»Wenn du Dick bist, beweis es mir. Sag mir etwas, was nur er und ich wissen können.«
Stille. Aber es war weiterhin jemand da. Das spürte er. Dann:
»Du hast mich gefragt, wieso Mrs. Brant dem Mann vom Parkplatz an die Hose wollte.«
Zuerst hatte Dan keine Ahnung, wovon die Stimme sprach. Dann begriff er. Die Erinnerung daran war auf einem der hohen Regale verstaut, auf denen er alle schlechten Erinnerungen an das Overlook verwahrte. Und seine Schließfächer natürlich. Mrs. Brant war an dem Tag abgereist, an dem Danny mit seinen Eltern angekommen war, und als der Parkplatzwächter ihren Wagen vorgefahren hatte, hatte er einen beiläufigen Gedanken von ihr aufgefangen: Ich möcht’ ihm gern an die Hose.
»Du warst noch ein kleiner Junge mit einem riesigen Radio im Kopf. Du hast mir leidgetan. Außerdem hatte ich Angst um dich. Und dafür gab es gute Gründe, stimmt’s?«
In diesen Sätzen lag ein schwaches Echo der Freundlichkeit und des Humors, die sein alter Freund besessen hatte. Ja, es war Dick. Sprachlos starrte Dan auf die tote Frau. Die Lampen im Zimmer gingen flackernd an und wieder aus. Der Wasserkrug klapperte noch einmal kurz.
»Ich kann nicht lange bleiben, Junge. Es tut weh, hier zu sein.«
»Dick, da ist ein Mädchen …«
»Abra.« Es war fast ein Seufzer. »Sie mag dich. Alles kehrt wieder.«
»Sie meint, womöglich ist eine Frau hinter ihr her. Die trägt einen Hut, einen altmodischen Zylinder. Manchmal hat sie nur einen einzigen, langen Zahn, und zwar oben. Wenn sie hungrig ist. So hat es Abra mir jedenfalls erzählt.«
»Stell deine Frage, Junge. Ich kann nicht bleiben. Die Welt ist für mich jetzt der Traum von einem Traum.«
»Da sind noch andere. Die Freunde der Frau mit dem Zylinder. Abra hat sie gesehen, als sie Taschenlampen in der Hand hatten. Wer sind sie?«
Wieder Stille. Aber Dick war immer noch da. Verwandelt, aber da. Dan spürte ihn in seinen Nervenenden und als eine Art Elektrizität, die über die feuchte Oberfläche seiner Augen glitt.
»Es sind die leeren Teufel. Sie sind krank und wissen es nicht.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Nein. Und das ist gut so. Wenn du ihnen je begegnet wärst – wenn sie auch nur einen Hauch von dir geschnuppert hätten –, dann wärst du schon lange tot. Sie hätten dich benutzt und weggeworfen wie einen leeren Pappkarton. Das ist mit dem Baseballjungen geschehen, wie Abra ihn nennt. Und mit vielen anderen. Kinder mit Shining dienen ihnen als Beute, aber das hast du schon vermutet, nicht wahr? Die leeren Teufel sind für das Land wie ein Krebsgeschwür auf der Haut. Einst ritten sie auf Kamelen durch die Wüste, einst trieben sie Karawanen durch Osteuropa. Sie essen Schreie und trinken Schmerz. Du hast im Overlook Entsetzliches erlebt, Danny, aber wenigstens bist du von diesen Leuten verschont geblieben. Da diese seltsame Frau nun das Mädchen im Blick hat, werden sie nicht ruhen, bis sie sie haben. Vielleicht töten sie sie. Vielleicht wandeln sie sie um. Oder sie behalten und benutzen sie, bis alles von ihr aufgebraucht ist, und das wäre das Allerschlimmste.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Sie werden Abra aushöhlen. Sie so leer machen, wie sie es selbst sind.« Dem toten Mund entwich ein herbstlicher Seufzer.
»Dick, was zum Teufel soll ich nur tun?«
»Besorg dem Mädchen, worum es gebeten hat.«
»Wo sind sie, diese leeren Teufel?«
»In deiner Kindheit, woher jeder Teufel kommt. Es ist mir nicht erlaubt, mehr zu sagen.«
»Wie halte ich sie auf?«
»Nur indem du sie tötest. Sie ihr eigenes Gift essen lässt. Wenn du das tust, verschwinden sie.«
»Die Frau mit dem Hut, diese seltsame Frau, wie ist ihr Name? Weißt du das?«
Im Flur hörte Dan das Platschen eines Wischmopps, und Poul Larson begann zu pfeifen. Die Atmosphäre im Zimmer veränderte sich. Etwas, was fein ausbalanciert gewesen war, geriet nun aus dem Lot.
»Wende dich an deine Freunde. An die, die wissen, was du bist. Ich hab den Eindruck, dass du dich ganz gut gemacht hast, Junge, aber du hast noch eine Schuld offen.« Eine Pause entstand, und dann sprach die Stimme, die jene von Dick Hallorann war und doch wieder nicht, ein letztes Mal, im Ton eines nüchternen Befehls: »Begleiche sie.«
Aus Eleanors Augen, ihrer Nase und ihrem offenen Mund stieg roter Dunst auf. Er schwebte etwa fünf Sekunden über ihr, bevor er verschwand. Die Lampen brannten, ohne zu flackern, das Wasser im Krug bewegte sich nicht. Dick war fort. Nun saß Dan nur noch neben einer Leiche.
Leere Teufel.
