Doctor Sleep - Страница 29


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Dan machte die Kälte nichts aus; unter zwei Federbetten gekuschelt, war ihm mollig warm. Allerdings hatte der Wind sich in seinen Kopf geschlichen, so wie er sich durch die Fensterspalte und über die Türschwellen des alten viktorianischen Baus schlich, der nun Dans Zuhause war. In seinem Traum konnte er diesen Wind um das Hotel heulen hören, in dem er als Junge einen Winter verbracht hatte. In seinem Traum war er dieser Junge.

Er ist in der ersten Etage des Overlooks. Mami schläft, und Daddy ist im Keller, um sich alte Zeitungen anzuschauen. Er RECHERCHIERT. Das tut er für das Buch, das er schreiben will. Danny soll eigentlich nicht hier oben sein, und den Generalschlüssel, den er mit einer Hand umklammert, sollte er auch nicht haben, aber er hat sich einfach nicht bezähmen können. Momentan starrt er auf einen Löschschlauch, der an der Wand hängt. Der ist vielfach zusammengefaltet und sieht aus wie eine Schlange mit Messingkopf. Eine schlafende Schlange. Natürlich ist es keine Schlange – was er da sieht, ist Hanfgewebe, keine Schuppen –, aber es sieht eindeutig wie eine Schlange aus.

Manchmal ist es auch eine Schlange.

»Los, mach schon!«, flüstert er ihr in diesem Traum zu. Er zittert vor Entsetzen, aber irgendetwas treibt ihn an. Und weshalb? Weil er selber RECHERCHIERT, deshalb. »Los, beiß mich! Das kannst du aber nicht, stimmt’s? Weil du doch bloß ein dämlicher SCHLAUCH bist!«

Die Düse des dämlichen Schlauchs bewegt sich, und plötzlich sieht Danny sie nicht mehr von der Seite her, er blickt in ihre Öffnung. Oder vielleicht in ihren Mund. Unterhalb des schwarzen Lochs erscheint ein einzelner, klarer Tropfen, der sich langsam auseinanderzieht. Danny kann darin das Spiegelbild seiner eigenen, weit geöffneten Augen sehen.

Ein Wassertropfen oder ein Tropfen Gift?

Ist das eine Schlange oder ein Schlauch?

Wer kann das schon sagen, mein lieber Drom … Drom, mein Lieber? Wer kann das schon sagen?

Das Ding summt ihn an, und aus seinem hektisch schlagenden Herzen springt ihm Entsetzen in die Kehle. So summen Klapperschlangen.

Nun bewegt sich die Düse der Schlauchschlange von dem zusammengefalteten Schlauch weg, auf dem sie gelegen hat, und fällt mit dumpfem Poltern auf den Teppichboden. Dort summt sie wieder, und er weiß, dass er zurückweichen sollte, bevor sie auf ihn zuschießen und ihn beißen kann, aber er ist erstarrt, er kann sich nicht bewegen, und sie summt …

»Wach auf, Danny!«, ruft Tony von irgendwoher. »Wach auf, wach auf!«

Aber er kann ebenso wenig aufwachen, wie er sich bewegen kann, dies ist das Overlook, sie sind eingeschneit, und jetzt ist alles anders. Schläuche werden zu Schlangen, tote Frauen öffnen die Augen, und sein Vater … o lieber Gott, WIR MÜSSEN HIER RAUS, WEIL MEIN VATER WAHNSINNIG WIRD.

Die Klapperschlange summt. Sie summt. Sie

2

Dan hörte den Wind heulen, aber nicht um das Overlook. Nein, um das Türmchen vom Hospiz. Er hörte Schnee an das Nordfenster prasseln. Es klang wie Sand. Und er hörte, wie die Sprechanlage ihr tiefes Summen von sich gab.

Er schlug die Federbetten zurück, schwang die Beine aus dem Bett und zuckte zusammen, als er mit den warmen Zehen den kalten Boden berührte. Auf den Fußballen balancierend, durchquerte er das Zimmer. Er schaltete die Schreibtischlampe an und hauchte dabei seinen Atem in die Luft. Kein Dampf zu sehen, doch obwohl die Spulen des Heizgeräts dunkelrot glühten, war die Zimmertemperatur heute Nacht bestimmt nicht höher als sieben oder acht Grad.

Bsss.

Er drückte die Taste der Sprechanlage und sagte: »Hier bin ich. Wer ist dort?«

»Claudette. Ich glaube, ich hab jemand für dich, Doc.«

»Mrs. Winnick?« Er war sich ziemlich sicher, dass es um sie ging, und das bedeutete, er musste seinen Parka anziehen, denn Vera Winnick lag in Gebäude zwei, und der Fußweg dorthin war vermutlich kälter als ein Gefrierfach. Oder als ein Grabstein. Oder wie immer die Redensart lautete. Veras Leben hing nun schon eine Woche lang am seidenen Faden, sie lag im Koma, verfiel immer wieder in Cheyne-Stokes-Atmung, und das war genau die Sorte Nacht, die Leute in einem solchen Zustand für ihren Übergang wählten. Normalerweise um vier Uhr morgens. Er blickte auf seine Armbanduhr. Erst zwanzig nach drei, aber das war pünktlich genug.

Claudette Albertson hatte eine Überraschung parat. »Nein, es ist Mr. Hayes, gleich hier unten bei uns im Erdgeschoss.«

»Bist du dir da sicher?« Erst am vergangenen Nachmittag hatte Dan mit Charlie Hayes Dame gespielt, und für einen Mann mit akuter myeloischer Leukämie war sein Spielpartner ihm so lebendig wie ein Fisch im Wasser vorgekommen.

