Doctor Sleep - Страница 35


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»Ich hab bloß eine kurze Frage«, sagte Andi.

»Wenn’s hier um die Toiletten geht, Schätzchen – der Kackesauger kommt erst Donnerstag.«

»Nein, darum geht es nicht.«

»Worum dann?«

»Sind Sie denn nicht müde? Wollen Sie nicht vielleicht einschlafen?«

Mr. Kozy schloss sofort die Augen. Bier und Bratwurst fielen ihm aus den Händen und versauten den Teppich. Na ja, dachte Andi, Crow hat dem Kerl zwölfhundert in den Rachen geworfen, da kann er sich schon eine Flasche Teppichreiniger leisten. Vielleicht sogar zwei.

Andi nahm ihn am Arm und führte ihn ins Wohnzimmer. Dort standen zwei mit Chintz bezogene Kozy-Sessel, vor denen Klapptischchen aufgebaut waren.

»Setzen!«, sagte sie.

Mit geschlossenen Augen setzte Mr. Kozy sich hin.

»Du fummelst gern an kleinen Mädchen rum, was?«, sagte Andi. »Jedenfalls würdest du das tun, wenn du könntest, oder etwa nicht? Wenn du schnell genug laufen könntest, um sie zu fangen, jedenfalls.« Die Hände in die Hüften gestützt, betrachtete sie ihn. »Du bist widerlich. Kannst du das auch selber sagen?«

»Ich bin widerlich«, stimmte Mr. Kozy zu. Dann begann er zu schnarchen.

Mrs. Kozy kam aus der Küche. Sie nagte an einem Sandwich-Eis. »Nanu? Wer sind denn Sie? Was sagen Sie ihm da? Was wollen Sie?«

»Dass Sie einschlafen«, sagte Andi zu ihr.

Mrs. Kozy ließ ihr Eis fallen. Dann wurden ihre Knie wacklig, und sie setzte sich drauf.

»Ach, du Scheiße!«, sagte Andi. »Ich hab nicht gleich da gemeint. Aufstehen!«

Als Mrs. Kozy aufstand, klebte das zerquetschte Sandwich-Eis hinten an ihrem Kleid. Snakebite Andi legte ihr den Arm um die praktisch nicht vorhandene Taille und führte sie zu dem zweiten Kozy-Sessel. Dabei hielt sie kurz inne, um ihr das schmelzende Sandwich-Eis vom Hintern zu ziehen. Bald saßen die beiden mit geschlossenen Augen Seite an Seite da.

»Ihr werdet die ganze Nacht schlafen«, wies Andi sie an. »Sie, Mister, können davon träumen, kleinen Mädchen nachzustellen. Und Sie, Missus, können davon träumen, dass er an einem Herzinfarkt gestorben ist und Ihnen eine millionenschwere Lebensversicherung hinterlassen hat. Na, wie klingt das? Prima, oder?«

Sie schaltete den Fernseher ein und stellte den Ton lauter. Pat Sajak, Moderator des Glücksrads, wurde von einer Frau mit gewaltigen Titten umarmt, die gerade das Rätsel gelöst hatte. Die Lösung lautete: RUH DICH NIE AUF DEINEN LORBEEREN AUS. Andi gönnte sich einen Moment, um den Mammutbusen der Frau zu bewundern, dann wandte sie sich wieder den Kozys zu.

»Wenn die Elf-Uhr-Nachrichten vorbei sind, könnt ihr den Fernseher ausschalten und ins Bett gehen. Und wenn ihr morgen aufwacht, werdet ihr euch nicht daran erinnern, dass ich hier war. Irgendwelche Fragen?«

Die beiden hatten keine. Andi ließ sie sitzen und eilte zu den im Pulk aufgestellten Wohnmobilen zurück. Sie war hungrig, seit Wochen schon, und heute Nacht würde es genug für jeden geben. Was morgen anging … es war die Aufgabe von Rose, sich darum Sorgen zu machen, und aus der Sicht von Snakebite Andi durfte sie das gern tun.

