Doctor Sleep - Страница 34


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»Wahrscheinlich nur dahingesagt«, sagte Crow Daddy. »Bloß …«

»Bloß was?«

»Du hast recht, dass wir uns normalerweise keine Erkältung einfangen, aber in letzter Zeit gab es eine ganze Menge davon. Meist nur ein kleiner Schnupfen, der kommt und geht. Nut meint, es könnte an der Mangelernährung liegen. Natürlich ist das nur eine Vermutung.«

Rose saß nachdenklich da, trommelte mit den Fingern auf ihren nackten Bauch und starrte auf das leere Rechteck des Fernsehers. Schließlich sagte sie: »Okay, ich gebe zu, dass die Ernährung in letzter Zeit ein bisschen mager war, aber wir haben erst vor einem Monat in Delaware Steam genommen, und da ging es Tommy gut. Er ist richtig aufgeblüht.«

»Ja, aber, Rosie – dieser Knabe aus Delaware hatte nicht viel Steam im Tank. Mehr Zahnfüllung als Festmahl.«

So hatte sie es bisher nie gesehen, aber es stimmte. Außerdem war der Bursche laut seinem Führerschein schon neunzehn gewesen. Ein ganzes Stück jenseits des kümmerlichen Höhepunkts, den er in der Pubertät gehabt haben musste. Weitere zehn Jahre, dann wäre er ein stinknormaler Tölpel gewesen. Vielleicht hätte es sogar nur fünf Jahre gedauert. Richtig, er war keine anständige Mahlzeit gewesen. Aber man konnte halt nicht immer Steak futtern. Manchmal musste man sich mit Bohnensprossen und Tofu zufriedengeben. Zumindest hielt das Leib und Seele zusammen, bis man die nächste Kuh schlachten konnte.

Nur dass das übersinnliche Sprossen-und-Tofu-Mahl Tommy the Trucks Leib und Seele nicht zusammengehalten hatte, nicht wahr?

»Früher gab’s mehr Steam«, sagte Crow.

»Sei nicht albern. Das ist, wie wenn die Tölpel sagen, vor fünfzig Jahren wären die Leute freundlicher gewesen. Das ist ein Mythos, und ich will nicht, dass du so was verbreitest. Die Leute sind so schon nervös genug.«

»Du solltest eigentlich wissen, dass ich mit so was nicht hausieren gehe. Aber ich glaube nicht, dass das ein Mythos ist, mein Schatz. Wenn man darüber nachdenkt, ist es durchaus plausibel. Vor fünfzig Jahren war mehr von allem da – Öl, wilde Tiere, Ackerland, saubere Luft. Es gab sogar ein paar ehrliche Politiker.«

»Ja!«, rief Rose. »Richard Nixon, erinnerst du dich noch an den? Der Tölpel par excellence?«

Aber er ließ sich nicht davon abbringen, diese falsche Spur zu verfolgen. Selbst wenn es Crow ein wenig an Weitblick mangelte, war er nur selten unkonzentriert. Deshalb war er auch ihr Stellvertreter. Womöglich hatte er sogar nicht einmal unrecht. Wer konnte schon mit Sicherheit sagen, dass die Zahl der Menschen, die als geeignete Nahrung für die Wahren infrage kamen, nicht ebenso abnahm wie die Zahl der Thunfischschwärme im Pazifik?

»Du solltest wirklich eine der Steam-Flaschen öffnen, Rosie.« Er sah, wie ihre Augen sich weiteten, und hob die Hand, um sie am Sprechen zu hindern. »Niemand spricht das laut aus, aber die ganze Familie denkt darüber nach.«

Rose zweifelte nicht daran, dass dem so war, und die Vorstellung, dass Tommy an Komplikationen infolge von Mangelernährung gestorben war, besaß eine gewisse schaurige Plausibilität. Wenn Steam knapp war, wurde das Leben schwer und verlor seinen Geschmack. Sie waren zwar keine Vampire aus einem dieser alten Horrorfilme von Hammer Productions, aber essen mussten sie trotzdem.

