Doctor Sleep - Страница 59


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»Das meint sie also«, sagte Rose. Sie wollte es nicht glauben. »Hat es sonst noch jemand gesehen? Baba? Sue?«

»Nein.«

Sie zuckte die Achseln, als wollte sie sagen: Na also. Bevor sie weiter darüber sprechen konnten, klopfte Jimmy an die Tür, und diesmal war sie froh über die Unterbrechung.

»Komm rein!«

Jimmy steckte den Kopf durch die Tür. »Kann ich wirklich reinkommen?«

»Klar! Wieso bringst du nicht gleich die Rockettes und die Blaskapelle der UCLA mit? Schließlich wollte ich mich bloß in Meditation versenken, nachdem ich ein paar angenehme Stunden damit verbracht habe, mir die Seele aus dem Leib zu kotzen!«

Crow warf ihr einen leicht tadelnden Blick zu, den sie vielleicht sogar verdiente. Wahrscheinlich verdiente sie ihn, denn diese Leute verrichteten nur ihre Arbeit für die Wahren, und zwar nach ihren Anordnungen – aber falls Crow jemals das Steuer übernehmen sollte, würde er sie verstehen. Nie hatte man auch nur einen einzigen Augenblick für sich selbst, falls man diese Typen nicht mit der Todesstrafe bedrohte. Und in vielen Fällen selbst dann nicht.

»Ich hab was, das du vielleicht sehen willst«, sagte Jimmy. »Und da Crow und Nut schon hier waren, hab ich mir gedacht …«

»Ich weiß, was du dir gedacht hast. Worum geht’s?«

»Ich hab im Internet nach Zeitungsartikeln über die beiden Städte gesucht, die du im Blick hattest – Fryeburg und Anniston. Das hab ich im Union Leader von Manchester gefunden. Es stand in der Ausgabe vom letzten Donnerstag. Kann allerdings sein, dass es gar nichts zu bedeuten hat.«

Sie nahm das Blatt. Der Hauptartikel befasste sich mit der Schule irgendeines Kaffs, die wegen öffentlichen Sparmaßnahmen ihr Footballprogramm auf Eis legen musste. Darunter stand ein kürzerer Bericht, den Jimmy eingekreist hatte.

»MINI-ERDBEBEN« IN ANNISTON?

Wie klein kann ein Erdbeben sein? Ziemlich klein, wenn man den Anwohnern vom Richland Court glaubt, einer kurzen Straße in Anniston, die als Sackgasse am Saco River endet. Mehrere Anwohner der Straße berichteten von einem Beben, das am späten Dienstagnachmittag die Fenster zum Klirren brachte, die Fußböden erschütterte und Gläser von den Regalen fallen ließ. Dane Borland, ein am Ende der Straße wohnender Rentner, deutete auf einen Riss, der quer über seine neu asphaltierte Einfahrt lief. »Wenn Sie Beweise sehen wollen, da ist einer«, sagte er.

Wenngleich das Amt für Geologie in Wrentham, MA berichtet, in Neuengland hätten sich am vergangenen Dienstagnachmittag keinerlei Beben ereignet, nutzten Matt und Cassie Renfrew die Gelegenheit, spontan eine »Erdbebenparty« zu veranstalten, an der die meisten Anwohner teilnahmen.

Laut Andrew Sittenfeld vom Amt für Geologie könnte es sich bei der Erschütterung, die am Richland Court wahrgenommen wurde, um einen plötzlichen Anstieg des Wassers in der Kanalisation oder den Überschallknall eines Militärflugzeugs gehandelt haben. Als Mr. Renfrew diese Erklärungsversuche hörte, brach er in fröhliches Lachen aus. »Wir wissen, was wir gespürt haben«, sagte er. »Es war ein Erdbeben. Allerdings völlig ohne Schattenseiten. Der Schaden ist minimal, und es hat uns eine tolle Party beschert.«

(Andrew Gould)

Rose las den Artikel zweimal, dann blickte sie auf. Ihre Augen strahlten. »Gut gemacht, Jimmy!«

Er grinste. »Danke. Dann lasse ich euch mal wieder allein.«

»Nimm Nut mit, er muss nach Grampa sehen. Crow, du bleibst noch einen Augenblick.«

Als die beiden fort waren, zog Crow die Tür zu. »Du meinst also, dieses Erdbeben in New Hampshire wurde von dem Mädchen verursacht?«

»Und ob. Ich bin mir zwar nicht zu hundert Prozent sicher, aber mindestens zu achtzig. Und wenn ich einen Ort habe, auf den ich mich konzentrieren kann – nicht nur eine Stadt, sondern eine Straße –, dann hab ich es heute Nacht, wenn ich nach der Kleinen suche, wesentlich leichter.«

»Wenn du ihr einen Wurm in den Kopf stecken kannst, dass sie mitkommt, Rosie, müssen wir sie vielleicht nicht mal schachmatt setzen.«

Sie lächelte, weil sie wieder daran dachte, dass Crow keine Ahnung hatte, wie besonders dieser Fall war. Später sollte sie denken: Ich hab auch keine Ahnung gehabt. Ich dachte bloß, ich hätte eine. »Hoffnung ist nicht gesetzlich verboten, soweit ich weiß. Aber sobald wir die Kleine haben, brauchen wir was Raffinierteres als ein Betäubungsmittel, selbst wenn es der letzte Schrei ist. Wir brauchen irgendeine Wunderdroge, durch die sie nett und fügsam bleibt, bis sie auf den Trichter kommt, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, freiwillig mit uns zu kooperieren.«

»Wirst du eigentlich mitkommen, wenn wir sie uns schnappen wollen?«

Das hatte Rose eigentlich vorgehabt, doch nun zögerte sie. Sie dachte an Grampa Flick. »Weiß ich noch nicht.«

