Doctor Sleep - Страница 47


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Aber dann fegte ein Gedanke, laut wie ein Gewehrschuss in einem geschlossenen Raum

(NEIN! GEH RAUS AUS MEINEM KOPF!)

ihr den Kopf aus und ließ sie an ein Regal mit Dosensuppen und Gemüsekonserven taumeln. Die Dosen stürzten auf den Boden und rollten in alle Richtungen. Einen Moment lang dachte Rose, sie würde ihnen folgen und in Ohnmacht fallen wie die naive Heldin eines Liebesromans. Dann war sie wieder ganz da. Das Mädchen hatte die Verbindung getrennt, und zwar auf recht spektakuläre Weise.

Hatte sie Nasenbluten? Sie wischte sich mit den Fingern über die Oberlippe und sah nach. Nein. Gut.

Ein Verkäufer kam angelaufen. »Alles in Ordnung, Ma’am?«

»Ja, klar. Hab mich bloß einen Moment etwas schwach gefühlt. Wahrscheinlich, weil man mir gestern einen Zahn gezogen hat. Jetzt ist es vorüber. Da hab ich ganz schön was angerichtet, was? Tut mir leid. Gut, dass es Dosen waren und keine Flaschen.«

»Das macht nichts, das macht überhaupt nichts. Wollen Sie mit nach vorn kommen und sich auf die Bank am Eingang setzen?«

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Rose. Und das war es auch nicht, aber vom Einkaufen hatte sie für heute genug. Sie schob ihren Wagen zwei Gänge weiter und ließ ihn dort stehen.

10

Sie war mit ihrem Pick-up (einem alten, aber zuverlässigen Tacoma) von dem Campingplatz in den Bergen westlich von Sidewinder gekommen, und sobald sie am Steuer saß, zog sie ihr Telefon aus der Handtasche und drückte eine der Schnellwahltasten. Am anderen Ende läutete es nur ein einziges Mal.

»Was gibt’s, Rosie-Girl?«, fragte Crow Daddy.

»Wir haben ein Problem.«

Natürlich war es auch eine Gelegenheit. Ein Kind mit genug Steam im Kessel, einen derartigen Knall auszulösen – jemand, der Rose nicht nur entdeckt, sondern sie zum Taumeln gebracht hatte –, war nicht bloß ein Steamhead, sondern die Entdeckung des Jahrhunderts. Rose fühlte sich wie Kapitän Ahab, als der zum ersten Mal seinen großen weißen Wal zu Gesicht bekommen hatte.

»Dann erzähl mal.« Ganz geschäftsmäßig jetzt.

»Vor gut zwei Jahren. Der Junge in Iowa. Erinnerst du dich an ihn?«

»Klar.«

»Du erinnerst dich, dass ich dir gesagt hab, wir hätten einen Zuschauer?«

»Ja. An der Ostküste. Du dachtest, es ist wahrscheinlich ein Mädchen.«

»Es war tatsächlich ein Mädchen. Gerade hat sie mich wiedergefunden. Ich war bei Sam’s und hab mich um meine Einkäufe gekümmert, und urplötzlich war die Kleine da.«

»Wieso denn nach so langer Zeit?«

»Das weiß ich nicht, und es ist mir auch egal. Aber wir müssen sie uns schnappen, Crow. Wir müssen sie haben.«

»Weiß sie, wo du gerade bist? Wo wir sind?«

Darüber hatte Rose eine Weile nachgedacht, während sie zu ihrem Auto gegangen war. Gesehen hatte das Mädchen sie nicht, da war sie sich sicher. Sie war in ihrem Innern gewesen und hatte hinausgeschaut. Und was hatte sie gesehen? Einen Gang im Supermarkt. Wie viele solche Gänge gab es in Amerika? Wahrscheinlich eine Million.

