Doctor Sleep - Страница 50


К оглавлению

50

»Was war es dann, was dich dahin gebracht hat, dass du morgens gern aus dem Bett steigst? War es Glück oder Gnade?«

Er ging davon aus, dass Casey hören wollte, es sei Gnade gewesen, aber in seinen trockenen Jahren hatte er sich eine gelegentlich unangenehme Angewohnheit angeeignet: Ehrlichkeit. »Das weiß ich nicht.«

»Macht nichts, denn wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst, spielt das keine Rolle.«

5

»Abra, Abra, Abra«, sagte er, während er durch den Garten aufs Hospiz zuging. »Wo bist du da reingeraten, Kleine? Und wo ziehst du mich da rein?«

Er dachte, dass er womöglich sein nie ganz zuverlässig funktionierendes Shining einsetzen musste, um Kontakt mit Abra aufzunehmen, aber als er in sein Turmzimmer kam, sah er, dass das nicht nötig war. Auf seiner Tafel stand in säuberlicher Schrift:

kadabra@nhmlx.com

Über diesen Benutzernamen musste er einen Moment nachdenken, dann begriff er und lachte. »Gut gewählt, Kleine, gut gewählt!«

Er fuhr seinen Laptop hoch. Wenig später erschien eine leere E-Mail-Maske. Er tippte Abras Adresse ein, hielt inne und betrachtete den blinkenden Cursor. Wie alt war sie? Soweit er anhand der wenigen bisherigen Kommunikationsversuche einschätzen konnte, gab es da eine ziemliche Bandbreite – von einer verständigen Zwölfjährigen bis hin zu einer etwas naiven Sechzehnjährigen. Wahrscheinlich eher Ersteres. Während er ein Mann war, dem grau melierte Bartstoppeln wuchsen, wenn er sich nicht rasierte. Und so jemand war drauf und dran, mit diesem Mädchen zu chatten. Das ideale Szenario für Tatort Internet.

Vielleicht ist auch gar nichts dabei. Oder halt doch; schließlich ist sie noch ein Kind.

Ja, aber ein extrem verängstigtes Kind. Außerdem war er neugierig. Schon seit geraumer Zeit. Auf dieselbe Weise, wie wohl Hallorann neugierig auf ihn gewesen war.

Jetzt könnte ich tatsächlich ein wenig Gnade gebrauchen. Und eine Riesenmenge Glück.

In die Betreffzeile schrieb Dan: Hallo, Abra. Er klickte ins Textfeld, atmete tief durch und tippte fünf Wörter ein: Erzähl mir, was los ist.

6

Am folgenden Samstagnachmittag saß Dan im hellen Sonnenschein auf einer der Bänke vor dem mit Efeu bewachsenen Steingebäude der Stadtbücherei von Anniston. Er hatte den Union Leader vor sich aufgeschlagen, und auf den Seiten standen Wörter, aber er hatte keine Ahnung, was sie ausdrückten. Dazu war er zu nervös.

Genau um zwei Uhr kam ein Mädchen in Jeans auf ihrem Fahrrad angefahren und schloss es an den Ständer neben dem Rasen an. Sie winkte ihm zu und strahlte ihn an.

Das war sie also. Abra. Wie in Abrakadabra.

Für ihr Alter war sie groß gewachsen, wofür vor allem ihre langen Beine sorgten. Ihr lockiges, blondes Haar war zu einem üppigen Pferdeschwanz gebunden, der aussah, als wollte er sich rebellisch in alle Richtungen ausbreiten. Es war kühl, und sie trug eine leichte Jacke, auf deren Rücken in Siebdruck der Schriftzug ANNISTON CYCLONES leuchtete. Sie griff sich das mit einem Gummiseil umschlungene Bündel Bücher, das an ihrem Lenker hing, und rannte auf Dan zu, immer noch mit diesem offenen, strahlenden Lächeln. Hübsch, wenn auch keine große Schönheit. Bis auf ihre weit auseinanderstehenden Augen. Die waren schön.

»Onkel Dan! Mann, es ist toll, dass du gekommen bist.« Womit sie ihm einen herzhaften Schmatz auf die Wange gab. Das war nicht geplant gewesen. Ihr Vertrauen darin, dass er ein anständiger Kerl war, wirkte regelrecht erschreckend.

»Ich freue mich auch, dass wir uns kennenlernen, Abra. Setz dich.«

Er hatte ihr gesagt, dass sie vorsichtig sein mussten, und Abra – als Kind ihrer Zeit – hatte sofort begriffen. Sie waren sich einig gewesen, dass es am besten sein würde, sich im Freien zu treffen, und es gab wenige Orte in Anniston, die für diesen Zweck geeigneter waren als die Grünanlage vor der Bücherei, die in der Mitte des kleinen Stadtzentrums gelegen war.

Abra betrachtete ihn mit offenem Interesse, vielleicht sogar mit einer Art Wissensdurst. Er spürte, wie winzige Finger leicht an die Innenseite seines Kopfs klopften.

(wo ist Tony?)

Dan legte einen Finger an die Schläfe.

Abra lächelte, und das brachte ihre Schönheit dann doch zur Entfaltung und verwandelte sie in ein Mädchen, das in vier bis fünf Jahren Herzen brechen würde.

(HI TONY!)

Das war so laut, dass er zusammenzuckte, und er dachte wieder daran, wie Dick Hallorann am Lenkrad seines Cadillacs zusammengefahren war und wie seine Augen einen Moment lang jeden Ausdruck verloren hatten.

