Ihr Blick fiel auf ein Bild in der untersten Reihe, und sie stieß einen kaum hörbaren Laut aus. Wahrscheinlich war es ein Stöhnen. Zuerst wusste sie gar nicht, warum; vielmehr wusste sie es fast, es war wie ein Wort, das man in einem Schulaufsatz verwenden wollte, ohne dass es einem richtig einfiel, das verflixte Ding lag einem einfach bloß auf der Zunge.
Das Foto zeigte einen weißen Jungen mit kurzem Haar und einem breiten, albernen Grinsen. Es sah so aus, als hätte er Sommersprossen auf den Wangen. Das Bild war zu klein, das richtig beurteilen zu können, aber
(es sind Sommersprossen das weißt du doch)
irgendwie war sie sich trotzdem sicher. Ja, es waren Sommersprossen; seine großen Brüder hatten ihn deshalb gehänselt, und seine Mutter hatte ihm gesagt, die würden mit der Zeit verschwinden.
»Sie hat ihm gesagt, dass Sommersprossen Glück bringen«, flüsterte Abra.
Bradley Trevor, geb. 2. März 2000. Vermisst seit 12. Juli 2011. Hautfarbe: weiß. Ort: Bankerton, Iowa. Heutiges Alter: 13. Und darunter – unter all den Bilder meist lächelnder Kinder: Wenn Sie glauben, Bradley Trevor gesehen zu haben, wenden Sie sich bitte an das Nationale Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder.
Nur das niemand sich wegen Bradley an das Zentrum wenden würde, weil niemand ihn mehr sehen konnte. Sein heutiges Alter war auch nicht dreizehn. Bradley Trevors Leben war mit elf Jahren stehen geblieben. Es war stehen geblieben wie eine kaputte Armbanduhr, die vierundzwanzig Stunden täglich dieselbe Zeit zeigte. Abra überlegte unwillkürlich, ob Sommersprossen unter der Erde wohl verblassten.
»Der Baseballjunge«, flüsterte sie.
Entlang der Einfahrt standen Blumen. Abra beugte sich vor, stützte sich mit den Händen auf die Knie, weil ihr der Rucksack plötzlich viel zu schwer geworden war, und erbrach ihre Oreos und den unverdauten Teil ihres Mittagessens in die Astern ihrer Mutter. Als sie sich sicher war, nicht noch einmal kotzen zu müssen, ging sie in die Garage und warf die Post in den Müll. Die gesamte Post.
Ihr Vater hatte recht, es war alles Mist.
5
Die Tür zu dem kleinen Zimmer, das ihr Vater zum Arbeiten benutzte, stand offen, und als Abra in der Küche am Spülbecken ein Glas Wasser einlaufen ließ, um sich den sauren Schokoladengeschmack der Oreos aus dem Mund zu spülen, hörte sie die Tastatur seines Computers kontinuierlich klicken. Das war gut. Wenn das Klicken sich verlangsamte oder ganz aufhörte, wurde ihr Vater oft brummig. Außerdem nahm er dann mehr Notiz von ihr, und heute wollte sie das vermeiden.
»Abba-Doo, bist du das?«, rief ihr Vater fast singend.
Normalerweise hätte sie ihn gebeten, diesen Babynamen bitte nicht mehr zu verwenden, aber jetzt tat sie das lieber nicht. »Ja, ich bin’s.«
»Wie war’s in der Schule?«
Das kontinuierliche Klick-klick-klick hatte aufgehört. Bitte komm nicht aus deinem Zimmer, flehte Abra lautlos. Komm nicht raus, um mich anzuschauen und zu fragen, wieso ich so bleich bin oder was mit mir los ist.
»Gut. Wie läuft es mit dem Buch?«
»Heute ist ein toller Tag«, sagte ihr Vater. »Ich schreibe über den Charleston und den Black Bottom. Wo-doh-di-oh-doh.« Was immer das heißen sollte. Wichtig war, dass das Klick-klick-klick wieder einsetzte. Gott sei Dank.
»Super«, sagte sie, spülte ihr Glas aus und stellte es in den Ablaufkorb. »Ich gehe jetzt rauf, um meine Hausaufgaben zu machen.«
»So ist’s recht. Denk dran, 2018 bist du in Harvard.«
»Alles klar, Dad.« Vielleicht würde sie tatsächlich daran denken. Oder an sonst was, was ihre Gedanken von Bankerton, Iowa, im Jahr 2011 fernhielt.
6
Nur dass sich diese Gedanken nicht fernhalten ließen.
Weil.
Weil was? Weil warum? Weil … tja …
Weil es etwas gibt, was ich tun kann.
Sie chattete eine Weile mit ihrer Freundin Jessica, doch dann fuhr die mit ihren Eltern zum Einkaufszentrum in North Conway, um im Panda Garden zu Abend zu essen, worauf Abra ihr Gemeinschaftskundebuch aufschlug. Eigentlich wollte sie sich mit dem vierten Kapitel beschäftigen, das aus extrem langweiligen zwanzig Seiten mit dem Titel »Wie unsere Regierung funktioniert« bestand, doch stattdessen hatte sich das Buch am Anfang des fünften Kapitels geöffnet: »Unsere Verantwortung als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger«.
