»Jetzt nicht«, sagte Dan und setzte sie ab. »Wir müssen das erst mit deinem Vater besprechen.«
»Was müssen wir besprechen?«, fragte Dave Stone. Er ergriff Abra am Handgelenk und zog sie von Dan weg. »Wer sind diese bösen Menschen, von denen sie spricht? Und wer zum Teufel sind Sie?« Sein Blick wanderte zu John, und in seinen Augen lag keine Spur Freundlichkeit. »Was um Himmels willen geht hier eigentlich vor?«
»Das ist Dan, Daddy. Er ist wie ich. Das hab ich dir doch schon erklärt!«
»Wo ist Lucy?«, fragte John. »Weiß sie Bescheid?«
»Ich sage euch überhaupt nichts, bis ich weiß, was hier vorgeht.«
»Sie ist noch in Boston bei Momo«, sagte Abra. »Daddy wollte sie anrufen, aber ich hab ihn überredet zu warten, bis ihr hier seid.« Ihr Blick war unverwandt auf den eingewickelten Handschuh gerichtet.
»Dan Torrance«, sagte Dave. »So heißen Sie, oder?«
»Ja.«
»Sie arbeiten in Frazier im Hospiz?«
»Das stimmt.«
»Wie lange treffen Sie sich schon mit meiner Tochter?« Dave ballte ständig die Fäuste und öffnete sie wieder. »Haben Sie sie im Internet kennengelernt? Das wird es wohl sein.« Wieder sah er John an. »Wenn du Abra nicht seit ihrer Geburt kennen würdest, hätte ich schon vor sechs Stunden, als du das erste Mal nicht abgehoben hast, bei der Polizei angerufen.«
»Ich saß im Flugzeug«, sagte John. »Da konnte ich nicht telefonieren.«
»Mr. Stone«, sagte Dan. »Ich kenne Ihre Tochter zwar noch nicht so lange wie John, aber fast. Als wir uns das erste Mal begegnet sind, war sie noch ein Baby. Und es war sie selber, die Kontakt mit mir aufgenommen hat.«
Dave schüttelte energisch den Kopf. Er sah perplex, zornig und wenig geneigt aus, irgendetwas zu glauben, was Dan ihm da erzählte.
»Gehen wir doch ins Haus«, sagte John. »Ich glaube, wir können alles erklären – fast alles –, und sobald es so weit ist, wirst du froh sein, dass wir hier sind und dass wir gerade in Iowa waren.«
»Das hoffe ich sehr, John, aber ich habe meine Zweifel.«
Während sie hineingingen, hatte Dave Abra den Arm so um die Schultern gelegt, dass die beiden eher wie Wärter und Gefangene aussahen als wie Vater und Tochter. Als Nächstes kam John Dalton, dann Dan. Er blickte über die Straße auf den rostigen roten Pick-up, der dort parkte. Billy hob kurz den Daumen … dann kreuzte er die Finger. Dan erwiderte die Geste, bevor er den anderen durch die Haustür folgte.
3
Während Dave mit seiner rätselhaften Tochter und seinen noch rätselhafteren Gästen in seinem Wohnzimmer am Richland Court saß, befand sich der Winnebago mit dem Stoßtrupp des Wahren Knotens südöstlich von Toledo. Am Steuer saß Walnut. Andi und Barry schliefen – Andi wie ein Stein; Barry warf sich murmelnd von einer Seite auf die andere. Crow saß im Wohnraum und blätterte im New Yorker. Das Einzige, was ihn wirklich interessierte, waren die Cartoons und die winzigen Anzeigen für bizarre Waren wie Pullover aus Yakwolle, vietnamesische Kegelhüte und nachgemachte kubanische Zigarren.
Jimmy Numbers hockte sich neben ihn. Er hielt seinen Laptop in den Händen. »Ich hab im Internet recherchiert. Manche Websites musste ich zwar hacken, aber … Kann ich dir mal was zeigen?«
»Wie kannst du eigentlich im Internet surfen, wenn wir auf dem Highway sind?«
Jimmy grinste ihn mitleidig an. »Mit einer 4G-Verbindung, mein Lieber. Wir leben im 21. Jahrhundert.«
»So, so.« Crow legte seine Zeitschrift weg. »Also, was hast du da?«
»Schulfotos aus der Anniston Middle School.« Jimmy tippte auf das Touchpad, und ein Foto tauchte auf. Keine unscharfe Zeitungsillustration, sondern das gestochen scharfe Klassenfoto eines Mädchens in einem roten Kleid mit Puffärmeln. Ihr zum Zopf geflochtenes Haar war kastanienbraun, ihr Lächeln breit und selbstsicher.
»Julianne Cross«, sagte Jimmy. Er tippte wieder auf das Touchpad, worauf ein Rotschopf mit einem schelmischen Grinsen erschien. »Emma Deane.« Ein weiteres Tippen, und ein noch hübscheres Mädchen war zu sehen. Blaue Augen und blondes Haar, das bis über die Schultern fiel. Eine ernste Miene, aber Grübchen, die ein Lächeln andeuteten. »Das da ist Abra Stone.«
»Abra?«
»Ja, heutzutage gibt’s allerhand verrückte Namen. Erinnerst du dich an die Zeit, als die Tölpel sich noch mit Jane und Mabel zufriedengaben? Ich hab irgendwo gelesen, dass Sylvester Stallone seinen Sohn Sage Moonblood genannt hat. Völliger Schwachsinn, oder?«
»Du meinst, eine von den dreien ist das Mädchen, nach dem wir suchen.«
»Wenn Rose recht hat, dass es sich um einen jungen Teenager handelt, muss es fast so sein. Wahrscheinlich Deane oder Stone, das sind die beiden, die in der Straße wohnen, wo das kleine Erdbeben war, aber die kleine Cross kann man nicht völlig ausschließen. Sie wohnt direkt um die Ecke.« Jimmy Numbers machte eine kreisende Bewegung auf dem Touchpad, und die drei Bilder ordneten sich nebeneinander an. Unter jedem stand in Kursivbuchstaben MEINE SCHULERINNERUNGEN.
