Doctor Sleep - Страница 49


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Jeder hatte Geheimnisse, das wusste er seit frühester Kindheit. Anständige Leute verdienten es, ihre zu behalten, und Billy Freeman war die Anständigkeit in Person.

»Wie wär’s mit einer Tasse Kaffee, Danno? Hast du Zeit? Ich brauch bloß zehn Minuten, um das Biest da ins Bett zu bringen.«

Dan streichelte der Lokomotive liebevoll die Flanke. »Gut, aber pass auf, was du sagst. Das ist kein Biest, das ist eine Da…«

In diesem Moment explodierte sein Kopf.

2

Als er wieder zu sich kam, lag er halb ausgestreckt auf der Bank, auf der Billy geraucht hatte. Nun saß dieser neben ihm und sah besorgt drein. Genauer gesagt sah er zu Tode erschrocken aus. Er hielt sein Handy in der Hand, bereit, die Tasten zu drücken.

»Steck das Ding weg«, sagte Dan. Die Worte kamen als staubiges Krächzen heraus. Er räusperte sich und versuchte es noch einmal. »Mit mir ist alles in Ordnung.«

»Bist du dir da sicher? Menschenskind, ich hab gedacht, du hast ’nen Schlaganfall. Ehrlich, das dachte ich wirklich.«

So hat es sich auch angefühlt.

Zum ersten Mal seit Jahren dachte Dan an Dick Hallorann, den unvergleichlichen Chefkoch vom Hotel Overlook. Dick hatte fast augenblicklich erkannt, dass der kleine Sohn von Jack Torrance dieselbe Gabe besaß wie er. Nun überlegte Dan, ob Dick möglicherweile noch am Leben war. Was äußerst unwahrscheinlich war; schon damals war er fast sechzig gewesen.

»Wer ist Tony?«, fragte Billy.

»Wieso?«

»Du hast gesagt: ›Bitte, Tony, bitte.‹ Wer ist Tony?«

»Ein Typ aus der Zeit, in der ich gesoffen hab.« Seine improvisierte Antwort taugte nicht viel, war jedoch das Erste, was ihm angesichts seiner Benommenheit in den Sinn gekommen war. »Ein guter Freund.«

Billy betrachtete noch einige Sekunden lang das beleuchtete Rechteck seines Handys, dann klappte er es zu und steckte es weg. »Weißt du, das glaube ich dir einfach nicht. Ich glaube, du hattest eine deiner Eingebungen. Wie damals an dem Tag, an dem du herausgefunden hast, dass ich …« Er klopfte sich auf die Brust.

»Tja, also …«

Billy hob die Hand. »Sag lieber nichts. Jedenfalls nicht, wenn mit dir wirklich alles in Ordnung ist. Und falls es nicht irgendwas Schlimmes ist, was mich betrifft, denn sonst will ich es wissen. Jemand andres würde es vielleicht nicht wissen wollen, aber ich schon.«

»Mit dir hatte es nichts zu tun.« Dan stand auf und stellte erfreut fest, dass seine Beine ihn problemlos trugen. »Aber das mit dem Kaffee verschieben wir lieber auf ein andermal, wenn’s dir nichts ausmacht.«

»Überhaupt nicht. Du musst in dein Zimmer und dich hinlegen. Bist immer noch bleich. Was es auch war, es hat dich richtig umgehauen.« Billy warf einen Blick auf die Riv. »Gut, dass es nicht passiert ist, als du in der Lok gesessen hast und mit vierzig Meilen durch die Gegend getuckert bist.«

»Kann man wohl sagen«, stimmte Dan zu.

3

Er überquerte die Cranmore Avenue, um Billys Rat zu befolgen und sich in seinem Zimmer hinzulegen, aber statt am Tor des Hospizgeländes auf den von Blumen gerahmten Weg zum Eingang der großen, alten Villa einzubiegen, beschloss er, noch ein wenig spazieren zu gehen. Inzwischen kam er wieder zu Atem – er kam zu sich –, und die Nachtluft war mild. Außerdem musste er über das, was gerade geschehen war, nachdenken, und zwar sehr sorgfältig.

Was es auch war, es hat dich richtig umgehauen.

Dabei fiel ihm wieder Dick Hallorann ein und alles, was er Casey Kingsley nie verraten hatte. Daran würde sich auch nichts ändern. Der Schaden, den er Deenie zugefügt hatte – und wohl auch ihrem Sohn, einfach durch sein Nichtstun –, steckte so tief in ihm drin wie ein eingekeilter Weisheitszahn, und da würde er bleiben. Aber im Alter von fünf Jahren war Danny Torrance derjenige gewesen, der zu Schaden gekommen war – neben seiner Mutter natürlich –, und sein Vater war nicht der einzige Schuldige gewesen. Dagegen hatte Dick etwas unternommen, sonst wären Dan und seine Mutter im Overlook gestorben. Es tat immer noch weh, über diese alten Dinge nachzudenken, die in den kindlichen Primärfarben von Furcht und Schrecken loderten. Er hätte lieber nie wieder daran gedacht, aber jetzt musste er es tun. Weil … nun ja …

Weil alles, was geschieht, wiederkommt. Vielleicht ist das Glück, und vielleicht ist es Schicksal, aber in jedem Fall kommt es wieder. Was hat Dick an dem Tag zu mir gesagt, an dem er mir die Kassette geschenkt hat? Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Lehrer. Nicht dass ich dazu geschaffen wäre, irgendjemand was beizubringen, außer vielleicht, dass man nicht besoffen wird, wenn man nicht säuft.

