Doctor Sleep - Страница 68


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»So tief vergraben, und das zwei Jahre lang? Willst du etwa sagen, du hast es gerochen?«

Dan erwiderte nichts, weshalb John sich wieder an die Arbeit machte, diesmal jedoch ohne rechte Tatkraft. Einige Sekunden lang stand er mit gebeugtem Rücken da, als wollte er den Spaten ansetzen, dann richtete er sich auf und trat zurück, während Dan mit seiner Stiftlampe in die kleine Grube leuchtete, die sie ausgehoben hatten. »Ich kann nicht«, sagte er. »Ich dachte, ich könnte es, aber ich kann nicht. Nicht mit … dem da drin. Meine Arme sind wie Gummi.«

Dan reichte ihm die Lampe. John richtete den Strahl auf das, was ihn so durcheinandergebracht hatte: einen verdreckten Turnschuh. Behutsam, um die irdischen Überreste von Abras Baseballjungen nicht mehr als nötig zu berühren, kratzte Dan die Erde von den Seiten der Leiche. Nach und nach kam eine Gestalt zum Vorschein. Sie erinnerte ihn an Reliefs auf Sarkophagen, die er in der National Geographic gesehen hatte.

Der Verwesungsgeruch war inzwischen sehr stark.

Dan trat zur Seite, atmete mehrfach kurz durch und endete mit dem tiefsten Atemzug, den er zustande brachte. Dann sprang er in das flache Grab, an dessen einem Ende nun beide Turnschuhe von Bradley Trevor v-förmig herausragten. Auf den Knien rutschte er bis zu der Stelle, an der sich die Taille des Jungen befinden musste, dann streckte er einen Arm in die Luft. John reichte ihm die Lampe und wandte sich ab. Er schluchzte hörbar.

Dan klemmte sich die kleine Lampe zwischen die Lippen und machte sich daran, weitere Erde wegzubürsten. Ein T-Shirt wurde sichtbar, das an einer eingesunkenen Brust klebte. Dann Hände. Die Finger, nun kaum mehr als in gelbe Haut gehüllte Knochen, schlossen sich um etwas. In Dans Brust pochte es, weil er immer noch die Luft anhielt, aber dennoch bog er die Finger des Jungen so behutsam auf, wie er konnte. Trotzdem brach einer mit einem trockenen Knacken.

Sie hatten ihn mit seinem Baseballhandschuh auf der Brust vergraben. In der liebevoll geölten Tasche wimmelte es von Wanzen.

Mit einem entsetzten Fauchen wich der Atem aus Dans Lunge, und die Luft, die er einatmete, war voller Verwesung. Er sprang aus dem Grab nach rechts und schaffte es, auf die ausgehobene Erde zu kotzen statt auf die verwesten Überreste von Bradley Trevor, dessen einziges Verbrechen darin bestanden hatte, mit etwas geboren zu sein, was eine Schar von Ungeheuern für sich wollte. Und das diese ihm aus dem Hauch seiner ersterbenden Schreie gestohlen hatten.

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Sie begruben die Leiche wieder, wobei diesmal John die meiste Arbeit tat, und bedeckten die Stelle mit einer provisorischen Krypta aus Asphaltbrocken. Keiner der beiden wollte sich vorstellen, dass Füchse oder streunende Hunde sich an dem, was noch übrig war, gütlich taten.

Als sie fertig waren, stiegen sie ins Auto und saßen wortlos da. Schließlich sagte John: »Was sollen wir jetzt tun, Danno? Wir können ihn doch nicht einfach da liegen lassen. Er hat Eltern. Großeltern. Wahrscheinlich auch Geschwister. Alle fragen sich bestimmt immer noch, was aus ihm geworden ist.«

»Eine Weile muss er noch liegen bleiben. So lange, dass niemand sagen kann: ›Mensch, dieser anonyme Anruf kam, kurz nachdem ein Fremder im Eisenwarenladen von Adair einen Spaten gekauft hat.‹ Damit ist zwar eher nicht zu rechnen, aber wir dürfen kein Risiko eingehen.«

»Wie lange meinst du mit einer Weile?«

»So etwa einen Monat.«

John überlegte kurz, dann seufzte er. »Oder eher zwei. Dann dürfen seine Leute so lange noch denken, dass er vielleicht doch bloß abgehauen ist. Zwei Monate, bevor wir ihnen das Herz brechen.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn ich mir sein Gesicht hätte anschauen müssen, hätte ich wahrscheinlich nie wieder schlafen können.«

»Du würdest staunen, womit man alles leben kann«, sagte Dan. Dabei dachte er an Mrs. Massey, die nun sicher in seinem Hinterkopf verwahrt war und ihn nicht mehr verfolgen konnte. Er ließ den Wagen an, öffnete sein Fenster und schlug den Baseballhandschuh mehrfach von außen an die Tür, damit der Dreck abfiel. Dann zog er ihn an und schob seine Finger dorthin, wo die des Jungen an so vielen sonnigen Nachmittagen gesteckt hatten. Er schloss die Augen. Nach etwa einer halben Minute öffnete er sie wieder.

»Na?«

»Sie sind Barry Smith. Sie sind einer von den Guten.«

»Was soll das bedeuten?«

»Keine Ahnung, aber ich möchte wetten, das ist der, den Abra als Barry the Chunk bezeichnet.«

»Sonst nichts?«

»Abra wird mehr rauskriegen können.«

»Bist du dir da sicher?«

Dan dachte daran, wie sein Blick sich geschärft hatte, als Abra ihre Augen in seinem Kopf geöffnet hatte. »Bin ich. Richte die Lampe mal kurz auf den Handschuh, ja? Auf der Innenseite steht etwas geschrieben.«

Als John gehorchte, wurden sorgfältig von Kinderhand geschriebene Buchstaben und Zahlen sichtbar: THOME 25.

