Doctor Sleep - Страница 51


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Abra sah Dan an. »War nicht so schlecht, oder?«

»So weit, so gut«, stimmte Dan zu. »Wenn sie allerdings mit deinen Eltern spricht …«

»Das wird sie nicht. Mama ist in Boston, um meiner Momo zu helfen. Die hat Krebs.«

»Das tut mir leid. Ist Momo deine …«

(Großmutter)

(Urgroßmutter)

»Außerdem ist es eigentlich nicht gelogen, dass du mein Onkel bist«, sagte Abra. »In Bio hat Mr. Staley uns letztes Jahr erzählt, dass alle Menschen denselben genetischen Bauplan haben. Er hat gesagt, dass das, was uns verschieden macht, bloß Kleinigkeiten sind. Wusstest du, dass unser genetischer Bauplan zu etwa neunundneunzig Prozent mit dem von Hunden identisch ist?«

»Nein«, sagte Dan. »Aber das erklärt, wieso ich immer fand, dass Pedigree so lecker aussieht.«

Sie lachte. »Also könntest du wirklich mein Onkel oder mein Cousin oder so sein. Ich mein ja nur.«

»Das ist dann wohl Abras Relativitätstheorie, was?«

»Kann schon sein. Jedenfalls brauchen wir doch nicht dieselbe Augenfarbe oder dieselben Haare haben, um verwandt zu sein. Wir haben ja was anderes gemeinsam, was sonst kaum jemand hat. Das macht uns zu ’ner besonderen Art von Verwandten. Meinst du, es ist ein Gen wie das für blaue Augen oder rote Haare? Übrigens, wusstest du, dass Schottland den größten Prozentsatz von Leuten mit roten Haaren hat?«

»Nein, wusste ich nicht«, sagte Dan. »Du bist ja ein wahres Lexikon.«

Ihr Lächeln ließ etwas nach. »Meinst du das kritisch?«

»Überhaupt nicht. Tja, theoretisch könnte unser Shining mit einem Gen zu tun haben, aber ich glaube eigentlich nicht. Ich glaube, Hellsichtigkeit ist nicht quantifizierbar.«

»Heißt das, man kann sie nicht erklären? Wie Gott und den Himmel und solches Zeug?«

»Ja.« Unwillkürlich dachte er an Charlie Hayes und an alle Menschen vor und nach Charlie, die er in seiner Rolle als Doctor Sleep aus dieser Welt hinausbegleitet hatte. Manche Leute sagten, im Moment des Todes würde man hinübergehen. Das gefiel Dan, weil es in etwa passte. Wenn man mit eigenen Augen sah, wie Männer und Frauen hinübergingen – wie sie aus ihrem Teenytown, das man Realität nannte, in das Wolkentor des Jenseits überwechselten –, so veränderte das die eigene Denkweise. Für Menschen, die im Sterben lagen, war es die Welt, die hinüberging. In solchen Momenten des Übergangs hatte Dan immer die Gegenwart einer gewaltigen, nicht ganz sichtbaren Instanz gespürt. Wer starb, schlief ein, wachte wieder auf, reiste irgendwohin. Er zog weiter. Dan hatte immer gute Gründe gehabt, das zu glauben, schon als Kind.

»Was denkst du gerade?«, fragte Abra. »Ich kann es sehen, aber ich kapier es nicht. Und ich will es kapieren.«

»Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll«, sagte er.