4

Gegen acht Uhr abends war es vollständig dunkel. Um neun versammelten die Wahren sich im Picknickbereich des Campingplatzes. Rose the Hat kam mit der Flasche in der Hand als Letzte. Bei seinem Anblick erhob sich ein leises, gieriges Gemurmel. Rose wusste, wie sich alle fühlten. Sie war selber mächtig hungrig.

Sie bestieg einen der mit eingeritzten Initialen übersäten Picknicktische und blickte allen nacheinander in die Augen. »Wir sind der Wahre Knoten.«

»Wir sind der Wahre Knoten«, erwiderten die anderen. Ihre Gesichter wirkten ernst und feierlich, ihre Augen waren lebhaft und hungrig. »Was gebunden ist, darf nie gelöst werden.«

»Wir sind der Wahre Knoten, und wir dauern fort.«

»Wir dauern fort.«

»Wir sind die Auserwählten. Wir sind die Glückseligen.«

»Wir sind auserwählt und glückselig.«

»Sie sind die Macher, wir sind die Nehmer.«

»Wir nehmen, was sie machen.«

»Nehmt dies und nutzt es gut.«

»Wir werden es gut nutzen.«

Einmal, zu Anfang des letzten Jahrzehnts vom 20. Jahrhundert, hatte in Enid, Oklahoma, ein Junge namens Richard Gaylesworthy gelebt. Ich schwöre, das Kind kann meine Gedanken lesen, sagte seine Mutter manchmal. Das wurde von den Leuten zwar belächelt, war jedoch nicht als Scherz gemeint. Vielleicht konnte er sogar nicht nur ihre Gedanken lesen. Richard absolvierte schulische Tests, auf die er sich überhaupt nicht vorbereitet hatte, mit der Bestnote. Er wusste, ob sein Vater in guter Laune nach Hause kommen würde oder ob er sich beim Heimkommen noch über irgendeinen Mist in der Firma für Sanitärzubehör ärgerte, die er besaß. Einmal flehte der Junge seine Mutter an, Lotto zu spielen, weil er sich sicher sei, die Gewinnzahlen zu kennen. Mrs. Gaylesworthy weigerte sich – sie waren gute Baptisten –, aber später bereute sie das. Es stimmten zwar nicht alle sechs Zahlen, die Richard auf den Einkaufszettelblock in der Küche gekritzelt hatte, aber immerhin fünf. Ihre religiösen Überzeugungen hatten die Familie siebzigtausend Dollar gekostet. Sie hatte den Jungen inständig gebeten, seinem Vater nichts zu erzählen, was Richard prompt versprochen hatte. Er war ein guter Junge, ein wunderbarer Junge.

Etwa zwei Monate nach dem Lottogewinn, der keiner gewesen war, wurde Mrs. Gaylesworthy in ihrer Küche erschossen, und der ebenso gute wie wunderbare Junge verschwand. Inzwischen war seine Leiche schon lange in dem verwahrlosten Acker einer aufgelassenen Farm verwest, doch als Rose the Hat das Ventil der metallisch glänzenden Flasche öffnete, entwich seine Essenz – sein Steam – als Wolke aus glitzerndem, weißem Dunst. Sie stieg bis zu einer Höhe von einem knappen Meter über die Flasche auf, dann breitete sie sich flach aus. Die Wahren standen mit erwartungsvoller Miene da und blickten zu ihr empor. Die meisten zitterten. Einige weinten sogar.

»Nehmt Nahrung auf und dauert fort«, sagte Rose und hob die Hände, bis ihre gespreizten Finger sich direkt unter der Fläche aus silbernem Dunst befanden. Sie bewegte die Hände leicht nach unten. Sofort begann der Dunst sich zu senken und nahm eine Schirmform an, während er auf die Wartenden zuschwebte. Als deren Köpfe von weißem Dunst umhüllt waren, begannen sie tief zu atmen. In den nächsten fünf Minuten gerieten einige ins Hyperventilieren und sanken ohnmächtig zu Boden.

