Doctor Sleep - Страница 55


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Das klang nach guter, alter Gastfreundschaft, wie sie im Wilden Westen üblich war, aber die Einheimischen wussten, dass die Straße meistens mit einem Tor abgesperrt war, an dem dann ein weniger freundliches Schild hing: BIS AUF WEITERES GESCHLOSSEN. Wie man auf die Weise Geld verdienen konnte, war den Leuten in Sidewinder schleierhaft. Wäre es nach ihnen gegangen, wäre der Campingplatz an jedem Tag geöffnet, an dem die höher gelegenen Straßen befahrbar waren. Sie vermissten das Geschäft, das die Overlook-Gäste ihnen beschert hatten, und ihre Hoffnung, der Campingplatz würde es wenigstens teilweise ausgleichen (obwohl sie wussten, dass Campingfans bei Weitem nicht das Geld besaßen, das die Hotelgäste in die örtliche Wirtschaft gepumpt hatten), hatte sich nicht erfüllt. Deshalb war man allgemein der Ansicht, der Campingplatz sei das Abschreibungsprojekt irgendeiner in Geld schwimmenden Firma, von vornherein dazu gedacht, Verlust zu machen.

Ein Projekt war der Campingplatz durchaus, aber die Firma, die ihn betrieb, war der Wahre Knoten, und wenn dessen Mitglieder vor Ort waren, standen nur ihre eigenen Wohnmobile auf dem großen Platz, mittendrin als größter von allen der EarthCruiser von Rose the Hat.

An diesem Septemberabend hatten sich neun Mitglieder des Knotens in dem hübsch rustikalen, mit einer hohen Decke ausgestatteten Gebäude versammelt, das den Namen Overlook Lodge trug. Wenn der Campingplatz für andere Leute geöffnet war, diente die Lodge als Restaurant, in dem täglich zwei Mahlzeiten serviert wurden, Frühstück und Abendessen. Zubereitet wurde das Essen von Short Eddie und Big Mo (Tölpelnamen Ed und Maureen Higgins). Beide erreichten zwar nicht den kulinarischen Standard von Dick Hallorann – das schafften nur wenige! –, aber es war schwer, das, was Campingleute gern futterten, völlig zu verbocken: Hackbraten, Makkaroniauflauf, Hackbraten, mit billigem Sirup getränkte Pfannkuchen, Hackbraten, Hühnerfrikassee, Hackbraten, Thunfischauflauf und Hackbraten mit Pilzsoße. Nach dem Abendessen wurden die Tische abgeräumt, zum Bingo oder für Kartenturniere. Am Wochenende wurde das Tanzbein geschwungen. Diese Festlichkeiten fanden allerdings nur statt, wenn der Campingplatz geöffnet war. An diesem Abend – während Dan Torrance drei Zeitzonen weiter östlich neben einer Toten saß und auf den ihm angekündigten Besuch wartete – wurden in der Overlook Lodge andere Geschäfte getätigt.

Jimmy Numbers saß am Kopfende des einzigen Tisches, den man in der Mitte des polierten Bodens aus Vogelaugenahorn aufgestellt hatte. Sein Mac war aufgeklappt und zeigte als Bildschirmhintergrund ein Foto seiner Heimatstadt, die tief in den Karpaten lag. (Jimmy behauptete gern scherzhaft, sein Großvater habe einmal einen jungen Londoner Anwalt namens Jonathan Harker beherbergt.)

Um ihn und seinen Bildschirm herum scharten sich Rose, Crow Daddy, Barry the Chink, Snakebite Andi, Token Charlie, Apron Annie, Diesel-Doug und Grampa Flick. Eigentlich wollte keiner neben Grampa stehen, weil der so roch, als hätte er in seiner Hose eine kleinere Katastrophe gehabt und dann vergessen, sie abzuduschen (was inzwischen immer häufiger vorkam), aber diese Angelegenheit war wichtig, weshalb sie den Gestank hinnahmen.

