Doctor Sleep - Страница 40


К оглавлению

40

Nach einem Spielgefährten?

Vielleicht sogar nach einem Beschützer?

Wenn das der Fall war, so handelte es sich um eine Aufgabe, die Tony früher erfüllt hatte. Aber brauchte sie wirklich Schutz? Ihre Botschaft war zwar von Qual erfüllt gewesen

(die bringen den Baseballjungen um)

aber Shining war von Natur aus mit Qualen verbunden, wie Dan schon vor langer Zeit festgestellt hatte. Ein Kind hätte eigentlich nicht so viel wissen und sehen sollen. Klar, er konnte sie aufspüren und versuchen, mehr zu entdecken, aber was hätte er zu ihren Eltern gesagt? Guten Tag, Sie kennen mich zwar nicht, aber ich kenne Ihre Tochter, die besucht mich gelegentlich in meinem Zimmer, und wir haben uns schon ganz gut angefreundet?

Dan wusste zwar nicht, ob sie ihm den Sheriff auf den Hals geschickt hätten, aber falls ja, hätte er ihnen keinen Vorwurf gemacht, und angesichts seiner bewegten Vergangenheit hatte er kein Bedürfnis, das zu riskieren. Es war besser, wenn Tony ein Freund in der Ferne blieb, falls er das für Abra tatsächlich war. Auch wenn er unsichtbar war, passte er wenigstens mehr oder weniger zu ihrem Alter.

Die Namen und Zimmernummern, die auf seine Tafel gehörten, konnte er später wieder notieren. Jetzt nahm er den Kreidestummel von der Ablage und schrieb: Tony und ich wünschen dir einen schönen Sommertag, Abra! Dein ANDERER Freund – Dan.

Er studierte das Geschriebene kurz, dann nickte er und trat zum Fenster. Es war ein wunderschöner Spätsommertag, und er hatte heute frei. Er beschloss, einen Spaziergang zu machen, um das beunruhigende Gespräch mit Casey aus dem Kopf zu bekommen. Ja, der Morgen in Deenies Wohnung in Wilmington war wohl tatsächlich sein Tiefpunkt gewesen, aber dass er das für sich behalten hatte, hatte ihn nicht daran gehindert, zehn trockene Jahre hinter sich zu bringen. Wieso sollte es ihn dann daran hindern, weitere zehn Jahre zu schaffen? Oder zwanzig? Und wieso sollte er überhaupt in solchen Zeiträumen denken, wenn das AA-Motto doch Tag für Tag lautete?

Wilmington war lange her. Jener Teil seines Lebens war beendet.

Als er sein Zimmer verließ, schloss er wie immer ab, aber das würde die mysteriöse Abra nicht davon abhalten, zu Besuch zu kommen. Wenn er wiederkam, stand womöglich eine weitere Botschaft von ihr auf der Tafel.

Vielleicht können wir Brieffreunde werden.

Klar, und vielleicht gelang es einem Trupp Unterwäschemodels von Victoria’s Secret, das Geheimnis der Wasserstofffusion zu knacken.

Grinsend trat Dan auf die Straße.

5

In der Stadtbücherei von Anniston fand wie jeden Sommer ein Bücherflohmarkt statt, und als Abra am Nachmittag hingehen wollte, war Lucy gern bereit, den Haushalt ruhen zu lassen und mit ihrer Tochter zur Main Street zu spazieren. Auf dem Rasen hatte man Klapptische aufgebaut, auf denen stapelweise gespendete Bücher lagen, und während Lucy das Taschenbuchangebot (1 BUCH 1 $, 6 FÜR 5 $, FREIE WAHL) nach Titeln von Jodi Picoult durchstöberte, die sie noch nicht gelesen hatte, widmete Abra sich der Auswahl auf den Tischen mit dem Schild JUGENDBÜCHER. Sie war zwar vom Alter her noch eher dem Kinderbuch zuzurechnen, aber sie war eine begeisterte (und sehr frühreife) Leserin mit einer besonderen Vorliebe für Fantasy und Science-Fiction. Die Vorderseite ihres Lieblings-T-Shirts war mit einer riesigen, komplexen Maschine bedruckt, unter der sich der Schriftzug STEAMPUNK RULES befand.

