Doctor Sleep - Страница 52


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Dans Gedanken kehrten zu John Dalton zurück. Andere im AA-Programm hatten über Dans eigenartige Fähigkeit geplaudert, verlorene Dinge wiederzufinden; John hatte das nie getan. Eigentlich war das nicht überraschend. Schließlich gab es die ärztliche Schweigepflicht, die dem entsprechenden Gelübde bei den Anonymen Alkoholikern ähnelte. Wodurch man bei John sozusagen doppelt abgesichert war.

»Du könntest doch bei den Eltern von Bradley Trevor anrufen, oder?«, sagte Abra. »Oder beim Sheriff von Canton County. Mir würden die nicht glauben, aber einem Erwachsenen schon.«

»Ja, das könnte ich wahrscheinlich.« Aber jemand, der wusste, wo eine Leiche vergraben war, kam natürlich sofort ganz oben auf die Liste der Verdächtigen. Wenn er sich also tatsächlich dort meldete, musste er sich sehr genau überlegen, wie er das tat.

Abra, da bringst du mich ganz schön in Schwierigkeiten.

»Tut mir leid«, flüsterte sie.

Er legte seine Hand auf ihre und drückte sie sanft. »Macht nichts. Das war jetzt etwas, was du nicht hören solltest.«

Sie richtete sich auf. »O Gott, da kommt Yvonne Stroud. Die ist in meiner Klasse.«

Dan zog seine Hand eilends zurück. Er sah ein eher pummeliges, braunhaariges Mädchen, etwa in Abras Alter, den Gehweg entlangkommen. Sie trug einen Rucksack und drückte sich ein Ringbuch an die Brust. Ihr Blick war wach und neugierig.

»Bestimmt will sie alles über dich wissen«, sagte Abra. »Wirklich alles. Und sie quasselt

O weh.

Dan richtete den Blick auf das näher kommende Mädchen.

(wir sind uninteressant)

»Hilf mir, Abra«, sagte er und spürte, wie sie sich zu ihm gesellte. Sobald sie zusammen waren, gewann der Gedanke augenblicklich an Tiefe und Kraft.

(WIR SIND VÖLLIG UNINTERESSANT)

»Gut so«, sagte Abra. »Noch ein bisschen mehr. Mach es mit mir zusammen. Als würden wir singen.«

(DU SIEHST UNS KAUM WIR SIND UNINTERESSANT UND AUSSERDEM HAST DU WAS BESSERES ZU TUN)

Yvonne Stroud eilte weiter, wedelte kurz mit der Hand, um Abra zu grüßen, verlangsamte ihre Schritte jedoch nicht. Sie lief die Stufen zur Bibliothek hoch und verschwand.

»Ich glaub, mich laust ein Affe«, sagte Dan.

Abra zog die Augenbrauen hoch. »Gemäß Abras Relativitätstheorie könntest du selber einer sein. Diese Ähnlichkeit aber auch …« Sie schickte ihm ein Bild von Hosen, die an einer Wäscheleine flatterten.

(Jeans)

Dann lachten beide.

9

Das Erlebnis mit der Drehscheibe ließ Dan sich noch dreimal erzählen, um sich zu vergewissern, dass er alles richtig verstand.

»Du hast das auch noch nie gemacht, oder?«, fragte Abra. »Das mit dem Weitsehen?«

»Astralprojektion? Nein. Passiert dir das oft?«

»Bisher höchstens zweimal.« Sie überlegte. »Vielleicht auch dreimal. Einmal war ich in einem Mädchen, das im Fluss geschwommen ist. Ich hab sie von unserem Garten aus gesehen. Da war ich neun oder zehn. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, sie war nicht in Gefahr oder so, sie ist bloß mit ihren Freundinnen geschwommen. Das hat ziemlich lange gedauert, mindestens drei Minuten. Das nennt man Astralprojektion, ja? Wie eine Reise in den Weltraum?«

»Nein, das ist ein alter Begriff, den man vor über hundert Jahren bei Séancen verwendet hat. Wahrscheinlich trifft er es nicht besonders gut. Im Grunde ist es einfach eine außerkörperliche Erfahrung.« Falls so ein Etikett überhaupt sinnvoll war. »Aber – das will ich ganz genau verstehen – das schwimmende Mädchen ist nicht in dich geschlüpft?«

Abra schüttelte so nachdrücklich den Kopf, dass ihr Pferdeschwanz hin und her flog. »Sie hat nicht mal gewusst, dass ich da war. Das einzige Mal, wo es in beide Richtungen ging, war bei dieser Frau. Bei der mit dem Hut. Bloß hab ich den Hut in dem Moment gar nicht gesehen, weil ich in ihr drin war.«

Dan malte mit dem Zeigefinger einen Kreis in die Luft. »Du bist in sie hineingeschlüpft und sie in dich.«

»Genau.« Abra erschauerte. »Sie war es, die Bradley Trevor aufgeschlitzt hat, bis er tot war. Wenn sie grinst, dann hat sie oben bloß einen großen, langen Zahn.«

Das mit dem Hut löste etwas in ihm aus, etwas, was ihn an Deenie aus Wilmington denken ließ. Weil Deenie einen Hut getragen hatte? Nein, jedenfalls nicht, soweit er sich daran erinnerte, allerdings war er ziemlich besoffen gewesen. Wahrscheinlich bedeutete es nichts – manchmal entstanden im Gehirn einfach falsche Assoziationen, vor allem wenn man unter Stress stand, und die Wahrheit (so wenig er das zugeben wollte) bestand darin, dass Deenie ihm nie ganz aus dem Sinn ging. Manchmal fiel sie ihm wegen einem ganz geringfügigen Ereignis ein, zum Beispiel wenn er in einem Schaufenster ein Paar Korksandaletten sah.

