Doctor Sleep - Страница 41


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Casey war es gewohnt, zu vermitteln. Mit der ihm eigenen Ironie erklärte er den Leuten gern, das sei der Grund für seinen gewaltigen sechsstelligen Jahresverdienst.

Zuerst hörte er Dan an. Dann lauschte er Billys Einwänden, wieso dieser angeblich auf keinen Fall seinen Posten verlassen könne – mitten in der Hauptsaison, während die Leute schon Schlange stünden, um die Riv zu ihrer ersten Fahrt um acht Uhr morgens zu besteigen. Außerdem sei vermutlich kein Arzt bereit, ihm so kurzfristig einen Termin zu geben. Schließlich hätten die Ärzte auch Feriensaison.

»Wann warst du eigentlich das letzte Mal zur Vorsorge?«, fragte Casey, als Billy endlich der Dampf ausging. Dan und Billy standen vor seinem Schreibtisch. Casey hatte seinen Bürostuhl nach hinten gekippt und den Hinterkopf an den gewohnten Ort gleich unter dem Kreuz an der Wand gelegt. Die Hände hatte er über dem Bauch verschränkt.

Billy sah schuldbewusst drein. »Ich glaube, das war 2006. Aber damals war alles in Ordnung, Case. Der Doc hat gesagt, mein Blutdruck wäre zehn Punkte niedriger als seiner.«

Caseys Blick richtete sich auf Dan. Er drückte Mutmaßung und Neugier aus, aber keine Zweifel. Gegenüber Außenstehenden verhielten AA-Mitglieder sich im Allgemeinen schweigsam, aber innerhalb der Gruppen wurde ziemlich freimütig gesprochen und manchmal auch geschwatzt. Deshalb wusste Casey, dass Dans Gabe, Todkranken beim Sterben zu helfen, nicht seine einzige Gabe war. Es ging auch das Gerücht, Dan T. habe von Zeit zu Zeit nützliche Eingebungen. Und zwar die Sorte Eingebungen, die man nicht genau erklären konnte.

»Du bist doch ganz gut mit Johnny Dalton befreundet, oder?«, fragte Casey. »Dem Kinderarzt?«

»Ja«, sagte Dan. »Ich treffe ihn meistens am Donnerstagabend oben in North Conway.«

»Hast du seine Telefonnummer?«

»Die habe ich tatsächlich.« Hinten in dem kleinen Notizbuch, das er einmal von Casey bekommen hatte und immer noch bei sich trug, stand eine ganze Liste mit AA-Kontaktnummern.

»Ruf ihn an. Sag ihm, es ist wichtig, dass dieser Bursche hier sofort von jemand untersucht wird. Du weißt nicht etwa, welche Sorte Arzt er braucht, oder? Für einen Kinderarzt ist er nämlich eindeutig zu alt.«

»Casey …«, warf Billy ein.

»Klappe«, sagte Casey und wandte sich wieder an Dan. »Ich glaube, du weißt es tatsächlich. Menschenskind! Ist es seine Lunge? So, wie er qualmt, liegt das am nächsten.«

Dan hatte den Eindruck, sich zu weit vorgewagt zu haben, als dass er jetzt noch einen Rückzieher machen konnte. Er seufzte und sagte: »Nein, ich glaube, es ist etwas in seinem Bauch.«

»Bis auf eine kleine Magenverstimmung ist mein Bauch …«

»Klappe, hab ich gesagt!« Und an Dan gewandt: »Also ein Internist. Sag Johnny D., es ist wichtig.« Er schwieg einen Augenblick. »Wird er dir glauben?«

Das war eine Frage, über die Dan sich freute. Seit er in New Hampshire war, hatte er mehreren Anonymen Alkoholikern geholfen, und er hatte zwar alle gebeten, nichts zu verraten, wusste jedoch nur zu gut, dass manche geplaudert hatten und das immer noch taten. Es war schön zu erfahren, dass John Dalton nicht dazugehörte.

