Den ersten Teil des Flugs von Boston nach Memphis verbrachte Dan damit, sich schlafend zu stellen, damit er nicht mit den Zweifeln und Bedenken umgehen musste, die er wie Unkraut in Johns Gedanken wuchern spürte. Irgendwo über Upstate New York schlief er dann wirklich ein. Zwischen Memphis und Des Moines schlief John, weshalb das kein Problem darstellte. Und sobald sie tatsächlich in Iowa waren und in einem völlig unauffälligen Ford Focus von Hertz auf die Stadt Freeman zufuhren, spürte Dan, dass John seine Zweifel überwunden hatte. Vorläufig zumindest. An ihre Stelle waren Neugier und eine bange Erregung getreten.
»Zwei Jungs auf Schatzsuche«, sagte Dan. Er hatte länger geschlafen, weshalb er am Lenkrad saß. An beiden Seiten strömten hohe Maisfelder, zu dieser Jahreszeit eher gelb als grün, an ihnen vorüber.
John fuhr leicht zusammen. »Hä?«
Dan grinste. »Hast du das nicht gerade gedacht? Dass wir wie Jungs auf einer Schatzsuche sind?«
»Verdammt, du bist mir ziemlich unheimlich, Daniel.«
»Kann ich mir denken. Ich hab mich daran gewöhnt.« Was nicht ganz stimmte.
»Wann hast du eigentlich bemerkt, dass du Gedanken lesen kannst?«
»Es ist nicht nur Gedankenlesen. Shining ist eine ausgesprochen vielfältige Gabe. Falls es sich wirklich um eine Gabe handelt. Manchmal – oft sogar – kommt es mir eher wie ein hässliches Muttermal vor. Ich bin mir sicher, dass Abra das auch sagen würde. Und wann ich es entdeckt habe … das habe ich nie. Ich hatte es einfach immer. Es gehört sozusagen zu meiner Grundausstattung.«
»Du hast gesoffen, um es auszulöschen, nehme ich an.«
Ein fettes Waldmurmeltier zockelte mit furchtloser Gemütlichkeit über die Route 150. Dan machte einen Bogen, um ihm auszuweichen, und das Murmeltier verschwand im Maisfeld, immer noch ohne jede Eile. Es war hübsch hier draußen; der Himmel sah aus, als wäre er tausend Meilen weit, und keinerlei Berg in Sicht. New Hampshire war okay, und Dan hatte es inzwischen als Zuhause akzeptiert, aber er würde sich im flachen Land wohl immer behaglicher fühlen. Sicherer.
»Das müsstest du eigentlich besser wissen, Johnny. Wieso trinkt ein Alkoholiker?«
»Weil er ein Alkoholiker ist?«
»Genau. So simpel wie nur was. Wenn man das psychologische Geschwätz beiseitelässt, bleibt nur die nackte Wahrheit. Wir haben gesoffen, weil wir Säufer sind.«
John musste lachen. »Da hat Casey K. dich aber ganz schön indoktriniert.«
»Gut, da ist auch noch die Sache mit der Vererbung«, sagte Dan. »Casey spielt das zwar immer runter, aber das ändert nichts an den Fakten. Hat dein Vater getrunken?«
»Der und meine liebe Mutter ebenfalls. Mit den beiden allein hätten die im neunzehnten Loch im Country Club schon genug Geschäft gemacht. Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter einmal ihr Tenniskleid ausgezogen hat, um zu uns Kindern in den Pool zu hüpfen. Die Männer haben Beifall geklatscht. Mein Vater fand es zum Totlachen. Ich weniger. Ich war neun, und bis ich ans College kam, war ich der Junge mit der Striptease-Mami. Wie war es bei dir?«
»Meine Mutter konnte was trinken oder drauf verzichten. Manchmal hat sie sich selbst Zwei-Bier-Wendy genannt. Mein Dad dagegen … ein Glas Wein oder eine Dose Budweiser, und er war nicht mehr zu halten.« Dan warf einen Blick auf den Tacho und sah, dass sie noch vierzig Meilen zu fahren hatten. »Willst du eine Geschichte hören? Eine, die ich noch nie jemand erzählt habe? Aber ich warne dich, die ist ganz schön merkwürdig. Wenn du meinst, meine spezielle Gabe hätte nur mit so banalem Zeug wie Telepathie zu tun, dann irrst du dich gewaltig.« Er hielt inne. »Es gibt andere Welten außer dieser hier.«
»Und du hast diese anderen Welten … äh … gesehen?« Dan hatte den Kontakt zu Johns Gedanken verloren, aber der sah plötzlich etwas nervös aus. Als dächte er, sein Nebenmann könnte plötzlich die Hand ins Hemd schieben und sich zur Reinkarnation von Napoleon Bonaparte erklären.