»Und wie lange ist es her, seit wir eine siebente Welle hatten?«, sagte Crow.

Er kannte die Antwort, und Rose kannte sie ebenfalls. Der Wahre Knoten besaß begrenzte präkognitive Fähigkeiten, aber wenn ein wirklich großes Tölpel-Desaster – eine siebente Welle – im Anzug war, dann spürten sie es alle. Die Einzelheiten des Anschlags auf das World Trade Center waren ihnen zwar erst im Spätsommer 2001 klar geworden, aber schon Monate vorher hatten sie gewusst, dass in New York irgendetwas geschehen würde. Rose erinnerte sich noch an die Freude und die gespannte Erwartung. Wahrscheinlich fühlten sich hungrige Tölpel genauso, wenn sie rochen, dass in der Küche gerade eine besonders schmackhafte Mahlzeit zubereitet wurde.

An jenem Tag war mehr als genug für alle da gewesen, in den folgenden Tagen ebenfalls. Unter den Leuten, die beim Einsturz der Türme zu Tode gekommen waren, waren womöglich nur wenige echte Steamheads gewesen, aber wenn eine Katastrophe groß genug war, dann hatten die Qualen und der gewaltsame Tod selbst bei gewöhnlichen Menschen eine anreichernde Wirkung. Deshalb wurden die Wahren von solchen Orten angezogen wie Insekten von hellem Licht. Einzelne Steamheads unter den Tölpeln aufzuspüren war wesentlich schwieriger, und momentan hatten nur drei der Wahren dieses spezielle Sonargerät im Kopf: Grampa Flick, Barry the Chink und Rose selbst.

Sie stand auf, griff nach einem weit ausgeschnittenen Top, das zusammengefaltet auf dem Schränkchen lag, und zog es sich über. Wie immer sah sie großartig aus. Sie wirkte zwar einerseits irgendwie unheimlich (diese hohen Wangenknochen und diese leicht schrägen Augen), aber andererseits auch extrem sexy. Dann setzte sie ihren Hut wieder auf und klopfte einmal darauf, weil das Glück brachte. »Wie viele volle Flaschen sind wohl übrig, Crow?«

Er zuckte die Achseln. »Ein Dutzend? Fünfzehn?«

»In etwa«, stimmte sie zu. Besser, dass keiner der anderen die Wahrheit kannte, nicht einmal ihr Stellvertreter. Dass die herrschende Unsicherheit sich in offene Panik verwandelte, konnte sie gar nicht brauchen. Wenn Leute in Panik gerieten, rannten sie in alle Richtungen, und wenn das geschah, gerieten die Wahren in Gefahr, sich aufzulösen.

Währenddessen studierte Crow sie, und zwar aufmerksam. Bevor er zu viel sehen konnte, sagte sie: »Kannst du den Campingplatz hier für heute Nacht exklusiv buchen?«

»Kein Problem. Seit Benzin und Diesel so teuer geworden sind, bekommt der Besitzer ihn kaum halb voll, selbst an Wochenenden. Der ist begeistert, wenn er mal die Chance hat.«

»Dann tu es. Wir werden Flaschen-Steam nehmen. Sorg dafür, dass alle es erfahren.«

»Gute Entscheidung.« Er küsste sie, wobei er eine ihrer Brüste liebkoste. »Das ist mein Lieblingstop.«

Sie lachte und schob ihn weg. »Jedes Top mit Titten drin ist dein Lieblingstop. Los, mach dich auf die Socken!«

Aber er zögerte, die Mundwinkel zu einem Grinsen verzogen. »Schnüffelt die kleine Klapperschlange eigentlich immer noch vor deiner Tür herum, Schatz?«

Sie griff nach unten und drückte unterhalb seines Gürtels kurz zu. »Ach, du jemine! Bist du etwa eifersüchtig?«

»Schon möglich.«

Das bezweifelte sie zwar, war jedoch trotzdem geschmeichelt. »Die ist jetzt mit Sarey zusammen, und die beiden sind ausgesprochen glücklich. Aber da wir schon über Andi sprechen, die kann uns helfen. Du weißt schon, wie. Sag allen Bescheid, aber sprich zuerst mit ihr.«

Nachdem er gegangen war, verriegelte sie die Tür der Wohnkabine, ging ins Fahrerhaus und ließ sich auf die Knie nieder. Sie schob die Finger unter den Teppichboden zwischen dem Fahrersitz und den Pedalen. Ein Streifen löste sich. Darunter kam eine rechteckige Metallklappe mit einer kleinen Tastatur zum Vorschein. Rose tippte die Zahlen ein, und der Safe sprang ein kleines Stück weit auf. Sie klappte die Tür ganz auf und sah hinein.