Als Lucy gerade feststellte, dass sie sich wohl mit einem alten Dean Koontz und einem etwas neueren Werk von Lisa Gardner zufriedengeben musste, kam Abra angerannt. Sie strahlte übers ganze Gesicht. »Mama! Mami! Er heißt Dan!«

»Wer heißt Dan, Liebes?«

»Der Vater von Tony! Er hat mir einen schönen Sommertag gewünscht!«

Lucy sah sich um. Sie hätte sich nicht gewundert, einen unbekannten Mann in Begleitung eines Jungen in Abras Alter zu sehen. Es waren zwar viele unbekannte Leute da – schließlich war es Sommer –, aber ein solches Paar war nicht vorhanden.

Abra sah, was ihre Mutter tat, und kicherte. »Ach, der ist doch nicht hier!«

»Wo ist er dann?«

»Das weiß ich nicht genau. In der Nähe jedenfalls.«

»Tja … das ist wohl gut so, Schatz.«

Lucy hatte gerade genug Zeit, ihrer Tochter die Haare zu zausen, bevor sie wieder wegrannte, um nach Raumfahrern, Zeitreisenden und Zauberern zu suchen. Lucy stand da und blickte ihr hinterher, die ausgewählten Bücher achtlos in der Hand. Sollte sie David erzählen, was gerade passiert war, wenn er aus Boston anrief, oder nicht? Eher nicht.

Das übliche schräge Radio, mehr nicht.

So was vergaß man lieber.

6

Dan beschloss, bei Java Express vorbeizuschauen, um zwei Becher Kaffee zu kaufen, einen für sich und einen für Billy Freeman in Teenytown. Obwohl Dan nur ganz kurz bei den städtischen Diensten von Frazier beschäftigt gewesen war, hatte die Freundschaft zwischen den zweien zehn Jahre lang gehalten. Teilweise lag das daran, dass sie beide mit Casey zu tun hatten – der Billys Chef und Dans Sponsor war –, aber vor allem mochten sie sich einfach. Dan gefiel Billys nüchterne, direkte Art.

Außerdem steuerte er gern die Helen Rivington. Daran war wahrscheinlich wieder sein inneres Kind schuld, jedenfalls hätte das sicher jeder Psychiater behauptet. Normalerweise war Billy bereit, ihn ans Steuer zu lassen, und während der Sommersaison tat er das sogar ausgesprochen gern. Zwischen Anfang Juli und Anfang September fuhr die Riv zehnmal täglich zum Wolkentor und zurück, und Billy wurde auch nicht jünger.

Während Dan über den Rasen zur Cranmore Avenue ging, sah er Fred Carling auf einer schattigen Bank am Weg zwischen dem Haupthaus und dem rechten Nebengebäude des Hospizes sitzen. Der Pfleger, der vor Jahren seine Fingerabdrücke auf dem armen, alten Charlie Hayes hinterlassen hatte, war immer noch für die Nachtschicht eingeteilt, und er war immer noch so faul und übellaunig wie eh und je, aber er hatte zumindest gelernt, Doctor Sleep aus dem Weg zu gehen. Dan war das recht so.

Carling, dessen Schicht bald beginnen würde, hatte eine fettfleckige McDonald’s-Tüte auf dem Schoß und mampfte einen Big Mac. Die beiden Männer fixierten sich einen Augenblick. Keiner sagte hallo. Dan hielt Fred Carling für einen üblen Nichtsnutz, der nur seine Zeit bis zur Rente absaß, und Carling hielt Dan für ein selbstgerechtes Arschloch, das sich überall einmischte, wodurch ein Gleichgewicht hergestellt war. Solange sie sich nicht gegenseitig in die Quere kamen, war alles in bester, wenn nicht gar allerbester Ordnung.

