»Legst du sie immer noch flach?«, fragte Casey, während Dan sich an seinen Pudding machte.
»Charmante Frage«, sagte Dan. »Sehr einfühlsam und echt New Age.«
»Danke. Also, legst du sie immer noch flach?«
»Da lief mal was, das etwa vier Monate gedauert hat, und das ist drei Jahre her, Casey. Jetzt ist Patty mit einem sehr netten Kerl aus Grafton verlobt.«
»Grafton«, sagte Casey abfällig. »Hübsche Aussicht, mieses Kaff. Wenn du hier im Café auftauchst, benimmt sie sich nicht gerade so, als wäre sie verlobt.«
»Casey …«
»Moment, versteh mich nicht falsch. Ich würde zwar nie einem meiner Schützlinge raten, seine Nase – oder seinen Schwanz – in eine bestehende Beziehung zu stecken. So was ist die ideale Voraussetzung für ein Glas Schnaps. Aber … hast du überhaupt irgendeine Art Beziehung?«
»Geht dich das was an?«
»Zufällig ja.«
»Okay, die Antwort lautet: Momentan nicht. Es gab mal eine Schwester aus dem Hospiz – von der hab ich dir ja erzählt …«
»Sarah Soundso.«
»Olson. Wir haben schon davon gesprochen zusammenzuziehen, aber dann hat sie einen tollen Job im Mass General bekommen. Manchmal schreiben wir uns E-Mails.«
»Keine Beziehungen im ersten Jahr, das ist die Daumenregel«, sagte Casey. »Die allerdings nur sehr wenige genesende Säufer ernstnehmen. Du hast es getan. Aber, Danno … es ist an der Zeit, dass du ’ne feste Beziehung aufbaust. Mit irgendjemand.«
»Oje, mein Sponsor hat sich in Doctor Phil verwandelt«, sagte Dan.
»Ist dein Leben heute besser? Besser, als es damals war, als du hier aus dem Bus gestiegen bist, schlapp und mit blutigen Augen?«
»Du weißt ja, dass es das ist. Besser, als ich es mir je hätte vorstellen können.«
»Dann denk daran, es mit jemand zu teilen. Mehr will ich gar nicht sagen.«
»Ich werd’s mir notieren. Können wir jetzt über was anderes sprechen? Über die Red Sox zum Beispiel?«
»Zuerst muss ich dich als dein Sponsor noch was fragen. Dann können wir einfach nur wieder zwei Freunde sein, die zusammen Kaffee trinken.«
»Na gut …« Dan sah ihn argwöhnisch an.
»Wir haben nie viel darüber gesprochen, was du im Hospiz tust. Wie du den Menschen dort hilfst.«
»Nein«, sagte Dan. »Und es wäre mir lieber, wenn wir es dabei belassen könnten. Du weißt doch, was wir am Ende jedes Treffens sagen oder? ›Wen du hier siehst, was du hier hörst, wenn du gehst, bitte lass es hier.‹ So denke ich über den anderen Teil meines Lebens.«
»Wie viele Teile deines Lebens waren vom Saufen beeinträchtigt?«
Dan seufzte. »Das weißt du schon. Alle.«
»Aha?« Und als Dan nichts erwiderte: »Das Personal im Hospiz nennt dich Doctor Sleep. So was spricht sich herum, Danno.«
Dan schwieg. Es war noch etwas von dem Pudding übrig, und Patty würde ihn ausschimpfen, wenn er nicht aufaß, aber sein Appetit war verflogen. Wahrscheinlich hatte er geahnt, dass dieses Gespräch irgendwann kommen musste, und nach zehn Jahren ohne einen Tropfen Alkohol (und da er inzwischen ein paar eigene Schützlinge hatte) würde Casey sicher seine Grenzen respektieren, aber er war trotzdem nicht scharf darauf.
»Du hilfst den Menschen beim Sterben. Nicht, indem du ihnen ein Kissen aufs Gesicht drückst oder so, das denkt niemand, sondern einfach, indem du … ich weiß auch nicht. Anscheinend weiß das niemand.«
»Ich setze mich zu ihnen, das ist alles. Spreche ein wenig mit ihnen. Wenn sie es wollen.«
»Arbeitest du mit den Schritten, Danno?«
Wäre das ein neues Gesprächsthema gewesen, so hätte Dan sich gefreut, aber er wusste, dass dem nicht so war. »Du weißt, dass ich das tue. Schließlich bist du mein Sponsor.«
»Ja, morgens bittest du um Hilfe, und abends sagst du danke. Das tust du auf den Knien. Womit wir die ersten drei Schritte hätten. Im vierten geht es um diesen Kram mit der moralischen Inventur. Aber wie steht es mit Nummer fünf?«
Insgesamt waren es zwölf Schritte. Da Dan mitbekommen hatte, wie sie am Anfang der Treffen, an denen er teilgenommen hatte, vorgelesen worden waren, kannte er sie auswendig. »Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.«
»Genau.« Casey hob seine Kaffeetasse, nahm einen Schluck und sah Dan über den Rand hinweg an. »Hast du diesen Schritt getan?«
»Mehr oder weniger.« Dan wäre am liebsten irgendwo anders gewesen. Fast egal wo. Außerdem stellte er fest, dass er sich nach einem Schnaps sehnte, und zwar zum ersten Mal seit geraumer Zeit. Auf dieses Gespräch war er nicht gefasst gewesen.
»Lass mich mal raten. Du hast dir selbst gegenüber alle deine Fehler zugegeben, du hast dem Gott deines Nichtverständnisses alle deine Fehler zugegeben, und du hast einem anderen Menschen gegenüber – das dürfte ich sein – die meisten deiner Fehler zugegeben. Stimmt’s, oder hab ich recht?«
Dan sagte nichts.