(wir müssen uns laut unterhalten)

(ja okay)

»Ich bin ein Cousin deines Vaters, ja? Kein richtiger Onkel, aber du nennst mich halt so.«

»Klar, klar, du bist Onkel Dan. Wir sind sowieso nicht in Gefahr, solange die beste Freundin meiner Mutter nicht vorbeikommt. Die heißt Gretchen Silverlake. Ich glaube, sie kennt unseren ganzen Stammbaum, und der ist nicht besonders groß.«

Na, großartig, dachte Dan. Die neugierige beste Freundin.

»Kein Problem«, sagte Abra. »Ihr Sohn, der ältere, ist in der Footballmannschaft, und wenn die Cyclones spielen, geht sie immer hin. Fast alle Leute gehen hin, also mach dir keine Sorgen mehr, dass jemand denkt, du bist …«

Sie vollendete den Satz mit einem mentalen Bild, eigentlich einem Cartoon, der innerhalb eines Augenblicks aufblühte, ungelenk, aber klar. Ein kleines Mädchen wurde in einer dunklen Gasse von einem massigen Mann in einem Trenchcoat bedroht. Die Knie des Mädchens schlugen zitternd zusammen, und kurz bevor das Bild verblasste, sah Dan, wie sich über dem Kopf eine Sprechblase bildete: Iiih, ein Psycho!

»Eigentlich gar nicht so lustig.«

Er schuf ein eigenes Bild und schickte es ihr zurück: Dan Torrance in gestreifter Häftlingskleidung, wie er von zwei groß gewachsenen Polizisten abgeführt wurde. So etwas hatte er noch nie versucht, und sein Bild war nicht so gut wie ihres, aber er freute sich, dass er es überhaupt zeichnen konnte. Dann, ehe er sichs versah, hatte sie sich sein Bild angeeignet und es verändert. Nun zog er eine Pistole aus dem Hosenbund, richtete sie auf einen der Cops und drückte ab. Aus der Mündung der Waffe schoss ein Taschentuch mit dem Wort PENG darauf.

Dan starrte Abra mit offenem Mund an.

Sie hielt sich die geballten Hände vor den Mund und kicherte. »’tschuldigung. Ich konnte einfach nicht anders. Das könnten wir den ganzen Nachmittag tun, oder? Und es würde Spaß machen!«

Wahrscheinlich wäre es auch eine Erleichterung für sie, dachte Dan. Schließlich hatte sie viele Jahre im Besitz eines fantastischen Balls verbracht, ohne jemand zu haben, dem sie ihn zuspielen konnte. Für ihn galt natürlich dasselbe. Zum ersten Mal seit seiner Kindheit – seit den Begegnungen mit Hallorann – empfing er nicht nur, sondern sendete auch.

»Da hast du recht, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Du musst mir die ganze Sache noch mal ausführlich erklären. Die E-Mail, die du mir geschickt hast, war reichlich kurz.«

»Wo soll ich anfangen?«

»Wie wär’s mit deinem Familiennamen? Da ich dein Onkel ehrenhalber bin, sollte ich den wohl wissen.«

Das brachte sie zum Lachen. Dan versuchte, ein ernstes Gesicht zu bewahren, schaffte es aber nicht. Gott steh mir bei, dachte er. Schon jetzt hatte er Abra ins Herz geschlossen.

»Ich heiße Abra Rafaella Stone«, sagte sie. Mit einem Mal brach ihr Lachen ab. »Ich hoffe bloß, die Frau mit dem Hut kriegt das nie raus.«

7

Sie saßen eine Dreiviertelstunde auf der Bank vor der Bücherei, die warme Herbstsonne auf dem Gesicht. Zum ersten Mal im Leben empfand Abra uneingeschränktes Vergnügen – ja sogar Freude – an der Gabe, die ihr immer ein Rätsel gewesen war und sie manchmal erschreckt hatte. Dank diesem Mann kannte sie nun sogar einen Namen dafür: Shining. Oder wie Onkel Dan noch sagte: Sie war hellsichtig. Das war eine gute, tröstliche Bezeichnung, denn sie hatte es immer für etwas Dunkles gehalten.

Es gab viel zu besprechen – gewissermaßen Bände an Notizen zu vergleichen –, und sie hatten gerade erst angefangen, als eine füllige Frau in einem Tweedrock ankam, um die beiden zu begrüßen. Sie musterte Dan neugierig, aber nicht auf ungebührliche Weise.

»Tag, Mrs. Gerard. Das ist mein Onkel Dan. Ich hatte Mrs. Gerard letztes Jahr in Sprache und Literatur.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Ma’am. Dan Torrance.«

Mrs. Gerard ergriff die ihr dargebotene Hand und drückte sie fest. Abra spürte, wie Dan – Onkel Dan – sich entspannte. Das war gut.

»Wohnen Sie in der Gegend, Mr. Torrance?«

»Nicht weit von hier, in Frazier. Ich arbeite dort im Hospiz. Sie kennen doch bestimmt das Rivington House.«

»Ah. Da tun Sie was sehr Nützliches. Abra, hast du eigentlich schon den Fixer gelesen? Den Roman von Malamud, den ich dir empfohlen habe?«

Abra blickte geknickt drein. »Ist schon auf meinem Nook – ich hab zum Geburtstag einen Geschenkgutschein für ein E-Book bekommen –, aber ich hab noch nicht damit angefangen. Sieht recht schwierig aus.«

»Du bist bereit für schwierige Sachen«, sagte Mrs. Gerard. »Mehr als bereit. Die Highschool kommt schneller, als du denkst, und dann das College. Am besten fängst du heute noch an. Schön, Sie kennenzulernen, Mr. Torrance. Sie haben eine ausgesprochen kluge Nichte. Aber, Abra – wer gescheit ist, hat auch Verantwortung.« Sie tippte an Abras Schläfe, um ihr Argument zu betonen, dann stieg sie die Stufen zur Bücherei hoch und ging hinein.

50