Doctor Sleep - Страница 54


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Dan hob die Hände seitlich ans Gesicht, spreizte die Finger und ließ sie wackeln. »Uh-la-la! Une belle femme! Je suis amoureux!«

Sie rollte mit den Augen, dann legte sie den Kopf schief und strahlte ihn an. »Maurice Chevalier sind Sie zwar nicht gerade, aber ich mag Sie, mon cher. Sie sind fröhlich, was wichtig ist, Sie sind frech, was noch wichtiger ist, und Sie haben einen tollen Hintern, was am allerwichtigsten ist. Der Hintern eines Mannes ist der Motor, der die Welt antreibt, und Sie haben einen guten. Zu meiner Glanzzeit hätte ich ihn mir geschnappt und Sie dann genüsslich verspeist. Vorzugsweise am Pool vom Hôtel de Paris in Monte Carlo vor einem bewundernden Publikum, das meinen Bemühungen Applaus gespendet hätte.«

Ihre raue, aber rhythmische Stimme ließ diese Vorstellung eher charmant als vulgär erscheinen. Dan fand, dass sie wie die Sängerin eines Cabarets klang, die schon alles gesehen und getan hatte, bevor die deutsche Armee im Juni 1940 im Stechschritt die Champs-Élysées entlangmarschierte. Zwar verlebt, aber noch bei Weitem nicht verbraucht. Und während sie trotz der leichten Farbe, die das geschickt gewählte Nachthemd auf ihr Gesicht warf, wie der Tod persönlich aussah, musste man zugeben, dass sie so schon seit 2009 aussah, als sie in Zimmer 15 von Gebäude eins gezogen war. Nur Azzies Anwesenheit wies darauf hin, dass sich in dieser Nacht etwas verändert hatte.

»Das wäre bestimmt äußerst angenehm gewesen«, sagte er.

»Haben Sie derzeit Kontakt zu irgendwelchen Damen, mon cher?«

»Momentan nicht, nein.« Mit einer Ausnahme, und die war eindeutig zu jung für ein amouröses Abenteuer.

»Schade. Denn in späteren Jahren wird das« – sie hob ihren knochigen Zeigefinger und ließ ihn dann sinken – »zu dem. Sie werden schon sehen.«

Er grinste und setzte sich auf ihr Bett. So, wie er sich auf so viele Betten gesetzt hatte. »Wie fühlen Sie sich heute denn, Eleanor?«

»Nicht schlecht.« Sie beobachtete, wie Azzie vom Bett sprang und zur Tür hinausstolzierte. Seine Arbeit hatte er für heute getan. »Ich hatte viele Besucher. Die haben Ihren Kater zwar nervös gemacht, aber er hat hier ausgeharrt, bis Sie gekommen sind.«

»Das ist nicht mein Kater, Eleanor. Er gehört dem Haus.«

»Nein«, sagte sie, als würde das Thema sie nicht mehr besonders interessieren. »Er gehört Ihnen.«

Dan bezweifelte, dass Eleanor auch nur einen einzigen Besucher gehabt hatte – mit Ausnahme von Azreel natürlich. Heute hatte niemand sie besucht, in der letzten Woche und im letzten Monat nicht, ja nicht einmal im letzten Jahr. Sie war allein auf der Welt. Selbst der uralte Steuerberater, der sich so viele Jahre lang um ihre Finanzen gekümmert hatte und jedes Vierteljahr einmal hereingewackelt gekommen war, in den Händen eine Aktentasche von der Größe eines Saab-Kofferraums, hatte inzwischen das Zeitliche gesegnet. Miss Uh-la-la behauptete, Verwandte in Montreal zu haben – aber ich habe nicht genug Geld auf der hohen Kante, als dass die es für lohnend halten würden, mich zu besuchen, mon cher.

»Wer war denn da?« Vielleicht meinte sie ja Gina Weems oder Andrea Bottstein, die beiden Schwestern, die heute von drei bis elf Dienst in Gebäude eins hatten. Oder Poul Larson, ein träger, aber anständiger Pfleger, der Dan wie ein Gegenentwurf zu Fred Carling vorkam, hatte zu einem Schwätzchen vorbeigeschaut.