Er stellte keine weitere Fragen – was sie zu schätzen wusste – und wandte sich zum Gehen. »Ich kümmere mich darum, dass du nicht noch mal gestört wirst.«

»Gut. Und sorg dafür, dass Walnut unseren Grampa gründlich untersucht – das heißt vom Arschloch bis zum Appetit. Wenn er tatsächlich am Kreisen ist, dann will ich es morgen, wenn ich aus meiner Klausur komme, wissen.« Sie griff nach einer der Flaschen, die unter dem Tisch standen. »Und gib ihm, was da noch drin ist.«

Crow war entgeistert. »Alles? Rose, wenn er kreist, ist das völlig sinnlos.«

»Gib es ihm. Wir hatten ein gutes Jahr, wie mehrere von euch mir in letzter Zeit unter die Nase gerieben haben. Da können wir uns eine kleine Extravaganz leisten. Außerdem hat der Wahre Knoten nur einen Grampa. Der erinnert sich noch daran, wie die Leute in Europa Bäume statt Eigentumswohnungen verehrt haben. Wir werden ihn nicht verlieren, wenn wir das verhindern können. Schließlich sind wir keine Wilden.«

»Da sind die Tölpel womöglich anderer Ansicht.«

»Deshalb sind sie Tölpel. Und jetzt raus hier!«

3

Ab Anfang September schloss Teenytown am Sonntag schon um fünfzehn Uhr. An diesem Nachmittag um Viertel vor sechs saßen drei Riesen auf den Bänken neben der Miniaturausführung der Cranmore Avenue, was den Drugstore von Teenytown und das Music Box Theater (wo man während der Touristensaison durchs Fenster spähen konnte, um auf einem winzigen Bildschirm winzige Filmclips zu betrachten) noch kleiner erscheinen ließ. John Dalton war zu dem Treffen mit einer Red-Sox-Mütze gekommen, die er auf dem Kopf der Miniaturstatue von Helen Rivington auf dem Platz vor dem Mini-Amtsgebäude platziert hatte. »Die war bestimmt ein Fan«, sagte er. »Das sind hier in der Gegend eigentlich alle. Für die Yankees hat kaum jemand was übrig, von Exilanten wie mir mal abgesehen. Also, was kann ich für dich tun, Dan? Ich verpasse gerade das Abendessen mit meiner Familie. Meine Frau ist zwar durchaus verständnisvoll, aber ich darf ihre Geduld nicht überstrapazieren.«

»Was würde sie wohl sagen, wenn du mit mir ein paar Tage in Iowa verbringst?«, sagte Dan. »Natürlich auf meine Kosten, das ist klar. Ich muss einen AA-Besuch bei einem Onkel machen, der dabei ist, sich mit Schnaps und Kokain ins Jenseits zu befördern. Meine Familie fleht mich an einzugreifen, aber allein kann ich das bekanntlich nicht machen.«

Bei den Anonymen Alkoholikern gab es zwar keine Regeln, aber dafür viele Traditionen (die im Grunde Regeln waren). Einer der eisernsten Grundsätze lautete, dass man einen solchen Besuch bei einem aktiven Alkoholiker nie ohne Begleitung absolvierte, falls der Betreffende nicht in einem Krankenhaus, einer Entzugsklinik oder der örtlichen Klapsmühle eingesperrt war. Weil man sonst in Gefahr schwebte, es ihm Glas für Glas gleichzutun. Sucht, sagte Casey Kingsley gern, sei ein Geschenk, das man nur allzu gern weitergebe.

Dan sah Billy Freeman an und grinste. »Na, hast du was dazu zu sagen? Nur zu!«

»Ich glaube nicht, dass du einen Onkel hast. Bin mir nicht mal sicher, ob überhaupt noch irgendwelche Verwandten von dir übrig sind.«

»Ach ja? Du bist dir da nicht sicher?«

»Na ja … jedenfalls sprichst du nie über sie.«

»Massenhaft Leute haben Angehörige, ohne darüber zu sprechen. Aber in Wirklichkeit weißt du, dass ich niemand mehr habe, oder nicht, Billy?«

Billy sagte nichts und blickte nur unbehaglich drein.

»Danny, ich kann nicht nach Iowa«, sagte John. »Ich hab bis ins Wochenende hinein Termine.«

Dan hatte den Blick immer noch auf Billy gerichtet. Nun griff er in seine Tasche, zog etwas heraus und streckte Billy die geschlossene Faust hin. »Was hab ich da wohl drin?«

Billy sah noch unbehaglicher drein als vorher. Er warf einen Blick auf John, sah von diesem jedoch keine Hilfe kommen.

»John weiß, was ich bin«, sagte Dan. »Ich hab ihm einmal geholfen, und er weiß, dass ich auch ein paar anderen im Programm geholfen habe. Du bist hier unter Freunden.«

Darüber dachte Billy offenbar nach, dann sagte er: »Es könnte eine Geldmünze sein, aber ich glaube, es ist eine deiner AA-Medaillen. Die Sorte, die man jedes Mal bekommt, wenn man wieder ein Jahr trocken war.«

»Von welchem Jahr ist die da?«

Billy zögerte, dann betrachtete er Dans geballte Faust.

»Lass mich mal helfen«, sagte John. »Er ist seit Frühjahr 2001 trocken; wenn er also eine Medaille mit sich herumträgt, dann ist sie wahrscheinlich die vom zwölften Jahr.«

»Klingt logisch, aber die ist es nicht.« Billy war jetzt ganz konzentriert. Zwischen den Augenbrauen hatten sich zwei tiefe, senkrechte Furchen gebildet. »Ich würde sagen, da könnte … eine Sieben drauf sein?«

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