»Aber es kommt etwas.« Dan wischte Charlie mit dem feuchten Waschlappen das Gesicht ab. »Wir hören nie völlig auf zu sein, Charlie. Ich weiß nicht, wieso das möglich ist und was es bedeutet, ich weiß bloß, dass es so ist.«
»Können Sie mir helfen hinüberzugelangen? Es heißt, Sie können so was.«
»Ja. Ich kann Ihnen helfen.« Dan ergriff nun auch Charlies andere Hand. »Es geht nur darum, einzuschlafen. Und wenn Sie aufwachen – das werden Sie nämlich –, wird alles besser sein.«
»Im Himmel? Meinen Sie den Himmel?«
»Das weiß ich nicht, Charlie.«
Die Kraft war in dieser Nacht ungeheuer stark. Er spürte sie wie eine elektrische Strömung durch die ineinander verschränkten Hände fließen und schärfte sich ein, ganz sanft zu sein. Ein Teil von ihm bewohnte den versagenden Körper und die schwindenden Sinne
(beeil dich bitte)
die allmählich versagten. Er bewohnte einen Geist
(beeil dich bitte es ist Zeit)
der immer noch so scharf wie früher war und sich der Tatsache bewusst war, dass er seine letzten Gedanken dachte … zumindest als Charlie Hayes.
Die blutunterlaufenen Augen schlossen sich, dann gingen sie wieder auf. Ganz langsam.
»Es ist alles gut so«, sagte Dan. »Sie brauchen nur Schlaf. Der Schlaf wird Sie heilen.«
»Nennen Sie das so?«
»Ja. Ich nenne es Schlaf, und Sie können gefahrlos einschlafen.«
»Gehen Sie nicht weg.«
»Das werde ich nicht. Ich bin bei Ihnen.« Das war er auch. Es war sein schreckliches Privileg.
Charlies Augen schlossen sich wieder. Als Dan seine ebenfalls schloss, sah er in der Dunkelheit einen langsamen, blauen Puls. Einmal … zweimal … stopp. Einmal … zweimal … stopp. Draußen wehte der Wind.
»Schlafen Sie ein, Charlie. Es geht Ihnen gut, aber Sie sind müde und Sie brauchen Schlaf.«
»Ich sehe meine Frau.« Ein ganz schwaches Flüstern.
»Tatsächlich?«
»Sie sagt …«
Mehr kam nicht, nur ein letzter blauer Pulsschlag hinter Dans Augen und ein letztes Ausatmen des Mannes auf dem Bett. Dan öffnete die Augen, lauschte dem Wind und wartete auf das, was als Letztes geschah. Es kam wenige Sekunden später: ein matter roter Dunst, der aus Charlies Nase, Mund und Augen aufstieg. Eine alte Krankenschwester in Tampa – sie hatte in etwa dasselbe Funkeln wie Billy Freeman – nannte es den »letzten Hauch«. Sie sagte, sie habe ihn schon viele Male gesehen.
Dan sah ihn jedes Mal.
Er stieg auf und schwebte über dem Körper des alten Mannes. Dann löste er sich auf.
Dan schob den rechten Ärmel von Charlies Schlafanzugjacke hoch, um nach dem Puls zu tasten. Aber das war nur noch reine Formalität.
5
Normalerweise verschwand Azzie, bevor es vorbei war, in dieser Nacht jedoch nicht. Er stand neben Charlies Hüfte auf der Bettdecke und starrte auf die Tür. In der Erwartung, dort Claudette oder Janice vorzufinden, drehte Dan sich um, aber da war niemand.
Genauer gesagt war da doch jemand.
»Hallo?«
Nichts.
»Bist du das kleine Mädchen, das manchmal was auf meine Tafel schreibt?«
Keine Antwort. Doch da war irgendjemand, ganz bestimmt.
