Doctor Sleep - Страница 7


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Rose kniete sich neben sie. Das grelle Scheinwerferlicht hätte ihr Gesicht eigentlich in eine raue, hässliche Landschaft aus Schwarz und Weiß verwandeln sollen, jedoch das Gegenteil war der Fall: Es machte sie nur noch schöner. Wieder strich sie Andi zärtlich über die Wange. »Keine Angst«, sagte sie. »Keine Angst.«

Sie wandte sich an eine der anderen Frauen, ein bleiches, hübsches und vor allem stilles Wesen, das sie Silent Sarey genannt hatte, und nickte. Sarey erwiderte das Nicken und stieg in Rose’ monströses Wohnmobil. Die anderen bildeten inzwischen einen Kreis rund um die Gartenliege. Das gefiel Andi nicht. Das hatte was von einer Opferung.

»Keine Angst. Bald wirst du eine von uns sein, Andi. Eine, die zu uns gehört.«

Es sei denn, dachte Rose, du kreist aus. In diesem Fall verbrennen wir einfach deine Kleider in dem Müllofen hinter den Toiletten und ziehen morgen weiter. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Allerdings hoffte sie, dass es nicht so kam. Sie mochte Andi, und jemand mit einem Schläfertalent zu haben war eindeutig von Nutzen.

Sarey kam mit einem Behälter aus Stahl zurück, der wie eine dieser Trinkflaschen aus Aluminium aussah. Sie gab ihn Rose, die die rote Kappe abnahm. Zum Vorschein kamen eine Düse und ein Ventil. Das Ding erinnerte Andi irgendwie auch an eine Dose Insektenspray ohne Etikett. Sie dachte daran, aufzuspringen und wegzurennen, doch dann fiel ihr das Kino wieder ein. Die Hände, die ihr in den Kopf gegriffen und sie festgehalten hatten.

»Grampa Flick?«, sagte Rose. »Leitest du uns an?«

»Aber gern.« Das war der Alte aus dem Kino. Inzwischen trug er schlabberige, rosa Bermudashorts, weiße Socken, die an seinen dürren Schienbeinen bis zu den Knien hinaufreichten, und Jesuslatschen. Andi fand, dass er aussah wie der Großvater aus den Waltons nach zwei Jahren im Konzentrationslager. Er hob die Hände, und die anderen taten es ihm nach. So miteinander verbunden, wurden ihre Silhouetten im Licht der sich kreuzenden Scheinwerfer zu einer Kette aus bizarren Papierpuppen.

»Wir sind der Wahre Knoten«, sagte er. Die aus der eingesunkenen Brust kommende Stimme zitterte nicht mehr; sie war die tiefe, tönende Stimme eines wesentlich jüngeren und kräftigeren Mannes.

»Wir sind der Wahre Knoten«, erwiderten die anderen. »Was gebunden ist, darf nie gelöst werden.«

»Hier ist eine Frau«, sagte Grampa Flick. »Will sie sich uns anschließen? Will sie ihr Leben an unser Leben binden und eins mit uns sein?«

»Sag ja«, sagte Rose.

»J-ja«, brachte Andi heraus. Ihr Herz schlug nicht mehr nur, es vibrierte wie ein gespannter Draht.

Rose drehte an dem Ventil ihres Behälters. Man hörte ein leises, klagendes Seufzen, dann entwich eine kleine Wolke aus silbernem Dunst. Statt sich im sanften Abendwind aufzulösen, schwebte sie direkt über dem Behälter, bis Rose sich vorbeugte, ihre faszinierenden Korallenlippen spitzte und behutsam blies. Die Dunstwolke, die ein wenig wie eine Sprechblase ohne Worte aussah, setzte sich in Bewegung, bis sie über Andis nach oben gewandtem Gesicht und deren weit aufgerissenen Augen stehen blieb.

»Wir sind der Wahre Knoten, und wir dauern fort«, verkündete Grampa Flick.

»Sabbatha hanti«, erwiderten die anderen.

Ganz langsam senkte sich der Dunst.

»Wir sind die Auserwählten.«

»Lodsam hanti«, war die Antwort.

»Tief atmen«, sagte Rose und küsste Andi sanft auf die Wange. »Auf der anderen Seite sehen wir uns wieder.«

Vielleicht.

»Wir sind die Glückseligen.«

»Cahanna risone hanti.«

Dann alle gemeinsam: »Wir sind der Wahre Knoten, und wir …«

Aber da verlor Andi den Kontakt. Das silbrige Zeug legte sich auf ihr Gesicht, und es war kalt, sehr kalt. Als sie einatmete, erwachte es zu einer Art dunklem Leben und begann in ihr zu schreien. Ein aus Dunst geschaffenes Kind – ob Junge oder Mädchen, wusste sie nicht – wollte fliehen, aber irgendjemand schlitzte es auf. Das war Rose, während die anderen sie umringten (in Form eines Knotens) und sich ein Dutzend Taschenlampen nach unten richteten, um einen Mord in Zeitlupe zu beleuchten.

Andi versuchte, von der Liege aufzuspringen, besaß aber keinen Körper, mit dem sie hätte springen können. Ihr Körper war verschwunden. An seiner Stelle war nur noch Schmerz in Form eines menschlichen Wesens. Der Schmerz eines sterbenden Kindes und ihr eigener.

Nimm es an. Der Gedanke war wie ein kühles Tuch, das sich auf die brennende Wunde ihres Körpers drückte. Das ist der einzige Weg hindurch.

Ich kann nicht, ich bin mein ganzes Leben lang vor diesem Schmerz davongerannt.

Mag sein, aber jetzt hast du keinen Platz mehr zum Rennen. Nimm es an. Schluck es. Nimm den Steam oder stirb.