»Ich glaube nicht, aber darauf kommt es nicht an.«

»Worauf dann?«

»Erinnerst du dich, dass ich dir gesagt hab, die Kleine hätte viel Steam? Massenhaft Steam? Also, sie ist noch stärker. Als ich versucht hab, sie in die Zange zu nehmen, hat sie mich wie einen Wattebausch aus ihrem Kopf geblasen. So was ist mir noch nicht mal ansatzweise passiert. Bisher hätte ich behauptet, dass so was unmöglich ist.«

»Ist sie eher als Mitglied oder als Nahrung geeignet?«

»Das weiß ich nicht.« Aber sie wusste es. Steam – gespeicherten Steam – brauchten sie wesentlich dringender als neue Mitglieder. Außerdem wollte Rose niemand mit so viel Kraft im Wahren Knoten haben.

»Okay, wie finden wir sie? Irgendeinen Vorschlag?«

Rose dachte daran, was sie durch die Augen des Mädchens gesehen hatte, bevor sie so abrupt zu Sam’s Supermarket in Sidewinder zurückbefördert worden war. Nicht viel, aber da war ein Laden gewesen …

»Die Kids nennen ihn Lickety Spliff«, sagte sie.

»Hä?«

»Vergiss es. Ich muss darüber nachdenken. Aber wir müssen sie kriegen, Crow. Wir müssen sie einfach kriegen.«

Eine Pause entstand. Als Crow wieder den Mund aufmachte, klang er vorsichtig. »Wenn man dich so hört, ist womöglich genug da, ein Dutzend Flaschen damit zu füllen. Das heißt natürlich, falls du wirklich nicht versuchen willst, die Kleine umzuwandeln.«

Rose stieß ein zerstreutes, bellendes Lachen aus. »Wenn ich recht habe, dann haben wir gar nicht genug Flaschen, den Steam der Kleinen zu speichern. Wenn sie ein Berg wäre, dann der Mount Everest.« Crow erwiderte nichts. Rose musste ihn weder sehen noch in seinen Gedanken stochern, um zu merken, dass er regelrecht entgeistert war. »Aber vielleicht müssen wir weder das eine noch das andere tun.«

»Das kapier ich nicht.«

Natürlich tat er das nicht. Vorausschauendes Denken war noch nie Crows Spezialität gewesen. »Vielleicht müssen wir sie weder umwandeln noch töten. Denk mal an Kühe.«

»Kühe.«

»Man kann eine schlachten, dann hat man ein paar Monate lang Steaks und Hamburger. Aber wenn man sie am Leben lässt und für sie sorgt, gibt sie sechs Jahre lang Milch. Vielleicht sogar acht Jahre.«

Schweigen. Lange. Sie ließ zu, dass es sich ausdehnte. Als Crow etwas sagte, hörte er sich noch vorsichtiger an als vorher. »Von so was hab ich noch nie gehört. Wir töten sie, wenn der Steam verbraucht ist oder wenn sie was haben, was wir brauchen, und wenn sie stark genug sind, die Umwandlung zu überleben, dann wandeln wir sie um. So wie wir es damals in den Achtzigern mit Andi gemacht haben. Grampa Flick sagt vielleicht was anderes, wenn man ihm glaubt, dass er sich wirklich noch daran erinnert, wie Heinrich VIII. seine Weiber umgebracht hat, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Knoten jemals versucht hat, sich einen Steamhead zu halten. Wenn die Kleine so stark ist, wie du sagst, ist das womöglich sogar gefährlich.«

Da sagst du mir nichts Neues. Wenn du gespürt hättest, was ich gespürt hab, dann würdest du mich für verrückt erklären, weil ich so was überhaupt in Betracht ziehe. Vielleicht ist es auch verrückt. Aber …

Aber sie hatte es satt, so viel von ihrer Zeit – von der Zeit der gesamten Familie – damit zu verbringen, Nahrung herbeizuschaffen. Zu leben wie fahrendes Volk im Mittelalter, wo sie doch eigentlich wie die Könige und Königinnen der Schöpfung hätten leben sollen. Das waren sie schließlich.