Rose wiederum spürte, wie sie körperlich anschwoll und ihr Geist sich schärfte. Jeder einzelne Duft dieser Frühlingsnacht offenbarte sich ihr. Sie wusste, dass die feinen Fältchen um ihre Augen und ihren Mund verschwanden. Die weißen Strähnen in ihrem Haar wurden wieder dunkel. Im weiteren Verlauf der Nacht würde Crow in ihr Wohnmobil kommen, und dann würden sie in ihrem Bett wie Fackeln lodern.

Sie inhalierten Richard Gaylesworthy, bis er verschwunden war – wirklich und wahrhaftig verschwunden. Der weiße Dunst wurde dünner und löste sich dann auf. Wer in Ohnmacht gefallen war, setzte sich auf und sah sich lächelnd um. Grampa Flick griff sich Petty the Chink, Barrys Frau, und legte ein flottes kleines Tänzchen mit ihr hin.

»Lass mich los, du alter Esel!«, fuhr sie ihn an, lachte dabei aber.

Snakebite Andi und Silent Sarey tauschten tiefe Küsse. Andis Hände wühlten dabei in Sareys mausgrauen Haaren.

Rose sprang vom Picknicktisch herunter und sah Crow an. Der bildete mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis und grinste sie an.

Alles in bester Ordnung, drückte dieses Grinsen aus, und so war es auch. Vorläufig. Trotz ihrer Euphorie musste Rose an die Flaschen in ihrem Safe denken. Nun waren nicht mehr nur siebenunddreißig leer, sondern achtunddreißig. Sie standen mit dem Rücken noch einen Tick näher an der Wand.

5

Am nächsten Morgen rollten die Wahren weiter, sobald es dämmerte. Sie nahmen die Route 12 zur I-64, vierzehn Wohnmobile in einer eng geschlossenen Karawane. Sobald sie die Interstate erreicht hatten, würden sie mehr Abstand voneinander halten, damit sie nicht so offensichtlich zusammengehörig erschienen. Per CB-Funk hielten sie Kontakt für den Fall, dass es Scherereien gab.

Oder falls eine Gelegenheit an die Tür klopfte.

Ernie und Maureen Salkowicz, frisch aus einem wunderbaren Schlaf erwacht, waren sich einig, dass diese Wohnmobilleute die besten Gäste gewesen waren, die sie je gehabt hatten. Die hatten nicht nur bar bezahlt und ihre Standplätze blitzsauber hinterlassen, jemand hatte sogar einen Brotpudding mit Äpfeln auf die oberste Stufe des Wohnwagens gestellt, samt einer wirklich netten Dankeskarte. Wenn sie Glück hatten, sagten die Salkowiczs sich, während sie ihr Geschenk zum Frühstück statt als Dessert verzehrten, kamen die Leute im nächsten Jahr wieder.

»Weißt du was?«, sagte Maureen. »Ich hab geträumt, diese Lady aus der Versicherungswerbung – Flo – hätte dir ’ne riesige Lebensversicherung verkauft. Ist das nicht ein irrer Traum?«

Ernie grunzte und klatschte sich noch einen Löffel Schlagsahne auf seinen Brotpudding.

»Hast du auch etwas geträumt, Schatz?«

»Nee.«

Er wandte den Blick jedoch von ihr ab, während er ihre Frage beantwortete.

6

An einem heißen Julitag in Iowa wendete sich das Glück des Wahren Knotens. Wie immer führte Rose die Karawane an, und gleich westlich von Adair gab das Sonargerät in ihrem Kopf ein Ping von sich. Dieses Ping war nicht markerschütternd, aber dennoch recht laut. Sofort nahm sie per Funk Kontakt mit Barry the Chink auf, der in etwa so asiatisch war wie Tom Cruise. Allerdings hatte er tatsächlich leicht nach oben gezogene Augen. Seine Frau ebenfalls, was nach Rose’ Meinung bloß bewies, dass Gleich und Gleich sich gern gesellte.

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