»Nein, nur ein paar von den Leuten, die dort leben. Abra nennt sie die Geisterleute. Willst du die Geschichte nun hören oder nicht?«
»Ich weiß nicht recht, ob ich es will, aber es ist vielleicht ganz nützlich.«
Dan wusste nicht, wie viel dieser brave Kinderarzt glauben würde, wenn er von dem Winter erzählte, den er und seine Eltern im Hotel Overlook verbracht hatten, aber das war ihm ziemlich egal. Die Geschichte in diesem unscheinbaren Wagen unter diesem hellen westlichen Himmel zu erzählen würde ihm guttun. Es gab eine Person, die alles geglaubt hätte, aber Abra war zu jung, und die Geschichte war zu schaurig. Daher musste er sich mit John Dalton begnügen. Aber wie sollte er anfangen? Am besten wohl mit Jack Torrance. Einem zutiefst unglücklichen Menschen, der als Lehrer, Schriftsteller und Ehemann gescheitert war. Wie nannte man im Baseball drei Strikeouts hintereinander? Den Goldenen Sombrero? Dans Vater hatte nur einen beachtenswerten Erfolg gehabt: Als endlich der Moment kam, zu dem ihn das Overlook seit seinem ersten Tag im Hotel hinbugsiert hatte, da hatte er sich geweigert, seinen kleinen Sohn zu ermorden. Wenn es eine passende Grabschrift für ihn gab, dann wäre die …
»Dan?«
»Mein Vater hat sich bemüht«, sagte er. »Das ist das Beste, was ich über ihn sagen kann. Die bösartigsten Geister seines Lebens kamen in Flaschen. Hätte er es mit dem AA-Programm versucht, wäre es möglicherweise ganz anders gelaufen. Aber das hat er nicht. Meine Mutter wusste wahrscheinlich gar nicht, dass so etwas existiert, sonst hätte sie ihm wohl vorgeschlagen, es auszuprobieren. Als wir zum Hotel Overlook gefahren sind, wo ein Bekannter ihm über den Winter einen Hausmeisterjob verschafft hatte, war er das Musterbeispiel eines trockenen Alkoholikers.«
»Und in diesem Hotel waren die Geister?«
»Ja. Ich hab sie gesehen. Mein Vater nicht, aber er hat sie gespürt. Vielleicht hatte er sein eigenes Shining. Wahrscheinlich sogar. Schließlich ist vieles vererblich, nicht nur die Neigung zum Alkoholismus. Und sie haben ihm zugesetzt. Er dachte, sie – die Geisterleute – wären hinter ihm her, aber das war nur eine Lüge. Was sie wirklich wollten, war der kleine Junge mit der starken Kraft. So wie diese Typen, die sich der Wahre Knoten nennen, Abra wollen.«
Er schwieg, weil ihm einfiel, was Dick durch den toten Mund von Eleanor Ouellette geantwortet hatte, als Dan gefragt hatte, wo diese leeren Teufel seien: In deiner Kindheit, woher jeder Teufel kommt.