Er hatte die nächste Kreuzung erreicht; nun drehte er sich um und ging zurück. Dabei hatte er den Gehweg ganz für sich. Es war unheimlich, wie schnell sich Frazier leerte, sobald der Sommer vorüber war, und das rief ihm ins Gedächtnis, wie sich das Overlook geleert hatte. Wie schnell die kleine Familie Torrance das Haus ganz für sich gehabt hatte.

Mit Ausnahme der Geister natürlich. Die reisten niemals ab.

4

Hallorann hatte Danny erzählt, dass er nach Denver wolle, um dann von dort aus in den Süden nach Florida zu fliegen. Er hatte gefragt, ob Danny ihm helfen wolle, sein Gepäck zum Parkplatz des Overlooks zu schaffen, und Danny hatte etwas zum Mietwagen des Kochs getragen. Nur etwas Kleines, kaum mehr als eine Aktentasche, aber er hatte trotzdem beide Hände nehmen müssen, damit er es schleppen konnte. Als das Gepäck gut im Kofferraum verstaut war und die beiden im Wagen saßen, hatte Hallorann dem Ding im Kopf von Danny Torrance, an dessen Existenz dessen Eltern nur halb glaubten, einen Namen gegeben.

Du hast so etwas. Ich hab es immer hellsichtig genannt. Meine Großmutter auch. Du hast dich wohl ganz schön einsam gefühlt, weil du dachtest, du bist der Einzige?

Ja, er war einsam gewesen, und ja, er hatte gedacht, er wäre der Einzige. Von diesem Irrtum hatte Hallorann ihn befreit. In den seither vergangenen Jahren war Dan auf eine Menge Menschen gestoßen, die irgendwie hellsichtig gewesen waren, wie der Koch es ausgedrückt hatte. Billy zum Beispiel.

Aber nie auf jemand wie das Mädchen, das ihm vorhin in den Kopf geschrien hatte. Es hatte sich so angefühlt, als würde der Schrei ihn zerreißen.

Ob er selber auch einmal so stark gewesen war? Das war er wohl, zumindest fast. An seinem letzten Tag im Overlook hatte Hallorann den bekümmerten kleinen Jungen, der neben ihm saß, gefragt … was hatte er da gefragt?

Wie hart er zuschlagen könne.

Dan war wieder am Hospiz angelangt und vor dem Tor stehen geblieben. Die ersten Blätter waren von den Bäumen gefallen, und der Abendwind ließ sie um seine Beine tanzen.

Und als ich ihn gefragt hab, woran ich denken soll, hat er gesagt, an irgendetwas. »Aber du musst intensiv denken«, sagte er. Das hab ich auch getan, aber im letzten Augenblick hab ich es abgeschwächt, zumindest ein wenig. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich ihn womöglich umgebracht. Er ist zusammengezuckt – nein, er hat sich ruckartig bewegt – und hat sich auf die Unterlippe gebissen. Ich erinnere mich an das Blut. Er hat gemeint, das sei ja unheimlich. Und später hat er sich nach Tony erkundigt, meinem unsichtbaren Freund. Da habe ich es ihm erzählt.

Tony war offenbar wieder da, aber er war nicht länger der Freund von Dan. Nun war er der Freund eines Mädchens namens Abra. Wie Dan damals steckte sie in Schwierigkeiten, aber erwachsene Männer, die sich nach Mädchen erkundigten, erregten Aufmerksamkeit und Argwohn. Er hatte ein gutes Leben hier in Frazier, und das hatte er nach all den verlorenen Jahren auch verdient.

Aber …

Aber als er Dick gebraucht hatte – im Overlook und dann später in Florida, als Mrs. Massey wieder aufgetaucht war –, da war Dick gekommen. Bei den Anonymen Alkoholikern fiel das unter die Arbeit im zwölften Schritt. Denn wenn der Schüler bereit war, dann erschien der Lehrer.

Bei mehreren Gelegenheiten hatte Dan mit Casey Kingsley oder einigen anderen AA-Mitgliedern in diesem Rahmen Leute aufgesucht, die bis über die Ohren im Drogen- oder Alkoholkonsum steckten. Manchmal waren es deren Freunde oder Vorgesetzte, die darum gebeten hatten, in den meisten Fällen jedoch Angehörige, die jedes andere Mittel versucht hatten und mit ihrem Latein am Ende waren. Im Lauf der Jahre konnten sie einige Erfolge verzeichnen, aber die meisten Besuche hatten damit geendet, dass man Casey und seinen Freunden die Tür vor der Nase zuschlug oder ihnen erklärte, sie sollten sich ihren selbstgerechten, pseudoreligiösen Scheißdreck in den Arsch stecken. Ein Bursche, ein von Meth benebelter Veteran aus George Bushs ruhmreichem Irak-Abenteuer, der mit seiner verängstigten Frau in einer miesen Bretterbude in Chocorua hauste, hatte sogar mit einer Pistole herumgefuchtelt. Als sie von dort nach Hause gefahren waren, hatte Dan gesagt: »Das war jetzt aber wirklich reine Zeitverschwendung.«

»Das wäre es gewesen, wenn wir es für die beiden getan hätten«, sagte Casey. »Aber so ist es nicht. Wir tun so etwas für uns selbst. Gefällt dir das Leben, das du lebst, Danny-Boy?« Es war nicht das erste Mal, dass er diese Frage stellte, und es würde nicht das letzte Mal sein.

»Ja.« Da gab es keinerlei Zögern. Dan war zwar nicht Topmanager bei General Motors und drehte auch keine Bettszenen mit Kate Winslet, aber darüber hinaus hatte er alles, was er brauchte.

»Meinst du, das hast du dir verdient?«

»Nein«, sagte Dan grinsend. »Eigentlich nicht. So was kann man sich nicht verdienen.«

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