»Na, zufrieden?«, sagte Dan. Sie fuhren nur noch im Schritttempo die Landstraße entlang. »Fabrik, Wasserturm, Schuppen, Betreten-verboten-Schild. Alles genau so, wie Abra es beschrieben hat.«
John deutete auf das rostige Tor am Ende der Zufahrt. »Was ist, wenn das abgeschlossen ist? Ich bin seit meiner Schulzeit nicht mehr über einen Maschendrahtzaun geklettert.«
»Es war nicht abgeschlossen, als die Mörder diesen Jungen hierhergebracht haben, sonst hätte Abra das gesagt.«
»Bist du dir da sicher?«
Ein Pick-up kam ihnen entgegen. Dan beschleunigte ein wenig und hob grüßend die Hand. Der Mann hinter dem Lenkrad – grüne John-Deere-Mütze, Sonnenbrille, Latzhose – erwiderte den Gruß, warf den beiden aber kaum einen Blick zu. Gut so.
»Ich hab gefragt, ob …«
»Ich weiß, was du gefragt hast«, sagte Dan. »Wenn das Tor abgeschlossen ist, werden wir damit fertig. Irgendwie. Und jetzt fahren wir zu diesem Motel zurück und nehmen uns Zimmer. Ich bin total erledigt.«
9
Während John im Holiday Inn benachbarte Zimmer besorgte, wobei er bar bezahlte, suchte Dan die örtliche Eisenwarenhandlung auf. Er kaufte einen Spaten, einen Rechen, zwei Hacken, eine Pflanzkelle, zwei Paar Gartenhandschuhe und eine Nylontasche für seine Neuerwerbungen. Das einzige Werkzeug, das er wirklich haben wollte, war der Spaten, aber es kam ihm sicherer vor, ein ganzes Sortiment zu erwerben.
»Was führt Sie nach Adair, wenn ich fragen darf?«, fragte der Kassierer, als er die Sachen eintippte.
»Bin nur auf der Durchreise. Meine Schwester wohnt in Des Moines, und die hat einen ziemlich großen Garten. Wahrscheinlich hat sie das meiste von dem Zeug da schon, aber Geschenke scheinen ihre Gastfreundschaft zu fördern.«
»Das kenne ich nur zu gut. Und für diese kurzstielige Hacke wird sie Ihnen richtig dankbar sein. Die ist echt praktisch, und den meisten Amateurgärtnern fällt nie ein, sich eine zu besorgen. Wir nehmen Mastercard, Visa …«
»Ach, ich zahle lieber bar«, sagte Dan und zückte sein Portemonnaie. »Aber geben Sie mir eine Quittung für die Steuer.«
»Mit Vergnügen. Und wenn Sie mir Ihren Namen und Ihre Anschrift geben – oder die von Ihrer Schwester –, dann schicken wir Ihnen unseren Katalog.«
»Wissen Sie was, darauf möchte ich heute lieber verzichten«, sagte Dan und legte einen kleinen Fächer aus Zwanzigern auf die Theke.
10
Um elf Uhr nachts klopfte es leise an Dans Tür. Er öffnete und ließ John herein. Abras Kinderarzt war ziemlich bleich und wirkte überdreht. »Konntest du schlafen?«
»Ein bisschen«, sagte Dan. »Und du?«
»Mehr oder weniger. Eher weniger. Ich bin tierisch nervös. Wenn uns die Polizei anhält, was sagen wir dann?«
»Dass wir gehört haben, in Freeman gibt’s ’ne Disco, und nach der suchen wir gerade.«
»In Freeman gibt es nichts als Mais. Etwa fünf Milliarden Hektar.«
»Das wissen Leute wie wir aber nicht«, sagte Dan sanft. »Wir sind auf der Durchreise. Außerdem hält uns die Polizei nicht an. Es wird uns nicht mal jemand bemerken. Aber wenn du lieber hierbleibst …«
»Ich bin doch nicht durchs halbe Land gereist, um in einem Motel zu hocken und mir Jay Leno anzuschauen. Lass mich vorher bloß noch auf die Toilette gehen. Ich war zwar gerade erst auf der in meinem Zimmer, aber jetzt muss ich schon wieder. Mensch, bin ich nervös!«
Die Fahrt nach Freeman kam Dan sehr lang vor, aber sobald sie Adair hinter sich gelassen hatten, begegneten sie keinem einzigen Auto. Farmer gingen früh zu Bett, und der Fernverkehr kam hier nicht durch.
Als sie die Ethanolfabrik erreichten, löschte Dan die Scheinwerfer, bog auf die Zufahrt ein und rollte langsam zu dem geschlossenen Tor. Die beiden Männer stiegen aus. John fluchte, als die Innenbeleuchtung des Fords anging. »Ich hätte das Ding ausschalten sollen, bevor wir abgefahren sind. Oder die Birne zerschmettern, falls kein Schalter da ist.«
»Nur die Ruhe«, sagte Dan. »Außer uns ist hier keine Menschenseele weit und breit.« Trotzdem hämmerte ihm das Herz in der Brust, als sie zum Tor gingen. Wenn Abra recht hatte, dann war hier ein Junge ermordet und verscharrt worden, nachdem man ihn brutal gefoltert hatte. Wenn es irgendwo auf der Welt einen Ort gab, an dem es spukte …
John versuchte, das Tor zu öffnen, und als es auf Druck nicht reagierte, versuchte er es mit Ziehen. »Keine Chance. Was jetzt? Wahrscheinlich müssen wir klettern. Ich bin zwar bereit, das zu versuchen, aber wahrscheinlich breche ich mir das verfluchte …«
»Moment.« Dan zog eine Stiftlampe aus seiner Jackentasche und richtete sie auf das Tor. Zuerst sah er ein zerstörtes Vorhängeschloss, dann die dicken Drahtstücke, die man darüber und darunter um das Tor geschlungen hatte. Er ging zum Wagen zurück, und jetzt war er es, der erschrak, als die Kofferraumbeleuchtung aufflammte. Ach, Scheiße. Man konnte nicht an alles denken. Er zerrte die Nylontasche heraus und schlug den Kofferraumdeckel zu. Es wurde wieder dunkel.