Falls er jemals einen schrecklicheren Ausdruck gehört hatte, so erinnerte er sich nicht daran. Aber er schien ihm zutreffend zu sein … wenn man das Overlook so gesehen hatte, wie es wirklich war. Ein Ort voller Teufel, aber wenigstens waren es tote Teufel gewesen. Auf die Frau mit dem Zylinder und ihre Freunde traf das wohl nicht zu.
Du hast noch eine Schuld offen. Begleiche sie.
Ja. Er hatte den kleinen Jungen mit der herunterhängenden Windel und dem Braves-T-Shirt im Stich gelassen. Dem Mädchen namens Abra würde er das nicht antun.
4
Dan wartete im Stationszimmer auf den Mann von Geordie & Sons, und als vor der Hintertür des Gebäudes die mit einem Tuch bedeckte Bahre des Bestattungsunternehmens auftauchte, zog er sich in sein Zimmer zurück. Dort saß er und blickte auf die Cranmore Avenue hinab, die nun vollständig verlassen war. Der Nachtwind wehte, zupfte die früh verfärbten Blätter von den Eichen und ließ sie wirbelnd die Straße entlangtanzen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Stadtparks lag Teenytown ebenso verlassen im Schein orangefarbenen Flutlichts da.
Wende dich an deine Freunde. An die, die wissen, was du bist.
Billy Freeman wusste Bescheid, praktisch schon von Anfang an, weil er etwas von dem hatte, was Dan besaß. Und auch er hatte eine Schuld abzutragen, denn Dan hatte ihm mit seinem größeren und stärkeren Shining das Leben gerettet.
Nicht dass ich ihm das unter die Nase reiben würde.
Das musste er sicherlich auch nicht tun.
Dann war da noch John Dalton, der seine Armbanduhr verloren hatte und zufällig Abras Kinderarzt war. Was hatte Dick durch Eleanor Uh-la-las toten Mund gesagt? Alles kehrt wieder.
Und was das betraf, worum Abra gebeten hatte, das war sogar noch leichter. Es allerdings zu bekommen … das war womöglich nicht ganz unkompliziert.
5
Als Abra am Sonntagmorgen aufstand, fand sie eine E-Mail von dtor36@nhmlx.com vor.
Abra, mithilfe der Gabe, die uns beiden gegeben ist, habe ich mit einem Freund gesprochen, und ich bin inzwischen davon überzeugt, dass du in Gefahr schwebst. Ich will mit einem anderen Freund, den wir beide kennen, über deine Lage reden: John Dalton. Das werde ich allerdings nicht ohne deine Erlaubnis tun. Ich glaube, John und ich können den Gegenstand bergen, den du auf meine Tafel gezeichnet hast.
Hast du deinen Bewegungsmelder eingeschaltet? Unter Umständen suchen gewisse Leute nach dir, und es ist sehr wichtig, dass sie dich nicht finden. Du musst vorsichtig sein. Alles Gute und PASS AUF DICH AUF. Lösch diese E-Mail.
Onkel D.
Was sie überzeugte, war eher die Tatsache, dass er eine Mail geschickt hatte, als deren Inhalt, weil er, wie sie wusste, nicht gern auf diese Weise kommunizierte. Er befürchtete, ihre Eltern könnten in ihrem elektronischen Briefkasten herumschnüffeln und denken, sie würde mit irgendeinem pädophilen Bösewicht korrespondieren.
Wenn die nur wüssten, wegen welchen Bösewichten ihre Tochter sich tatsächlich Sorgen machen musste.
Sie hatte Angst, war jedoch auch – da nun helllichter Tag war und keine schöne Irre mit Zylinder sie durchs Fenster hindurch anstarrte – auf prickelnde Weise aufgeregt. Es war wie in einem jener fantastischen Romane, in denen es um Liebe und Horror ging und die Mrs. Robinson von der Schulbücherei verächtlich als »Teenager-Pornos« bezeichnete. Die Mädchen in diesen Büchern trieben sich mit Werwölfen, Vampiren, ja sogar Zombies herum, ohne jedoch selbst dazu zu werden. Meistens jedenfalls.
Aufregend war auch, dass ein erwachsener Mann sich für sie einsetzte, und es schadete nicht, dass der gut aussah, auf eine leicht ungepflegte Weise, die sie irgendwie an Jax aus Sons of Anarchy erinnerte, eine Fernsehserie, die sie und Em sich heimlich auf Ems Computer anschauten.
Sie verschob Onkel Dans E-Mail nicht einfach in den Papierkorb, sondern löschte sie vollständig, was ihre Freundin Emma als Radioaktive-Jungs-Ordner bezeichnete. (Als wenn du irgendwelche Jungs hättest, Em, dachte Abra spöttisch.) Dann fuhr sie den Computer herunter und klappte den Deckel zu. Sie schickte keine E-Mail zurück. Das war nicht nötig. Sie musste nur die Augen schließen.
Zipp, zapp.
Nachdem die Nachricht versandt war, stellte Abra sich unter die Dusche.
6
Als Dan mit seinem Morgenkaffee zurückkam, stand eine neue Nachricht auf der Tafel.
Du kannst es Dr. John sagen, aber NICHT MEINEN ELTERN.
Nein. Ihren Eltern nicht. Zumindest fürs Erste nicht. Aber die würden zweifellos herausbekommen, dass irgendetwas im Gange war, und zwar wahrscheinlich eher früher als später. Diese Brücke würde er später überschreiten (oder abbrechen), wenn es so weit war. Momentan hatte er eine Menge anderer Dinge zu erledigen, angefangen mit einem Anruf.
Ein Kind hob ab, und als er nach Rebecca fragte, fiel das Telefon mit einem Plumps zu Boden, und er hörte ein sich entfernendes Rufen: »Gramma! Es ist für dich!« Einige Sekunden später war Rebecca Clausen am Apparat.