Dan besorgte die beiden Becher Kaffee (den von Billy mit vier Tütchen Zucker, wie gewohnt), dann ging er über die Straße zum Stadtpark, der im goldenen Licht des frühen Abends dalag. Dort war viel los. Frisbeescheiben schwebten durch die Luft. Mütter und Väter schubsten ihre auf Schaukeln sitzenden Kinder an oder fingen sie auf, wenn sie von den Rutschen sausten. Auf dem Softballplatz war ein Spiel im Gang, Kinder vom YMCA von Frazier gegen eine Mannschaft aus Anniston, wie die orangefarbenen T-Shirts belegten. Am Bahnhof sah er Billy, der auf einem Hocker stand und die Chromverzierung der Riv polierte. Das sah alles so gut aus. Es sah nach zu Hause aus.

Wenn es nicht so sein sollte, dachte Dan, dann kommt es dem Zuhausesein so nahe, wie ich es je erreichen werde. Jetzt brauche ich nur noch eine Frau namens Sally, einen Sohn namens Pete und einen Hund namens Rover.

Er schlenderte die Miniaturversion der Cranmore Avenue entlang und trat in den Schatten des Bahnhofs von Teenytown. »He, Billy, ich hab dir ’nen Becher Zucker mit Kaffeegeschmack mitgebracht, genau wie du ihn magst.«

Beim Klang seiner Stimme drehte der erste Mensch, der Dan in Frazier ein freundliches Wort geschenkt hatte, sich um. »Na, das ist aber wirklich nett von dir. Ich dachte gerade, so was könnte ich jetzt mal – ach du Scheiße, das war’s dann wohl.«

Das Papptablett war Dan aus den Händen gefallen. Er spürte etwas Warmes, weil heißer Kaffee auf seine Tennisschuhe klatschte, aber das kam ihm weit weg und unwichtig vor.

Über Billy Freemans Gesicht krochen Fliegen.

7

Am folgenden Morgen weigerte Billy sich anfangs standhaft, Casey Kingsley aufzusuchen. Er wollte sich den Tag nicht freinehmen, und zum Arzt gehen wollte er erst recht nicht. Er fühle sich gut, erklärte er Dan ein ums andere Mal, blendend, pudelwohl. Selbst von der Sommergrippe, die ihn normalerweise im Juni oder Juli erwische, sei er diesmal verschont worden.

Dan hatte in der vorangegangenen Nacht jedoch die meiste Zeit schlaflos im Bett gelegen und dachte gar nicht daran, sich abwimmeln zu lassen. Wäre er davon überzeugt gewesen, dass es bereits zu spät war, so hätte er sich vielleicht anders verhalten, aber das war es wohl nicht. Er sah die Fliegen nicht zum ersten Mal und hatte gelernt, ihre Bedeutung zu interpretieren. Traten sie im Schwarm auf – in so großer Zahl, dass die Gesichtszüge des Betroffenen von einem Gewimmel aus scheußlichen Leibern verborgen wurden –, dann wusste man, dass es keine Hoffnung gab. Ein Dutzend oder so bedeutete, es konnte eventuell noch etwas unternommen werden. Waren es nur wenige, so war noch Zeit. Auf Billys Gesicht waren nur drei oder vier gewesen.

Auf den Gesichtern der todkranken Patienten im Hospiz sah Dan nie irgendwelche Fliegen.

Er erinnerte sich daran, wie er seine Mutter neun Monate vor ihrem Tod besucht hatte, an einem Tag, an dem sie ebenfalls behauptet hatte, sie fühle sich toll, blendend, pudelwohl. Was guckst du so, Danny, hatte Wendy Torrance gefragt. Hab ich irgendwo einen Fleck? Als sie sich scherzhaft die Nasenspitze abgewischt hatte, waren ihre Finger direkt durch die Scharen von Todesfliegen geglitten, die sie vom Kinn bis zum Haaransatz wie eine Maske bedeckt hatten.

40