»Wer ist Deenie?«, fragte Abra. Dann blinzelte sie kurz und zog sich ein bisschen zurück, als hätte Dan plötzlich mit der Hand vor ihren Augen gewedelt. »Autsch. Da soll ich wohl nicht hin. ’tschuldigung.«

»Schon okay«, sagte er. »Ist nicht so wichtig. Kümmern wir uns lieber um diese Frau mit dem Hut. Als du sie später gesehen hast – hinter deinem Fenster –, war das nicht dasselbe, stimmt’s?«

»Nein. Ich bin mir nicht mal sicher, ob das mit meinem Shining zu tun hatte. Ich glaube, ich hab mich daran erinnert, wie sie dem Jungen wehgetan hat.«

»Also hat sie dich da ebenfalls nicht gesehen. Genauer gesagt hat sie dich noch nie gesehen.« Wenn diese Frau so gefährlich war, wie Abra annahm, dann war das von großer Bedeutung.

»Nein. Das hat sie bestimmt nicht. Aber sie will es.« Abra sah ihn mit weit geöffneten Augen an. Ihr Mund zitterte wieder. »Als das mit der Drehscheibe passiert ist, hat sie Spiegel gedacht. Sie wollte, dass ich mich im Spiegel anschaue. Sie wollte meine Augen benutzen, um mich zu sehen.«

»Was hat sie denn durch deine Augen gesehen? Könnte sie dich dadurch finden?«

Darüber dachte Abra sorgfältig nach. »Als es passiert ist, hab ich aus meinem Fenster geschaut«, sagte sie schließlich. »Von da kann ich bloß die Straße sehen. Und die Berge natürlich, aber in Amerika gibt’s eine Menge Berge, stimmt’s?«

»Stimmt.« Konnte die Frau mit dem Hut die Berge, die sie durch Abras Augen gesehen hatte, auf einem Foto finden, wenn sie im Internet danach suchte? Wie so vieles in dieser Angelegenheit war das nicht auszuschließen.

»Warum haben sie ihn umgebracht, Dan? Warum haben sie den Baseballjungen umgebracht?«

Das glaubte er zu wissen, und er hätte es vor ihr verborgen, wenn ihm das möglich gewesen wäre, aber schon diese kurze Begegnung reichte aus, um zu erkennen, dass er nie eine Beziehung mit Abra Rafaella Stone haben würde, die so etwas zuließ. Bei den Anonymen Alkoholikern strebte man nach absoluter Ehrlichkeit in jeder Hinsicht, erreichte diese jedoch nur selten; für Dan und Abra war sie unausweichlich.

(Nahrung)

Entgeistert starrte sie ihn an. »Die haben sein Shining gegessen?«

(ich glaube schon)

(sind die VAMPIRE?)

Dann laut: »Wie in Twilight?«

»Nicht wie die«, sagte Dan. »Und um Himmels willen, Abra, das ist bloß eine Vermutung.« Die Tür der Bücherei ging auf. Dan blickte sich um, weil er befürchtete, es könnte die übermäßig neugierige Yvonne Stroud sein, aber es war ein junges Paar, das nur Augen füreinander hatte. Er wandte sich wieder Abra zu. »Wir müssen allmählich Schluss machen.«

»Ich weiß.« Sie hob die Hand, rieb sich die Lippen, merkte, was sie tat, und legte die Hand wieder in den Schoß. »Aber ich hab so viele Fragen. Es gibt so vieles, was ich wissen will. Das würde Stunden dauern.«

»Die wir nicht haben. Bist du dir sicher, dass es bei Sam’s war?«

»Was?«

»Die Frau war in einem Supermarkt von Sam’s?«

»Ach so. Ja.«

»Ich kenne diese Kette. In einem oder zwei Läden hab ich schon eingekauft, aber nicht hier in der Gegend.«

Sie grinste. »Natürlich nicht, Onkel Dan, hier gibt’s nämlich keine. Die sind alle im Westen. Das hab ich auch mit Google rausgekriegt.« Das Grinsen schwand. »Es gibt Hunderte davon, von Nebraska bis Kalifornien.«

»Ich muss über das alles noch ein wenig nachdenken, und du musst das auch. Wenn es wichtig ist, kannst du per E-Mail Kontakt mit mir aufnehmen, aber es wäre besser, wenn wir bloß …« Er tippte sich an die Stirn. »Zipp, zapp. Du weißt schon?«

»Ja«, sagte sie und strahlte. »Das einzig Gute daran ist, einen Freund zu haben, der weiß, wie man zipp, zapp macht – und wie sich das anfühlt.«

»Kannst du die Tafel verwenden?«

»Klar. Das ist ziemlich leicht.«

»Eines musst du im Kopf behalten. Das ist wichtiger als alles andere. Die Frau mit dem Hut weiß wahrscheinlich nicht, wie sie dich finden kann, aber sie weiß, dass du irgendwo in diesem Land lebst.«

Abra war ganz still geworden. Er tastete nach ihren Gedanken, aber sie verwahrte sich dagegen.

»Kannst du in deinem Kopf einen Alarm einrichten? Damit du merkst, wenn sie irgendwo in der Nähe ist, entweder mental oder tatsächlich?«

»Du meinst, sie wird mich schnappen wollen, stimmt’s?«

»Womöglich versucht sie das, ja. Aus zwei Gründen. Erstens einfach deshalb, weil du weißt, dass sie existiert.«

»Sie und ihre Freunde«, flüsterte Abra. »Sie hat eine Menge Freunde.«

(mit Taschenlampen)

»Was ist der andere Grund?« Und bevor er etwas erwidern konnte: »Weil ich was Gutes zu essen bin. So wie es der Baseballjunge war. Stimmt’s?«

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