Doctor Sleep - Страница 64


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»Weil?«

»Wenn sie die Masern schon hatte, dann ist sie wie alle Tölpel immun dagegen, sich ein zweites Mal anzustecken. Deshalb wäre ihr Steam womöglich in vieler Hinsicht nützlich.«

»Heutzutage werden Kinder doch gegen dieses ganze Zeugs geimpft«, sagte Crow.

Rose nickte. »Das könnte auch helfen.«

Grampa Flick begann wieder zu kreisen. Es war schwer, das mit anzusehen, aber Rose zwang sich dazu. Als sie die Organe des alten Kerls durch die pergamentartige Haut hindurch nicht mehr erkennen konnte, sah sie zu Crow hoch und hob ihre zerschrammte Hand.

»Außerdem … müssen wir ihr eine Lektion erteilen.«

2

Als Dan am Montag in seinem Turmzimmer aufwachte, waren die Namen und Nummern wieder von der Tafel gewischt und durch eine Nachricht von Abra ersetzt worden. Ganz oben sah er einen Smiley mit gebleckten Zähnen, der schadenfroh wirkte.

Sie ist gekommen! Ich war bereit und hab ihr wehgetan!

DAS HAB ICH WIRKLICH GESCHAFFT!!

Sie verdient es, also HURRA!!!

Ich muss mit dir sprechen, aber nicht so oder per Mail.

Selber Ort wie letztes Mal 15 Uhr

Dan ließ sich aufs Bett zurücksinken, bedeckte die Augen und suchte nach ihr. Als er sie fand, ging sie gerade mit drei Freundinnen zur Schule, was er gefährlich fand. Für die Freundinnen wie für Abra. Hoffentlich war Billy dort und hatte die drei im Blick. Und hoffentlich ging Billy diskret vor und wurde nicht von irgendeinem eifrigen Typen von der Nachbarschaftswache als verdächtig eingestuft und beobachtet.

(ich kann kommen John und ich fahren erst morgen los aber es muss schnell gehen und wir müssen vorsichtig sein)

(ja okay gut)

3

Dan saß wieder auf einer Bank vor der mit Efeu bewachsenen Stadtbücherei von Anniston, als Abra in ihren Schulklamotten auftauchte, einem roten Pulli und schicken, roten Sneakers. Ihren Rucksack hielt sie an einem Träger über der Schulter. Sie sah so aus, als wäre sie seit der letzten Begegnung ein ganzes Stück gewachsen.

Sie winkte. »Hi, Onkel Dan!«

»Hallo, Abra. Wie war’s in der Schule?«

»Super! Für mein Biologiereferat hab ich eine glatte Eins bekommen!«

»Setz dich mal her, und erzähl mir davon.«

Sie kam auf die Bank zu, so voller Anmut und Energie, dass sie fast zu tanzen schien. Wache Augen, gerötetes Gesicht: ein gesunder Teenager, bei dem alle Signale auf Grün standen. Alles an ihr drückte aus, dass sie startbereit war. Eigentlich kein Grund, ein mulmiges Gefühl zu haben, aber Dan hatte trotzdem eins. Eines war immerhin in bester Ordnung: Ein Stück weit entfernt stand ein unauffälliger Ford-Pick-up am Straßenrand. Am Steuer saß ein älterer Typ, der aus einem Pappbecher Kaffee schlürfte und eine Zeitschrift las. Jedenfalls sah es so aus, als würde er eine Zeitschrift lesen.

(Billy?)

Keine Antwort, aber der Typ blickte einen Moment von seiner Zeitschrift auf, und das genügte.

»Okay«, sagte Dan mit leiser Stimme. »Ich will genau wissen, was passiert ist.«

Abra erzählte ihm von der Falle, die sie aufgestellt hatte, und wie gut diese funktioniert hatte. Dan lauschte mit Erstaunen, Bewunderung … und einem zunehmend mulmigen Gefühl. Abras Vertrauen in ihre Fähigkeiten bereitete ihm Sorgen. Es war ein kindliches Vertrauen, und die Leute, mit denen sie es zu tun hatte, waren alles andere als Kinder.

