»Du hast gesagt, wir unterhalten uns später. Jetzt ist es später. Was ist vorhin passiert?«
»Wir hatten einen Zuschauer.«
»Tatsächlich?« Crow hob die Augenbrauen. Er hatte so viel von dem Steam des Jungen eingesogen wie alle anderen, sah jedoch trotzdem nicht jünger aus. Das tat er nach dem Essen nur selten. Dafür sah er zwischen zwei Mahlzeiten auch nur selten älter aus, falls der zeitliche Abstand nicht sehr groß ausfiel. Rose fand, das war ein guter Ausgleich. Wahrscheinlich hatte es mit seinen Genen zu tun. Vorausgesetzt, sie hatten überhaupt noch Gene. Nach Meinung von Nut war das fast sicher der Fall. »Ein Steamhead, meinst du.«
Sie nickte. Vor ihnen erstreckte die I-80 sich unter einem blassblauen, mit dahintreibenden Haufenwolken getüpfelten Himmel in die Ferne.
»Viel Steam?«
»O ja. Massenhaft.«
»Weit weg von hier?«
»An der Ostküste. Glaube ich.«
»Willst du etwa sagen, da hat uns jemand aus, na, fast fünfzehnhundert Meilen Entfernung zugeschaut?«
»Womöglich noch weiter weg. Könnte sogar oben in Kanada gewesen sein.«
»Ein Junge oder ein Mädchen?«
»Wahrscheinlich ein Mädchen, aber es war bloß ein Flash. Höchstens drei Sekunden. Ist das so wichtig?«
Das war es nicht. »Wie viele Flaschen könnte man mit jemand füllen, der so viel Steam im Kessel hat?«
»Schwer zu sagen. Drei … mindestens.« Diesmal war es Rose, die untertrieben hatte. Ihrer Schätzung nach konnte man mit der unbekannten Zuschauerin (falls es tatsächlich ein weiblicher Zuschauer war) zehn Flaschen füllen, vielleicht sogar ein Dutzend. Die Anwesenheit war kurz, aber machtvoll gewesen. Die Zuschauerin hatte gesehen, was sie taten, und ihr Entsetzen war so stark gewesen, dass Rose plötzlich die Hände nicht bewegen konnte und vorübergehend Ekel vor dem empfand, was sie tat. Natürlich war das nicht ihr eigenes Gefühl gewesen – einen Tölpel auszuweiden war nicht ekliger, als das bei einem Reh zu tun –, sondern eine Art übersinnlicher Querschläger.
»Vielleicht sollten wir wenden«, sagte Crow. »Um sie uns zu schnappen, während sie im optimalen Zustand ist.«
»Nein. Ich glaube, sie wird noch stärker werden. Wir lassen sie noch etwas reifen.«
»Weißt du das mit Sicherheit, oder ist es nur Intuition?«
Rose wedelte mit der Hand.