»Nein, aber Azzie ist in seinem Zimmer, und du weißt ja selber, was du immer sagst.«

Er sagte immer, Azzie täusche sich niemals, und diese Aussage basierte auf einer fast sechsjährigen Beobachtung. Azreel streifte ungehindert durch die drei Gebäude, aus denen der Hospizkomplex bestand, wobei er den Nachmittag meist zusammengerollt auf einem Sofa im Gemeinschaftsraum verbrachte. Es war jedoch nicht ungewöhnlich, ihn dort auf einem der Kartentische – mit oder ohne ein halb fertiges Puzzle – wie eine nachlässig darübergeworfene Stola liegen zu sehen. Alle Gäste schienen ihn zu mögen (falls es Klagen über den Hauskater gegeben hatte, so waren sie Dan nicht zu Ohren gekommen), und Azzie erwiderte dieses Gefühl. Manchmal sprang er einem der halb toten Alten auf den Schoß … aber leichtfüßig, ohne ihr oder ihm jemals wehzutun. Was angesichts seiner Größe bemerkenswert war. Azzie war ein richtiger Brocken.

Außerhalb seiner Nachmittagsruhe blieb Azzie nur selten lange an einem Ort. Er war immer unterwegs, machte Besuche, unternahm etwas. (»Dieser Kater ist ein echter Gesellschaftslöwe«, hatte Claudette einmal zu Danny gesagt.) Zum Beispiel sah man ihn im Wellnessbereich hocken, wo er sich wärmte und die Pfoten leckte. Oder er entspannte sich im Fitnessraum auf einem stillstehenden Laufband. Saß auf einer leeren Transportliege und starrte in die Luft auf jene Dinge, die nur Katzen sehen konnten. Manchmal pirschte er mit angelegten Ohren durch den Garten, der Inbegriff eines Raubtiers, aber wenn er Vögel oder Streifenhörnchen fing, trug er sie in einen Nachbargarten oder über die Straße in den Stadtpark, um sie dort zu zerlegen.

Der Gemeinschaftsraum war rund um die Uhr geöffnet, aber Azzie suchte ihn nur selten auf, wenn der Fernseher ausgeschaltet war und die Gäste ihn verlassen hatten. Wenn der Abend zur Nacht wurde und der Pulsschlag des Hospizes sich verlangsamte, wurde Azzie unruhig und patrouillierte durch die Flure wie ein vierbeiniger Wachposten am Rande von Feindesland. Sobald die Beleuchtung heruntergedreht wurde, bemerkte man ihn womöglich gar nicht, wenn man den Blick nicht direkt auf ihn richtete. Sein unauffälliges, mausgraues Fell verschwamm im Schatten.

In die Zimmer der Bewohner ging er nie, es sei denn, einer lag im Sterben.

Dann jedoch schlüpfte er entweder hinein (wenn die Tür einen Spalt weit offen stand), oder er hockte sich davor, den Schwanz um die Hinterbeine gelegt, und verlangte mit leisem, höflichem Miauen Einlass. Wenn man ihm aufmachte, sprang er auf das Bett des betreffenden Gastes (im Rivington House sprach man immer von Gästen, nie von Patienten) und ließ sich dort schnurrend nieder. War die darin liegende Person wach, so wurde er von ihr manchmal gestreichelt. Soweit Dan wusste, hatte niemand je verlangt, Azzie hinauszuwerfen. Alle schienen zu wissen, dass er als Freund gekommen war.

»Wer ist der diensthabende Arzt?«, fragte Dan.

»Du«, erwiderte Claudette prompt.

»Du weißt schon, was ich meine. Der echte Arzt.«

»Emerson, aber als ich seinen Telefondienst angerufen habe, hat mir die Frau da gesagt, das könnten wir vergessen. Von Berlin bis Manchester ist alles eingeschneit. Die Schneepflüge fahren bloß auf den Schnellstraßen, hat sie gesagt, überall sonst wartet man aufs Tageslicht.«

»Na gut«, sagte Dan. »Ich bin schon unterwegs.«

3

Nachdem er eine Weile im Hospiz gearbeitet hatte, war Dan klar geworden, dass selbst für die Sterbenden ein Klassensystem existierte. Die Gästezimmer im Haupthaus waren größer und teurer als jene in den beiden Nebengebäuden. In der viktorianischen Villa, in der Helen Rivington einst residiert und ihre Liebesromane geschrieben hatte, wurden die Zimmer als Suiten bezeichnet und trugen die Namen berühmter Persönlichkeiten aus New Hampshire. Charlie Hayes lag in dem nach Alan Shepard benannten Raum. Um dorthin zu gelangen, musste Dan an der Imbissecke unten an der Treppe vorbei, wo Verkaufsautomaten und einige Stühle aus Hartplastik standen. Auf einem davon lümmelte Fred Carling, mampfte Erdnussbuttercracker und las eine alte Ausgabe von Popular Mechanics. Carling war einer der drei Pfleger in der von Mitternacht bis acht Uhr morgens laufenden Schicht. Die anderen beiden rotierten zweimal monatlich; Carling tat das nie, weil er nachts besser seine Zeit absitzen konnte. Deshalb bezeichnete er sich als Nachtmensch. Er war bullig, und seine muskulösen, mit verschlungenen Tätowierungen bedeckten Arme ließen auf eine Biker-Vergangenheit schließen.

»Sieh mal an, wer da kommt«, sagte er. »Der liebe Danny. Oder bist du gerade in deiner Geheimidentität unterwegs?«

Dan war erst halb wach und nicht in der Stimmung, Witze zu reißen. »Was weißt du von Mr. Hayes?«, fragte er.

»Nichts, außer dass der Kater bei ihm drin ist, und das bedeutet normalerweise ja, dass da bald jemand ins Gras beißen wird.«

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