Doctor Sleep - Страница 33


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Eine klapperige, mürrische alte Dame von achtzig Jahren wird plötzlich wieder sechzig. Ein zerknautschter alter Kerl Anfang siebzig kann seine Krücke weglegen; die Hauttumore auf seinen Armen und seinem Gesicht verschwinden.

Black-Eyed Susie verliert ihr ruckartiges Hinken.

Diesel-Doug, gerade noch halbblind vom grauen Star, bekommt scharfe Augen, und die kahle Stelle auf seinem Kopf ist fort. Urplötzlich ist er – Simsalabim! – wieder fünfundvierzig.

Der krumme Rücken von Steamhead Steve richtet sich auf. Seine Frau, Baba the Red, wirft ihre unbequemen Inkontinenzslips in den Mülleimer, schlüpft in ihre mit Strass besetzten Cowboystiefel und sagt, sie will wieder mal zum Line Dance gehen.

Hätten die Leute Zeit, solche Veränderungen zu beobachten, so würden sie sich wundern, und ruck, zuck gäbe es Gerede. Irgendwann würde ein Reporter auftauchen, und der Wahre Knoten scheut die Öffentlichkeit ebenso, wie Vampire angeblich das Sonnenlicht scheuen.

Aber da seine Mitglieder nicht ständig am selben Ort leben (und wenn sie längere Zeit in einer ihrer Firmenstädte bleiben, halten sie Abstand), fallen sie nicht auf. Wieso sollten sie? Sie tragen dieselben Klamotten wie die anderen Wohnmobilleute, sie tragen dieselben billigen Sonnenbrillen, sie kaufen dieselben Souvenir-T-Shirts und konsultieren dieselben AAA-Straßenkarten. Sie kleben dieselben Sticker auf ihre Bounders und Winnebagos, um zu zeigen, welch interessante Orte sie besucht haben (ICH HAB IN CHRISTMASLAND DEN GRÖSSTEN BAUM DER WELT GESTUTZT!), und wenn man hinter ihnen festhängt und auf eine Chance wartet, sie zu überholen, stiert man immer auf dieselben Stoßstangenaufkleber (ALT, ABER NICHT TOT; RETTET MEDICARE; ICH BIN KONSERVATIV UND ICH GEHE WÄHLEN!!). Sie essen panierte Hähnchenteile vom Colonel und kaufen gelegentlich Rubbellose in jener Sorte von Supermärkten, die Bier, Fischköder, Munition, Autozeitschriften und zehntausend verschiedene Sorten Schokoriegel führen. Ist in einer Stadt, in der sie Station machen, ein Bingo-Saal, so gehen wahrscheinlich ein paar von ihnen hin, nehmen einen Tisch in Beschlag und spielen, bis das letzte Coverall-Spiel gelaufen ist. Bei einem solchen Spiel hat Greedy G (Tölpelname Greta Moore und bekannt für ihre Unersättlichkeit) einmal fünfhundert Dollar gewonnen. Damit brüstete sie sich monatelang, und obwohl die Mitglieder des Knotens mehr als genug Geld zur Verfügung haben, haben sich einige der anderen Damen schwarzgeärgert. Token Charlie war ebenfalls nicht gerade begeistert. Er sagte, er habe fünf Ziehungen lang auf B7 gewartet, als G schließlich Bingo gerufen habe.

»Greedy, du hast mehr Glück als Verstand«, hat er gesagt.

»Und du hast mehr Unverstand als Glück«, hat sie erwidert und ist glucksend davongegangen.

Wenn einer der Wahren in eine Radarfalle gerät oder wegen einem geringfügigen Verkehrsdelikt angehalten wird – das kommt selten, aber doch mal vor –, findet der betreffende Cop nichts als gültige Führerscheine, Versicherungskarten und sonstige Dokumente in makelloser Anordnung. Niemand wird laut, während der Cop mit seinem Strafzettelblock dasteht, selbst wenn er seine Opfer offensichtlich hereinlegen will. Die Vorwürfe werden nie bestritten, und sämtliche Strafen werden prompt bezahlt. Amerika ist ein lebendiger Körper, die Highways sind seine Arterien, und der Wahre Knoten gleitet wie ein lautloses Virus auf ihnen entlang.