»Wie schon gesagt, viele. Sie kommen immer noch vorbei. Ein endloses Defilee. Sie lächeln, sie verbeugen sich, ein Kind streckt die Zunge heraus und lässt sie wackeln wie einen Hundeschwanz. Manche von ihnen sagen etwas. Kennen Sie den Dichter Giorgos Seferis?«

»Nein, Ma’am, leider nicht.« Waren tatsächlich noch andere da? Möglich war es, aber er nahm sie überhaupt nicht wahr. Nicht dass er sonst immer alle wahrnahm.

»Seferis hat geschrieben: ›Sind das die Stimmen unsrer toten Freunde, oder ist es nur das Grammophon?‹ Am traurigsten sind die Kinder. Es war ein Junge hier, der in einen Brunnen gefallen ist.«

»Tatsächlich?«

»Ja, und eine Frau, die mit einer Bettfeder Selbstmord begangen hat.«

Er spürte nicht die geringste Ahnung, dass jemand anwesend war. Ob seine Begegnung mit Abra Stone ihn wohl ausgelaugt hatte? Das war möglich, aber sein Shining kam und ging ohnehin in Wellen, die er nie hatte ergründen können. Daran lag es seiner Meinung nach jedoch auch nicht. Wahrscheinlich war Eleanor dement geworden – oder sie führte ihn an der Nase herum. Nicht auszuschließen, immerhin war Eleanor Uh-la-la ein echter Witzbold. Irgendjemand – vielleicht Oscar Wilde – hatte angeblich noch auf dem Totenbett einen Witz gemacht: Entweder verschwindet diese scheußliche Tapete – oder ich.

»Sie müssen nur warten«, sagte Eleanor. In ihrer Stimme lag nun keinerlei Humor mehr. »Die Lampen werden die Ankunft ankündigen. Womöglich kommt es auch zu weiteren Geschehnissen. Die Tür wird aufgehen. Und dann kommt Ihr Besucher.«

Dan blickte skeptisch auf die Tür zum Flur, die bereits offen stand. Er ließ die Tür in solchen Fällen immer auf, damit Azzie hinausgehen konnte, wenn er wollte. Das tat er normalerweise nämlich, sobald Dan auftauchte, um die Sache zu übernehmen.

»Eleanor, möchten Sie vielleicht ein Glas kalten Saft?«

»Ja, aber dafür ist keine …«, sagte sie, und dann rann das Leben aus ihrem Gesicht wie Wasser aus einem Becken mit einem Loch darin. Ihre Augen richteten sich auf einen Punkt über Dans Kopf, ihr Mund öffnete sich. Die Wangen erschlafften, und das Kinn fiel fast bis zu ihrer dürren Brust herab. Auch der obere Teil der Zahnprothese fiel herab, schob sich über die Unterlippe und blieb dort hängen, wodurch ein beunruhigendes Grinsen entstand.

Scheiße, das ging aber schnell.

Behutsam schob er einen Finger unter die Prothese und holte sie samt dem Unterteil heraus. Dabei wurde die Lippe der Toten herausgezogen, bis sie mit einem leisen Plipp wieder zurückzuckte. Dan legte die Prothese auf den Nachttisch und wollte schon aufstehen, setzte sich jedoch gleich wieder hin. Er wartete auf den roten Dunst, den jene alte Krankenschwester aus Tampa als letzten Hauch bezeichnete, aber den Eindruck erweckte, als würde etwas eingesogen statt ausgestoßen. Aber dieser Dunst kam nicht.

Sie müssen nur warten.

Na gut, das konnte er tun, zumindest eine Weile. Er tastete nach Abra, fand jedoch nichts. Womöglich war das gut so, weil es hieß, dass sie nun bereits darauf achtgab, ihre Gedanken zu schützen. Vielleicht war jedoch auch seine eigene Fähigkeit – seine Sensibilität – verschwunden. Falls Letzteres der Fall war, war es ohne Belang. Sie würde wiederkommen. Das hatte sie immer getan, unabhängig von den Umständen.

