Wieder zum Krabbeln, dazu führten sie. Zurück zum Anfang. Dio mi benedica.
Sie erreichte die Küche und schlängelte sich durch ein besonntes Rechteck zu dem Tischchen, an dem sie meistens ihre Mahlzeiten einnahm. Darauf lag ihr Mobiltelefon. Chetta packte ein Tischbein und rüttelte daran, bis das Telefon zur Kante rutschte und herunterfiel. Und zwar – meno male – ohne kaputtzugehen. Sie wählte die Nummer, die man wählen sollte, wenn so ein Mist wie dieser passierte, dann wartete sie, während eine Computerstimme die ganze Absurdität des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck brachte, indem sie ihr mitteilte, der Anruf werde aufgezeichnet.
Und endlich, gelobt sei Maria, eine echte menschliche Stimme.
»Notrufzentrale, was kann ich für Sie tun?«
Die Frau auf dem Boden, die in Süditalien einst den Hühnern hinterhergekrabbelt war, sprach trotz ihren Schmerzen klar und zusammenhängend. »Mein Name ist Concetta Reynolds, ich wohne im zweiten Stock einer Anlage in der Marlborough Street 219. Wahrscheinlich habe ich mir die Hüfte gebrochen. Können Sie mir einen Krankenwagen schicken?«
»Ist jemand bei Ihnen, Mrs. Reynolds?«
»Zu meiner Schande leider nicht. Sie sprechen mit einer dummen alten Dame, die darauf bestanden hat, sie könnte prima alleine leben. Ach, übrigens, inzwischen werde ich lieber mit Ms. angesprochen.«
2
Lucy erhielt den Anruf ihrer Großmutter, kurz bevor diese in den Operationssaal geschoben wurde. »Ich hab mir die Hüfte gebrochen, aber das kriegen sie wieder hin«, sagte Concetta. »Ich glaube, sie setzen Schrauben und so Zeug ein.«
»Momo, bist du hingefallen?« Lucy dachte sofort an Abra, die noch eine Woche lang im Sommerlager war.
»O ja, aber der Bruch, der den Sturz verursacht hat, war völlig spontan. Offenbar kommt das bei Leuten in meinem Alter ziemlich häufig vor, und da es heutzutage wesentlich mehr Leute in meinem Alter gibt als früher, haben die Ärzte oft damit zu tun. Es ist nicht nötig, dass du sofort kommst, aber ich glaube, du wirst ziemlich bald kommen wollen. Ich denke, wir werden uns über verschiedene Vorkehrungen unterhalten müssen.«
Lucy spürte Kälte in der Magengrube. »Was für Vorkehrungen denn?«
Da sie mit Valium, Morphin oder irgendeinem anderen Mittel vollgepumpt worden war, fühlte Concetta sich recht gelassen. »Es sieht so aus, dass die gebrochene Hüfte das geringste meiner Probleme ist.« Sie erläuterte die Einzelheiten, was nicht lange dauerte. Am Ende sagte sie: »Sag Abra nichts, cara. Ich hab Dutzende E-Mails von ihr bekommen, sogar einen richtigen Brief, und es hört sich ganz so an, dass sie im Sommerlager viel Spaß hat. Später hat sie noch genügend Zeit zu erfahren, dass ihre alte Momo den Löffel abgibt.«
Wenn du wirklich glaubst, dass ich ihr das erst sagen muss …, dachte Lucy.
»Auch ohne übersinnliche Fähigkeiten kann ich mir schon vorstellen, was du denkst, Liebes, aber vielleicht wird sie diesmal von schlechten Nachrichten verschont.«
»Vielleicht«, sagte Lucy.
Sie hatte kaum aufgelegt, als das Telefon läutete. »Mama? Mami?« Es war Abra. Sie weinte. »Ich will nach Hause kommen. Momo hat Krebs, und ich will nach Hause kommen.«
3
Nach ihrer Rückkehr aus Camp Tapawingo in Maine bekam Abra eine Vorstellung davon, wie es wäre, zwischen geschiedenen Eltern hin- und herzupendeln. Gemeinsam mit ihrer Mutter verbrachte sie die letzten beiden Augustwochen und die erste Septemberwoche in Chettas Wohnung in der Marlborough Street. Ihre Hüftoperation hatte die alte Dame ganz gut überstanden, und sie hatte sich gegen einen längeren Krankenhausaufenthalt und gegen jede Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebses entschieden, den die Ärzte entdeckt hatten.
»Keine Tabletten, keine Chemotherapie. Siebenundneunzig Jahre sind genug. Und was dich angeht, Lucia, erlaube ich dir einfach nicht, die nächsten sechs Monate damit zu verbringen, mich mit Essen, Pillen und der Bettpfanne zu versorgen. Du hast eine Familie, und ich kann mir eine Ganztagespflege leisten.«
»Du wirst das Ende deines Lebens bestimmt nicht unter Fremden verbringen«, sagte Lucy mit ihrer Befehlsstimme. Wie Abra und deren Vater wussten, war es sinnlos, dieser Stimme zu widersprechen. Nicht einmal Concetta war in der Lage dazu.
Dass Abra dablieb, war unmöglich; am 9. September sollte sie in die achte Klasse der Anniston Middle School eintreten. David Stone befand sich in seinem Sabbatjahr, das er dazu nutzte, ein Buch zu schreiben, in dem er die wilden Zwanziger mit den hippen Sechzigern verglich, und deshalb pendelte Abra eben – wie eine ganze Reihe der Mädchen, mit denen sie im Sommerlager gewesen war – zwischen den beiden Elternteilen hin und her. Die Woche über war sie bei ihrem Vater. Am Wochenende reiste sie nach Boston, um bei ihrer Mama und ihrer Momo zu sein. Sie dachte, schlimmer könne es nicht mehr werden … aber es konnte immer schlimmer werden, und oft tat es das auch.