Jimmy Numbers war ein unaufdringlicher Typ mit schütterem Haar und einem sympathischen, wenn auch leicht affenartigen Gesicht. Dem Anschein nach war er etwa fünfzig, was ein Drittel seines tatsächlichen Alters war. »Ich hab »Lickety Spliff« gegoogelt, aber, wie zu erwarten war, nichts Sinnvolles gefunden. Falls es euch interessiert, Spliff ist ein Slang-Ausdruck für einen dünnen Joint, der ohne Tabak gedreht …«

»Das interessiert uns nicht«, sagte Diesel-Doug. »Übrigens, du riechst irgendwie streng, Gramps. Nichts für ungut, aber wann hast du dir eigentlich das letzte Mal den Arsch abgewischt?«

Grampa Flick wandte sich ihm zu und bleckte die Zähne – zerfressen und gelb, aber alles eigene. »Hat deine Frau erst heute Morgen erledigt, Deez. Mit ihrem Gesicht. Irgendwie eklig, aber auf so was steht sie anscheinend ziem…«

»Haltet die Klappe, ihr zwei«, sagte Rose. Ihre Stimme war tonlos und klang nicht bedrohlich, aber Doug und Grampa wichen wie zwei zurechtgewiesene Schuljungen zurück. »Weiter, Jimmy. Aber bleib beim Thema. Ich brauche einen konkreten Plan, und zwar bald.«

»Die anderen werden nicht besonders begeistert sein, egal wie konkret der Plan ist«, sagte Crow. »Sie werden sagen, es war ein gutes Jahr, was Steam angeht. Die Sache in dem Kino, der Kirchenbrand in Little Rock und der Terroranschlag in Austin. Ganz zu schweigen von Juárez. Ich war zwar skeptisch, was die Fahrt nach Mexiko anging, aber es war gut.«

Mehr als gut eigentlich. Ciudad Juárez war als Mordhauptstadt der Welt bekannt geworden, ein Titel, den es sich mit über zweitausendfünfhundert tödlichen Gewaltverbrechen jährlich verdient hatte. In vielen Fällen handelte es sich um Foltermorde. Die dort herrschende Atmosphäre war ausgesprochen sättigend gewesen. Es war zwar kein reiner Steam, und man fühlte sich ein wenig flau im Magen, aber man wurde satt davon.

»Durch die verfluchten Bohnen, die wir da unten gefuttert haben, hatte ich ständig Dünnschiss«, sagte Token Charlie. »Aber ich muss zugeben, dass die Ernte ausgezeichnet war.«

»Es war tatsächlich ein gutes Jahr«, stimmte Rose zu. »Aber wir können nicht dauernd nach Mexiko – dazu sind wir zu auffällig. Da unten sind wir reiche Americanos, hier fügen wir uns in die Umgebung ein. Und habt ihr es nicht satt, immer von Jahr zu Jahr zu leben? Immer unterwegs und immer damit beschäftigt, die Flaschen zu zählen? Diese Sache ist anders. Das ist das große Los.«

Niemand erwiderte etwas. Sie war ihre Anführerin, und letztlich würden sie tun, was sie sagte, aber sie begriffen nicht, was an dem Mädchen so besonders war. Das machte nichts. Wenn sie der Kleinen selbst begegneten, würden sie schon kapieren. Und wenn die Kleine dann im Käfig saß und praktisch auf Bestellung Steam produzierte, würden sie Rose anbieten, vor ihr auf die Knie zu sinken und ihr die Füße zu küssen. Womöglich nahm sie das Angebot sogar an.