Oje, wenn es ein Wort gab, das sie an diesem Nachmittag nicht sehen wollte, dann lautete es Verantwortung. Sie ging ins Bad, um sich ein weiteres Glas Wasser zu holen, weil in ihrem Mund immer noch ein bitterer Geschmack lag, und starrte im Spiegel unwillkürlich auf ihre eigenen Sommersprossen. Es waren genau drei, eine auf der linken Wange und zwei auf der Nase. Nicht schlecht. Was Sommersprossen anging, hatte sie Dusel gehabt. Sie hatte auch kein Muttermal wie Bethany Stevens, kein schiefes Auge wie Norman McGinley, sie stotterte nicht wie Ginny Whitlaw und hatte keinen grässlichen Namen wie der arme Pence Effersham, der deshalb immer gehänselt wurde. Obwohl natürlich etwas eigenartig, war der Name Abra trotzdem ganz in Ordnung, weil die Leute ihn interessant fanden statt bloß schräg wie den von Pence, der unter den Jungs (aber die Mädchen bekamen so was irgendwie immer raus) als Pence der Penis bekannt war.
Und vor allem bin ich nicht von irgendwelchen wahnsinnigen Leuten zersäbelt worden, die sich nicht drum gekümmert haben, dass ich geschrien und gebettelt hab, sie sollen aufhören. Ich hab nicht sehen müssen, wie manche von diesen Irren sich mein Blut von den Handflächen geleckt haben, bevor ich gestorben bin. Abba-Doo ist schon ein echter Glückspilz.
Aber eigentlich war sie doch kein Glückspilz. Richtige Glückspilze wussten nichts von Dingen, die sie nichts angingen.
Sie klappte den Klodeckel herunter, setzte sich darauf, schlug die Hände vors Gesicht und weinte leise. Gezwungen zu sein, wieder an Bradley Trevor zu denken und daran, wie er gestorben war, war schlimm genug, aber das war noch nicht alles. Sie musste auch an all die anderen Kinder denken, an so viele Bilder, dass man sie wie eine Schulklasse aus der Hölle auf die letzte Seite vom Shopper gequetscht hatte. All dieses zahnlückige Grinsen und all diese Augen, die noch weniger von der Welt gewusst hatten, als Abra wusste, und was wusste die schon? Nicht einmal, »wie unsere Regierung funktioniert«.
Was dachten wohl die Eltern dieser vermissten Kinder? Wie schafften sie es, mit dem Leben fortzufahren? Waren Cynthia oder Merton oder Angel das Erste, woran sie morgens dachten, und das Letzte, was ihnen abends in den Sinn kam? Hielten sie das Zimmer ihres Kindes bereit, falls es nach Hause kam, oder hatten sie all seine Kleider und Spielsachen einer Wohlfahrtseinrichtung gespendet? Abra hatte gehört, dass die Eltern von Lennie O’Meara so gehandelt hatten, als Lennie vom Baum gefallen, mit dem Kopf auf einem Stein aufgeschlagen und gestorben war. Lennie O’Meara, der es bis zur fünften Klasse geschafft hatte, als sein Leben einfach … stehen geblieben war. Aber Lennies Eltern wussten natürlich, dass er tot war, es gab ein Grab, das sie aufsuchen konnten, um Blumen daraufzulegen, und vielleicht änderte das die Sache. Vielleicht auch nicht, aber Abra dachte, es müsste eigentlich so sein. Sonst müssten die Eltern sich ja ständig Fragen stellen, oder etwa nicht? Wenn sie zum Beispiel beim Frühstück saßen, würden sie sich fragen, ob ihr vermisstes Kind
(Cynthia Merton Angel)
ebenfalls irgendwo beim Frühstück saß oder seinen Drachen steigen ließ oder zusammen mit einem Haufen Einwanderer Orangen pflückte oder wer weiß was. Im Hinterkopf waren sie sich wohl ziemlich sicher, dass ihr Kind tot war, denn das war mit den meisten passiert (um das zu wissen, musste man nur die Nachrichten einschalten), aber ganz sicher konnten sie sich nicht sein.
An der Ungewissheit, die die Eltern von Cynthia Abelard und Merton Askew empfanden, konnte Abra nichts ändern, weil sie keine Ahnung hatte, was mit den beiden geschehen war, aber bei Bradley Trevor verhielt es sich anders.
Sie hatte ihn fast vergessen gehabt, aber dann hatte sie diese dämliche Zeitung gesehen … diese dämlichen Bilder … und alles war wieder zurückgekommen, sogar Sachen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie sie wusste. Als ob die Bilder aus ihrem Unterbewusstsein aufgeschreckt worden wären …
Und dann das, was sie tun konnte. Dinge, von denen sie ihren Eltern nie erzählt hatte, weil die sich sonst Sorgen gemacht hätten, so wie sie auch besorgt gewesen wären, wenn sie gewusst hätten, dass Abra eines Tages nach der Schule mit Bobby Flannagan geknutscht hatte – bloß ein bisschen, keine Zungenküsse oder sonst was Ekliges. Das war etwas, was sie bestimmt nicht wissen wollten. Abra vermutete (womit sie nicht ganz unrecht hatte, obgleich keinerlei Telepathie beteiligt war), dass sie nach Ansicht ihrer Eltern sozusagen im Alter von acht Jahren eingefroren war und wahrscheinlich mindestens so lange nicht auftauen würde, bis sie Busen bekam, was definitiv noch nicht der Fall war – jedenfalls merkte man nichts davon.
Bisher hatten sie noch nicht einmal über DAS THEMA mit ihr gesprochen. Julie Vandover behauptete, es sei fast immer die Mutter, die einen aufklärte, aber die einzige Aufklärung, die Abra in letzter Zeit bekommen hatte, bezog sich darauf, wie wichtig es sei, dass sie am Donnerstagmorgen die Mülltonnen rausstelle, bevor der Bus komme. »Du musst ja sonst nicht viel im Haushalt helfen«, hatte Lucy gesagt. »Und in diesem Herbst ist es besonders wichtig, dass wir uns alle am Riemen reißen.«