Er überlegte wie schon oft, wieso er auf dem Gesicht der Hospizbewohner nie irgendwelche Fliegen gesehen hatte. Vielleicht weil das nicht nötig war, schließlich hatte er Azzie. Sah Azzie mit seinen klugen grünen Augen etwas? Vielleicht keine Fliegen, aber doch etwas anderes? Das musste wohl so sein.

Sind das die Stimmen unsrer toten Freunde, oder ist es nur das Grammophon?

Es war heute Abend so still auf diesem Stockwerk, trotz der frühen Stunde. Aus dem Gemeinschaftsraum am Ende des Flurs drangen keinerlei Stimmen. Kein Fernseher und kein Radio lief. Man hörte weder das Quietschen von Pouls Turnschuhen noch die leisen Stimmen von Gina und Andrea vom Stationszimmer her. Kein Telefon läutete. Und seine Armbanduhr …

Dan warf einen Blick darauf. Kein Wunder, dass er ihr leises Ticken nicht hören konnte. Sie war stehen geblieben.

Die Neonleuchte an der Decke ging aus, sodass nur noch Eleanors Nachttischlampe brannte. Dann ging die Neonleuchte wieder an, während die Lampe flackernd erlosch. Auch diese ging wieder an, und dann erloschen die beiden Lampen gemeinsam. An … aus … an.

»Ist da jemand?«

Der Wasserkrug auf dem Nachttisch klapperte und beruhigte sich wieder. Die falschen Zähne, die Dan herausgenommen hatte, gaben ein einzelnes, bedrohliches Klacken von sich. An dem Laken auf Eleanors Bett lief ein merkwürdiges Kräuseln entlang, so als hätte jemand, der darunterlag, sich vor Schreck plötzlich bewegt. Ein warmer Windhauch drückte einen Kuss auf Dans Wange und war wieder fort.

»Wer ist da?« Sein Herzschlag blieb regelmäßig, aber er konnte es im Hals und in den Handgelenken spüren. Die Härchen in seinem Nacken fühlten sich dick und aufgerichtet an. Mit einem Mal wusste er, was Eleanor in ihren letzten Momenten gesehen hatte: ein Defilee von

(Geisterleuten)

Toten, die durch die eine Wand in ihr Zimmer gekommen waren und es durch die andere wieder verlassen hatten. Sie waren weitergezogen. Von Seferis hatte er zwar nie gehört, aber er kannte einen Vers von W. H. Auden: Der Tod holt sie alle, die Geldschwimmer, die Spaßmacher und die gut Bestückten. Die hatte Eleanor alle gesehen, und sie waren jetzt noch im …

Aber das waren sie gar nicht. Er wusste, dass sie nicht mehr im Zimmer waren. Die Geister, die Eleanor gesehen hatte, waren fort, und sie hatte sich ihrem Defilee angeschlossen. Ihm jedoch hatte man gesagt, er solle warten. Also wartete er.

Die Tür zum Flur war langsam zugegangen. Dann ging die Badezimmertür auf.

Aus Eleanor Ouellettes totem Mund kam ein einziges Wort: »Danny.«

2

Wer die Stadtgrenze von Sidewinder überquerte, kam an einem Schild mit der Aufschrift WILLKOMMEN AUF DER SPITZE VON AMERIKA! vorbei. Was nicht ganz zutreffend war, aber doch annähernd. Zwanzig Meilen von dem Ort entfernt, an dem der Osthang der Rocky Mountains zum Westhang wurde, bog eine unbefestigte Straße vom Highway ab und schlängelte sich nach Norden. Über der Abzweigung war ein gebogenes Holzschild mit eingebrannten Buchstaben angebracht: WILLKOMMEN AUF DEM BLUEBELL CAMPGROUND! BLEIB EINE WEILE DA, PARTNER!

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