»Ich hab dir eigentlich bloß gesagt, du sollst einen Alarm einrichten«, sagte er, als sie fertig war.

»Das war besser. Ich weiß nicht, ob die Attacke so gut geklappt hätte, wenn ich mich nicht als Daenerys aus Game of Thrones verkleidet hätte. Weil sie den Baseballjungen und viele andere getötet hat. Und auch, weil …« Zum ersten Mal kam ihr Lächeln etwas ins Wanken. Während sie ihre Geschichte erzählt hatte, hatte Dan gesehen, wie sie mit achtzehn aussehen würde. Nun sah sie so aus, wie sie mit neun ausgesehen hatte.

»Weil was?«

»Sie ist kein richtiger Mensch. Das ist keiner von denen. Vielleicht waren sie es einmal, aber jetzt sind sie es nicht mehr.« Sie straffte die Schultern und warf ihre Haare zurück. »Aber ich bin stärker. Das hat sie auch gemerkt.«

(ich dachte sie hat dich weggeschoben)

Sie sah ihn mit finsterer Miene an, verärgert, wischte sich über den Mund, ertappte sich dabei und legte die Hand wieder in den Schoß. Dort ergriff sie sie fest mit der anderen, um sie stillzuhalten. Diese Geste kam ihm irgendwie vertraut vor, aber das war nicht weiter verwunderlich. Er hatte sie schon einmal gesehen. Jetzt musste er sich aber um wichtigere Dinge kümmern.

(das nächste Mal bin ich bereit falls es überhaupt ein nächstes Mal gibt)

Das mochte stimmen. Aber wenn es ein nächstes Mal gab, dann würde die Frau mit dem Hut ebenfalls bereit sein.

(ich will bloß dass du vorsichtig bist)

»Das bin ich. Bestimmt.« Das hätten natürlich alle Kinder gesagt, um die Erwachsenen, mit denen sie zu tun hatten, zu beruhigen, aber Dan fühlte sich trotzdem besser. Ein wenig jedenfalls. Außerdem war da noch Billy in seinem F-150 mit ausgebleichtem rotem Lack.

Abras Augen tanzten wieder. »Ich hab unheimlich viel herausgekriegt. Deshalb mussten wir uns ja treffen.«

»Und was genau?«

»Nicht, wo sie ist, so weit bin ich nicht gekommen, aber ich hab rausgekriegt … also, als sie in meinem Kopf war, da war ich auch in ihrem. Also, wie wenn man die Kleider tauscht. Ihr Kopf war voller Schubladen, als wäre er das größte Archiv auf der Welt, aber wahrscheinlich hab ich das nur so gesehen, weil sie dasselbe gesehen hat. Wenn sie in meinem Kopf Bildschirme gesehen hätte, dann hätte ich in ihrem vielleicht auch welche gesehen.«

»In wie viele von ihren Schubladen hast du geschaut?«

»In drei. Vielleicht waren es auch vier. Diese Typen nennen sich der Wahre Knoten. Die meisten sind alt, und sie sind wirklich wie Vampire. Sie suchen nach Kindern, die wie ich sind. Und wie du wohl auch eins warst. Bloß dass sie kein Blut trinken, sie atmen das Zeug ein, das austritt, wenn diese speziellen Kinder sterben.« Sie schüttelte sich vor Abscheu. »Je mehr sie denen vorher wehtun, umso stärker ist dieses Zeug. Sie nennen es Steam.«