»Ist dein Name Abra?«
Ganz leise, wegen dem Wind fast unhörbar, erklang eine Abfolge von Klaviertönen. Dan hätte das für Einbildung halten können (der Unterschied zwischen Einbildung und einem hellsichtigen Moment war nicht immer erkennbar), wäre da nicht Azzie gewesen, dessen Ohren zuckten und dessen Augen unverwandt auf den leeren Türrahmen blickten. Jemand war dort und beobachtete alles.
»Bist du Abra?«
Wieder erklangen mehrere Töne, dann herrschte Stille. Diesmal jedoch drückte sie Abwesenheit aus. Wie immer das Mädchen hieß, es war verschwunden. Azzie dehnte sich, sprang vom Bett und marschierte hinaus, ohne sich noch einmal umzublicken.
Dan blieb noch eine Weile an Ort und Stelle sitzen und lauschte dem Wind. Dann stellte er das Bett flach, zog Charlie das Laken übers Gesicht und machte sich auf den Weg zum Stationszimmer, um zu melden, dass jemand auf dem Stockwerk gestorben sei.
6
Nachdem er seinen Anteil an dem notwendigen Papierkram erledigt hatte, ging Dan zur Imbissecke. Früher wäre er gerannt, die Fäuste schon geballt, aber diese Zeit war vorüber. Nun setzte er einfach einen Fuß vor den anderen, wobei er langsame, tiefe Atemzüge tat, um Herzschlag und Gedanken zu beruhigen. »Denk nach, bevor du trinkst« lautete ein Spruch der Anonymen Alkoholiker, aber Casey K. ermahnte ihn während ihrer wöchentlichen Zusammenkünfte, grundsätzlich nachzudenken, bevor er etwas tue. Du bist nicht trocken geworden, um dich bescheuert zu verhalten, Danny. Denk dran, wenn du das nächste Mal anfängst, auf dieses beschissene Komitee in deinem Kopf zu hören.
Aber diese verfluchten Fingerspuren.
Carling fläzte auf seinem Stuhl, den er an die Wand zurückgekippt hatte. Inzwischen mampfte er Schokodragees mit Pfefferminz. Statt Popular Mechanics las er ein Fotomagazin, auf dessen Cover der neueste rüpelhafte TV-Serienstar abgebildet war.
»Mr. Hayes ist von uns gegangen«, sagte Dan sanft.
»Schade«, erwiderte Carling, ohne von seiner Zeitschrift aufzublicken. »Aber dafür sind die ja hier, nicht w…«
Dan hob einen Fuß, hakte ihn um eines der Vorderbeine von Carlings gekipptem Stuhl und zog ruckartig an. Der Stuhl drehte sich zur Seite, und Carling landete mit dem Hintern auf dem Boden. Die Schachtel Schokodragees flog ihm aus der Hand. Ungläubig starrte er zu Dan hoch.
»Habe ich nun deine Aufmerksamkeit?«
»Du verfluchter …« Carling wollte aufstehen. Dan pflanzte ihm einen Fuß auf die Brust und drückte ihn gegen die Wand.
»Offenbar ja. Gut. Es wäre besser, wenn du jetzt nicht aufstehst. Bleib einfach sitzen, und hör mir zu.« Dan beugte sich vor, stützte die Hände auf die Knie und hielt sich daran fest. Sehr fest, denn seine Hände wollten momentan nichts als zuschlagen. Und zuschlagen. Und zuschlagen. Seine Schläfen pochten. Nur die Ruhe, sagte er sich. Lass dich nicht davon übermannen.
Aber das war nicht leicht.
