Doctor Sleep - Страница 58


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»Ist Chetta ansprechbar? Hast du mit ihr darüber …«

»Sie ist vor ungefähr zwei Stunden aufgewacht, war aber ziemlich verwirrt. Hat Vergangenheit und Gegenwart zu einer Art Salat vermischt.«

Während ich tief und fest geschlafen habe, dachte David schuldbewusst. Zweifellos habe ich von meinem Buch geträumt.

»Wenn sie wieder bei klarem Verstand ist – ich nehme an, dass das irgendwann der Fall sein wird –, dann werde ich ihr so behutsam, wie es geht, erklären, dass es nicht ihre Entscheidung ist. Es ist Zeit für die Pflege im Hospiz.«

»In Ordnung.« Wenn Lucy etwas beschlossen hatte – wirklich beschlossen –, dann war es am besten, sich nicht einzumischen und ihr ihren Willen zu lassen.

»Dad? Ist was mit Mama passiert? Oder mit Momo?«

Abra wusste durchaus, dass ihrer Mutter nichts zugestoßen war, ihrer Urgroßmutter hingegen schon. Das meiste, was ihre Mutter ihrem Vater erzählt hatte, war ihr bereits in den Kopf gekommen, als sie noch unter der Dusche gestanden hatte, Shampoo und Tränen auf den Wangen. Aber es gelang ihr inzwischen ziemlich gut, ein fröhliches Gesicht aufzusetzen, bis jemand ihr laut sagte, dass es an der Zeit sei, traurig dreinzublicken. Sie fragte sich, ob ihr neuer Freund Dan das als Kind ebenfalls gelernt hatte. Bestimmt hatte er das.

»Schatz, ich glaube, Abra will mit dir sprechen.«

Lucy seufzte und sagte: »Gib sie mir.«

Also streckte David seiner Tochter das Telefon hin.

2

Am selben Sonntag hängte Rose the Hat um zwei Uhr nachmittags ein Schild mit der Aufschrift NICHT STÖREN FALLS NICHT UNBEDINGT NÖTIG an die Tür ihres riesenhaften Wohnmobils. Die kommenden Stunden mussten sorgfältig geplant werden. Sie würde heute nichts mehr essen und ausschließlich Wasser trinken. Statt am Vormittag ihren Kaffee zu trinken, hatte sie ein Brechmittel eingenommen. Wenn es so weit war, sich in den Kopf des Mädchens einzuschleichen, würde sie so rein und klar wie ein leeres Glas sein.

Wenn keinerlei Körperfunktionen sie ablenkten, würde Rose in der Lage sein, alles herauszubekommen, was sie brauchte: den Namen des Mädchens, dessen exakten Aufenthaltsort, wie viel es wusste und – das war am wichtigsten – mit wem es womöglich darüber gesprochen hatte. Rose würde ruhig von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends auf ihrem Doppelbett im EarthCruiser liegen, an die Decke blicken und meditieren. Sobald ihr Geist so klar wie ihr Körper war, würde sie Steam aus einer der Flaschen nehmen, die sie unter dem Tisch bereitgestellt hatte – ein Hauch davon genügte sicher –, und die Welt wieder in Drehung versetzen, bis sie in dem Mädchen und das Mädchen in ihr war. Um ein Uhr morgens Ortszeit in New Hampshire schlief ihre Beute bestimmt tief und fest, sodass Rose sich nach Belieben durch den Inhalt ihrer Gedanken wühlen konnte. Vielleicht war es sogar möglich, der Kleinen eine Suggestion einzupflanzen: Es werden ein paar Männer kommen. Sie werden dir helfen. Geh mit ihnen mit.

Doch wie der altehrwürdige Landwirt und Dichter Bobbie Burns zweihundert Jahre zuvor festgestellt hatte, schlugen die wohldurchdachten Pläne von Mäusen und Menschen oft fehl, und Rose hatte kaum begonnen, die ersten Verse ihres Entspannungsmantras zu rezitieren, als jemand an die Tür hämmerte.