»Dan? Was ist denn?«
»Nichts«, sagte Dan. »Jedenfalls wusste ich, dass irgendwas in diesem verfluchten Hotel nicht stimmt, schon bevor ich durch die Tür getreten bin. Ich wusste es, als wir drei noch in Boulder wohnten, wo wir mehr oder weniger von der Hand in den Mund gelebt haben. Aber mein Vater brauchte einen Job, damit er das Theaterstück vollenden konnte, an dem er arbeitete …«
7
Als sie Adair erreichten, erzählte er John gerade, wie der Heizkessel des Overlooks explodiert und das alte Hotel mitten in einem heftigen Schneesturm niedergebrannt war. Adair war ein echtes Kaff, aber es gab ein Holiday Inn Express, und Dan merkte sich dessen Standort.
»Dort werden wir in ein paar Stunden einchecken«, sagte er zu John. »Am helllichten Tag können wir nicht auf Schatzsuche gehen, außerdem brauche ich dringend Schlaf. Hatte in letzter Zeit nicht viel.«
»Hast du das tatsächlich alles erlebt?«, fragte John mit gedrückter Stimme.
»Tatsächlich, ja.« Dan lächelte. »Meinst du, du kannst mir glauben?«
»Wenn wir den Baseballhandschuh an dem Ort finden, den Abra dir genannt hat, dann werde ich eine Menge glauben müssen. Wieso hast du mir das alles eigentlich erzählt?«
»Weil ein Teil von dir trotz allem, was du über Abra weißt, es für verrückt hält, dass wir hier sind. Und weil du wissen solltest, dass es gewisse … Kräfte gibt. Ich bin denen schon begegnet, du aber nicht. Du hast nur ein Mädchen gesehen, das allerhand paranormale Taschenspielertricks beherrscht, wie zum Beispiel Löffel an die Decke zu hängen. In Wirklichkeit sind wir allerdings nicht zwei Jungs auf Schatzsuche, John. Wenn der Wahre Knoten herausfindet, was wir vorhaben, werden wir genauso zur Zielscheibe wie Abra Stone. Falls du also beschließen solltest auszusteigen, werde ich gern das Kreuz vor dir schlagen und Geh mit Gott sagen.«
»Und dann würdest du allein weitermachen.«
Dan grinste ihn an. »Na ja … da wäre noch Billy.«
»Billy ist mindestens dreiundsiebzig.«
»Er würde sagen, dass das von Vorteil ist. Billy erzählt den Leuten gern, das Gute am Alter sei, dass man sich keine Sorgen mehr darum machen müsse, jung zu sterben.«
John deutete auf ein Schild. »Die Stadtgrenze von Freeman.« Er schenkte Dan ein kurzes, schmallippiges Lächeln. »Ich kann immer noch nicht richtig glauben, dass ich hier bin. Was machen wir eigentlich, wenn diese Ethanolfabrik nicht mehr da ist? Wenn man sie seit der Aufnahme von Google Earth abgerissen hat, um dort Mais zu pflanzen?«
»Die ist noch da«, sagte Dan.
8
Und das war sie auch: eine Reihe rußgrauer Betonkästen mit rostigen Wellblechdächern. Ein Schornstein stand noch, zwei weitere waren umgestürzt und lagen wie zerbrochene Schlangen auf dem Boden. Die Fenster waren zertrümmert, die Wände mit plumpen Graffiti bedeckt, über die jeder Großstadtsprayer sich totgelacht hätte. Von der zweispurigen Landstraße bog eine mit Schlaglöchern übersäte Zufahrt ab. Sie führte zu einem Parkplatz, auf dem verirrte Maisstängel gewachsen waren. Der Wasserturm, den Abra gesehen hatte, stand in der Nähe; er reckte sich in den Horizont wie eine von H. G. Wells erfundene marsianische Kampfmaschine. Auf seiner Seite stand FREEMAN, IOWA. Auch der Schuppen mit dem eingestürzten Dach war vorhanden.