Doctor Sleep - Страница 36


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»Barry, hast du das gespürt? Bitte kommen!«

»Jau.« Barry war kein besonders redseliger Typ.

»Bei wem fährt Grampa Flick heute mit?«

Bevor Barry antworten konnte, knackste es im Funkgerät zweimal, und Apron Annie sagte: »Er ist bei mir und Long Paul, Süße. Ist es … ist es ein Guter?« Annie klang besorgt, was Rose verstehen konnte. Richard Gaylesworthy war ein sehr Guter gewesen, aber sechs Wochen waren eine lange Zeit zwischen zwei Mahlzeiten, und seine Wirkung ließ allmählich nach.

»Ist der alte Knacker ansprechbar, Annie?«

Statt dieser antwortete jemand mit kratziger Stimme: »Mir geht’s prima.« Für einen Kerl, der sich manchmal nicht an seinen eigenen Namen erinnern konnte, hörte Grampa Flick sich tatsächlich ganz ordentlich an. Gereizt, klar, aber gereizt war wesentlich besser als verwirrt.

In ihrem Kopf erklang ein zweites Ping, diesmal nicht ganz so laut. Wie um etwas zu unterstreichen, was nicht unterstrichen werden musste, sagte Grampa: »Scheiße, wir fahren in die falsche Richtung.«

Rose verzichtete auf eine Antwort und drückte stattdessen zweimal auf die Taste ihres Mikrofons. »Crow? Bitte kommen, Süßer.«

»Bin schon da.« Prompt wie immer. Er hatte wohl schon darauf gewartet, angefunkt zu werden.

»Hol an der nächsten Raststätte alle raus. Außer mir, Barry und Flick. Wir nehmen die nächste Ausfahrt, wenden und fahren zurück.«

»Brauchst du ein Team?«

»Das weiß ich erst, wenn wir näher dran sind, aber … ich glaube nicht.«

»Okay.« Eine Pause, dann fügte er hinzu: »Scheiße.«

Rose hängte das Mikro auf und ließ den Blick über die endlosen Maisfelder zu beiden Seiten der vier Fahrspuren schweifen. Crow war enttäuscht, klar. Das würden alle sein. Wirklich ergiebige Steamheads brachten Probleme mit sich, weil sie praktisch immun gegen alle Suggestionsbemühungen waren. Das bedeutete, man musste sie mit Gewalt unter Kontrolle bringen, wobei Freunde oder Familienmitglieder oft einzugreifen versuchten. Manchmal konnte man sie in Schlaf versetzen, aber nicht immer; jemand mit starkem Steam konnte selbst Snakebite Andis beste Anstrengungen abblocken. Deshalb musste man manchmal jemand töten. Das war zwar nicht gut, aber das Ergebnis war es immer wert: Leben und Kraft, gespeichert in einer Stahlflasche. Gespeichert für einen schlechten Tag. In vielen Fällen gab es sogar noch einen Bonus. Steam war erblich, und oft besaß jeder in der Familie der Beute zumindest ein wenig davon.

7

Während die meisten Mitglieder des Wahren Knotens auf einer angenehm schattigen Raststätte vierzig Meilen östlich von Council Bluffs warteten, wendeten die Wohnmobile mit den drei Findern, verließen bei Adair die I-80 und wandten sich nach Norden. Sobald sie Abstand vom Highway gewonnen hatten und sich in der Pampa befanden, trennten sie sich und begannen, das Netz aus gepflegten Schotterstraßen zu erkunden, die diesen Teil von Iowa in große Rechtecke teilten. Aus verschiedenen Richtungen bewegten sie sich wie Landvermesser bei der Triangulation auf das Ping zu.

Es wurde stärker … noch ein wenig stärker … dann pendelte es sich ein. Guter Steam, aber kein besonders starker Steam. Na ja. In der Not fraß der Teufel Fliegen.

8

Bradley Trevor musste an diesem Tag nicht wie üblich auf der Farm mithelfen, damit er zum Training des örtlichen Baseballvereins gehen konnte. Hätte sein Vater ihm das verboten, so wäre der Trainer wahrscheinlich samt den übrigen Jungs gekommen, um seinen Alten zu lynchen, denn Brad war der beste Schlagmann der Adair All-Stars. Seinem Aussehen nach hätte man das nicht gedacht – er war dürr wie ein Besenstiel und erst elf –, trotzdem trieb er selbst die besten Werfer des Distrikts immer wieder zur Verzweiflung. Die leichten Bälle schlug er fast immer weit ins Feld. Teilweise lag das schlicht daran, dass er auf der Farm hart arbeitete, aber das erklärte bei Weitem nicht alles. Brad schien einfach zu wissen, was für ein Ball als Nächstes kam. Dabei gab ihm niemand versteckt irgendwelche Zeichen (eine Möglichkeit, über die einige der anderen Trainer im Distrikt finster nachgegrübelt hatten). Er wusste einfach Bescheid. So wie er auch wusste, welches der beste Ort für einen neuen Brunnen als Viehtränke war oder wo eine entlaufene Kuh sich hingetrollt hatte oder wo der Verlobungsring seiner Mutter gewesen war, als sie ihn verloren hatte. Schau unter der Fußmatte im Auto nach, hatte er gesagt, und da hatte das Ding tatsächlich gelegen.

An diesem Tag lief es im Training besonders gut, aber während der anschließenden Teambesprechung war Brad irgendwie in den Wolken. Als man ihm eine Limo aus dem mit Eis gefüllten Kübel anbot, lehnte er ab. Er sagte, er wolle lieber nach Hause, um seiner Mutter zu helfen, die Wäsche abzuhängen.