4
Obwohl er nun zu Hause arbeitete, machte David Stone sich nie die Mühe, zum Briefkasten zu gehen, um die Post zu holen. Seiner Meinung nach handelte es sich bei der amerikanischen Post um eine rein bürokratische Institution, die zur Jahrtausendwende endgültig jede Bedeutung verloren hatte. Ab und zu kam zwar ein Päckchen, manchmal Bücher, die er für seine Arbeit brauchte, öfter etwas, was Lucy aus einem Katalog bestellt hatte, aber abgesehen davon war alles nur Werbemist.
Wenn Lucy zu Hause war, holte sie die Post aus dem Briefkasten am Gartentor und sah sie während ihrer Kaffeepause am Vormittag durch. Tatsächlich war das meiste Mist und kam direkt in die Rundablage, wie David den Papiermüll bezeichnete. In diesem Jahr war Lucy Anfang September allerdings nicht daheim, weshalb Abra – nun nominell Frau des Hauses – den Briefkasten leerte, nachdem sie aus dem Schulbus gestiegen war. Außerdem spülte sie Geschirr, wusch für sich und ihren Dad zweimal pro Woche die Wäsche und stellte den Staubsaugerroboter an, wenn sie es nicht vergaß. Diese Aufgaben erledigte sie klaglos, weil sie wusste, dass ihre Mutter ihrer Momo half und dass das Buch ihres Vaters eine sehr wichtige Sache war. Diesmal war es, wie er sagte, ein populärwissenschaftliches, kein akademisches Werk. Wenn es erfolgreich werden würde, könne er vielleicht mit dem Unterrichten aufhören und sich ganz dem Schreiben widmen, zumindest eine Weile.
An diesem Tag, dem 17. September, enthielt der Briefkasten einen Prospekt von Walmart, eine Postkarte zur Eröffnung einer neuen Zahnarztpraxis in der Stadt (STRAHLENDES LÄCHELN GARANTIERT!) und zwei Hochglanzbroschüren von örtlichen Immobilienmaklern, die Teilzeiteigentum am Ski-Resort Mount Thunder anpriesen.
Außerdem steckte eine Gratiszeitung im Kasten, die sich The Anniston Shopper nannte. Auf den ersten zwei Seiten enthielt sie ein paar Agenturberichte und in der Mitte allerhand Lokales (vor allem über das regionale Sportgeschehen). Der Rest bestand aus Anzeigen und Coupons. Wäre Lucy zu Hause gewesen, so hätte sie einige der Coupons aufgehoben und den Rest des Blättchens in die Papiermülltonne befördert. Ihre Tochter hätte das Ding nie zu Gesicht bekommen. Da Lucy an diesem Tag jedoch in Boston war, sah Abra es.
Sie blätterte es durch, während sie die Einfahrt entlangschlenderte, dann drehte sie es um. Die Rückseite zeigte vierzig oder fünfzig Fotos, nicht viel größer als Briefmarken, die meisten in Farbe, einige in Schwarz-Weiß. Darüber stand:
HABEN SIE MICH GESEHEN?
Wöchentlicher Service in Ihrem Anniston Shopper
Einen Moment lang dachte Abra, es ginge um einen Wettbewerb, eine Art Schnitzeljagd. Dann wurde ihr klar, dass es sich um die Fotos vermisster Kinder handelte, und es war, als würde sich eine Hand um die weiche Wand ihres Magens legen und ihn wie einen Waschlappen auswringen. Beim Mittagessen hatte sie in der Cafeteria eine Dreierpackung Oreos gekauft und sich für die Busfahrt nach Hause aufgehoben. Nun hatte sie das Gefühl, als würden die Kekse von der umklammernden Hand nach oben in ihre Kehle gepresst.
Sieh nicht hin, wenn es dir Kummer macht, sagte sie sich. Es war die strenge, belehrende Stimme, mit der sie sich oft selber zur Räson brachte, wenn sie bestürzt oder durcheinander war (eine Momo-Stimme, was sie jedoch bisher nicht bewusst erkannt hatte). Wirf es einfach mit dem anderen Mist in die Tonne in der Garage. Nur dass sie anscheinend unfähig war, nicht hinzusehen.
Da war Cynthia Abelard, geb. 9. Juni 2005. Abra rechnete nach und stellte fest, dass Cynthia jetzt acht Jahre alt sein musste. Falls sie überhaupt noch am Leben war. Sie wurde seit 2009 vermisst. Wie kann man denn eine Vierjährige aus den Augen verlieren, fragte sich Abra. Die muss echt beschissene Eltern haben. Aber natürlich hatten die Eltern sie wahrscheinlich nicht aus den Augen verloren. Wahrscheinlich war irgendein Perverser durch die Nachbarschaft geschlichen, hatte seine Chance gesehen und das Kind gestohlen.
Da war Merton Askew, geb. 4. September 1998. Er war 2010 verschwunden.
Da, in der Mitte der Seite, war das Foto eines wunderschönen hispanischen Mädchens namens Angel Barbera, das im Alter von sieben Jahren aus seinem Elternhaus in Kansas City verschwunden und nun schon seit neun Jahren vermisst war. Abra fragte sich, ob die Eltern wirklich dachten, dieses winzige Bild könnte ihnen dabei helfen, ihr Kind zurückzubekommen. Und wenn sie es zurückbekamen, hätten sie es dann überhaupt noch erkannt? Und hätte das Mädchen sie erkannt?
Wirf das weg, sagte die Momo-Stimme. Du hast schon genug Sorgen, auch ohne dir massenhaft vermisste Ki…