»Es geht teilweise um die Geisterleute, stimmt’s? Die hab ich schon einmal gesehen, in Frazier, in dieser kleinen Eisenbahn.«

Seine Augen weiteten sich. »Tatsächlich?«

»Ja. Ich glaube nicht, dass sie mir etwas antun wollten – sie haben mich bloß angeschaut –, aber irgendwie gruselig waren sie trotzdem. Ich glaube, es waren vielleicht Leute, die früher mit dem Zug gefahren sind. Hast du auch schon Geisterleute gesehen? Das hast du, oder?«

»Ja, aber das ist schon lange her.« Und manche waren wesentlich mehr als nur Geister gewesen. Schließlich hinterließen Geister keine Rückstände auf Klobrillen und Duschvorhängen. »Abra, was wissen deine Eltern über deine Hellsichtigkeit?«

»Mein Dad meint, sie ist verschwunden – bis auf manchmal, zum Beispiel als ich aus dem Sommerlager angerufen hab, weil ich wusste, dass Momo krank ist. Er ist froh darüber. Meine Mama weiß, dass es noch da ist, weil sie mich manchmal bittet, ihr was suchen zu helfen, was sie verloren hat – letzten Monat war es ihr Autoschlüssel, den hatte sie auf Dads Werkbank in der Garage liegen lassen –, aber sie weiß nicht, wie viel noch da ist. Jedenfalls sprechen die beiden nicht mehr darüber.« Abra hielt inne. »Momo weiß Bescheid. Die hat keine Angst davor wie Mama und Dad, aber sie hat mir gesagt, ich muss vorsichtig sein. Denn wenn es jemand rauskriegt …« Sie zog eine Grimasse, rollte mit den Augen und streckte die Zunge aus dem Mundwinkel. »Iiih, ein Psycho. Du verstehst schon, oder?«

(ja)

Sie lächelte dankbar. »Klar verstehst du das.«

»Sonst niemand?«

»Tja … Momo hat gesagt, ich soll mit Dr. John sprechen, weil der sich in so Sachen ein bisschen auskennt. Er, äh, hat was gesehen, was ich mit Löffeln gemacht hab, als ich noch ganz klein war. Ich hab nämlich welche an die Decke gehängt.«

»Meinst du womöglich John Dalton?«

Ihr Gesicht leuchtete auf. »Kennst du ihn?«

»Zufällig ja. Ich hab einmal etwas für ihn gefunden. Etwas, was er verloren hatte.«

(eine Uhr!)

(genau)

»Ich hab ihm nicht alles erzählt«, sagte Abra. Sie blickte unbehaglich drein. »Auf jeden Fall hab ich ihm nichts von dem Baseballjungen erzählt, und von der Frau mit dem Hut würde ich ihm nie erzählen. Sonst würde er es meinen Eltern verraten, und die haben sowieso schon genug an der Backe. Außerdem – was könnten die schon tun?«

»Stellen wir das vorläufig mal zurück. Wer ist dieser Baseballjunge?«

»Bradley Trevor. Brad. Manchmal, wenn seine Mannschaft zurücklag, hat er seine Mütze umgedreht. Du weißt doch, wieso man so was macht, oder?«

Dan nickte.

»Er ist tot. Diese Typen haben ihn umgebracht. Aber zuerst haben sie ihm wehgetan. Sie haben ihm ganz arg wehgetan.« Ihre Unterlippe begann zu zittern, und mit einem Mal sah sie eher wie eine Neunjährige aus als wie gerade einmal zwölfeinhalb.

(nicht weinen Abra sonst wird man auf uns aufmerksam)

(ich weiß ich weiß)

Sie senkte den Kopf und atmete mehrfach tief durch, bevor sie wieder zu ihm hochsah. Ihre Augen glänzten noch, aber ihr Mund hatte aufgehört zu zittern. »Ist schon wieder gut«, sagte sie. »Ehrlich. Ich bin bloß froh, dass ich mit dem, was da in meinem Kopf ist, nicht alleine bin.«

8

Er hörte aufmerksam zu, während sie erzählte, woran sie sich von ihrer ersten und inzwischen zwei Jahre zurückliegenden Begegnung mit Bradley Trevor erinnerte. Viel war es nicht. Das klarste Bild, das ihr geblieben war, zeigte die sich kreuzenden Lichtkegel vieler Taschenlampen, die auf den am Boden liegenden Jungen gerichtet waren. Und seine Schreie. An die erinnerte sie sich gut.