»Da«, sagte er zu John und streckte ihm ein Paar Handschuhe hin. »Zieh die an.« Er tat dasselbe, drehte den Draht auf und hängte die beiden Enden in eine Raute des Zauns, um sie später wieder anzubringen. »Okay, auf geht’s.«
»Ich muss noch mal pinkeln.«
»O Mann. Reiß dich zusammen.«
11
Dan lenkte den Mietwagen langsam und vorsichtig um das Gebäude auf eine Laderampe zu. Es gab massenhaft Schlaglöcher, manche tief und alle ohne Scheinwerferlicht kaum zu sehen. Auf keinen Fall wollte er eines davon erwischen und die Achse des Focus ruinieren. Hinter der Fabrik war der Boden ein Fleckenteppich aus nackter Erde und zerbröselndem Asphalt. Fünfzehn Meter weiter kam noch ein Maschendrahtzaun, und dahinter breiteten sich endlose Meilen Mais aus. Der Platz vor der Rampe war nicht so groß wie der Parkplatz, aber auch nicht gerade klein.
»Dan? Woher wissen wir, wo …«
»Pst!« Dan ließ den Kopf nach vorn sinken, bis die Stirn das Lenkrad berührte. Dann schloss er die Augen.
(Abra)
Nichts. Natürlich schlief sie. Daheim in Anniston war es schon früher Mittwochmorgen. John saß neben ihm und kaute auf der Unterlippe.
(Abra)
Etwas regte sich. Vielleicht war es auch nur Einbildung, wenngleich Dan hoffte, dass es mehr war.
(ABRA!)
In seinem Kopf öffneten sich zwei Augen. Einen Moment lang herrschte Desorientierung, eine Art doppeltes Sehen, und dann blickte Abra gemeinsam mit ihm in die Welt. Die Laderampe und die zerborstenen Überreste der Schornsteine waren plötzlich deutlicher sichtbar, obwohl nur das Licht der Sterne leuchtete.
Ihre Sehkraft ist wesentlich besser als meine.
Dan stieg aus dem Wagen. Das tat auch John, aber Dan bemerkte es kaum. Er hatte die Kontrolle dem Mädchen überlassen, das elfhundert Meilen weit entfernt in seinem Bett lag. Er fühlte sich wie ein menschlicher Metalldetektor. Nur dass es nicht Metall war, wonach er suchte. Wonach sie gemeinsam suchten.
(geh zu dem Betonding da drüben)
Dan ging zur Laderampe, wandte ihr den Rücken zu und blieb stehen.
(und jetzt geh hin und her)
Eine Pause, während Abra nach einer Möglichkeit suchte, ihm klarzumachen, worauf sie hinauswollte.
(wie in CSI)
Er marschierte etwa fünfzehn Meter nach links, um sich dann nach rechts zu wenden und so im Zickzack von der Rampe zu entfernen. John hatte den Spaten aus der Tasche gezogen und stand wartend neben dem Wagen.
(hier haben sie ihre Wohnmobile geparkt)
Dan ging wieder nach links. Er bewegte sich langsam vorwärts, wobei er gelegentlich einen losen Ziegelstein oder einen Betonbrocken aus dem Weg kicken musste.
(jetzt bist du ganz nah dran)
Dan blieb stehen. Er roch etwas Unangenehmes. Einen Anflug von Verwesung.
(Abra? riechst du das?)
(ja o Gott Dan)
(ganz ruhig Schatz)
(du bist zu weit gegangen dreh dich um mach langsam)
Dan drehte sich wie ein Soldat auf dem Exerzierplatz auf der Hacke um. Er bewegte sich wieder auf die Laderampe zu.
(links ein bisschen links von dir langsamer)
Während er gehorchte, hielt er nun nach jedem kleinen Schritt inne. Da war dieser Geruch wieder, sogar stärker. Plötzlich verschwamm die unnatürlich scharfe nächtliche Welt, weil seine Augen sich mit Abras Tränen füllten.
(da ist der Baseballjunge du stehst direkt über ihm)
Dan holte tief Luft und wischte sich die Wangen ab. Er bebte. Nicht weil ihm selber kalt war, sondern weil Abra fröstelte. Sie saß aufrecht im Bett, drückte ihren Stoffhasen an sich und zitterte wie Espenlaub.
(geh weg hier Abra)
(Dan geht’s dir …)
(ja mir geht’s gut aber du brauchst das jetzt nicht zu sehen)
Plötzlich war der ungewohnt scharfe Blick verschwunden. Abra hatte die Verbindung unterbrochen, und das war gut so.
»Dan?«, rief John leise. »Alles okay?«
»Ja.« Seine Stimme war immer noch erstickt von Abras Tränen. »Bring den Spaten her.«
12
Sie brauchten zwanzig Minuten. Dan grub die ersten zehn, dann gab er den Spaten an John weiter, der schließlich auf Bradley Trevor stieß. Er hielt sich die Hand vor Mund und Nase, während er sich von der Grube abwandte. Seine Stimme war gedämpft, aber verständlich. »Ja, da ist eine Leiche. Puh!«
»Hast du es vorher nicht gerochen?«