»Wenn er da ist, wo du sagst, dann werden wir ihn holen. Aber bis dahin, Abra, musst du gut auf dich aufpassen.«
»Das werde ich, aber ich glaube nicht, dass sie noch mal probiert, sich in meinen Kopf zu schleichen.« Abras Lächeln kam wieder zum Vorschein. Darin sah Dan die kompromisslose Kriegerin, die sie im Schlaf gespielt hatte – Daenerys, oder wie sie auch immer hieß. »Wenn sie es doch tut, wird sie es bereuen.«
Dan beschloss, die Sache nicht zu kommentieren. Sie saßen nun schon so lange auf dieser Bank, wie er es für akzeptabel hielt. Eigentlich schon länger. »Inzwischen hab ich mein eigenes Alarmsystem für dich eingerichtet. Wenn du in mich hineinschauen würdest, dann könntest du wahrscheinlich rausfinden, was es ist, aber ich will nicht, dass du das tust. Falls jemand von diesem Knoten versucht, in deinem Kopf herumzuschnüffeln – nicht die Frau mit dem Hut, sondern jemand andres –, dann kann er nicht herausfinden, was du nicht weißt.«
»Oh. Okay.« Er sah, wie sie dachte, dass jemand anderes, der das versuchte, es ebenfalls bereuen würde, und das verstärkte sein mulmiges Gefühl.
»Also … wenn du in Schwierigkeiten kommst, ruf einfach mit aller Kraft Billy. Kapiert?«
(ja so wie du einmal nach deinem Freund Dick gerufen hast)
Er zuckte leicht zusammen. Abra grinste. »Ich hab nicht gelinst, es war einfach da.«
»Schon klar. Jetzt sag mir noch eines, bevor du gehst.«
»Was denn?«
»Hast du für dein Bioreferat wirklich eine Eins bekommen?«
4
Um Viertel vor acht an diesem Montagabend hörte Rose in ihrem Funkgerät ein doppeltes Knacken. Es war Crow. »Komm rüber«, sagte er. »Es ist so weit.«
Die Wahren hatten um Grampas Wohnmobil herum einen schweigenden Kreis gebildet. Rose (die nun ihren Hut in dem der Schwerkraft trotzenden schrägen Winkel trug) drängte sich hindurch, wobei sie kurz stehen blieb, um Andi zu umarmen. Dann stieg sie die Stufen hoch, klopfte einmal und öffnete selber die Tür. Da stand Nut mit Big Mo und Apron Annie, die sich widerstrebend als Grampas Pflegerinnen betätigt hatten. Crow saß am Fußende des Bettes. Als Rose hereinkam, erhob er sich. An diesem Abend sah man ihm sein Alter an. Sein Mund war von Fältchen umgeben, und in seiner schwarzen Haartracht traten ein paar weiße Strähnen hervor.
Wir müssen Steam einnehmen, dachte Rose. Und wenn das hier vorüber ist, werden wir es auch tun.
Grampa Flick kreiste inzwischen rapide; die Haut war zuerst transparent, dann undurchsichtig, dann wieder transparent. Aber jede neue Transparenz dauerte länger, und es verschwand immer mehr von ihm. Er wusste, was mit ihm geschah, das sah Rose deutlich. Die Augen waren weit geöffnet und voller Angst; der Körper wand sich im Schmerz der Veränderungen, die er durchmachte. Rose hatte sich immer dazu verführen lassen, auf einer tiefen Ebene ihres Bewusstseins an die Unsterblichkeit des Wahren Knotens zu glauben. Ja, alle fünfzig bis hundert Jahre starb jemand – wie Hands-off-Hans, dieser große, trottelige Holländer, den nicht lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Arkansas eine vom Sturm heruntergerissene Überlandleitung getötet hatte, oder Katie Patches, die ertrunken war, oder Tommy the Truck – aber das waren Ausnahmen. Wer auf diese Weise zu Fall kam, der stürzte normalerweise über die eigene Fahrlässigkeit. Das hatte Rose jedenfalls bisher immer geglaubt. Nun erkannte sie, dass sie so dämlich gewesen war wie ein Tölpelkind, das unbedingt an den Weihnachtsmann und den Osterhasen glauben wollte.
Grampa kreiste wieder zurück, stöhnend und weinend und zitternd. »Mach, dass es aufhört, Rosie, lass es aufhören. Es tut so weh …«
Bevor sie etwas erwidern konnte – und was hätte sie wohl schon sagen können? –, verblasste er wieder, bis nichts mehr von ihm übrig war als die Umrisse von Knochen und die starren, schwebenden Augen. Die waren am schlimmsten.
Rose versuchte, gedanklich Kontakt zu ihm aufzunehmen, um ihn so zu trösten, aber da war nichts, woran sie sich hätte festhalten können. Wo Grampa Flick immer gewesen war – oft mürrisch, manchmal liebenswürdig –, befand sich jetzt nur noch ein tobender Sturm aus zerbrochenen Bildern. Erschüttert zog Rose sich aus ihm zurück. Das kann doch nicht wahr sein, dachte sie.