»Ich verrate dir mal, was ich glaube«, fuhr Casey fort. »Und du kannst mich gern korrigieren, falls ich unrecht habe. In Schritt acht und neun ist davon die Rede, den Schaden zu beseitigen, den wir hinterlassen haben, als wir praktisch sieben Tage pro Woche vierundzwanzig Stunden lang besoffen waren. Ich glaube, zumindest bei einem Teil deiner Arbeit im Hospiz, dem wichtigen Teil, geht es um diese Wiedergutmachung. Aber ich glaube auch, dass es einen Fehler gibt, über den du nicht ganz hinwegkommst, weil du dich zu sehr schämst, darüber zu sprechen. Wenn das der Fall ist, wärst du nicht der Erste, darauf kannst du wetten.«
Dan dachte: Mama.
Dan dachte: Zucka.
Er sah das rote Portemonnaie und das erbärmliche Bündel Lebensmittelmarken. Außerdem sah er etwas Geld. Siebzig Dollar, genug für ein viertägiges Besäufnis. Sogar für ein fünftägiges, wenn man es sorgfältig aufteilte und feste Nahrung auf ein absolutes Mindestmaß beschränkte. Er sah das Geld zuerst in seiner Hand und dann, wie es in seiner Tasche verschwand. Er sah das Kind in dem Braves-T-Shirt und die herunterhängende Windel.
Er dachte: Der Kleine hieß Tommy.
Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal dachte er: Darüber werde ich nie sprechen.
»Danno? Ist da noch etwas, was du mir erzählen willst? Ich hab so den Eindruck. Ich weiß nicht, wie lange du diesen Mist schon mit dir herumschleppst, aber du kannst ihn bei mir lassen und mit einer gewaltigen Last weniger hier rausmarschieren. So funktioniert das nämlich.«
Er dachte, wie das Kind zu seiner Mutter getapst war
(Deenie sie hieß Deenie)
und wie sie, obwohl sie gerade ihren Rausch ausschlief, den Arm um den Jungen gelegt und ihn an sich gezogen hatte. Dann hatten die beiden Gesicht an Gesicht in der Morgensonne gelegen, die durch das verdreckte Fenster des Schlafzimmers drang.
»Da gibt’s nichts«, sagte er.
»Lass es los, Dan. Das sage ich dir als Freund ebenso wie als dein Sponsor.«
Dan blickte seinem Gegenüber unverwandt in die Augen und sagte nichts.
Casey seufzte. »Bei wie vielen Treffen hast du gehört, wie jemand gesagt hat, das man nur so krank wie die Geheimnisse ist, die man hat? Bei hundert? Wahrscheinlich eher bei tausend. Von den alten Sprüchen, die wir haben, ist das wohl der älteste.«
Dan schwieg weiter.
»Wir haben alle einen absoluten Tiefpunkt«, sagte Casey. »Eines Tages wirst du irgendjemand von deinem Tiefpunkt erzählen müssen. Wenn du das nicht tust, wirst du dich irgendwann mit einem Glas Schnaps in der Hand in einer Kneipe wiederfinden.«
»Botschaft empfangen«, sagte Dan. »Können wir uns jetzt endlich über die Red Sox unterhalten?«
Casey warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ein andermal. Ich muss nach Hause.«
Genau, dachte Dan. Zu deinem Hund und deinen Goldfischen.
»Okay.« Er schnappte sich die Rechnung, bevor Casey dazu kam. »Ein andermal.«
4
In sein Turmzimmer zurückgekehrt, starrte Dan lange auf seine Tafel, bevor er langsam wegwischte, was dort stand:
Die bringen den Baseballjungen um!
Als die Tafel wieder leer war, fragte er: »Was für ein Baseballjunge ist das?«
Keine Antwort.
»Abra? Bist du noch da?«
Nein. Aber sie war da gewesen; wäre er zehn Minuten früher von seinem unangenehmen Kaffeeklatsch mit Casey wiedergekommen, hätte er womöglich ihre phantomhafte Gestalt gesehen. Aber war sie wirklich zu ihm gekommen? Wohl nicht. Es war zweifellos völlig verrückt, aber er hatte den Eindruck, dass sie zu Tony gekommen war. Der früher sein unsichtbarer Freund gewesen war, vor langer Zeit. Der manchmal Visionen mitgebracht hatte. Der ihn manchmal gewarnt hatte. Der sich als eine tiefere und weisere Version seiner selbst entpuppt hatte.
Für den verängstigten kleinen Jungen, der versucht hatte, im Hotel Overlook zu überleben, war Tony wie ein beschützender älterer Bruder gewesen. Die Ironie lag darin, dass Daniel Anthony Torrance sich mit seinem Sieg über den Alkohol zu einem echten Erwachsenen entwickelt hatte und Tony immer noch ein Kind war. Vielleicht sogar das berühmte innere Kind, von dem die New-Age-Gurus immer schwafelten. Dan hatte zwar den Eindruck, dass das Konzept des inneren Kindes oft missbraucht wurde, um selbstsüchtiges und zerstörerisches Verhalten zu rechtfertigen (Casey nannte das gern das Ich-muss-das-jetzt-sofort-haben-Syndrom), aber er zweifelte trotzdem nicht daran, dass erwachsene Männer und Frauen jedes Stadium ihrer Entwicklung irgendwo im Gehirn gespeichert hatten – nicht nur das innere Kind, sondern auch den inneren Säugling, den inneren Teenager und den inneren jungen Erwachsenen. Und wenn diese mysteriöse Abra ihn besuchte, lag es da nicht nahe, dass sie hinter seinem erwachsenen Denken nach jemand suchte, der ihr eigenes Alter hatte?