»Sprich mit Grampa, sobald er sich besser fühlt. Und mit Heavy Mary, die ist schon fast so lange dabei wie Flick. Mit Snakebite Andi. Die ist zwar neu, hat aber Grips im Kopf. Und mit allen anderen, denen deiner Meinung nach was Nützliches einfallen könnte.«

»Du lieber Himmel, Rosie. Ich weiß nicht …«

»Ich weiß es auch noch nicht. Bin immer noch überwältigt. Momentan bitte ich dich auch bloß, etwas Vorarbeit zu leisten. Schließlich bist du der Scout.«

»Okay …«

»Ach, und vergiss nicht, mit Walnut zu sprechen. Frag ihn, mit was für Drogen man ein Tölpelkind über lange Zeit hinweg brav und gefügig halten kann.«

»Ich hab nicht den Eindruck, dass die Kleine ein richtiger Tölpel ist.«

»Aber klar doch. Eine fette, alte Tölpel-Milchkuh.«

Stimmt nicht ganz. Eher ein riesengroßer weißer Wal, das ist die Kleine.

Rose trennte die Verbindung, ohne abzuwarten, ob Crow Daddy noch etwas zu sagen hatte. Sie war der Boss, und aus ihrer Sicht war das Gespräch beendet.

Sie ist ein weißer Wal, und ich will sie haben.

Aber Ahab hatte Moby Dick nicht nur haben wollen, weil der tonnenweise Walspeck und fast zahllose Fässer Öl geliefert hätte, und Rose wollte das Mädchen nicht nur, weil es – mithilfe des richtigen Drogencocktails und kraftvoller übersinnlicher Beruhigungsmaßnahmen – einen fast endlosen Vorrat an Steam liefern konnte. Die Sache hatte einen persönlicheren Aspekt. So jemand umwandeln? Zum Teil des Wahren Knotens machen? Niemals. Die Kleine hatte Rose the Hat aus ihrem Kopf gescheucht wie eine lästige Sektenanhängerin, die von Tür zu Tür ging, um Broschüren über das Ende der Welt zu verteilen. So war Rose noch von niemand rausgeschmissen worden. Egal wie kraftvoll die Kleine war, man musste ihr eine Lektion erteilen.

Und dafür bin ich genau die Richtige.

Rose the Hat ließ den Motor an, lenkte den Pick-up aus dem Parkplatz des Supermarkts und machte sich auf den Weg zu dem familieneigenen Bluebell Campground. Der war wirklich wunderschön gelegen, was kein Wunder war. Dort hatte einmal eines der großartigsten Urlaubshotels der Welt gestanden.

Aber natürlich war das Overlook schon vor langer Zeit niedergebrannt.

11

Matt und Cassie Renfrew waren die Partytiere der Nachbarschaft, und sie entschieden spontan, ein Erdbeben-Barbecue zu veranstalten. Dazu luden sie alle Anwohner der Straße ein, und fast alle kamen. Matt besorgte im nahen Supermarkt eine Kiste Limo, ein paar Flaschen billigen Wein und ein Fässchen Bier. Es war unheimlich lustig, und David Stone amüsierte sich blendend. Soweit er es beurteilen konnte, tat Abra das ebenfalls. Sie trieb sich mit ihren Freundinnen Julie und Emma herum, und er sorgte dafür, dass sie einen Hamburger und etwas Salat aß. Lucy hatte ihm gesagt, sie müssten die Essgewohnheiten ihrer Tochter im Auge behalten, weil diese das Alter erreicht habe, in dem Mädchen sehr bewusst auf ihr Gewicht und ihr Aussehen achteten – das Alter, in dem die Gefahr bestand, dass Anorexie oder Bulimie ihr hageres, ausgehungertes Gesicht zeigten.

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