Nur Hunde hat er keine.

Gewöhnliche Wohnmobilleute reisen meist mit Hundebegleitung, normalerweise mit diesen kleinen Kackmaschinen mit weißem Fell, kitschigem Halsband und fiesem Charakter. Ihr kennt die Sorte; ihr Kläffen tut in den Ohren weh, und in ihren hinterlistigen Äuglein leuchtet eine beunruhigende Intelligenz. An Raststätten sieht man sie in dem Gras der ausgewiesenen Hundeauslaufflächen schnüffeln, gefolgt von ihren Besitzern, die Plastiktüten und Kotschaufeln parat halten. Neben den üblichen Stickern und Stoßstangenaufklebern sieht man auf den Wohnmobilen dieser gewöhnlichen Wohnmobilleute gelbe, rautenförmige Abzeichen mit der Aufschrift SPITZ AN BORD oder ICH ♥ MEINEN PUDEL.

Nicht so beim Wahren Knoten. Dessen Mitglieder mögen keine Hunde, und das beruht auf Gegenseitigkeit. Man könnte sagen, Hunde durchschauen ihre Tarnung. Hunde sehen die scharfen, wachsamen Augen hinter den billigen Sonnenbrillen. Die starken, sehnigen Jägerbeine unter den Polyesterhosen von Walmart. Die scharfen Zähne, die unter den Prothesen darauf warten, sich zu entblößen.

Der Wahre Knoten mag keine Hunde, aber Kinder mag er durchaus.

O ja, Kinder mag er sogar sehr.

2

Im Mai 2011, nicht lange nachdem Abra Stone ihren zehnten Geburtstag gefeiert hatte und Dan Torrance sein zehntes trockenes AA-Jahr, klopfte Crow Daddy an der Tür von Rose’ EarthCruiser. Die Wahren hatten sich momentan auf dem Kozy Kampground am Rand von Lexington, Kentucky, niedergelassen. Sie waren auf dem Weg nach Colorado, wo sie den größten Teil des Sommers in einem ihrer Rückzugsorte verbringen wollten. Es war ein Ort, den Dan manchmal in seinen Träumen wieder aufsuchte. Normalerweise hatten sie es nicht eilig, irgendwohin zu kommen, doch in diesem Sommer herrschte eine gewisse Dringlichkeit. Das war allen bewusst, obwohl keiner darüber sprach.

Rose würde sich darum kümmern. Das hatte sie immer getan.

»Komm rein«, sagte sie, und Crow Daddy trat ein.

Wenn er geschäftlich unterwegs war, trug er immer einen guten Anzug und teure, auf Hochglanz polierte Schuhe. Fühlte er sich danach, wie ein Gentleman der alten Schule aufzutreten, nahm er sogar einen Spazierstock mit. An diesem Morgen trug er von Hosenträgern gehaltene Schlabberhosen, ein Träger-T-Shirt mit einem Fisch darauf (darunter stand FISCH MICH!) und eine flache Arbeitermütze, die er sich vom Kopf wischte, während Rose hinter ihm die Tür schloss. Er fungierte gelegentlich als ihr Lover und außerdem als ihr Stellvertreter, aber er versäumte es nie, ihr seinen Respekt zu bezeugen. Das gehörte zu den vielen Aspekten, die Rose an ihm schätzte. Sie hatte keinen Zweifel, dass die Wahren unter seiner Führung weitermachen konnten, falls sie starb. Eine Weile zumindest. Aber weitere hundert Jahre? Womöglich nicht. Wahrscheinlich nicht. Crow war ausgesprochen eloquent und kam wunderbar zurecht, wenn er mit Tölpeln umgehen musste, aber er besaß nur rudimentäre planerische Fähigkeiten und keinen echten Weitblick.