»Was bedeutet das?«, fragte John. »Ich dachte, sein Familienname ist Trevor.«

»Jim Thome ist ein Baseballspieler. Seine Rückennummer ist fünfundzwanzig.« Er starrte einen Moment auf die Tasche des Handschuhs, dann legte er ihn behutsam auf die Mittelkonsole. »Das war der Lieblingsspieler dieses Jungen, deshalb hat er seinen Handschuh nach ihm benannt. Ich werde diese Schweine erwischen. Das schwöre ich beim allmächtigen Gott, ich werde sie erwischen und dafür zahlen lassen.«

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Rose the Hat hatte auch Shining – wie der ganze Wahre Knoten –, aber nicht so viel wie Dan oder Billy. Als Rose und Crow sich voneinander verabschiedeten, hatte keiner der beiden irgendeine Ahnung davon, dass der Junge, den sie zwei Jahre zuvor in Iowa getötet hatten, in diesem Moment von zwei Männern ausgegraben wurde, die bereits viel zu viel über den Knoten wussten. Wäre Rose im Zustand tiefer Meditation gewesen, so hätte sie die zwischen Dan und Abra stattfindende Kommunikation auffangen können, aber natürlich hätte Abra ihre Anwesenheit dann sofort bemerkt. Außerdem war der Abschied, der in jener Nacht stattfand, von besonders intimer Art.

Sie lag da, die Finger hinter dem Kopf verschränkt, und sah zu, wie Crow sich anzog. »Du warst doch in diesem Laden, oder? Im District X?«

»Nicht persönlich, ich hab einen Ruf zu verlieren. Hab Jimmy Numbers hingeschickt.« Grinsend schnallte Crow seinen Gürtel zu. »Das, was wir brauchen, hätte er in fünfzehn Minuten besorgen können, aber er war zwei Stunden weg. Ich glaube, Jimmy hat eine neue Heimat gefunden.«

»Na fein. Es freut mich immer, wenn ihr Jungs Spaß habt.« Sie versuchte, einen leichten Ton anzuschlagen, aber nach zwei Tagen Trauer um Grampa Flick, beendet mit dem Abschiedskreis, bedurfte jede Leichtigkeit einer ziemlichen Anstrengung.

»Jedenfalls hat er da nichts gekauft, was mit dir zu vergleichen wäre.«

Sie hob die Augenbrauen. »Du hast es dir angesehen, nicht wahr, Henry?«

»War nicht nötig.« Er betrachtete sie, wie sie nackt dalag, die Haare zu einem dunklen Fächer ausgebreitet. Selbst liegend war sie groß, und große Frauen hatte er immer schon gemocht. »In meinem Heimkino bist du die Hauptattraktion und wirst es immer bleiben.«

Ziemlich schwülstig – ein kleines Beispiel für Crows patentierte Effekthascherei –, aber es gefiel ihr trotzdem. Sie stand auf und drückte sich an ihn, ihre Hände in seinen Haaren. »Sei vorsichtig. Bring alle wieder mit zurück. Und bringt das Mädchen mit.«

»Das werden wir.«

»Dann macht euch schleunigst auf die Socken.«

»Nur die Ruhe. Wir werden in Sturbridge sein, wenn EZ Mail am Freitagmorgen aufmacht. In New Hampshire sind wir am Mittag. Bis dahin wird Barry die Kleine lokalisiert haben.«

»Falls sie nicht ihn lokalisiert.«

»Da mache ich mir keine Sorgen.«

Gut, dachte Rose, dann mache ich mir für uns beide Sorgen. So lange, bis dieses Balg mit Schellen an den Handgelenken und Fußeisen an den Knöcheln vor mir liegt.

»Das Schöne daran ist, wenn sie uns tatsächlich wahrnimmt und versucht, eine Interferenzmauer aufzubauen, dann wird Barry sich darauf konzentrieren«, sagte Crow.

»Wenn sie richtig Angst bekommt, geht sie womöglich zur Polizei.«

Er grinste. »Meinst du? ›Ja, Kleine‹, würde man dort sagen. ›Wir glauben dir schon, dass diese schrecklichen Leute hinter dir her sind. Aber sag uns bitte, ob sie aus dem Weltraum kommen oder bloß gewöhnliche Gartenzombies sind. Dann wissen wir, wonach wir Ausschau halten müssen.‹«

»Mach keine Scherze, und nimm diese Sache nicht auf die leichte Schulter. Es muss alles glattgehen. Ohne Außenstehende reinzuziehen. Oder unschuldige Zuschauer. Tötet die Eltern, falls nötig, tötet jeden, der versucht, sich einzumischen, aber tut es unauffällig.«

Crow, der keine Ahnung hatte, dass bereits Außenstehende beteiligt waren, hob die Hand zu einem scherzhaften Salut. »Jawohl, mein Kapitän!«

»Raus hier, du Idiot. Aber gib mir erst noch einen Kuss. Samt deiner gut geschulten Zunge.«

Er gab ihr, worum sie gebeten hatte. Rose umarmte ihn fest – und lange.

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Dan und John fuhren schweigend zu ihrem Motel in Adair zurück. Der Spaten lag im Kofferraum, der Baseballhandschuh auf dem Rücksitz, in ein aus dem Holiday Inn stammendes Handtuch gewickelt. Schließlich sagte John: »Wir müssen jetzt Abras Eltern informieren. Sie wird zwar total dagegen sein, und außerdem werden Lucy und David es nicht glauben wollen, aber es muss sein.«

Dan sah ihn mit unbewegter Miene an. »Kannst du etwa Gedanken lesen?«

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