»Eine Intuition, die stark genug ist zu riskieren, dass sie von irgendeinem Trottel überfahren wird oder ein Kinderschänder sie in die Finger kriegt?« Crow sagte das ohne jede Ironie. »Und was ist mit Leukämie oder ’ner anderen Sorte Krebs? Du weißt doch, dass die für so was anfällig sind.«
»Wenn du Jimmy Numbers fragen würdest, dann würde der sagen, dass die Statistik auf unserer Seite steht.« Rose lächelte und tätschelte ihm liebevoll den Oberschenkel. »Du machst dir zu viele Sorgen, Daddy. Wir fahren wie geplant nach Sidewinder, und dann geht es in ein paar Monaten nach Florida. Barry und Grampa Flick meinen, dieses Jahr gibt’s massenhaft Hurrikane.«
Crow verzog das Gesicht. »Das ist so, als würde man sein Essen aus dem Müllcontainer holen.«
»Mag sein, aber das Zeug in manchen von diesen Containern ist ziemlich gehaltvoll. Ich ärgere mich immer noch schwarz, dass wir diesen Tornado in Joplin verpasst haben. Aber bei so plötzlich auftretenden Stürmen ist die Vorahnung natürlich nicht so stark.«
»Dieses Mädchen. Sie hat uns gesehen.«
»Stimmt.«
»Und was wir getan haben.«
»Worauf willst du hinaus, Crow?«
»Könnte sie uns ans Messer liefern?«
»Süßer, wenn die Kleine älter als elf ist, fresse ich meinen Hut.« Rose klopfte zur Bekräftigung daran. »Ihre Eltern wissen wahrscheinlich nicht, was sie ist und zu was sie fähig ist. Und selbst wenn, geben sie sich bestimmt die größte Mühe, es möglichst zu verharmlosen, damit sie nicht zu viel darüber nachdenken müssen.«
»Oder sie schicken sie zu einem Psychiater, der ihr Pillen verschreibt«, sagte Crow. »Dadurch wird sie gedämpft und ist schwerer zu finden.«
Rose lächelte. »Wenn ich es richtig gespürt habe, und ich bin mir ziemlich sicher, dass dem so ist, dann wirkt ein Beruhigungsmittel bei der Kleinen so dämpfend wie ein Stück Klarsichtfolie vor einem Suchscheinwerfer. Wir finden sie, wenn es an der Zeit ist. Mach dir keine Sorgen.«
»Wenn du meinst. Du bist der Boss.«
»Korrekt, Süßer.« Statt ihm den Oberschenkel zu tätscheln, drückte sie ihm diesmal die Eier. »Heute Abend sind wir in Omaha?«
»In ’nem La Quinta Inn. Ich hab den gesamten hinteren Teil vom Erdgeschoss reserviert.«
»Gut. Hab nämlich vor, dich zu reiten wie einen Zuchthengst.«
»Sehen wir mal, wer wen reitet«, sagte Crow. Durch den Steam des Jungen fühlte er sich spitz wie Rettich. Rose ebenfalls. Die anderen auch. Er schaltete das Radio wieder ein. Cross Canadian Ragweed sangen über die Jungs aus Oklahoma, die ihre Joints total falsch rollten.
Die Wahren rollten westwärts.
3
Es gab nachsichtige AA-Sponsoren, strenge AA-Sponsoren, und dann gab es noch solche wie Casey Kingsley, die sich von ihren Schützlingen nicht den geringsten Scheiß bieten ließen. Als die Beziehung der beiden noch am Anfang gestanden hatte, hatte Casey Dan aufgetragen, neunzig Treffen in neunzig Tagen zu absolvieren und ihn jeden Morgen um sieben anzurufen. »Wenn du zu früh anrufst, lege ich auf. Wenn du zu spät anrufst, sage ich dir, du sollst morgen wieder anrufen … aber nur falls du bis dahin noch trocken bist. Und wenn du besoffen oder verkatert anrufst, merke ich das, sobald dir drei Wörter aus dem Munde gekommen sind.«
Nachdem Dan seine neunzig fortlaufenden Meetings hinter sich gebracht hatte, erhielt er die Erlaubnis, auf die morgendlichen Anrufe zu verzichten. Stattdessen trafen sich die beiden seither dreimal pro Woche zum Kaffee im Sunspot Café. Casey thronte in einer Sitznische, als Dan an einem Julinachmittag des Jahres 2011 hereinkam, und obwohl Casey es noch nicht ganz bis zur Rente geschafft hatte, fand Dan, dass sein langjähriger AA-Sponsor (und sein erster Chef in New Hampshire) sehr alt aussah. Er hatte nicht mehr viel Haar und ging mit einem deutlichen Hinken. Eigentlich hätte er längst eine neue Hüfte gebraucht, schob die OP aber weiter vor sich her.
Dan sagte hallo, setzte sich, verschränkte die Hände und wartete auf das, was Casey als Katechismus bezeichnete.