8

Die Wahren standen mit erhobenen Händen da und rezitierten die alten Worte: Sabbatha hanti, lodsam hanti, cahanna risone hanti. Sie sahen, wie die Bluse von Andi Steiner da, wo ihre Brüste gewesen waren, flach wurde, während ihr Rock sich wie ein sich schließender Mund abrupt senkte. Sie sahen, wie ihr Gesicht sich in Milchglas verwandelte. Nur die Augen blieben erhalten und schwebten wie winzige Luftballons an hauchdünnen Nervenfäden.

Aber die werden auch verschwinden, dachte Walnut. Sie ist nicht stark genug. Ich dachte, vielleicht ist sie es, aber ich habe mich geirrt. Möglich, dass sie ein- oder zweimal zurückkommt, aber dann wird sie auskreisen. Bis nichts mehr übrig ist als ihre Kleider. Er versuchte, sich an seine eigene Umwandlung zu erinnern, aber ihm fiel nur noch ein, dass Vollmond gewesen war und dass statt Scheinwerfern ein Feuer gebrannt hatte. Ein großes Feuer, das Wiehern von Pferden … und der Schmerz. Konnte man sich wirklich an Schmerz erinnern? Wahrscheinlich nicht. Man wusste, dass es so etwas gab und dass man es erlitten hatte, aber das war nicht dasselbe.

Andis Gesicht kam wieder zum Vorschein wie das Gesicht eines Geistes, das bei einer Séance über dem Tisch schwebt. Die Vorderseite ihrer Bluse wölbte sich; ihr Rock schwoll an, während ihre Hüften und Oberschenkel in die Welt zurückkehrten. Andi schrie in Todesqualen.

»Wir sind der Wahre Knoten, und wir dauern fort«, rezitierten sie im sich kreuzenden Schweinwerferlicht der Wohnmobile. »Sabbatha hanti. Wir sind die Auserwählten, lodsam hanti. Wir sind die Glückseligen, cahanna risone hanti.« Das würde so weitergehen, bis es vorüber war. Egal wie es ausging, es dauerte nie lange.

Andi begann wieder zu verschwinden. Ihr Fleisch wurde zu trübem Glas, durch das die Wahren ihr Skelett und das knochige Grinsen ihres Schädels sehen konnten. In diesem Grinsen glänzten ein paar silberne Plomben. Andis entkörperlichte Augen rollten wie wild in Höhlen, die nicht mehr vorhanden waren. Sie schrie immer noch, doch nun war das Geräusch dünn und hallend, als käme es aus einem weit entfernten Saal.

9

Rose dachte erst, Andi würde aufgeben, weil sie das taten, wenn der Schmerz zu stark wurde, aber die da war ganz schön taff. Unablässig schreiend, trieb sie wieder an die Oberfläche. Ihre neu entstandenen Hände packten die von Rose mit irrer Kraft und zogen sie nach unten. Rose beugte sich vor, ohne den Schmerz richtig wahrzunehmen.

»Ich weiß, was du willst, Zuckerpuppe. Komm zurück, und du wirst es bekommen.« Sie senkte den Mund zu dem von Andi und liebkoste deren Oberlippe mit der Zunge, bis die Lippe sich in Dunst verwandelte. Ihre Augen jedoch, starr auf die von Rose gerichtet, blieben.

»Sabbatha hanti«, rezitierte der Chor. »Lodsam hanti. Cahanna risone hanti.«

Andi kam zurück. Um ihre starren, schmerzerfüllten Augen herum wuchs ein Gesicht. Ihr Körper folgte. Einen Moment lang konnte Rose die Knochen der Arme sehen, die Knochen in den Fingern, die ihre umklammerten, dann war Andi wieder von Fleisch umhüllt.

Rose küsste sie ein weiteres Mal auf den Mund. Trotz ihren Schmerzen reagierte Andi, und Rose hauchte ihre eigene Essenz in die Kehle der jüngeren Frau.

Die will ich haben. Und was ich will, das kriege ich.

Andi verblasste wieder, aber Rose spürte, wie sie dagegen ankämpfte. Sich durchsetzte. Sich von der kreischenden Lebenskraft nährte, die sie durch ihren Hals in die Lunge eingesogen hatte, statt zu versuchen, sie abzuwehren.

Andi hatte sich zum ersten Mal Steam genommen.

10

Die folgende Nacht verbrachte das neueste Mitglied des Wahren Knotens im Bett von Rose O’Hara, und zum ersten Mal in ihrem Leben empfand sie beim Sex etwas anderes als Abscheu und Schmerz. Andis Kehle war von den Schreien, die sie auf der Gartenliege ausgestoßen hatte, ganz wund, doch nun schrie sie wieder, als das neue Gefühl – so genüsslich, wie ihre Umwandlung schmerzhaft gewesen war – ihren Körper ergriff und ihn abermals durchscheinend zu machen schien.

»Schrei, so viel du willst«, sagte Rose und blickte zwischen ihren Oberschenkeln zu ihr hoch. »Das haben die anderen schon oft gehört. Die guten wie die schlimmen Schreie.«

»Ist Sex für jeden so?« Wenn dem so war, was hatte sie da nur versäumt! Was hatte ihr Vater, dieser Dreckskerl, ihr da nur geraubt! Und da hielten die Leute sie für eine Diebin?

»Für uns ist Sex so, wenn wir uns Steam genommen haben«, sagte Rose. »Mehr brauchst du nicht zu wissen.«

Sie senkte den Kopf, und es ging von vorn los.

11

Kurz vor Mitternacht saßen Token-Charlie und Baba the Red auf der unteren Stufe von Charlies Bounder-Wohnmobil, rauchten gemeinsam einen Joint und betrachteten den Mond. Aus Rose’ EarthCruiser hörte man weitere Schreie.

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