Doctor Sleep - Страница 45


К оглавлению

45

Momo hatte sich immerhin DEM THEMA angenähert. Im Frühjahr hatte sie Abra eines Tages beiseitegenommen und gefragt: »Weißt du, was die Jungs von den Mädchen wollen, sobald Jungs und Mädchen in dein Alter kommen?«

»Sex wahrscheinlich«, hatte Abra gesagt … obwohl der demütige, verhuschte Pence Effersham anscheinend nichts anderes von ihr wollte als einen ihrer Kekse futtern, einen Quarter für den Verkaufsautomaten leihen oder ihr erzählen, wie oft er schon The Avengers gesehen habe.

Momo hatte genickt. »Das kann man der menschlichen Natur nicht übel nehmen, die ist, wie sie ist, aber lass die Finger davon. Basta. Weitere Diskussionen überflüssig. Wenn du neunzehn bist, kannst du wieder darüber nachdenken, wenn du willst.«

Das war irgendwie peinlich gewesen, aber zumindest geradeheraus und klar. An dem Ding in ihrem Kopf war überhaupt nichts klar. Das war ihr Muttermal, unsichtbar, aber real. Ihre Eltern sprachen nicht mehr über das abgedrehte Zeug, das während Abras ersten Lebensjahren passiert war. Vielleicht meinten sie, das Ding, das dieses Zeug verursacht habe, sei inzwischen so gut wie verschwunden. Klar, Abra hatte gewusst, dass Momo krank war, aber das war nicht dasselbe wie diese irre Klaviermusik, das im Badezimmer laufende Wasser und die Geburtstagsparty (an die sie sich kaum erinnerte), bei der sie massenhaft Löffel an die Küchendecke gehängt hatte. Sie hatte eben gelernt, es zu beherrschen. Nicht vollständig, aber doch weitgehend.

Außerdem hatte es sich verändert. Nun sah sie kaum noch Dinge, bevor sie geschahen, und sie bewegte auch kein Zeug mehr durch die Gegend. Mit sechs oder sieben Jahren hätte sie sich nur auf ihren Stapel Schulbücher konzentrieren müssen, um ihn bis zur Decke zu heben. Ohne jede Anstrengung. Das war nicht schwerer, als Nudeln zu kochen, wie Momo es gern ausdrückte. Nun musste sie sich selbst bei einem einzigen Buch konzentrieren, bis es sich anfühlte, als würde ihr das Gehirn aus den Ohren spritzen, und auch dann schaffte sie es nur, das Ding ein paar Zentimeter weit über den Tisch zu schieben. So lief es an guten Tagen. Oft schaffte sie es nicht einmal, die Seiten zum Flattern zu bringen.

Aber es gab andere Dinge, zu denen sie durchaus fähig war, in vielen Fällen sogar wesentlich besser als damals als kleines Kind. Zum Beispiel in den Kopf anderer Leute zu schauen. Das klappte nicht bei jedem – manche Leute waren vollständig abgeriegelt, andere sandten nur unregelmäßige Blitze aus –, aber viele waren wie Fenster mit offenen Vorhängen. In die konnte sie jederzeit hineinblicken, wenn sie Lust dazu hatte. Meistens wollte sie das allerdings gar nicht, denn das, was sie dort entdeckte, war manchmal traurig und oft schockierend. Herauszufinden, dass Mrs. Moran, ihre geliebte Lehrerin in der sechsten Klasse, eine AFFÄRE hatte, war bislang der größte Knaller gewesen, und zwar keiner von der angenehmen Sorte.

Inzwischen ließ sie den sehenden Teil ihres Geistes meistens abgeschaltet. Zu lernen, das zu tun, war zuerst schwierig gewesen, so etwa wie zu lernen, rückwärts Schlittschuh zu laufen oder mit der linken Hand zu schreiben, aber sie hatte es geschafft. Perfekt war sie durchs Üben zwar nicht geworden (zumindest noch nicht), aber es half. Sie blickte zwar immer noch manchmal in andere Menschen hinein, aber immer ganz vorsichtig und jederzeit bereit, sich beim ersten Anzeichen von etwas Bizarrem oder Ekligem zurückzuziehen. In den Kopf ihrer Eltern oder den von Momo spähte sie grundsätzlich nie. Das wäre falsch. Wahrscheinlich war es bei jedem Menschen falsch, aber wie Momo selbst gesagt hatte: Man konnte der menschlichen Natur nichts übel nehmen, und nichts war menschlicher als Neugier.

Manchmal gelang es Abra, Leute dazu zu bringen, bestimmte Dinge zu tun. Nicht jeden, nicht einmal die Hälfte von allen, aber viele Leute waren sehr empfänglich für Suggestionen. (Wahrscheinlich waren das dieselben, die meinten, der Kram, den man im Fernsehen verkaufe, würde tatsächlich ihre Falten glätten oder ihnen neue Haare wachsen lassen.) Abra wusste, dass sie diese Gabe fördern konnte, wenn sie sie wie einen Muskel trainierte, doch das tat sie nicht. Sie machte ihr Angst.

Es gab noch andere Dinge, für die sie teilweise keinen Namen wusste, aber das, woran sie jetzt gerade dachte, hatte einen. Sie nannte es Weitsehen. Wie die anderen Aspekte ihrer besonderen Gabe war es manchmal vorhanden und manchmal nicht, aber wenn sie es wirklich wollte – und wenn es ein Objekt gab, auf das sie es richten konnte –, dann war sie normalerweise in der Lage, es zu aktivieren.

Das könnte ich auch jetzt tun.