»Mach, dass du wegkommst!«, brüllte sie. »Kannst du das Schild nicht lesen?«

»Rose, ich hab Nut dabei«, rief Crow. »Ich glaube, er hat, was du wolltest, aber er braucht deine Erlaubnis, und das Timing ist bei dieser Sache extrem heikel.«

Rose blieb einen Moment liegen, dann stieß sie wütend die Luft aus und stand auf. Sie schnappte sich ein Sidewinder-T-Shirt (KÜSS MICH AUF DEM DACH DER WELT) und zog es sich über den Kopf. Es fiel ihr bis auf die Oberschenkel hinab. Sie öffnete die Tür. »Wehe euch, wenn es nicht wichtig ist!«

»Wir können später wiederkommen«, sagte Walnut. Er war ein kleiner Mann mit Glatze und struppigen, grauen Haarbüscheln oberhalb der Ohren. In der Hand hielt er ein Blatt Papier.

»Ist schon okay, aber mach schnell.«

Sie setzten sich im Wohn-und-Kochbereich an den Tisch. Rose riss Walnut das Blatt aus der Hand und warf einen flüchtigen Blick darauf. Sie sah eine Art komplexes chemisches Diagramm mit Sechsecken, das ihr absolut nichts sagte. »Was ist das?«

»Ein starkes Beruhigungsmittel«, sagte Nut. »Es ist neu, und es ist ungefährlich. Jimmy hat die chemische Struktur von einem unserer Kontaktleute bei der NSA bekommen. Damit können wir die Kleine ohne die Gefahr einer Überdosis schlafen legen.«

»Stimmt, das hört sich genau nach dem an, was wir brauchen.« Rose wusste, dass sie mürrisch klang. »Aber hätte das nicht bis morgen warten können?«

»Tut mir leid, tut mir leid«, sagte Nut kleinlaut.

»Mir tut es gar nicht leid«, sagte Crow. »Wenn du schnell handeln und die Kleine schnappen willst, muss ich mich nicht nur darum kümmern, dass wir was von diesem Zeug kriegen, ich muss auch dafür sorgen, dass es an eines unserer Postfächer geschickt wird.«

Der Wahre Knoten besaß Hunderte solcher Fächer im ganzen Land, meist bei Mail Boxes Etc. und verschiedenen UPS-Niederlassungen. Sie zu benutzen bedeutete eine tagelange Vorplanung, weil die Wahren immer in ihren Wohnmobilen reisten. Sie hätten sich genauso ungern öffentlichen Verkehrsmitteln anvertraut wie sich die eigene Kehle aufgeschlitzt. Privatflüge waren möglich, aber unangenehm; die Wahren litten an extremer Höhenkrankheit. Nach Walnuts Meinung hatte das etwas mit ihrem Nervensystem zu tun, das sich grundlegend von dem der Tölpel unterschied. Rose wiederum machte sich Sorgen wegen einem vom Steuerzahler subventionierten Nervensystem. Seit Nine-Eleven ließ das Heimatschutzministerium nämlich selbst Privatflüge genau beobachten, und die wichtigste Überlebensstrategie des Wahren Knotens bestand darin, niemals Aufmerksamkeit zu erregen.

Dank dem alle Staaten umspannenden Fernstraßennetz hatten die Wohnmobile immer ihren Zweck erfüllt und würden das auch diesmal tun. Ein kleiner Stoßtrupp, bei dem die Fahrer sich alle sechs Stunden am Lenkrad abwechselten, konnte in weniger als dreißig Stunden von Sidewinder nach Neuengland gelangen.