»Wird es denn regnen?«, fragte Coach Micah Johnson. Inzwischen vertrauten sie ihm alle, was solche Dinge anging.

»Keine Ahnung«, sagte Brad teilnahmslos.

»Was ist denn los, Junge? Du siehst irgendwie krank aus.«

Brad ging es tatsächlich nicht gut. Als er am Morgen aufgewacht war, hatte er Kopfschmerzen gehabt und sich ziemlich fiebrig gefühlt. Allerdings war das nicht der Grund, weshalb er jetzt nach Hause gehen wollte; er hatte einfach das Gefühl, nicht länger auf dem Baseballplatz sein zu wollen. Seine Gedanken schienen ihm irgendwie nicht selber zu gehören. Er war sich nicht sicher, ob er tatsächlich da war oder alles nur träumte – was ihm völlig irre vorkam. Abwesend kratzte er an einem roten Fleck an seinem Unterarm. »Morgen zur selben Zeit, stimmt’s?«

Coach Johnson sagte, ja, so sei es geplant, und Brad ging davon, den Handschuh schlaff in der Hand. Normalerweise joggte er nach Hause – das taten sie alle –, aber heute fühlte er sich nicht danach. Der Kopf tat ihm immer noch weh, und nun schmerzten auch noch die Beine. Er schlug sich in das Maisfeld hinter der Tribüne, um eine Abkürzung zu der zwei Meilen weit entfernten Farm zu nehmen. Als er auf der Town Road D wieder herauskam und sich mit einer langsamen, träumerischen Handbewegung Spinnweben aus den Haaren strich, wartete ein mittelgroßer WanderKing mit laufendem Motor auf dem Schotter. Daneben stand lächelnd Barry the Chink.

»Na, da bist du ja«, sagte Barry.

»Wer sind Sie?«

»Ein Freund. Steig ein. Ich bringe dich nach Hause.«

»Okay«, sagte Brad. So, wie er sich fühlte, ließ er sich gern mitnehmen. Er kratzte an dem roten Fleck auf seinem Arm. »Sie sind Barry Smith. Sie sind ein Freund von mir. Ich werde einsteigen, und Sie bringen mich nach Hause.«

Er kletterte in das Wohnmobil. Die Tür ging zu. Der WanderKing fuhr davon.

Am nächsten Tag war die ganze County auf den Beinen und suchte nach dem besten Schlagmann der Adair All-Stars. Ein Sprecher der State Police forderte die Bürger auf, sämtliche auffälligen Pkws und Kleinbusse zu melden. Es trafen viele entsprechende Berichte ein, die jedoch allesamt zu nichts führten. Und obwohl die drei Wohnmobile mit den Findern wesentlich größer waren als Kleinbusse (das von Rose the Hat war sogar regelrecht riesig), meldete niemand ihr Erscheinen. Schließlich waren das die Wohnmobilleute, die gemeinsam durchs Land zogen. Brad war einfach … verschwunden.

Wie Tausende andere unglückselige Kinder war er verschluckt worden, scheinbar mit einem einzigen Biss.

9

Sie brachten ihn in eine verlassene Ethanolfabrik, die mehrere Meilen vom nächsten Farmhaus entfernt war. Crow trug den Jungen auf den Armen aus Rose’ EarthCruiser und legte ihn behutsam auf den Boden. Brad war mit Klebeband gefesselt und weinte. Als der Wahre Knoten sich um ihn versammelte (wie Trauernde an einem offenen Grab), sagte er: »Bitte bringt mich nach Hause. Ich verrate es niemand.«

Rose sank neben ihm auf ein Knie und seufzte. »Das würde ich gern tun, Junge, aber es geht nicht.«

Sein Blick fand Barry. »Du hast gesagt, du wärst einer von den Guten! Ich hab’s gehört! Du hast es gesagt!«

»Tut mir leid, Kumpel.« Barry sah allerdings nicht so aus, als täte es ihm leid. Er sah hungrig aus. »Nimm’s nicht persönlich.«

Brad richtete den Blick wieder auf Rose. »Werdet ihr mir wehtun? Bitte tut mir nicht weh.«

Natürlich würden sie ihm wehtun. Das war bedauerlich, aber der Schmerz reinigte den Steam, und die Wahren mussten essen. Auch Hummer verspürten Schmerz, wenn man sie in einen Topf mit kochendem Wasser warf, aber das hielt die Tölpel nicht davon ab, es zu tun. Essen war Essen, und Überleben war Überleben.

Rose verbarg die Hände hinter dem Rücken. In eine davon legte Greedy G ein Messer. Es war kurz, aber sehr scharf. Rose blickte lächelnd auf den Jungen hinab und sagte: »So wenig wie möglich.«

Der Junge hielt lange durch. Er schrie, bis seine Stimmbänder rissig und seine Schreie zu einem rauen Bellen wurden. Irgendwann hielt Rose inne und sah sich um. An ihren langen, kräftigen Händen trug sie blutig rote Handschuhe.

»Was ist?«, fragte Crow.

»Wir sprechen später darüber«, sagte Rose und machte sich wieder an die Arbeit. Das Licht vieler Taschenlampen hatte ein Stück des Bodens hinter der Ethanolfabrik in einen provisorischen Operationssaal verwandelt.

»Bitte töte mich«, flüsterte Brad Trevor.

Rose the Hat schenkte ihm ein tröstliches Lächeln. »Bald.«

Aber dem war nicht so.

Das raue Bellen hob wieder an, und irgendwann verwandelte es sich in Steam.

Im Morgengrauen vergruben sie die Leiche des Jungen. Dann zogen sie weiter.

Kapitel Sechs

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