»Halt die Klappe, Abba-Doo«, sagte sie mit leiser, angestrengter Stimme. »Halt die Klappe, Abba-Doo-Doo.«

Sie schlug in ihrem Algebra-Buch die Seite mit den heutigen Hausaufgaben auf, die sie mit einem Blatt Papier gekennzeichnet hatte. Auf dieses Blatt hatte sie mindestens zwanzigmal die Namen Boyd, Steve, Cam und Pete geschrieben. Das waren die vier Mitglieder von ’Round Here, ihrer liebsten Boygroup. Unheimlich geil waren die, besonders Cam. Emma Deane, ihre beste Freundin, fand das auch. Diese blauen Augen, dieses strubbelige blonde Haar!

Vielleicht könnte ich helfen. Seine Eltern wären traurig, aber sie wüssten dann wenigstens Bescheid.

»Klappe, Abba-Doo. Klappe, du hirnlose Pflaume!«

Wenn 5x – 4 = 26, wie groß ist dann x?

»Sechzig Zillionen!«, sagte sie. »Wen interessiert das schon groß.«

Ihr Blick fiel auf die Namen der süßen Jungs von ’Round Here, geschrieben in der rundlichen Kursivschrift, die Abra und Emma bevorzugten (»Das sieht romantischer aus«, hatte Emma verfügt), und ganz plötzlich sah das alles dämlich und kindisch und total daneben aus. Sie haben ihn aufgeschlitzt und sein Blut geleckt, und dann haben sie ihm etwas noch Schlimmeres angetan. In einer Welt, in der so etwas geschehen konnte, war es sogar mehr als total daneben, derart für eine Boygroup zu schwärmen.

Abra schlug ihr Buch zu, ging ins Erdgeschoss (das Klick-klick-klick aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters setzte sich kontinuierlich fort) und von dort in die Garage. Sie holte den Shopper aus dem Müll, nahm ihn mit auf ihr Zimmer mit und strich ihn auf dem Schreibtisch glatt.

All diese Gesichter, nur dass sie sich jetzt ausschließlich um ein einziges kümmerte.

7

Ihr Herz pochte laut-laut-laut. Sie hatte früher schon manchmal Angst gehabt, wenn sie bewusst versucht hatte, weitzusehen oder Gedanken zu lesen, aber niemals solche Angst. Nicht einmal annähernd.

Was wirst du tun, wenn du es herausbekommst?

Das war eine Frage für später, vielleicht schaffte sie es ja gar nicht. Ein kriecherischer, feiger Teil ihres Denkens hoffte das sogar.

Abra legte Zeige- und Mittelfinger ihrer linken Hand auf das Foto von Bradley Trevor, weil ihre linke Hand diejenige war, die besser sah. Lieber hätte sie alle Finger daraufgelegt (und wenn es ein Gegenstand gewesen wäre, hätte sie ihn in die Hand genommen), doch dafür war das Bild zu klein. Sobald ihre Finger sich darauf befanden, konnte sie es nicht einmal mehr sehen. Oder vielmehr konnte sie das sehr wohl. Sie sah es sogar sehr gut.

Blaue Augen wie die von Cam Riley von ’Round Here. Auf dem Foto sah man das nicht, aber sie hatten dieselbe tiefe Färbung. Das wusste Abra.

Rechtshändig wie ich. Aber auch linkshändig wie ich. Es war die linke Hand, die wusste, was für ein Wurf als Nächstes kommen würde, ein Fastball oder ein Curveb

Abra verschlug es den Atem. Der Baseballjunge hatte so etwas gewusst.

Der Baseballjunge war tatsächlich wie sie gewesen.

Ja, genau. Deswegen haben sie sich ihn ja geschnappt.

Sie schloss die Augen und sah sein Gesicht. Bradley Trevor. Seine Freunde hatten ihn Brad genannt. Der Baseballjunge. Manchmal drehte er seine Mütze um, wie man es tat, wenn die eigene Mannschaft zurücklag. Sein Vater war Farmer. Seine Mutter backte Kuchen, die sie in einem Restaurant und im Hofladen der Farm verkaufte. Als sein großer Bruder ans College gegangen war, hatte Brad alle seine CDs von AC/DC bekommen. Besonders standen er und sein bester Freund Al auf den Song »Big Balls«. Die beiden hockten oft auf Brads Bett, sangen den Titel zweistimmig und lachten wie die Irren.

Er ist durchs Maisfeld gegangen, und auf der anderen Seite hat ein Mann auf ihn gewartet. Brad dachte, es wäre ein netter Mann, ein Freund von ihm, weil dieser Mann

»Barry«, flüsterte Abra. Hinter ihren geschlossenen Lidern bewegten ihre Augen sich rasch hin und her, als würde sie schlafen und hätte einen lebhaften Traum. »Sein Name war Barry the Chunk. Der hat dich reingelegt, Brad. Stimmt’s?«

Aber es war nicht nur Barry gewesen. Sonst hätte Brad es womöglich gemerkt. Es waren alle Taschenlampen-Leute gemeinsam gewesen, die denselben Gedanken gesandt hatten: dass es in Ordnung sei, in den Kleinbus oder das Wohnmobil von Barry the Chink zu steigen, weil Barry gut sei. Einer von den Guten. Ein Freund.

Und so hatten sie ihn sich geschnappt …

Abra drang tiefer vor. Sie kümmerte sich nicht um das, was Brad gesehen hatte, weil er nichts gesehen hatte als einen grauen Teppich. Er war mit Paketband gefesselt und lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden des Dings, das Barry the Chunk lenkte. Das machte allerdings nichts. Da sie nun in ihn eingedrungen war, konnte sie mehr sehen als er. Sie konnte sehen …

Seinen Handschuh. Ein Baseballhandschuh von Wilson. Und Barry the Chunk …

Dann flog dieser Teil weg. Vielleicht kam er später wieder, vielleicht auch nicht.

45