»Sie mussten ihn beleuchten, weil sie so was wie eine Operation vorgenommen haben«, sagte Abra. »So haben sie es jedenfalls genannt, aber in Wirklichkeit haben sie ihn gefoltert.«

Sie erzählte ihm, wie sie Bradley auf der Rückseite des Anniston Shopper zwischen den anderen vermissten Kindern wiedergefunden hatte. Wie sie sein Bild berührt hatte, um festzustellen, ob sie mehr über ihn herausfinden konnte.

»Kannst du so was auch machen?«, fragte sie. »Was berühren, um Bilder in den Kopf zu bekommen? Um was herauszukriegen?«

»Manchmal. Nicht immer. Früher, als Kind, konnte ich das öfter tun – und es hat besser funktioniert.«

»Meinst du, ich werde es verlieren, wenn ich älter werde? Da hätte ich nämlich nichts dagegen.« Sie schwieg nachdenklich. »Oder vielleicht doch. Es ist schwer zu erklären.«

»Ich weiß schon, was du meinst. Es ist unser Ding, nicht wahr? Das, was wir tun können.«

Abra lächelte.

»Also bist du dir ziemlich sicher, wo sie diesen Jungen getötet haben?«

»Ja, und dort haben sie ihn auch begraben. Zusammen mit seinem Baseballhandschuh.« Abra gab ihm ein Blatt Papier. Es war eine Abschrift, nicht das Original. Es wäre ihr nämlich peinlich gewesen, wenn jemand sah, dass sie die Namen der Jungs von ’Round Here darauf geschrieben hatte, nicht nur einmal, sondern massenhaft. Schon die Art und Weise, wie sie die Namen geradezu gemalt hatte, kam ihr jetzt total dämlich vor, diese dicken, fetten Buchstaben, die romantisch wirken sollten.

»Mach dir nichts draus«, sagte Dan abwesend, während er studierte, was auf dem Zettel stand. »Als ich so alt war wie du, war ich in Stevie Nicks verknallt. Außerdem in Ann Wilson von Heart. Von der hast du wahrscheinlich nie gehört, die ist längst total out, aber ich hab immer davon geträumt, dass ich sie zu dem Tanzabend einlade, der freitags an meiner Highschool stattgefunden hat. Ganz schön bescheuert, was?«

Sie starrte ihn mit offenem Mund an.

»Bescheuert, aber völlig normal. Das Normalste auf der Welt, also mach dir nichts draus. Übrigens hab ich nicht in dich reingespäht, Abra. Es war einfach da. Ist mir irgendwie ins Gesicht gesprungen.«

»Oje.« Abras Wangen waren tiefrot geworden. »Es wird ein bisschen dauern, sich daran zu gewöhnen, stimmt’s?«

»Das gilt für uns beide, Kleines.« Er blickte wieder auf das Blatt Papier.

BETRETEN VERBOTEN! CANTON COUNTY SHERIFF’S DEPT.

ORGANIC INDUSTRIES

ETHANOLFABRIK NR. 4

FREEMAN, IOWA

BIS AUF WEITERES GESCHLOSSEN

»Wie hast du das noch mal rausgekriegt? Indem du es immer wieder angeschaut hast? Es zurückgespult wie einen Film?«

»Das Betreten-verboten-Schild war einfach, aber bei dem Namen von der Fabrik und dem Ort hab ich es so gemacht, das stimmt. Kannst du das auch?«

»Ich hab’s noch nie versucht. Vielleicht hätte ich das früher mal geschafft, aber jetzt bestimmt nicht mehr.«

»Ich hab im Internet ein Freeman in Iowa gefunden«, sagte sie. »Und als ich auf Google Earth nachgeschaut hab, da hab ich die Fabrik gesehen. Sie ist wirklich da.«

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