»Na gut«, sagte sie besänftigt. »Wo haben wir was an der I-90 in Upstate New York oder Massachusetts?«

Crow druckste nicht herum und gab auch nicht vor, sich erst informieren zu müssen. »Bei EZ Mail Services in Sturbridge, Massachusetts.«

Sie schnippte mit den Fingern an die Kante des Blatts mit der unverständlichen chemischen Formel, das Nut in der Hand hielt. »Lass dieses Zeug dorthin schicken. Über mindestens drei Stationen, damit wir völlig aus dem Schneider sind, falls etwas schiefläuft. Schick es ordentlich in der Gegend rum.«

»Haben wir denn so viel Zeit?«, fragte Crow.

»Ich wüsste nicht, wieso wir keine Zeit haben sollten«, sagte Rose – eine Bemerkung, die sich noch rächen sollte. »Schick es nach Süden, dann in den Mittleren Westen, dann nach Neuengland. Hauptsache, es ist bis Donnerstag in Sturbridge. Als gewöhnliche Eilsendung, nicht per FedEx oder UPS.«

»Kann ich machen«, sagte Crow. Keinerlei Zögern.

Rose sah den Arzt des Wahren Knotens an. »Hoffentlich hast du recht, Walnut. Wenn du der Kleinen doch eine Überdosis verpasst, statt sie bloß einzuschläfern, sorge ich dafür, dass du der erste Wahre seit Little Big Horn bist, der ins Exil geschickt wird.«

Walnut erbleichte ein wenig. Gut. Sie hatte zwar nicht die Absicht, irgendjemand zu verbannen, aber sie ärgerte sich immer noch darüber, dass man sie gestört hatte.

»Wir schaffen die Droge nach Sturbridge, und Nut wird wissen, wie man sie anwendet«, sagte Crow. »Kein Problem.«

»Gibt es eigentlich nichts Einfacheres? Etwas, was wir hier in der Gegend besorgen können?«

»Nicht, wenn wir uns sicher sein wollen, dass die Kleine uns nicht abkratzt. Dieses Zeug ist ungefährlich, und es wirkt schnell. Wenn das Mädchen so stark ist, wie du offenbar meinst, denn ist es unerlässlich, schnell zu …«

»Okay, okay, ich hab’s kapiert. Sind wir jetzt fertig?«

»Da wäre noch etwas«, sagte Walnut. »Es könnte wohl warten, aber …«

Rose blickte aus dem Fenster und da, du lieber Himmel, kam Jimmy Numbers mit seinem eigenen Blatt Papier über den Parkplatz neben der Overlook Lodge gedackelt. Wieso hatte sie eigentlich ein Schild mit NICHT STÖREN an ihren Türknauf gehängt? Wieso keines mit der Aufschrift NUR HEREINSPAZIERT!?

Rose sammelte ihre ganze üble Laune zusammen, steckte sie in einen Sack, den sie hinten in ihrem Kopf verwahrte, und lächelte tapfer. »Worum geht’s denn?«

»Grampa Flick«, sagte Crow. »Er kann seine Scheiße nicht mehr bei sich behalten.«

»Das kann er doch schon seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr«, sagte Rose. »Er weigert sich, Windeln zu tragen, und ich kann ihn nicht dazu zwingen. Das kann niemand.«

»Es ist schlimmer geworden«, sagte Nut. »Er kommt kaum noch aus dem Bett. Baba und Black-Eyed Susie kümmern sich um ihn, so gut sie können, aber sein Mobil stinkt wie der Zorn Gottes …«

»Der erholt sich schon wieder. Wir füttern ihm ein bisschen Steam.« Aber der Ausdruck auf Nuts Gesicht gefiel ihr gar nicht. Tommy the Truck war vor zwei Jahren gegangen, und so, wie die Wahren die Zeit maßen, kam es ihr wie zwei Wochen vor. Und nun Grampa Flick?

»Er baut geistig extrem ab«, sagte Crow unverblümt. »Und …« Er sah Walnut an.

»Heute Morgen hat Petty ihn versorgt, und die meint, sie hat ihn kreisen sehen.«

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