»Es ist rot, stimmt’s? Rot oder dunkelrosa?«

Da war er sich sicher, aber Abra runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nein, weiß. Eine helle weiße Wolke. Da ist nichts Rotes dran. Und jetzt pass auf: Sie können es sogar aufbewahren! Das, was sie nicht verbrauchen, tun sie in diese metallenen Trinkflaschen. Aber sie haben nie genug davon. Wie in der Sendung über Haie, die ich mal gesehen habe. Da hat man gezeigt, dass die immer unterwegs sind, weil sie nie genug zu fressen haben. Ich glaube, der Wahre Knoten ist genauso.« Sie verzog das Gesicht. »Die sind böse, ganz bestimmt.«

Weißes Zeug. Nicht rot, sondern weiß. Es musste trotzdem das sein, was die alte Krankenschwester als letzten Hauch bezeichnete, nur in anderer Form. Weil es von gesunden, jungen Menschen stammte statt von alten, die an fast allen Krankheiten starben, von denen ihr Körper befallen werden konnte? Weil sie spezielle Kinder waren, wie Abra es nannte? Oder wegen beidem?

Sie nickte. »Wahrscheinlich beides.«

»Okay. Aber am wichtigsten ist, was die über dich wissen. Was diese Frau weiß.«

»Sie fürchten sich ein bisschen davor, dass ich jemand von ihnen erzählen könnte. Viel Angst haben sie aber nicht.«

»Weil du noch ein Kind bist, und Kindern glaubt man eben nicht.«

»Genau.« Sie blies ihren Pony aus der Stirn. »Momo würde mir schon glauben, aber die wird bald sterben. Sie kommt in dein Hotspitz, Dan. Hospiz, meine ich. Du wirst ihr helfen, oder? Also, wenn du gerade nicht in Iowa bist, ja?«

»So gut ich kann. Abra – kommen sie dich holen?«

»Vielleicht, aber wenn sie es tun, dann nicht wegen dem, was ich weiß, sondern wegen dem, was ich bin.« Jetzt, da sie ihrer Lage direkt ins Auge blickte, war ihre Fröhlichkeit wie weggeblasen. Sie rieb sich wieder den Mund, und als sie die Hand sinken ließ, waren ihre Lippen zu einem wütenden Lächeln geöffnet. Das Mädchen hat ja ganz schön Temperament, dachte Dan. Damit konnte er sich identifizieren. Er hatte selber viel Temperament. Das hatte ihn mehr als einmal in Verlegenheit gebracht.

»Sie wird allerdings nicht kommen. Dieses Miststück. Sie weiß, dass ich sie jetzt kenne und spüre, wenn sie in meine Nähe kommt, weil wir jetzt irgendwie verbunden sind. Aber es gibt genügend andere. Wenn sie mich holen kommen, werden sie allen wehtun, die sich ihnen in den Weg stellen.«

Abra nahm seine Hände in ihre und drückte sie fest. Dan fand das gefährlich, aber er forderte sie trotzdem nicht auf, es bleiben zu lassen. Sie musste jetzt jemand berühren, dem sie vertraute.

»Wir müssen sie aufhalten, damit sie meinem Daddy und meiner Mama nicht wehtun können. Oder einer von meinen Freundinnen. Und damit sie nicht noch mehr Kinder umbringen.«

Einen Moment lang fing Dan aus ihren Gedanken ein klares Bild auf. Sie hatte es ihm nicht gesandt; es rückte einfach in den Vordergrund. Es war eine Collage aus Fotos. Kinder, Dutzende, unter der Überschrift HABEN SIE MICH GESEHEN? Abra fragte sich offenbar, wie viele davon wohl vom Wahren Knoten gekidnappt und wegen ihrem letzten, speziellen Atemhauch – der obszönen Delikatesse, von der dieser Haufen lebte – ermordet und irgendwo verscharrt worden waren.

»Du musst diesen Baseballhandschuh holen. Wenn ich ihn habe, kann ich rauskriegen, wo Barry the Chunk steckt. Das weiß ich ganz genau. Und die Übrigen werden da sein, wo er ist. Wenn du sie nicht töten kannst, dann kannst du sie wenigstens bei der Polizei anzeigen. Hol mir diesen Handschuh, Dan, bitte

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