An diesem Morgen sah er besorgt aus.

Rose saß in Caprihosen und einem einfachen weißen BH auf dem Sofa, rauchte eine Zigarette und betrachtete auf ihrem großen, an die Wand montierten Fernseher die dritte Stunde der Today Show. Das war die Stunde mit dem Vermischten, in der berühmte Köche auftraten und Schauspieler für ihre neuen Filme warben. Ihren Zylinder hatte Rose in den Nacken geschoben. Crow Daddy kannte sie schon länger, als die Lebenszeit eines Tölpels betrug, und trotzdem konnte er immer noch nicht sagen, welche Art von Magie das Ding in diesem der Schwerkraft hohnsprechenden Winkel fixierte.

Sie griff nach der Fernbedienung, um den Ton abzustellen. »Na, das ist ja Henry Rothman in voller Pracht und Schönheit! Richtig zum Anbeißen siehst du aus, obwohl du wohl nicht gekommen bist, um verspeist zu werden. Nicht um Viertel vor zehn am Morgen und nicht mit einer solchen Miene. Wer ist gestorben?«

Das war als Scherz gemeint, aber die Falten, in die sich seine Stirn vorübergehend legte, machten ihr klar, dass es keiner war. Sie schaltete den Fernseher aus und drückte umständlich ihre Zigarette aus, damit er nicht sah, wie bestürzt sie war. Früher hatte der Wahre Knoten einmal über zweihundert Mitglieder gehabt. Gestern waren es nur noch einundvierzig gewesen. Und wenn sie die Bedeutung dieses Stirnrunzelns richtig deutete, war es heute einer weniger.

»Tommy the Truck«, sagte er. »Ist im Schlaf gegangen. Ist einmal gekreist, und dann rums. Hat überhaupt nicht gelitten. Was verflucht selten ist, wie du weißt.«

»Hat Nut ihn gesehen?« Während man ihn noch sehen konnte, dachte sie, sprach es aber nicht aus. Walnut, dessen Führerschein und dessen verschiedene Kreditkarten ihn als Peter Wallis aus Little Rock, Arkansas, auswiesen, war der Arzt des Knotens.

»Nein, es ging zu schnell. Heavy Mary war bei ihm. Tommy hat sie aufgeweckt, weil er herumgezappelt hat. Sie dachte, es wär ein schlechter Traum, und hat ihm den Ellbogen in die Rippen gerammt … bloß war da inzwischen schon nichts mehr zum Rammen außer seinem Pyjama. Wahrscheinlich war es ein Herzinfarkt. Tommy hatte eine üble Erkältung. Nut meint, das könnte ein zusätzlicher Faktor gewesen sein. Und du weißt ja, dass der Trottel immer wie ein Schlot geraucht hat.«

»Wir erleiden keine Herzinfarkte.« Dann, widerstrebend: »Allerdings fangen wir uns normalerweise auch keine Erkältung ein. In den letzten paar Tagen hat er wirklich schwer geschnauft, nicht? Armer, alter TT.«

»Ja, armer, alter TT. Nut sagt, ohne eine Autopsie kann man unmöglich was Eindeutiges sagen.«

Wobei es bleiben musste. Inzwischen war keine Leiche mehr vorhanden, die man hätte aufschneiden können.

»Wie geht Mary damit um?«

»Was meinst du wohl? Scheiße, es hat ihr das Herz gebrochen. Die beiden waren schon zusammen, als Tommy the Truck noch Tommy the Wagon war. Fast neunzig Jahre. Sie hat sich nach seiner Umwandlung um ihn gekümmert. Hat ihm seinen ersten Steam gegeben, als er am nächsten Tag aufgewacht ist. Jetzt sagt sie, sie will sich umbringen.«

Rose war nur selten geschockt, aber das schockte sie nun doch. Keiner der Wahren hatte sich je selbst das Leben genommen. Das Leben war – um es prägnant auszudrücken – ihr einziger Grund zu leben.

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