»Ich glaube, das wird er.«

»Okay.« Casey deutete auf Billy. »Du hast heute Urlaub, und zwar bezahlten. Medizinische Gründe.«

»Die Riv …«

»In dieser Stadt gibt’s ein Dutzend Leute, die die Riv steuern können. Ich mache ein paar Anrufe und übernehme die ersten zwei Fahrten dann selbst.«

»Deine kaputte Hüfte …«

»Die interessiert mich nicht. Tu mir den Gefallen, und verschwinde jetzt aus meinem Büro.«

»Aber, Casey, ich fühle mich völlig …«

»Das ist mir egal, selbst wenn du dich gut genug fühlst, bis zum Lake Winnipesaukee zu joggen. Du gehst zum Arzt, und damit basta.«

Billy sah Dan vorwurfsvoll an. »Siehst du, in was du mich reingeritten hast? Ich hatte noch nicht mal meinen Morgenkaffee.«

Die Fliegen waren an diesem Morgen verschwunden – nur dass sie immer noch da waren. Dan wusste, dass er sich nur konzentrieren musste, um sie wieder zu sehen, wenn er das wollte … aber wer um Himmels willen hätte das gewollt?

»Ich weiß«, sagte Dan. »Das Leben ist ungerecht. Darf ich dein Telefon benutzen, Casey?«

»Nur zu.« Casey erhob sich. »Ich werde mal zum Bahnhof latschen und anfangen, die Fahrkarten zu lochen. Hast du ’ne Lokführermütze, die mir passt, Billy?«

»Nee.«

»Meine passt dir schon«, sagte Dan.

9

Für eine Organisation, die für ihre Aktivitäten keine Werbung machte, keine Waren verkaufte und sich mit zerknüllten Dollarscheinen finanzierte, die in herumgereichte Körbe oder Baseballmützen geworfen wurden, übten die Anonymen Alkoholiker im Stillen einen mächtigen Einfluss aus, der weit über die gemieteten Säle und Kirchenkeller hinausreichte, wo die Treffen stattfanden. Es war eine regelrechte Seilschaft, fand Dan, allerdings keine von alten Jungs, sondern eine von alten Säufern.

Nachdem er John Dalton angerufen hatte, setzte der sich mit einem Internisten namens Greg Fellerton in Verbindung. Fellerton war zwar nicht im Programm, schuldete Johnny D. jedoch einen Gefallen. Weshalb, wusste Dan nicht, und es war ihm auch egal. Hauptsache, Billy Freeman kam noch am selben Tag auf die Untersuchungsliege in Fellertons Praxis in Lewiston. Diese Praxis war neunzig Meilen von Frazier entfernt, und auf der ganzen Fahrt meckerte Billy vor sich hin.

»Bist du dir sicher, dass dich nur deine Verdauung plagt?«, fragte Dan, als sie auf Fellertons kleinen Parkplatz an der Pine Street einbogen.

»Klar«, sagte Billy. Dann fügte er widerstrebend hinzu: »In letzter Zeit ist es etwas schlimmer geworden, aber nachts schlafe ich immer noch prima.«

Lügner, dachte Dan, verzichtete jedoch auf einen Kommentar. Immerhin hatte er den alten Querkopf hierhergeschleust, und das war der schwierigste Teil gewesen.

Dan saß im Wartezimmer und blätterte in einer Ausgabe von OK!, auf deren Cover Prinz William und seine spindeldürre Braut abgebildet waren, als er vom Flur her einen kräftigen Schmerzensschrei hörte. Zehn Minuten später kam Fellerton heraus und setzte sich neben Dan. Er warf einen Blick auf das Cover von OK! und sagte: »Auch wenn der Bursche der britische Thronerbe ist, mit vierzig ist der so kahl wie eine Billardkugel.«

»Da haben Sie wahrscheinlich recht.«

»Natürlich hab ich recht. Das Einzige, was bei uns Menschen wirklich zählt, ist die Genetik. Ich überweise Ihren Freund ans Central Maine General zu einer Tomografie. Allerdings bin ich mir schon ziemlich sicher, was dabei herauskommen wird. Wenn es stimmt, melde ich Mr. Freeman gleich für morgen früh bei einem Gefäßchirurgen zu einer kleinen Operation an.«

