Doctor Sleep - Страница 6


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»Okay«, sagte Rose leise und erhob sich. »Jetzt bin ich überzeugt. Probieren wir’s.«

Barry legte ihr die Hand auf den Arm, um sie aufzuhalten. »Nein, wart noch ein bisschen. Schauen wir zu. Jetzt kommt das Beste.«

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Andi beugte sich wieder nah an das eklige Ohr und flüsterte: »Schlaf tiefer. So tief du kannst. Der Schmerz, den du spürst, wird nur ein Traum sein.« Sie öffnete ihre Handtasche und zog ein Messer mit Perlmuttgriff hervor. Es war zwar klein, aber die Schneide war scharf wie eine Rasierklinge. »Was wird der Schmerz sein?«

»Nur ein Traum«, murmelte Mr. Geschäftsmann in seinen Krawattenknoten.

»Genau, Süßer.« Sie legte den Arm um ihn und schlitzte ohne Umstände ein doppeltes V in seine rechte Wange – eine Wange, die so fett war, dass sie sich bald zur Hängebacke entwickeln würde. Sie gönnte sich einen Moment, ihr Werk in dem launischen Licht zu betrachten, das der farbige Traumstrahl des Projektors verbreitete. Dann strömte das Blut herab. Sobald er aufwachte, würde sein Gesicht wie Feuer brennen, der rechte Ärmel seines teuren Anzugs durchnässt sein und er einen Rettungswagen brauchen.

Und wie wirst du das deiner Frau erklären? Du wirst dir schon was ausdenken, klar. Aber falls du nicht zum Schönheitschirurgen gehst, wirst du bei jedem Blick in den Spiegel mein Zeichen sehen. Und jedes Mal wenn du dich in einer Bar nach einer kleinen Fremden umsiehst, wirst du dich daran erinnern, wie du von einer Klapperschlange gebissen wurdest. Von einer Schlange in einem blauen Rock und einer weißen, ärmellosen Bluse.

Sie steckte die zwei Fünfziger und die fünf Zwanziger in ihre Handtasche, klappte diese zu und wollte schon aufstehen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und eine Frau ihr ins Ohr murmelte: »Hallo, meine Liebe. Das Ende des Films kannst du ein andermal sehen. Jetzt kommst du erst mal mit uns mit.«

Andi wollte sich umdrehen, aber jemand packte ihren Kopf fest mit den Händen. Das Schreckliche daran war, dass diese Hände in ihrem Innern waren.

Danach – bis sie auf einem verwahrlosten Campingplatz am Rand dieser Stadt im Mittleren Westen in Rose’ EarthCruiser wieder zu sich kam – war alles Dunkelheit.

6

Als sie erwachte, reichte Rose ihr eine Tasse Tee und redete lange auf sie ein. Andi hörte alles, aber ihre Aufmerksamkeit war von der Frau gefesselt, die sie entführt hatte. Die hatte eine besondere Ausstrahlung, vorsichtig ausgedrückt. Rose the Hat war gut ein Meter achtzig groß, hatte lange Beine in taillierten, weißen Hosen und knackig hohe Brüste in einem T-Shirt mit dem UNICEF-Logo und dem Motto: Whatever It Takes to Save a Child. Ihr Gesicht war das einer ruhigen Königin, heiter und unbeschwert. Ihr nun gelöstes Haar fiel ihr über den halben Rücken. Der ramponierte Zylinder auf dem Kopf störte das Bild, aber sonst war sie die schönste Frau, die Andi Steiner je zu Gesicht bekommen hatte.

»Verstehst du, was ich dir gesagt habe? Ich biete dir eine Gelegenheit, Andi, und die solltest du nicht einfach ignorieren. Es ist zwanzig oder mehr Jahre her, dass wir jemand das angeboten haben, was ich dir jetzt anbiete.«

»Und wenn ich nein sage? Was dann? Bringt ihr mich dann um? Und nehmt euch den …« Wie hatte Rose das genannt? »Diesen Steam?«

Rose lächelte. Ihre Lippen waren voll und korallenrosa. Andi, die sich für asexuell hielt, fragte sich dennoch, wie dieser Lippenstift wohl schmeckte.

»Du hast nicht genug Steam, als dass es sich lohnen würde, meine Liebe, und der, den du hast, wäre nicht besonders lecker. Er würde so schmecken, wie ’ne zähe alte Kuh ’nem Tölpel schmeckt.«

»Einem was?«

»Nicht weiter wichtig, hör einfach zu. Wir werden dich nicht umbringen. Wenn du nein sagst, werden wir einfach alle Erinnerungen an dieses kleine Gespräch auslöschen. Du wirst dich am Straßenrand in der Nähe irgendeiner Stadt wiederfinden – vielleicht Topeka oder Fargo –, ohne Geld, ohne Ausweis und ohne Erinnerung, wie du dorthin gelangt bist. Das Letzte, woran du dich erinnern wirst, ist der Moment, in dem du mit dem Mann, den du ausgeraubt und entstellt hast, in dieses Kino gegangen bist.«

»Er hatte es verdient, entstellt zu werden!«, stieß Andi hervor.

Rose stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte sich, bis sie mit den Fingern das Dach des Wohnmobils berührte. »Das ist deine Sache, Schätzchen, ich bin nicht dein Psychiater.« Sie trug keinen BH; Andi konnte die beweglichen Punkte sehen, die ihre Brustwarzen in das T-Shirt stanzten. »Aber du solltest etwas bedenken: Wir werden dir nicht nur dein Geld und deinen zweifellos gefälschten Ausweis wegnehmen, sondern auch dein Talent. Wenn du das nächste Mal in einem dunklen Kino sitzt und einem Mann sagst, er soll einschlafen, wird er dich ansehen und fragen, was zum Teufel das soll.«

Andi spürte, wie es ihr kalt über den Rücken lief. »Das könnt ihr doch gar nicht«, sagte sie. Aber sie erinnerte sich an die schrecklich starken Hände, die ihr ins Gehirn gegriffen hatten, und war sich ziemlich sicher, dass diese Frau sehr wohl dazu in der Lage war. Vielleicht brauchte sie ein wenig Hilfe von ihren Freunden in den Wohnmobilen, die sich wie Ferkel an den Zitzen einer Sau um ihre Behausung versammelt hatten, aber doch – sie würde es können.