Zwölf, vielleicht auch fünfzehn volle Flaschen. Das hatte Crow geschätzt, und obwohl sie die Gedanken von Mitgliedern der Wahren nicht so lesen konnte wie die von Tölpeln, war Rose sich sicher, dass er die Lage bewusst schöngefärbt hatte, um sie aufzumuntern.

Wenn er nur wüsste, dachte sie.

Der Safe war mit Styropor ausgekleidet, um die Stahlflaschen bei einem Autounfall zusätzlich zu schützen, und es gab vierzig fest eingebaute Fächer. An diesem schönen Maivormittag in Kentucky waren siebenunddreißig der Flaschen in den Fächern leer.

Rose nahm einen der drei verbliebenen vollen Flaschen heraus und hob sie in die Höhe. Sie war leicht; hätte man sie in der Hand gewogen, so hätte man vermutet, dass sie ebenfalls leer war. Sie schraubte die Kappe auf, untersuchte das Ventil darunter, um sich zu vergewissern, dass die Versiegelung noch intakt war, und klappte den Safe wieder zu. Dann trug sie die Flasche in die Wohnkabine und stellte sie – fast ehrfürchtig – auf das Schränkchen, auf dem ihr zusammengefaltetes Top gelegen hatte.

Nach der kommenden Nacht würden nur noch zwei übrig sein.

Sie mussten irgendwo eine große Steam-Quelle auftun, um wenigstens ein paar von den leeren Flaschen aufzufüllen, und das musste bald geschehen. Die Wahren standen zwar nicht mit dem Rücken zur Wand, noch nicht ganz jedenfalls, aber die Wand war nur noch wenige Zentimeter entfernt.

3

Der Besitzer vom Kozy Kampground und seine Frau lebten in ihrem eigenen Wohnwagen. Das Ding stand permanent auf angemalten Betonblöcken. Nach dem regnerischen April waren viele Maiblumen gesprossen, und der Vorgarten von Mr. und Mrs. Kozy war voll davon. Andrea Steiner blieb einen Augenblick stehen, um die Tulpen und Stiefmütterchen zu bewundern, bevor sie die drei Stufen zur Tür des großen Redman-Domizils erklomm und klopfte.

Nach einer ganzen Weile machte Mr. Kozy auf. Er war ein kleiner Mann mit einem dicken Bauch, der momentan von einem hellroten Trägerunterhemd umhüllt war. In der einen Hand hielt er eine Dose Pabst Blue Ribbon, in der anderen eine mit Senf beschmierte Bratwurst in einer Scheibe schwammigem Weißbrot. Weil seine Frau gerade im anderen Zimmer war, nahm er sich ein wenig Zeit, die junge Frau vor ihm zu beglotzen, vom Pferdeschwanz bis zu den Sneakers. »Was gibt’s?«

Nicht wenige Mitglieder der Wahren besaßen ein gewisses Schläfertalent, aber Andi war darin bei Weitem am besten, weshalb ihre Umwandlung für den Knoten ein gewaltiger Glücksfall gewesen war. Sie nutzte ihre Fähigkeit immer noch gelegentlich, um die Geldbörse gewisser älterer Tölpel mit Gentleman-Allüren zu erleichtern, die von ihr magisch angezogen wurden. Rose fand das riskant und kindisch, wusste jedoch aus Erfahrung, dass das, was Andi als ihre Probleme bezeichnete, mit der Zeit von selbst abklingen würde. Das einzige Problem des Wahren Knotens war, zu überleben.

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