»Was hat er denn?«

Billy kam den Flur entlang, damit beschäftigt, seinen Gürtel zuzuschnallen. Sein gebräuntes Gesicht war fahl und mit Schweiß bedeckt. »Er sagt, meine Aorta hat eine Blase. Wie eine Blase an einem Autoreifen. Bloß dass ein Autoreifen nicht brüllt, wenn man draufdrückt.«

»Ein Aneurysma in der Bauchaorta«, sagte Fellerton. »Gut, es besteht eine gewisse Chance, dass es sich um einen Tumor handelt, aber das glaube ich nicht. Jedenfalls drängt die Zeit. Das verdammte Ding ist so groß wie ein Pingpongball. Gut, dass Sie ihn zur Untersuchung hergebracht haben. Wenn so was platzt, ohne dass ein Krankenhaus in der Nähe ist …« Fellerton schüttelte den Kopf.

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Die Computertomografie bestätigte Fellertons Diagnose, dass es sich um ein Aneurysma handelte, und um sechs Uhr abends lag Billy in einem Krankenhausbett, in dem er stark geschwächt aussah. Dan setzte sich neben ihn.

»Für eine Zigarette würde ich jetzt einen Mord begehen«, sagte Billy wehmütig.

»Dabei kann ich dir leider nicht helfen.«

Billy seufzte. »Ist sowieso höchste Zeit, dass ich damit aufhöre. Vermisst man dich im Hospiz eigentlich nicht?«

»Hab meinen freien Tag.«

»Na, das ist ja ’ne tolle Art und Weise, den zu verbringen. Hör mal, wenn die mich morgen früh nicht mit ihren Messern und Gabeln umgebracht haben, verdanke ich dir wohl mein Leben. Ich hab zwar keine Ahnung, wie du da draufgekommen bist, aber wenn es mal was gibt, was ich für dich tun kann – ganz egal was –, dann musst du’s mir bloß sagen.«

Dan dachte daran, wie er vor zehn Jahren die Treppe eines Fernbusses hinabgestiegen und in ein Schneegestöber, fein wie zarte Spitze, getreten war. Er dachte an seine Freude, als er die leuchtend rote Lokomotive gesehen hatte, von der die Helen Rivington gezogen wurde. Und daran, dass dieser Mann da ihn gefragt hatte, ob ihm der Zug gefalle, statt ihm zu sagen, er solle sich gefälligst verpissen, weil er hier nichts zu suchen habe. Nur ein wenig Freundlichkeit, aber die hatte ihm das Tor zu allem geöffnet, was er jetzt hatte.

»Billy, mein Junge, ich bin derjenige, der dir was schuldet, und zwar mehr, als ich dir je vergelten könnte.«

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In den Jahren, die er nun schon trocken war, war ihm etwas Merkwürdiges aufgefallen. Wenn es in seinem Leben nicht so gut lief – da fiel ihm ein Morgen des Jahres 2008 ein, wo er entdeckt hatte, dass das Rückfenster seines Wagens mit einem Stein zerschmettert worden war –, dachte er kaum an Alkohol. Lief es hingegen gut, neigte der alte Durst dazu, sich wieder in Erinnerung zu rufen. Als er sich an diesem Abend von Billy verabschiedet hatte und von Lewiston nach Hause fuhr, war alles in bester Ordnung, und schon sah er am Straßenrand eine Kneipe namens Cowboy Boot und verspürte einen schier unüberwindlichen Drang einzukehren. Einen Krug Bier zu bestellen und sich genügend Quarter zu besorgen, um mindestens eine Stunde lang die Jukebox zu füttern. Dazusitzen und Jennings und Jackson und Haggard zu lauschen, ohne sich mit irgendjemand zu unterhalten, ohne irgendwelchen Mist zu bauen, sich einfach nur zu besaufen. Spüren, wie das Gewicht der Nüchternheit – manchmal war es, als würde er Schuhe aus Blei tragen – von ihm abfiel. Wenn er nur noch fünf Quarter-Münzen hatte, würde er jeweils sechsmal hintereinander »Whiskey Bent and Hellbound« laufen lassen.

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