Rose ignorierte die Bemerkung. »Wie alt bist du, Liebes?«

»Achtundzwanzig.« Seit sie die Null hinter der Drei überlebt hatte, schwindelte sie bezüglich ihres Alters.

Rose sah sie lächelnd an, ohne etwas zu sagen. Andi erwiderte den Blick dieser wunderschönen grauen Augen ganze fünf Sekunden lang, dann musste sie nach unten sehen. Doch als sie das tat, fiel ihr Blick auf diese ebenmäßigen Brüste, die trotz fehlendem BH überhaupt nicht durchhingen. Und als sie wieder aufsah, kam ihr Blick nur bis zu den Lippen der Frau. Bis zu diesen korallenrosa Lippen.

»Du bist zweiunddreißig«, sagte Rose. »Ach, das zeigt sich eben ein bisschen – weil du ein hartes Leben geführt hast. Ein Leben auf der Flucht. Aber du bist immer noch hübsch. Bleib bei uns, leb mit uns zusammen, und in zehn Jahren wirst du wirklich achtundzwanzig sein.«

»Das ist unmöglich.«

Rose lächelte. »In hundert Jahren wirst du in den Spiegel sehen und dich wie fünfunddreißig fühlen. Aber nur, bis du dir wieder Steam nimmst. Dann wirst du wieder achtundzwanzig sein, nur wirst du dich zehn Jahre jünger fühlen. Und du wirst dir oft Steam nehmen. Lange zu leben, jung zu bleiben und gut zu essen, das ist es, was ich dir anbiete. Na, wie hört sich das an?«

»Zu schön, um wahr zu sein«, sagte Andi. »Wie diese Anzeigen, die einem sagen, wie man für zehn Dollar eine Lebensversicherung kriegt.«

Damit hatte sie nicht ganz unrecht. Rose hatte zwar nicht gelogen (zumindest vorerst nicht), aber einiges verschwiegen. Zum Beispiel, dass der Steam manchmal knapp war. Und dass nicht jeder die Umwandlung überlebte. Rose war zwar der Ansicht, Andi würde sie überleben, und Walnut, der Quacksalber des Wahren Knotens, hatte ihr vorsichtig zugestimmt, aber eine Garantie gab’s nicht.

»Und du und deine Freunde, ihr nennt euch …?«

»Das sind nicht meine Freunde, das ist meine Familie. Wir sind der Wahre Knoten.« Rose schlang die Finger ineinander und hielt sie Andi vors Gesicht. »Und was gebunden ist, kann nie wieder gelöst werden. Das musst du dir klarmachen.«

Andi, die bereits wusste, dass ein vergewaltigtes Mädchen bis an ihr Lebensende ein vergewaltigtes Mädchen blieb, begriff das vollkommen.

»Habe ich überhaupt irgendeine andere Wahl?«

Rose zuckte die Achseln. »Nicht so richtig, Liebes. Aber es ist besser, wenn du es wirklich willst. Das macht die Umwandlung leichter.«

»Tut sie weh? Diese Umwandlung?«

Rose lächelte und erzählte die erste Lüge. »Überhaupt nicht.«

7

Eine Sommernacht an der Peripherie einer Stadt im Mittleren Westen.

Irgendwo sahen Leute zu, wie Harrison Ford seine Peitsche krachen ließ; irgendwo lächelte der Schauspielerpräsident zweifellos sein wenig vertrauenswürdiges Lächeln; hier auf dem Campingplatz lag Andi Steiner auf einer billigen Gartenliege im Licht der Scheinwerfer von Rose’ EarthCruiser und irgendeinem Winnebago. Rose hatte ihr erklärt, der Wahre Knoten besitze zwar mehrere eigene Campingplätze, dieser gehöre allerdings nicht dazu. Aber der Scout der Gruppe schaffe es, Plätze wie diesen, die am Rande des Bankrotts standen, exklusiv zu mieten. Amerika litt unter einer Rezession, doch für den Knoten war Geld kein Problem.

»Wer ist dieser Scout?«, hatte Andi gefragt.

»Ach, das ist ein sehr einnehmender Kerl«, hatte Rose lächelnd erwidert. »Mit seinem Charme könnte der die Vöglein von den Bäumen herunterlocken. Du wirst ihn bald kennenlernen.«

»Ist er dein Freund?«

Darüber hatte Rose gelacht und Andi anschließend zärtlich über die Wange gestrichen. Die Berührung ihrer Finger hatte in Andis Magen einen kleinen, heißen Wurm der Erregung geweckt. Irre, aber so war es. »Du hast ein Funkeln in den Augen, was? Ich glaube, es wird alles gut laufen.«

Schon möglich, aber während Andi so dalag, war sie nicht mehr erregt, sondern nur noch verängstigt. Storys aus den Nachrichten kamen ihr in den Sinn, Storys über Leichen, die man in Straßengräben, auf Waldlichtungen oder am Grund von ausgetrockneten Brunnen gefunden hatte. Frauen und Mädchen. Fast immer waren es die von Frauen und Mädchen. Angst machte ihr nicht Rose – jedenfalls nicht richtig –, und es waren noch andere Frauen da, aber da waren auch Männer.

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