnlosem Streit, gefolgt von Schlägereien auf dem Parkplatz. Letztlich war das Leben so dämlich wie eine dieser Schlägereien. Die Welt war gar kein Hospiz mit frischer Luft, die Welt war das Hotel Overlook, wo die Party nie zu Ende ging. Wo die Toten für immer lebten. Er setzte die Flasche an die Lippen.
Haben wir deshalb so hart darum gekämpft, aus diesem verfluchten Hotel zu entkommen, Danny? Und darum, ein neues Leben zu beginnen? In ihrer Stimme lag kein Tadel, nur Traurigkeit.
Danny schraubte die Kappe wieder zu. Lockerte sie. Schraubte sie zu. Lockerte sie.
Er dachte: Wenn ich trinke, siegt das Overlook. Obwohl es nach der Explosion des Kessels niedergebrannt ist, geht es als Sieger aus der Partie hervor. Aber wenn ich nicht trinke, werde ich wahnsinnig.
Er dachte: Ist, was wir scheinen oder schaun, doch nur ein Traum in einem Traum?
Er war immer noch damit beschäftigt, die Kappe auf- und zuzuschrauben, als Billy Freeman, der früh mit dem vagen, mulmigen Gefühl aufgewacht war, dass etwas nicht stimmte, ihn fand.
»Willst du das trinken, Dan, oder holst du der Flasche nur einen runter?«
»Trinken wahrscheinlich. Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll.«
Also sagte Billy es ihm.
20
Casey Kingsley war nicht allzu überrascht, seinen neuen Mitarbeiter vor seinem Büro sitzen zu sehen, als er um Viertel nach acht dort eintraf. Ebenso wenig war er überrascht, die Flasche zu sehen, die Torrance in den Händen hielt, um die Kappe erst abzuschrauben, sie wieder aufzusetzen und zuzuschrauben – Dan hatte diesen ganz besonderen Blick von Anfang an gehabt, diesen auf tausend Meter erkennbaren Blick, wie man ihn in billigen Schnapsläden sah.
Billy Freeman war zwar nicht so hellsichtig wie Dan, nicht einmal annähernd, aber es war doch etwas mehr als nur ein Funkeln. Am ersten Tag hatte er Kingsley vom Geräteschuppen aus angerufen, sobald Dan über die Straße aufs Rathaus zugegangen war. Es komme jetzt ein junger Kerl, der Arbeit suche, hatte Billy gesagt. Der habe zwar wahrscheinlich keine besonders tollen Zeugnisse, sei jedoch seiner Meinung nach der Richtige, um bis Ende Mai auszuhelfen. Kingsley, der mit Billys Intuition bereits gute Erfahrungen gemacht hatte, war prinzipiell einverstanden gewesen. Ich weiß, wir brauchen jemand, hatte er gesagt.
Billys Antwort war merkwürdig gewesen, aber Billy war eben merkwürdig. Einmal, es war zwei Jahre her, hatte er den Rettungswagen gerufen, und zwar fünf Minuten bevor ein kleines Kind von einer Schaukel gefallen war und einen Schädelbruch erlitten hatte.
Er braucht uns mehr, als wir ihn brauchen, hatte Billy gesagt.
Und da saß dieser Mann vornübergebeugt da, als würde er bereits in seinem nächsten Bus oder auf seinem nächsten Barhocker sitzen. Kingsley hatte den Wein im Flur schon aus zwölf Metern Entfernung gerochen. Er besaß eine Kennernase für solche Düfte und konnte jeden einzelnen identifizieren. Das war der gute alte Thunderbird. Aber als der junge Kerl zu ihm hochblickte, sah Kingsley, dass in seinen Augen nichts stand als Verzweiflung.
»Billy hat mich hergeschickt.«
Kingsley sagte nichts. Er konnte sehen, wie der Mann vor ihm sich mühsam zusammennahm. Das war in seinen Augen erkennbar und daran, wie seine Mundwinkel nach unten hingen, vor allem jedoch daran, wie er die Flasche hielt, als würde er sie gleichzeitig hassen und lieben und brauchen.