»Los, Jimmy, aber komm auf den Punkt.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass das, was du mitbekommen hast, eine Verballhornung von Lickety-Split war. Das ist eine Kette aus kleinen Supermärkten in Neuengland. Alles in allem sind es von Providence bis Presque Isle dreiundsiebzig. Das hätte selbst ein Grundschüler mit iPad in zwei Minuten rausgebracht. Ich hab die Standorte ausgedruckt und Whirl 360 aufgerufen, um Bilder davon anzuschauen. Sechs davon haben Berge im Hintergrund. Zwei in Vermont, zwei in New Hampshire und zwei in Maine.«

Seine Laptoptasche lag unter seinem Stuhl. Er griff danach, fummelte im Deckelfach, zog eine Sammelmappe hervor und reichte sie Rose. »Diese Bilder zeigen keine Märkte, sondern den jeweiligen Bergblick, den man in den entsprechenden Wohnvierteln hat. Verdanke ich ebenfalls Whirl 360, das wesentlich besser ist als Google Earth, Gott schütze sein neugieriges kleines Herz. Schau sie dir an, vielleicht erinnerst du dich an was. Falls nicht, überleg mal, ob du irgendwas eindeutig ausschließen kannst.«

Rose öffnete die Mappe und ging die Aufnahmen langsam durch. Die beiden, auf denen die Green Mountains von Vermont abgebildet waren, legte sie sofort beiseite. Einer der beiden Orte in Maine konnte es auch nicht sein, denn auf dem Bild war nur ein einzelner Berg, und sie hatte eine ganze Kette gesehen. Die drei anderen Fotos betrachtete sie länger. Schließlich gab sie sie Jimmy Numbers zurück.

»Eines von diesen.«

Er drehte die Fotos um. »Fryeburg, Maine … Madison, New Hampshire … Anniston, New Hampshire. Hast du ein Gefühl dazu, welcher von den drei Orten es am ehesten ist?«

Rose ging sie noch einmal durch, dann hielt sie die Fotos der White Mountains hoch, wie man sie von Fryeburg und Anniston aus sah. »Ich glaube, es ist einer von diesen beiden, aber das muss ich erst überprüfen.«

»Wie willst du das denn tun?«, erkundigte sich Crow.

»Ich werde die Kleine besuchen.«

»Wenn das, was du sagst, stimmt, dann könnte das gefährlich sein.«

»Ich warte, bis sie schläft. In dem Alter schläft man tief. Sie wird gar nicht merken, dass ich da war.«

»Bist du dir sicher, dass du das tun musst? Diese drei Orte liegen ziemlich nah beieinander. Wir könnten sie alle leicht auschecken.«

»Klar!«, rief Rose. »Wir gondeln einfach durch die Weltgeschichte und sagen: ›Wir suchen nach einem Mädchen aus der Gegend, können ihren Aufenthaltsort aber nicht so feststellen, wie wir das normalerweise tun, also brauchen wir etwas Hilfe. Ist euch vielleicht irgendein junger Teenager aufgefallen, der Dinge vorausahnen und Gedanken lesen kann?‹«

Crow Daddy stieß einen Seufzer aus, steckte seine großen Hände tief in die Hosentaschen und sah sie an.

»Tut mir leid«, sagte Rose. »Ich bin irgendwie nervös, okay? Ich will einfach tun, was ich gesagt habe. Und ihr braucht euch keine Sorgen um mich zu machen. Ich kann gut auf mich selber aufpassen.«

3

Dan saß da und betrachtete die verstorbene Eleanor Ouellette. Die geöffneten Augen, die nun allmählich glasig wurden. Die winzigen, nach oben gedrehten Hände. Vor allem jedoch den offenen Mund. In dem lag die ganze zeitlose Stille des Todes.

»Wer bist du?« Er dachte: Als wüsste ich das nicht. Hatte er sich nicht nach Antworten gesehnt?

»Du hast dich ganz schön gemacht.« Die Lippen bewegten sich nicht, und in den Worten schien keinerlei Emotion zu liegen. Vielleicht hatte der Tod seinen alten Freund seiner menschlichen Gefühle beraubt, was jammerschade gewesen wäre. Vielleicht war es aber auch jemand andres, der sich als Dick ausgab. Etwas anderes.

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