Crow betrachtete die Fotos. »Wird eigentlich irgendjemand merken, dass du auf Facebook oder so Bilder von fremden Mädchen geklaut hast? Bei so was klingeln im Tölpelland nämlich gleich jede Menge Alarmglocken.«
Jimmy sah beleidigt drein. »Facebook, dass ich nicht lache. Das Zeug stammt aus dem Archiv der Schule. Ich hab es direkt von deren Computer auf meinen hochgeladen.« Er schmatzte unschön mit den Lippen. »Und weißt du was: Selbst wenn jemand Zugang zu einem ganzen Saal voller NSA-Computer hätte, könnte er meine Spur nicht verfolgen. Na, jetzt bist du baff, oder?«
»Klar«, sagte Crow. »Mehr oder weniger jedenfalls.«
»Was meinst du, welche es ist?«
»Wenn du mich fragst …« Crow tippte auf Abras Foto. »Die hat so einen gewissen Ausdruck in den Augen. Als ob sie Steam im Kessel hätte.«
Jimmy schnalzte mit der Zunge. »Na, nützt uns das was?«
»Ja. Kannst du die Fotos ein paarmal ausdrucken, damit sie jeder von uns hat? Vor allem Barry. Schließlich ist der unser Finder.«
»Mach ich gleich jetzt. Ich hab einen tragbaren Drucker dabei. Tolles Gerät für unterwegs. Früher hatte ich ein ziemliches Monstrum, aber als ich in der Computerworld gelesen hab, dass …«
»Tu’s einfach, okay?«
»In Ordnung.«
Crow griff wieder nach seiner Zeitschrift und schlug den Cartoon auf der letzten Seite auf, bei dem man immer die Unterschrift ergänzen sollte. In dieser Woche war eine alte Frau dargestellt, die mit einem Bären an der Kette eine Kneipe betrat. Sie hatte den Mund geöffnet, also musste der Text das ausdrücken, was sie sagte. Crow dachte ausgiebig nach, dann schrieb er in Druckbuchstaben: »Also, wer von euch Arschlöchern hat mich als geile Schlampe bezeichnet?«
Wahrscheinlich kein Anwärter auf den ersten Preis.
Der Winnebago rollte durch den dunkler werdenden Abend. Vorn im Fahrerhaus schaltete Nut die Scheinwerfer an. In einer der Schlafkojen wälzte Barry the Chink sich auf die Seite und kratzte im Schlaf an seinem Handgelenk. Dort hatte sich ein roter Fleck gebildet.
4
Die drei Männer saßen schweigend da, während Abra nach oben ging, um etwas aus ihrem Zimmer zu holen. Dave überlegte, ob er Kaffee anbieten sollte – seine Besucher sahen müde aus, ganz zu schweigen davon, dass sie eine Rasur nötig hatten –, entschloss sich jedoch, ihnen nicht mal einen trockenen Salzcracker vorzusetzen, bevor er nicht eine Erklärung erhalten hatte. Er hatte mit Lucy zwar schon besprochen, was sie tun wollten, wenn Abra eines nicht fernen Tages nach Hause kam und verkündete, dass ein Junge mit ihr ausgehen wolle, aber das waren Männer, Männer, und es hatte den Anschein, als wäre der, den er nicht kannte, schon eine ganze Weile mit seiner Tochter ausgegangen. In gewisser Weise jedenfalls … und genau das war eigentlich die Frage: auf welche Weise?
Bevor einer der drei es riskieren konnte, ein voraussehbar unbehagliches – und womöglich sogar bissiges – Gespräch zu beginnen, hörte man das gedämpfte Donnern von Abras Sneakers auf der Treppe. Als sie ins Zimmer kam, hatte sie eine Ausgabe des Anniston Shopper in der Hand. »Schau dir die Rückseite an.«
Ihr Vater drehte die Zeitung um und verzog angewidert das Gesicht. »Was ist das denn für ein brauner Dreck?«
»Getrockneter Kaffeesatz. Ich hab die Zeitung in den Müll geworfen, aber ich musste dauernd dran denken, deshalb hab ich sie wieder herausgeholt. An den da musste ich dauernd denken.« Sie zeigte auf das Foto von Bradley Trevor in der untersten Reihe. »Und an seine Eltern. Und an seine Geschwister, falls er welche hatte.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Er hatte Sommersprossen, Daddy. Die fand er furchtbar, aber seine Mutter hat gesagt, sie bringen Glück.«
»Das kannst du doch gar nicht wissen«, sagte Dave ohne jede Überzeugung.
»Sie weiß es«, sagte John. »Und du, Dave, weißt es auch. Bitte hilf uns. Es ist wichtig.«
»Ich will wissen, was zwischen Ihnen und meiner Tochter vorgefallen ist«, sagte Dave zu Dan. »Klären Sie mich auf.«
Dan begann zu erzählen. Davon, wie er Abras Namen bei einem AA-Treffen in sein Notizbuch gekritzelt hatte. Von dem ersten, in Kreide geschriebenen Hallo auf seiner Tafel. Davon, wie er in der Nacht, als Charlie Hayes gestorben war, deutlich Abras Gegenwart gespürt hatte. »Ich hab gefragt, ob sie das kleine Mädchen ist, das manchmal auf meine Tafel schreibt. Statt in Worten zu antworten, hab ich Klaviermusik gehört. Irgendeinen alten Beatles-Titel, glaube ich.«