»Bist du heute nüchtern, Danno?«
»Ja.«
»Wie war dieses Wunder an Beherrschung möglich?«
»Dank dem Programm der Anonymen Alkoholiker und Gott, wie ich ihn verstehe. Mein Sponsor hat da vielleicht auch eine kleine Rolle gespielt.«
»Nettes Kompliment, aber blas mir keinen Zucker in den Arsch, dann lasse ich auch die Finger von deinem.«
Patty Noyes kam mit der Kaffeekanne und goss Dan ungefragt eine Tasse ein. »Na, wie geht’s, mein Hübscher?«
Dan grinste sie an. »Mir geht’s gut.«
Sie zerzauste ihm die Haare, dann schritt sie mit etwas zusätzlichem Schwung zur Theke zurück. Die beiden Männer verfolgten das anregende Ticktack ihrer Hüften, wie Männer es eben taten, dann richtete Casey den Blick wieder auf Dan.
»Hast du mit dem Gott, wie du ihn verstehst, irgendwelche Fortschritte gemacht?«
»Keine großen«, sagte Dan. »Ich hab so eine Ahnung, es könnte sich da um eine dieser lebenslangen Aufgaben handeln.«
»Aber du bittest morgens um Hilfe, damit du die Finger vom Schnaps lassen kannst?«
»Ja.«
»Auf den Knien?«
»Ja.«
»Und abends sagst du danke?«
»Ja. Ebenfalls auf den Knien.«
»Weshalb?«
»Weil ich mich daran erinnern muss, dass der Schnaps mich dahin gebracht hat«, sagte Dan. Das entsprach der Wahrheit.
Casey nickte. »Das sind die ersten drei Schritte. Sag mir die Kurzform auf.«
»Ich kann’s nicht, Gott kann es, ich vertraue mich ihm an.« Er fügte hinzu: »Gott, wie ich ihn verstehe.«
»Beziehungsweise: den du nicht verstehst.«
»Genau.«
»Sag mir jetzt mal, wieso du früher gesoffen hast.«
»Weil ich ein Säufer bin.«
»Nicht weil deine Mama dich nicht geliebt hat?«
»Nein.« Wendy hatte ihre Fehler gehabt, aber ihre Liebe zu ihm – und seine zu ihr – war nie ins Wanken geraten.
»Oder weil dein Daddy dich nicht geliebt hat?«
»Nein.« Obwohl er mir einmal den Arm gebrochen und mich am Ende fast umgebracht hat.
»Weil es erblich ist?«
»Nein.« Dan nippte an seinem Kaffee. »Aber das ist es. Das weißt du doch, oder?«
»Klar. Ich weiß aber auch, dass das belanglos ist. Wir haben gesoffen, weil wir Säufer sind. Davon genesen wir nie. Auf der Basis unseres spirituellen Zustands erhalten wir täglich eine Bewährungsfrist, und damit hat sich’s.«
»Ja, Boss. Sind wir mit diesem Thema fertig?«
»Fast. Hast du daran gedacht, dir heute vielleicht einen Drink zu gönnen?«
»Nein. Und du?«
»Auch nicht.« Casey grinste. Das Grinsen erfüllte sein Gesicht mit Licht und ließ ihn wieder jung werden. »Es ist ein Wunder. Würdest du auch sagen, dass es ein Wunder ist, Danny?«
»Ja. Das würde ich.«
Patty kam mit einem großen Teller Vanillepudding an – garniert mit zwei Kirschen statt nur einer – und stellte ihn Dan vor die Nase. »Iss das. Geht aufs Haus. Du bist zu mager.«
»Was ist mit mir, Schätzchen?«, fragte Casey.
Patty rümpfte die Nase. »Du bist ein wahres Nilpferd. Ich bringe dir ’nen Fichtenbecher, wenn du willst. Das ist ein Glas Wasser mit einem Zahnstocher drin.« Womit sie das letzte Wort gehabt hatte und davontänzelte.