»Wenn ich das nächste Mal Fingerspuren an einem Patienten sehe, mache ich ein Foto und gehe damit zu Mrs. Clausen, und dann fliegst du in hohem Bogen raus, egal mit wem du bekannt sein solltest. Und sobald du hier nicht mehr arbeitest, finde ich dich und schlage dir die Fresse ein.«
Carling kam auf die Beine, wobei er die Wand als Stütze verwendete und Dan ständig im Blick behielt. Er war größer als dieser und wog etwa fünfzig Kilo mehr. Er ballte die Fäuste. »Das möchte ich mal sehen. Wie wär’s denn mit jetzt gleich?«
»Gern, aber nicht hier«, sagte Dan. »Hier wollen zu viele Leute schlafen, und da hinten liegt ein Toter. Einer mit den Spuren deiner Finger am Leib.«
»Ich hab ihm bloß den Puls gefühlt, sonst nichts. Du weißt doch, wie leicht die blaue Flecke kriegen, wenn sie Leukämie haben.«
»Das weiß ich«, sagte Dan. »Aber du hast ihm absichtlich wehgetan. Ich weiß zwar nicht, wieso, aber ich weiß, dass du’s getan hast.«
In Carlings trüben Augen flackerte es. Das war keine Beschämung, zu einer solchen Empfindung war der Kerl wohl kaum fähig. Nur ein Unbehagen, weil er durchschaut worden war. Und Furcht davor, erwischt zu werden. »Maulheld. Doctor Sleeeep. Meinst wohl, deine Scheiße stinkt nicht, was?«
»Komm schon, Fred, gehen wir nach draußen. Ich freue mich richtig darauf.« Das stimmte. In seinem Innern war ein zweiter Dan. Der saß zwar nicht mehr so nah an der Oberfläche wie früher, aber er war immer noch da und immer noch der miese, irrationale Scheißkerl, der er immer gewesen war. Aus den Augenwinkeln sah er Claudette und Janice im Flur stehen. Mit weit aufgerissenen Augen hielten sie sich aneinander fest.
Carling dachte nach. Ja, er war größer, und er hatte mehr Reichweite. Aber abgesehen davon war er außer Form – zu viele gefüllte Burritos, zu viele Dosen Bier, wesentlich weniger Puste, als er in seinen Zwanzigern gehabt hatte –, und im Gesicht des dürren Kerls da vor ihm war etwas Besorgniserregendes. So etwas hatte er früher schon gesehen, damals in seiner Biker-Zeit. Manche Typen hatten äußerst wacklige Sicherungen im Schädel. Die knallten leicht durch, und wenn das geschah, brannten solche Typen so lange, bis sie ausbrannten. Er hatte Torrance für einen schüchternen Waschlappen gehalten, der sich nicht traute, die Klappe aufzumachen, aber da hatte er sich wohl getäuscht. Die Geheimidentität dieses Typen hieß nicht Doctor Sleep, sie hieß Doctor Crazy.
Nachdem er das alles sorgfältig durchdacht hatte, sagte Fred: »Dafür ist mir meine Zeit zu schade.«
Dan nickte. »Gut. Dann holen wir uns beide keine Frostbeulen. Aber denk dran, was ich gesagt habe: Wenn du nicht im Krankenhaus landen willst, passt du in Zukunft gut auf deine Hände auf.«
»Mal ehrlich: Wer gibt dir eigentlich das Recht, dich derart aufzuspielen?«
»Keine Ahnung«, sagte Dan. »Ganz ehrlich.«
7
Dan ging auf sein Zimmer zurück und stieg gleich wieder ins Bett, konnte jedoch nicht einschlafen. Seit er im Hospiz arbeitete, hatte er etwa vier Dutzend Besuche am Totenbett gemacht, und normalerweise war er danach ruhig gewesen. In dieser Nacht war er es nicht, woran Fred Carling schuld war. Er zitterte immer noch vor Zorn. Seinem Bewusstsein war dieses rote Unwetter zuwider, aber irgendein primitiver Teil von ihm genoss es. Wahrscheinlich hatte das schlichtweg genetische Ursachen; die Natur triumphierte über das, was anerzogen war. Je länger er trocken blieb, desto mehr alte Erinnerungen kamen an die Oberfläche. Besonders klar waren die an die Wutanfälle seines Vaters. Er hatte gehofft, Carling würde auf sein Angebot eingehen. Dann wären sie hinaus in den Schnee und den Wind gegangen, wo Dan Torrance, der Sohn von Jack, diesem wertlosen Penner eine Abreibung verpasst hätte.