»Vielleicht sollten wir ihn von seinem Elend erlösen«, sagte Big Mo. Sie grub die Fingernägel in Annies Unterarm, was Annie gar nicht zu spüren schien. »Ihm eine Spritze geben oder so. Du hast doch was in deiner Tasche, Nut, oder? Du musst es tun.«
»Was würde das nützen?« Walnuts Stimme klang heiser. »Vorher wäre das vielleicht sinnvoll gewesen, aber jetzt geht es zu schnell. Er hat keinen Organismus mehr, in dem eine Droge zirkulieren könnte. Wenn ich ihm eine Spritze in den Arm gebe, tropft der Inhalt fünf Sekunden später aufs Bett. Am besten, wir lassen es einfach geschehen. Es wird nicht mehr lange dauern.«
Das tat es auch nicht. Rose zählte vier weitere volle Zyklen. Beim fünften verschwanden sogar die Knochen. Einen Moment lang blieben die Augäpfel noch erhalten; sie starrten erst Rose an und drehten sich dann, um Crow Daddy anzublicken. Sie schwebten über dem Kissen, auf dem immer noch die Kuhle vom Gewicht des Kopfs zu sehen war, dazu Flecke von seinem Haarwasser Marke Wildroot Cream Oil, von dem er allem Anschein nach einen unerschöpflichen Vorrat besaß. Laut Greedy G hatte er es, wie Rose sich zu erinnern glaubte, immer auf eBay gekauft. Auf eBay, in drei Teufels Namen!
Dann verschwanden langsam auch die Augen. Nur dass sie natürlich nicht richtig verschwunden waren; Rose wusste, sie würde sie später in der Nacht in ihren Träumen sehen. So wie die anderen, die an Grampa Flicks Totenbett standen. Falls sie überhaupt einschlafen konnten.
Sie warteten, weil keiner von ihnen vollständig davon überzeugt war, dass der Alte nicht wieder wie der Geist von Hamlets Vater oder Jacob Marley vor ihnen auftauchen würde, aber da waren nur die von seinem verschwundenen Kopf hinterlassene Kuhle, die Flecke seines Haarwassers und die leeren, mit Pisse und Scheiße verdreckten Boxershorts, die er getragen hatte.
Mo brach in ein wildes Schluchzen aus und vergrub den Kopf zwischen Apron Annies üppigen Brüsten. Das hörten die draußen Wartenden, und jemand (Rose erfuhr nie, wer) begann zu sprechen. Jemand andres stimmte ein, dann jemand drittes und viertes. Bald rezitierten alle unter den Sternen die alten Worte, und Rose spürte, wie ihr ein jähes Frösteln den Rücken hinaufzuckte. Sie griff nach Crows Hand und drückte sie.
Annie stimmte mit ein. Als Nächste Mo, mit gedämpfter Stimme. Nut. Dann Crow. Rose the Hat holte tief Luft und fügte ihre Stimme zum Chor hinzu.
Lodsam hanti, wir sind die Auserwählten.
Cahanna risone hanti, wir sind die Glückseligen.
Sabbatha hanti, sabbatha hanti, sabbatha hanti.
Wir sind der Wahre Knoten, und wir dauern fort.
5
Später kam Crow zu ihr in den EarthCruiser. »Du fährst nicht mit nach Osten, stimmt’s?«
»Nein. Du übernimmst die Leitung.«
»Was tun wir jetzt?«
»Um ihn trauern natürlich. Leider können wir ihm nur zwei Tage gönnen.«
Der traditionelle Zeitraum war sieben Tage: kein Vögeln, kein leeres Geschwätz, kein Steam. Nur Meditation. Dann ein Abschiedskreis, bei dem alle einzeln vortraten, eine Erinnerung an Grampa Jonas Flick vortrugen und einen Gegenstand spendeten, den sie von ihm erhalten hatten oder mit ihm in Verbindung brachten (Rose hatte ihren schon ausgewählt, einen Ring mit keltischem Muster, den Grampa ihr geschenkt hatte, als dieser Teil Amerikas noch Indianerland gewesen und sie als Irish Rose bekannt gewesen war). Wenn ein Mitglied der Wahren starb, gab es nie eine Leiche, weshalb solche Erinnerungsgegenstände diesen Zweck erfüllen mussten. Sie wurden in weißes Leinen gewickelt und begraben.
»Wann fährt mein Team dann ab? Am Mittwochabend oder am Donnerstagmorgen?«
»Mittwochabend.« Rose wollte das Mädchen so rasch wie möglich haben. »Fahrt ohne Aufenthalt durch. Und du bist dir sicher, dass sie das Betäubungsmittel in Sturbridge aufbewahren werden?«
»Ja. Da kannst du ganz beruhigt sein.«
Das werde ich erst sein, wenn ich sehe, wie dieses kleine Miststück vor meinen Augen liegt, bis zum Anschlag unter Drogen, mit Handschellen gefesselt und voller Steam.
»Wen nimmst du mit? Zähl alle auf.«
»Mich, Nut, Jimmy Numbers, wenn du den entbehren kannst …«
»Den kann ich entbehren. Wen noch?«
»Snakebite Andi. Wenn wir jemand schlafen legen müssen, kann sie das tun. Und Chink. Den auf jeden Fall. Er ist der beste Finder, den wir haben, nachdem Grampa hinüber ist. Abgesehen von dir natürlich.«
»Klar, nimm ihn mit, aber um dieses Mädchen aufzuspüren, wirst du keinen Finder brauchen«, sagte Rose. »Das wird kein Problem sein. Außerdem reicht ein Fahrzeug aus. Nehmt den Winnebago von Steamhead Steve.«
»Mit dem hab ich schon darüber gesprochen.«
Sie nickte zufrieden. »Noch etwas. In Sidewinder gibt es einen kleinen Laden namens District X.«
Crow hob die Augenbrauen und grinste. »Der Pornopalast mit der aufblasbaren Puppe in Krankenschwesternuniform im Schaufenster?«
»Du kennst ihn, wie ich sehe«, sagte Rose trocken. »Jetzt hör mir mal zu, Daddy.«
Crow spitzte die Ohren.
6
Am Dienstagmorgen, als gerade die Sonne aufging, starteten Dan und John Dalton am Logan Airport. In Memphis stiegen sie um und landeten um elf Uhr fünfzehn Ortszeit in Des Moines, an einem Tag, der ihnen eher wie Mitte Juli als wie Ende September vorkam.